▪54▪

Jungkook Pov

Ich schrecke hoch als ich etwas kaltes meinen Hals hinunter laufen spüre und trotz der eben noch da gewesenen Müdigkeit plötzlich Hellwach bin. 

Mit dem Ärmel meines Kittels wische ich mir die Spucke weg, die aus meinem Mund gelaufen ist während ich auf dem Tresen gelegen habe. Entschuldigend sehe ich den Barkeeper an und strecke den Arm aus um das ebenfalls weg zu wischen, aber er schiebt ihn zur Seite.

"Das ist eklig, man. Geh einfach, ich mache das."

Ich nicke, aber bin nicht imstande danke zu sagen, weil mein Kopf dröhnt. Langsam, um nicht sofort umzufallen, drehe ich mich auf dem Barhocker um und sehe das, was ich aufgrund der Ruhe befürchtet habe.

Als ich hierher kam musste ich eine ganze Stunde warten bis ich diesen Platz bekommen habe, so voll war es und jetzt bin ich der letzte. Ich habe nicht mal eine Ahnung wie viel Zeit genau ich hier verbracht habe und ein Blick auf die Uhr verrät mir: nichts.

Viel zu verschwommen ist mein Blick, als das ich mit diesen Augen überhaupt irgendetwas nützliches anstellen könnte. Ich schnappe mir meine Jacke vom Sitz daneben und krame mein Portemonnaie heraus, welches ich dem Barkeeper dann auf den Tresen lege damit er sich das heraus nehmen kann was ich ihm schulde. 

Mein Kopf dröhnt als ich es wieder bekomme und taumelnd die Bar verlasse. Ich habe nicht einmal eine Ahnung wo ich bin, geschweige denn wie viel ich getrunken habe. Alles was ich weiß, was überhaupt in mein Gehirn vordringt ist die Information, dass ich Müde bin und mir schlecht ist. 

Manchmal frage ich mich wirklich, wie ich mit einem Hirn wie diesem Medizin studieren konnte. Aber eigentlich sollte es mich nicht wundern, der Alkohol ist nicht einmal Schuld, denn es ist dasselbe Gehirn, das sich auch dachte es wäre nichts schlimmes mit Jiyu zu schlafen.

Sie trösten? Ich bin doch bescheuert. In dem Moment dachte ich wirklich es wäre das beste. Ich dachte, dass sie es schon einmal versucht hat, weil wir drei uns gestritten und ihr die Schuld daran gegeben haben. Damals wäre sie fast gestorben und es wäre beinahe meine Schuld gewesen.

Das wollte ich nicht noch mal und zugegeben, es war nicht mal für sie. Man kann mich Egoistisch und einen Arschloch nennen, aber der Grund, warum ich mit ihr geschlafen habe war tatsächlich ihr Selbstmordversuch, allerdings nicht weil mich ihr Tod verletzen würde, sondern weil ich nicht nach Hause kommen möchte um das gleiche Bild zu sehen wie vor einigen Jahren.

Damals als ich Jiyu in ihrer Badewanne gefunden habe, da hat es mich an sie erinnert. Ich habe sie nur auf der Liege gesehen, wie sie sie wie Müll in den Wagen geschoben und weggefahren haben, aber trotzdem sehe ich sie immer wieder vor mir. 

Das war meine Schuld. Mein Vater hat sie verletzt, mit seinem Verhalten und mit seinen Taten, aber ich habe sie getötet, indem ich ihr meine Liebe verweigert habe. Ich habe ihr gesagt, das ich sie nicht brauche. Genau sowie es Taehyung jetzt auch mit mir gemacht hat.

Als Jiyu mir also von ihren Gefühlen erzählte und sagte sie brauche mich, da habe ich Ja gesagt. Ich konnte das alles nicht noch mal passieren lassen, ich konnte niemanden noch mal verletzen und doch habe ich es getan. 

Ich habe gar nicht gemerkt, wie ich durch die Straßen getorkelt bin, bis ich mich nicht länger auf den Beinen halten kann und die erste Möglichkeit zum sitzen auswähle um mich auszuruhen. Der Boden ist kalt, als ich mich fallen lasse und mich hinlege. 

Für eine Weile ist das plätschern des Wassers im Brunnen das einzige was ich neben dem störenden Dröhnen dank der Kopfschmerzen höre. Normalerweise vertrage ich was Alkohol angeht ziemlich viel, aber ich muss mir wohl eingestehen, dass ich es heute etwas übertrieben habe.

Nur half der Kaffee an einem Tag wie diesem einfach nicht mehr. Ich brauchte etwas stärkeres und da Alkohol wohl harmloser war als irgendwelche anderen Drogen musste es das tun. Ja, ich ertränke meine Sorgen und meine Trauer wirklich gerne darin, auch wenn ich mir morgen von Jimin dafür anhören muss, wie sehr ich meinem Körper damit schade und das ich als Arzt doch eigentlich ein besseres Vorbild sein sollte.

Aber wer sagt, dass Ärzte Vorbilder sein müssen? Dürfen Ärzte nicht leiden? Dürfen sie keinen miesen Tag haben? Dürfen sie nicht auch krank sein? 

Ich fahre mir mit der Zunge über die Lippen und klemme mir meine Hände unter die Achseln. Es ist faszinierend, wie ruhig dieser Ort ist, wenn es nicht Mittags ist und sich tausende Menschen hier aufhalten. 

"Hey, Du!" 

Noch während ich darüber nachdenke, ob mit diesem ziemlich lauten 'Du' tatsächlich ich gemeint bin, spüre ich auch schon einen leichten Tritt gegen mein Hintern. Enttäuscht von dem bereits so schnell beendeten Nickerchen reibe ich mir die Stelle, in die ich gerade getreten wurde und drehe mich um. 

"Was tust du hier?", fragt die Stimme noch einmal. Ich öffne langsam die Augen und lasse ihnen etwas Zeit sich an die Dunkelheit und die schwache Beleuchtung der Straßenlaternen zu gewöhnen.

Ich sehe mich um und versuche mir noch mal in Erinnerung zu rufen wo ich mich eigentlich befinde. Es fällt mir schwer überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen, bis ich das Wasser hinter mir sehe und es mir wieder klar wird. 

"Ich schlafe hier", sage ich und zucke mit den Schultern. 

Keine Ahnung wer dieser Kerl ist, aber er sieht ziemlich wütend aus, mit seinen in die Hüfte gestemmten Händen und den weit auseinander stehenden Beinen. Aber sein Gesicht passt nicht zu seinem Körper, denn während dieser ausstrahlt, dass ihm etwas nicht gefällt, kann ich diesem Sonnenschein von Gesicht nicht abkaufen, dass es das Gefühl Wut überhaupt in der Kiste von möglichen Ausdrücken besitzt.

"Das tust du nicht, ich schlafe hier!", sagt er aufgebracht und tritt mich erneut, dieses mal gegen das Schienbein. 

Ich mache mir nichts daraus und klopfe auf den Platz neben mich. "Dann kannst du neben mir schlafen, ich habe nichts dagegen." Ich möchte gerade wieder die Augen schließen und schlafen gehen, als er mich an den Schultern packt und wieder aufsetzt. 

"Verdammt, das ist mein Haus!"

"Dein Haus?", frage ich verwirrt und sehe mich um. "Aber das ist ein Brunnen."

"Na und? Such dir gefälligst deinen eigenen Brunnen!"

Er packt mich am Kragen meines Kittels und möchte mich auf die Beine zerren, ist aber zu schwach dafür und es endet darin, dass er mich hin und her schüttelt, bis er plötzlich von mir ablässt. 

"Dein Name ist Jungkook?", fragt er plötzlich viel leiser und ruhiger als zuvor. Verwirrt sehe ich ihn an, merke aber schnell, dass er das Namenschild an meinem Kittel anstarrt und daher weiß wie ich heiße. Stumm nicke ich, bin in Gedanken aber wieder ganz bei meinen Träumen. 

Er lässt mich los und ich kippe wie ein leerer Sack Mehl Müde auf den Boden. Nur schwach dringt seine Stimme zu mir durch, als er wieder spricht. 

"Warte hier, geh nicht weg. Ich rufe nur schnell jemanden an."

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top