Prolog
Die Sonne stand tief über dem kleinen Tal an der östlichsten Grenze Gondors. Das letzte Licht des Tages verschwand hinter den Kronen eines nahen Buchenwaldes und tauchte das Land in ein warmes orange. Sanft wippte hohe Gras im Wind und der Mohn erstrahlte in voller Blüte. Wassertropfen leuchteten wie Feueropale im Licht der untergehende Sonne. Ein letztes Summen der Bienen erfüllte die Luft und das eindringliche zirpen der Zikaden trat an ihre Stelle. In der Luft lag noch immer der Duft des letzten Sommergewitters, dass von den Bauern so lange ersehnt worden war. Endlich hatte die Natur aufatmen können und das Gras wirkte saftiger und die Blumen leuchtender.
Einige Mädchen in einfachen Kleidern mit weißen Schürzen um ihre Hüften und Bastkörben voller Früchte in ihren Händen wanderten zwischen den Sträuchern umher. Das Dorf in ihrem Rücken lag vollständig still da. Die hölzernen Hütten wirkten einfach, doch ein jedes von ihnen war einzigartig und mit Handwerkskunst gebaut und platziert. Kleine Verzierungen ziehrten eine jede Tür und die schweren Balken waren kunstvoll in Form von Ranken und Bäumen geschnitzt.
Eine Gruppe Reiter bahnte sich ihren Weg über eine Kuppe, doch selbst als sie sich dem Dorf näherten, waren die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden kaum zu hören. An ihrer Spitze ein hochgewachsener Mann in der traditionellen Rüstung Gondors, hinter ihm zwei Fahnenträger in ähnlichen Rüstungen. Kurz bevor sie das Dorf erreichten verlangsamten sie ihr Tempo und brachten die Pferde schließlich an einem Brunnen vollständig zum anhalten. Sie waren bereits erwartet worden.
"Mein Herr", grüßte ein hochgewachsener, blonder Mann den Anführer des kleinen Trupps.
"Seid gegrüßt Caladil. Ein weiteres Jahr ohne Vorkommnisse, wie ich hoffe?"
Der Mann nickte kaum merklich.
"Die Berge ruhen und die Sterne strahlen am Himmel über der Ebene von Gorgoroth. Kein Rauch ist zu sehen in diesen Tagen", berichtete er sachlich.
"Wie erwartet", lachte der bärtige Mann auf dem Pferd, "dann lasst uns gemeinsam Speisen. Auf ein weiteres Jahr in Frieden".
Er schwang sich von seinem Pferd und seine zwei Begleiter taten es ihm gleich. Die Rüstungen der Soldaten klirrten und anders als ihr Gastgeber versanken ihre metallenen Stiefel im weichen Boden. Dieser schien beinahe über den Boden zu schweben, als er den Dreien vorausging.
"Folgt mir meine Herren, meine Familie freut sich schon seit Wochen auf dieses Festmal. So selten dürfen wir einen Mann so bedeutend wie den Truchsess von Gondor unseren Gast nennen."
"Nun Alarans Kochkünste lassen mich jedes Jahr auf diesen Tag hinfieber. Mein Angebot bleibt bestehen, in den Küchen von Minas Tirith würden wir uns sehr über ihre Fähigkeiten freuen", schmunzelte der Truchsess in der Erwartung auf ein wahres Festmahl. Caladil drehte sich zu ihm um und lächelte.
"Sie ist wahrlich ein Geschenk der Valar. Doch wird sich ihre Antwort wohl ebenfalls nicht geändert haben."
Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten führte er die drei Männer zu einem der größeren Häuser, dass durch eine breite Flügeltür bereits einen Einblick ins Innere ermöglichte. Eine Tafel zog sich von einer Seite des Raumes bis zum anderen. Ein Festsaal für die Feierlichkeiten, an denen das gesamte Dorf teilnehmen würde. Festlichkeiten wie dem heutigen Tag.
Viele der Einwohner hatten sich bereits an der langen Tafel niedergelassen und unterhielten sich angeregt. Auch als die Männer in die Hütte eintraten, änderte sich daran nichts. Auch wenn es der Truchsess von Gondor war, den sie heute ihren Gast nannten, so wusste dieser es sehr zu schätzen, dass man ihn dessen nicht erinnerte. An diesem einen Tag war er ein Mann wie sie.
Im Inneren empfing sie die Wärme eines offenen Feuers und der Duft von gebratenem Fleisch und frischen Kräutern lag in der Luft. Krüge und Teller standen an allen Plätze und warteten darauf endlich benutzt zu werden.
"Herr Cirion, schön euch in unserem Heim begrüßen zu dürfen." Ein Junger Mann, abgesehen von der Haarfarbe ein Ebenbild Caladils, kam mit einigen Schalen Brot aus einer Tür getreten und nickte den Besuchern zu.
"Calaión, welch Freude dich zu sehen. Wo hast du deine Mutter gelassen?"
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und deutete auf die Tür, durch die er gerade gekommen war.
"Alaran wird uns sicher jeden Moment beiwohnen. Nehmt doch gerne schon Platz während ich nach ihr sehe", forderte Caladil die drei Männer auf, die sich nur zu gerne an der Tafel niederließen.
"Bringst du noch die Pferde in den Stall ion? Ich fürchte es wird heute Nacht noch einmal regnen", bat er den braunhaarigen Jungen, der die Schalen gerade auf der Tafel verteilte.
"Natürlich ada, sofort", folgte er der Bitte und verschwand nach draußen.
"Entschuldigt mich für einen Moment", Caladil verbeugte sich und ging in einen der Nebenräume, wo er seine Frau vermutete.
Die inzwischen fast gänzlich untergegangene Sonne spendete kein Licht mehr und die Küche, in der er nun stand war nur durch die Glut des Herdes beleuchtet. Aus einer kleinen Kammer kam schlurfend eine gebückte Frau und entzündete ein schmales Holzstäbchen an den heißen Kohlen. Mit dem brennenden Stab ging sie zu einigen umherstehenden Kerzen und schaffte eine wenig Licht in der dunklen Küche.
"Da bist du ja meleth nin."
Erschrocken ließ sie das brennende Hölzchen fallen.
Mit einigen wenigen Schritten schloss er zu der zierlichen Frau auf und trat die Flamme aus, bevor sie das umherliegende Stroh am Boden entzünden konnte.
"Meine Güte, Caladil, wie viele Jahre sage ich schon, dass du dich nicht an mich anschleichen sollst", ihr Stimme war kratzig, aber sanft.
"Ich kann nichts dafür wenn du immer so tief in Gedanken bist", konterte er. "Unser Besuch ist da und erwartet deine Präsenz. Herr Ciriron hat sogar erneut versucht dich für seine Küche zu gewinnen", ein Lachen konnte er nicht unterdrücken, "Er wird es wohl nie aufgeben".
Auch auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. "Seit nunmehr 50 Jahren koche ich jedes Jahr für ihn und jedes Jahr bittet er darum. Als junges Mädchen war ich geschmeichelt, doch inzwischen wäre ich wohl mehr Hindernis als Hilfe in seiner Küche. Calaión hat heute das meiste des Mahls für uns zubereitet. Natürlich unter meinem strenge Blick, doch aus ihm wird sicher ein noch besserer Koch als ich es je war".
Sie rieb sich über den Nasenrücken.
Er stellte eine gusseiserne Pfanne beiseite und zog den Stuhl auf dem sie gelegen hatte heran.
"Setzt dich, du wirkst müde."
Sie ließ sich mit einem schweren Seufzer darauf nieder.
"Ich werde alt mein Liebster", als er sie unterbrechen wollte, hob sie eine Hand und er schwieg. "Ich weiß du siehst die Furchen nicht, die die Jahre auf meinem Gesicht hinterlassen haben, doch ich spüre sie in meinen Knochen. Spüre wie das Leben, dass doch einst so einfach war, immer schwerer wird. Ich bin müde Caladil. So müde". Ihre Schultern sackten zusammen und ein weiterer tiefer Seufzer entwich ihr.
Tiefe Falten bildeten sich zwischen seinen Augen und eine unerkannte Trauer sprach aus seinem Blick.
"Komm, ich werde dich ins Bett bringen. Der Truchsess wird es wohl überleben, wenn du ihn heute nicht mit deiner Anwesenheit beehrst."
Schlapp nickte sie und ließ sich von Caladil auf die Beine ziehen.
"Mutter, Vater?" Calaións Kopf tauchte in der Tür auf und wanderte suchend umher, bis er seine Eltern entdeckte.
"Fangt schon einmal an. Ich werde gleich bei euch sein. Deine Mutter fühlt sich nicht so gut", schickte er den braunhaarigen Jungen zu ihren Gästen zurück, der lediglich besorgt zu seiner Mutter blickte.
"Mach dir keine Sorgen um mich Calaión, morgen früh bin ich wieder die Alte", zwinkerte sie ihm zu und ließ sich dann von ihrem Mann in ihre Hütte ziehen.
Die Stufen hinauf zu ihrer Stube musste er seine Frau tragen, die nun scheinbar jede Kraft verlassen hatte. Fast schon schlafend lag Sie in seinen Armen als er sie in ihr gemeinsames Bett legte. Vorsichtig, um sie nicht wieder wach zu rütteln, zog er die Decke unter ihrem Körper hervor.
"Du musst mir etwas versprechen Caladil", flüsterte sie, als er die Decke über ihrem müden Körper ausbreitete.
"Aber natürlich, ich würde dir keinen Wunsch abschlagen meine Sonne", antwortete er ohne eine Sekunde zu zögern.
"Du musst stark für ihn sein, für Calaión meine ich. Er hat so einen unerschütterlichen Glauben in dich. Wenn ich nicht mehr bin, musst du für ihn stark bleiben."
Er stockte in seinen Bewegungen und sah von seinen Händen zu ihr auf. Ihre Augen waren nur halb geöffnet und ein Schleier lag über der einst smaragdgrünen Iris.
Tränen schimmerten in seinen Augen, als er die Worte der einzigen Frau realisierte, die er je geliebt hatte und je lieben würde.
"Sag so etwas nicht. Du wirst noch viele Jahre mit uns haben", versuchte er die Sorge zu unterdrücken. Doch sie lächelte ihn lediglich an und nahm seine Hand in ihre.
"Nein mein Liebster, dass werde ich nicht..."
"Ich werde es...", seine Stimme brach und Tränen verschleierten seinen Blick, "ich verspreche es dir".
"Ich danke dir mein Liebster. Jetzt geh, ich werde mich nur ein wenig ausruhen..." Während sie sprach schlossen sich bereits ihre grünen Augen und sie driftete ins Land der Träume.
"Ich schwöre dir ihm wird es an nichts fehlen, meleth nin."
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