Glück
"Ich hoffe du bist zufrieden! Ich habe extra geschaut, was dir stehen könnte!" Zephyr grinste und betrachtete mich, während ich mich langsam in dem schwarzem Kleid drehte und an mir herunter schaute.
"Es ist perfekt.", murmelte ich gedankenverloren. Das war fast noch untertrieben. Die langen Rüschenärmel verdeckten meine Narben und der dunkle Saum wehte mir in der Bewegung um die Knie.
"Das war übrigens gar nicht leicht zu tragen!" "Schon nervig, wenn man den Körper einer Katze hat!"
Ich lachte und erntete einen wütenden Blick. "Ich bin -" "Jaja, ich weiß, du bist keine Katze, sondern eine Göttin und wir müssen alle vor deinem Zorn erzittern, wenn du Leid und Unheil über die Welt bringst. Übrigens hast du mir keine Schuhe mitgebracht!"
"Nicht mein Problem."
Zephyr war mit Abstand das komplizierteste Wesen, das mir je begegnet war. In solchen Momenten gab es mir zu denken, dass sie ein Teil von mir sein sollte.
Der Himmel war heute bewölkt, und ich hoffte inständig, dass es nicht regnen würde.
Als sie begann, mir wieder einzutrichtern, dass ich mich sofort wehren sollte, falls mir jemand zu nahe kam, drehte ich mich schweigend um machte mich auf den Weg zum Waldrand. Ich war froh dass Jay mich abholte, allein hätte ich den Jahrmarkt niemals gefunden.
Ich musste nicht lange warten, bis ich ihn sah. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und grinste. "Das Kleid steht dir wirklich gut!"
Ich errötete wieder einmal.
"Der Jahrmarkt ist gar nicht weit von hier, komm mit!" Mit diesen Worten griff er nach meiner Hand und zog mich sanft, aber bestimmt hinter sich her.
"Trägst du eigentlich nie Schuhe? Nicht mal im Winter?"
Himmel, der redete gleich wieder so viel und so seltsam.
"I-im Moment nicht." Es fühlte sich merkwürdig an, nach langer Zeit wieder zu sprechen. Außer mit meiner Wächterin redete ich ja nicht, wenn ich im Wald war. Ich habe sowieso nie besonders viel gesprochen, außer vielleicht damals, als ich noch im Tunnel gelebt habe.
"Ich musste mich total beeilen noch hier her zu kommen, die Katze meiner Freundin ist vorhin auf einen Baum geklettert und kam nicht mehr herunter, da musste ich einspringen!"
Ich spürte, wie mein Herz kurz aussetzte.
"Freundin?"
Er lachte. "Meine beste Freundin Marcella, ich kenne sie schon seit der Grundschule!"
Erleichtert atmete ich auf. Es sollte mir eigentlich vollkommen egal sein, aber irgendwie wollte ich nicht, dass er in festen Händen war.
"Hast du auch Haustiere?" Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
"Ja, eine Katze."
"Ich bringe dich um.", tönte Zephyr in meinem Kopf.
Wir erreichten auf einmal einen weiten Platz, voll mit leuchtenden Buden und Fahrgeschäften. Es roch nach Essen und in der Ferne spielte Musik. Staunend ließ ich meinen Blick über die Szenerie gleiten, und fühlte mich fast wieder wie ein kleines Mädchen. Vielleicht konnte ich kleine Teile meines verlorenen Glücks aufholen, solange ich Zeit mit Jay verbringen durfte.
"Und, wie findest du es?", fragte er. "Unglaublich schön...", flüsterte ich, während ich mich kaum an den vielen Attraktionen sattsehen konnte.
Ich hielt immer noch seine Hand, also begann ich, ihn einfach hinter mir her zu ziehen. "Was ist das?", fragte ich und zeigte auf ein buntes Fahrgeschäft, das sich langsam um die eigene Achse drehte.
"Ich glaube da bist du schon ein wenig zu alt für!", lachte Jay. "Das ist ein Karussell, kennst du das etwa nicht?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich war noch nie auf einem... ähm, Jahrmarkt"
Er starrte mich überrascht an. "Verstehe...", murmelte er langsam, "dann zeige ich dir alles."
Unsere erste Anlaufstelle war eine 'Achterbahn', wie er mir erklärte. Während wir anstanden, schaute ich mir die Menschen um uns herum an. Sie sahen alle so glücklich aus. Ich konnte viele Pärchen sehen, einige alte Menschen, aber auch Gruppen von Mädchen in meinem Alter, die beisammen standen und sich lachend unterhielten.
Unaufhaltsamer Neid machte sich in mir breit. Ich wünschte mir so sehr ein paar Freundinnen.
Mein Blick schweifte wieder zu Jay. "Du bist undankbar!", stellte meine innere Stimme fest.
Er bemerkte sofort, dass ich ihn anschaute. "Ich hoffe, du hast keine Höhenangst!"
"Ach was, ich mag hohe Orte sogar! So wie die Klippe am Fluss."
Nach wenigen Minuten konnten wir auch endlich in einen der Wagen einsteigen.
Ein Mann trat vor, der uns beide anschnallte und uns viel Spaß wünschte, bevor sich das Fahrzeug in Bewegung setzte. Als wir fast an der höchsten Stelle angekommen waren, drückte ich Jays Hand noch fester. Doch erst, als der Wagen wieder in Richtung Boden ansetzte, begriff ich, was der eigentliche Sinn der Attraktion war. Ich kreischte beinahe den ganzen Weg abwärts und legte eine Hand über mein Haar, damit das Stück des Schals nicht herauswehte und den Blick auf meine Katzenohren preisgab. Mein Begleiter fing an zu lachen, als er sah, dass ich mich immer noch an seiner Hand festkrallte, woraufhin ich auch lächeln musste. "Du magst hohe Orte, ja?"
Gespielt beleidigt erwiderte ich: "Ich hatte ja keine Ahnung dass man so schnell wieder herunter fährt!"
Als nächstes machten wir uns auf den Weg, um etwas zu essen, und Jay schleppte mich zu einem Stand voller Süßigkeiten. Ich riss die Augen auf, so viel Süßes hatte ich noch nie gesehen. Nachdem er mir mehrmals klar gemacht hatte, dass es in Ordnung war, wenn er zahlte, drückte die Bedienung mir schließlich eine volle Tüte gebrannter Mandeln in die Hand. Während wir uns auf eine Bank setzten und ich die Mandeln in mich hinein schaufelte, sah Jay mich mit seinen warmen Augen an.
"Woher hast du so viel Geld?", fragte ich mit vollem Mund.
"So viel ist das gar nicht, aber ich bekomme oft etwas von meiner Mutter, weil sie ziemlich viel arbeitet und deshalb manchmal tagelang nicht im Haus ist. Ich kaufe dann einfach selbst ein und spare das Geld eben an anderen Stellen ein, um nach der Schule etwas zu unternehmen."
Ich errötete.
"Mit anderen Worten, du sparst dir zwischendurch Essen ein, um mir das hier auszugeben?" Fassungslos hielt ich ihm die Tüte vor die Nase. "Wenn du es so sehen möchtest..." Wieder lächelte er und schob die Hände in die Taschen seiner Jacke.
Wir besuchten noch einige Fahrgeschäfte, und bezahlten dann mit dem letzten Geld das Riesenrad, das wir uns bis zum Schluss aufgehoben hatten. Ich lehnte mich gegen Jays Brust und betrachtete die untergehende Sonne am Horizont. Seine Finger waren immer noch in meinen verschränkt.
Die Stadt sah wunderschön im orangefarbenen Sonnenlicht aus, von oben konnte man sie komplett überblicken. Der Wind spielte mit meinem roten Haar und ich war mir sicher, dass wir gerade ein ziemlich süßes Fotomotiv darstellten.
Als wir wieder auf dem Boden standen, färbte der Himmel sich schon langsam dunkelblau.
Ich umklammerte leicht meine Oberarme. "Frierst du?" "Schon..." Er zog seine Jacke aus und legte sie mir um die Schultern. Ich öffnete den Mund, um zu bemerken, dass es nicht nötig war, aber er sagte nur: "Ist in Ordnung, gib sie mir einfach irgendwann zurück. Soll ich dich nach Hause bringen?" Ich schüttelte schnell den Kopf. "Ich finde schon allein zurück!"
Wir gingen noch gemeinsam zum Rand des Platzes. "Ich muss jetzt hier lang.", murmelte Jay und deutete auf eine breite Seitenstraße. "Alles klar." Ich senkte den Blick. "Es war wirklich schön heute. Danke nochmal." Er umarmte mich und ich erwiderte, indem ich die Hände auf seinen Rücken legte.
Dann drehte ich mich um und lief in die anbrechende Nacht hinein.
Hey Leute :)
Ich lebe tatsächlich noch :D Das ist bis jetzt mein längstes Kapitel mit 1200 Wörtern!
Keine Sorge, Chains wird keine Liebesschnulze. Schreibt mir gerne eure Gedanken zu diesem Chap in die Kommentare <3
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