Abschied
Jay weckte mich nicht. Als ich, geblendet von der grellen Herbstsonne, die Augen öffnete, war ich einen Moment lang besorgt, dass er ohne mich gegangen sein könnte, doch dann hörte ich, weit entfernt, seine Stimme. Der Anblick verwunderte mich etwas. Er saß am Rand der Klippe, mit dem Rücken zu mir. Neben ihm hockte Zephyr, sie unterhielten sich lebhaft. Ich lächelte, drehte mich auf den Bauch und schaute sie einfach eine Weile an. Es war schön zu sehen, dass sich meine Liebsten anscheinend doch vertrugen. Wahrscheinlich hätte es Zephyrs Stolz gekränkt, wenn sie gewusst hätte, dass ich sie mit ihm reden sah. Sie hielt ihre Fassaden oft sogar vor mir aufrecht, obwohl ich sie doch eigentlich besser kennen sollte, als irgendjemand anders es je tun könnte.
Wir waren sicher nicht das Idealbild zweier verbundener Seelen.
Nachdem einige Minuten verstrichen waren, gähnte ich schließlich absichtlich laut, woraufhin sich beide umdrehten. Zephyr streckte schnell die Flügel aus und segelte zu mir herüber und Jay fuhr sich verlegen durchs Haar. "Hast du noch Dinge im Wagen, die du mitnehmen möchtest?" Ich schüttelte den Kopf. Wie gewöhnlich hatte ich alles, was ich brauchte bei mir. Allerdings gab es doch noch eine Sache, die ich nicht einfach dort verrotten lassen wollte. "Könntest du eventuell nachher noch einmal dort hin gehen? Im Kofferraum ist ein Kleid das... naja...", ich grinste schief, "das ist geklaut." Er lachte. "Ich soll es zurück bringen?" "Du kennst mich echt gut. Kannst du es einfach unauffällig irgendwo im Laden liegen lassen?" "Kein Problem. Hast du noch Geld für den Zug?"
Ich nickte, verschwieg aber diesmal, dass auch das gestohlen war.
Es fühlte sich unwirklich an als ich mich aufrappelte, nicht wissend, wo ich sein würde, wenn die Nacht sich das nächste Mal über die Welt legte.
Eine Viertelstunde später standen wir am Bahnhof. Er war kleiner, als ich mir vorgestellt hatte. Kleine Gruppen von Reisenden standen am Bahnsteig, sie unterhielten sich, lasen oder vertrieben sich zum Teil die Zeit einfach dadurch, mit dem Fuß auf den Boden zu tippen oder den Blick über die Umgebung schweifen zu lassen. Wir setzten uns auf eine Bank am Rande der Schienen. Stumm hielt ich seine Hand, obwohl wir noch so viel zu sagen hatten, schwiegen wir. Die aufgegangene Sonne war bereits hinter den dichten grauen Wolken verschwunden. Angespannt drehte ich die kleine Fahrkarte zwischen den Fingern hin und her. Ich mochte Reisen nicht wirklich, vorallem wenn ich nicht wusste, wo ich ankommen würde. Vor meiner Gefangenschaft war ich auch ab und zu Zug gefahren, wenn die Bewohner einer Stadt mein Versteck entdeckt hatten und ich weiter ziehen musste, aber es gab nie irgendjemanden, der mich vermisst hätte. Allein die Gewissheit, dass es nun einen Menschen gab, dem es nicht egal war, ob ich noch lebte, verdunkelte mein Herz. Ich trug nun eine Verantwortung mit mir, zu überleben, nicht für mich, sondern für ihn. Das Gefühl, das eigentlich wunderschön war, fühlte sich nun beklemmend an. Er begann auf mich einzureden, aber ich hörte gar nicht richtig zu. Zu verloren in der Finsternis meiner Gedanken, die nur seine Anwesenheit ab und zu lichten konnte. Mein Verstand war ein Gefängnis, aus dem ich nicht fliehen konnte. Erst der einfahrende Zug brachte mich dazu, den Kopf zu heben. Zittrig erhob ich mich. "Ruf mich bitte an, wenn du irgendwo untergekommen bist, oder wenn du meine Hilfe brauchst." Sanft legte Jay seine Arme um mich und ich vergrub das Gesicht in seiner Schulter. Nach einer Weile lösten wir uns voneinander. Ich sah in seine schönen, hellblauen Augen, deren Blick ich in diesem Moment unmöglich standhalten konnte.
Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, griff dann in seine Jackentasche und zog einen kleinen Zettel und ein paar Münzen heraus, die er mir in die Hand legte. Das Papierstück musste aus einem Schulheft gerissen worden sein, an der oberen Ecke konnte ich noch einige Wortfetzen entziffern.
Mit seiner unordentlichen Handschrift hatte er seine Telefonnummer und Adresse aufgeschrieben.
"Pass auf dich auf."
Ich konnte nicht antworten, drückte nur seine Hand, bevor ich mich umdrehte und in den Waggon einstieg. Meine Beine fühlten sich schwach an, und ich brachte es nicht übers Herz, mich noch einmal umzudrehen.
"Pass auf sie auf!", rief er Zephyr zu, bevor die Türen des Zuges sich schlossen.
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