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Als würden zwei Ringer in Cansins Körper gefangen gehalten werden, spüre ich gleichzeitig seinen Drang und seine Zurückhaltung. Die Sehnsucht, die Box vor mir zu ergreifen, und andererseits nichts Unüberlegtes zu tun.
Vielleicht hofft er noch. Dass ich ihm etwas davon gebe oder auf eine Antwort von mir, in der die Welt gütig scheint und nicht als die, die sie ist. Eine Erkenntnis, die ich gerade erst gewinne, die Cansin vielleicht aber schon vor längerer Zeit in seinen jungen Jahren erreichen musste.
»Muss ich eigentlich wegwerfen«, zwinge ich mich zur ehrlichen Antwort. Ohne ›eigentlich‹, denn ich muss es ohne ›wenn und aber‹, was viel zu schade ist. Eventuell nehme ich manches noch mit, damit es wenigstens keine Verschwendung ist. Vielleicht kann ich Jane oder Timo etwas mitgeben. Oder ... ihm ... Aber kann ich das? Was wäre, wenn dann etwas mit den Lebensmitteln nicht in Ordnung ist? Das ist bei meinem Team schon sehr riskant, aber bei Cansin wäre es fatal.
»Aha«, versucht Cansin so gefasst wie möglich von sich zu geben.
Cansins trauriger Blick zu den Lebensmitteln schreit mich lautlos an und gräbt sich in mich hinein. Die Gedanken kehren wieder zurück. Warum sollte ein Junge Lebensmittel klauen? So etwas macht keiner als Mutprobe oder aus Lust und Laune ...
Um meinen Hals wird es enger. Die Luft wird dünn. Ich will hier raus, deswegen schnappe ich mir die Box und gehe Richtung Flur. Die Box wiegt um einiges mehr, als sie sollte. Schweigsam schreiten wir die wenigen Schritte des Flurs entlang. Neben der Tür zum Pausenraum stelle ich die Box ab.
»Übrigens habe ich das Geheimnis um die Tür gelüftet.«
Im Augenwinkel sehe ich, wie Cansin mich von der Seite aus fragend anschaut. Jetzt oder nie? Gib dir einen Ruck, Nadja. Los schon!
Ich nicke zur Tür. Er zeigt darauf. Ich nicke erneut. Dann legt er eine Hand auf die Klinke. Wieder nicke ich. Er drückt die Klinke herunter und zieht die Tür auf, blickt aber weiterhin mich an. Mit einer Kopfbewegung bedeute ich ihm, wieder zu mir zu kommen. Er befolgt zwar das, was ich ihm anzeige, aber – und das verstehe ich auch vollkommen – Cansin ist sichtlich aufgewühlt.
»Was denn?«, fragt er, sein Brustkorb hebt und senkt sich noch immer deutlich.
Ich hebe meine Hand in die Luft und mache die nächste Bewegung vor. Klinke in die Hand nehmen und ziehen – in der Hoffnung, dass er versteht, sie nicht herunterzudrücken.
»Warum sagst du das nicht einfach?«, regt er sich auf.
Auch das kann ich verstehen. Aber so lange ich es nicht sage, desto weniger ist es real. Wir könnten sagen, er hat es selbst herausgefunden. Gesagt habe ich nichts. Ich zucke mit den Schultern.
Seufzend geht er erneut auf die Tür zu, kurz darauf dreht er sich freuend zu mir um. Ich lächle ihn an. Als die Tür wieder zugeht – oder wie der Status auch genannt wird –, halte ich einen Finger hoch, um daraufhin unmissverständlich auf diese eine Kiste zu deuten. Danach wedele ich mit dem Finger und zeige auf die anderen Räume.
»Verstanden?«, hake ich dann doch laut nach.
»Ja.«
Ich hole mein Handy heraus, tippe ›Heute, ab 21 Uhr‹ ein.
Er kommt näher, beugt sich etwas nach vorne und schaut auf die geschriebenen Worte. »Danke«, flüstert er mir zu.
»Machs gut, Cansin«, verabschiede ich mich von ihm und blicke ihm nach, wie er durch die Tür verschwindet.
Nun muss der kleine Wirbelwind es nur noch schaffen, in das Haus zu kommen, aber das scheint ihm ja auch vorhin gelungen zu sein. Dann hat er freie Fahrt. Zwei Schritte später steht er vor dieser Tür.
Schmunzelnd über die Begegnung mit dem Jungen frage ich mich, wie der Tag wohl ohne Cansin verlaufen wäre. Außer zu Beginn war ich gar nicht vorne im Cafébereich.
Ach Mist, sein Beutel!, fällt mir ein, als ich gerade nach vorne zu Jane und Timo gehen will. Daher betrete ich nochmals den Pausenraum, schnappe mir den Beutel sowie die Zitrone und die Birne vom Tisch und stehe erneut vor der Kiste.
Ich hole alles aus dem Beutel heraus. Entweder kennt sich Cansin aus oder er hat zufällig gut gegriffen. Aus den Zutaten würde sich Gutes zubereiten lassen. Linsen, Reis, Salat, Gemüse, Obst. Auf dem schlichten beigefarbenen Beutel steht handgeschrieben ›Zana‹ – ob das etwas bedeutet? Alles, was ich nicht mehr verwerten kann, packe ich zu dem anderen in die Box. Den Rest nehme ich direkt mit nach vorne.
Nach einem letzten Blick auf die Eingangstür wende ich mich ab. Durch die Küche – in der ich gar nichts konkret betrachten will – begebe ich mich nach vorne. Auf der Schwelle zum Tresenbereich bleibe ich stehen und bastele mir einen Plan.
Jane schlängelt sich um die Tische mit einem Tablett in der Hand. In der anderen Hand einen Lappen. Immer wieder bleibt sie stehen, um Geschirr abzuräumen oder ein Tischchen abzuwischen. Rechts von mir wirft Timo Schatten auf den Boden, kurz darauf höre ich seine Stimme, wie er einem Gast antwortet und den Weg zur Toilette weist.
Als Jane die unsichtbare Grenze zum Gästebereich überschreitet, trete ich vor und nehme ihr das Tablett ab. »Ich bin so froh, dass ich diese alte Mühle doch behalten habe«, äußere ich laut. Während ich mit dem schmutzigen Geschirr zu dem kleineren Geschirrspüler gehe, der in die Wandzeile der Theke gegenüber integriert wurde, lacht Jane auf.
»Der ist uns wenigstens treu«, stimmt sie mir zu. »Aber viel passt nicht hinein.«
»So lange wir keinen Ofen haben, na ja ...«, schaltet sich Timo dazu, mit einem kurios kläglichen Versuch humorvoll zu sein.
Ich grinse ihn schief an. »Wo wir gerade dabei sind ... Also. Ich habe heute nicht viel geschafft, was das angeht. Morgen komme ich dafür eher.« Ich schaue mich im Laden um, lasse meine Schultern hängen.
»Das wird schon, Nadja«, muntert mich Jane auf.
Timo klatscht in die Hände. »Gleich schließen wir, heute auch wieder hinten treffen?«
Wie schnell die Zeit vergeht. Es ist bereits 19:23 Uhr. »Nein, ich bin heute raus. Wenn wir hier alles sauber gemacht haben, düse ich ab.«
»Sicher?«, hakt Jane nach.
Als ich ihnen beiden zunicke, spüre ich ihre bohrenden Blicke auf mir. Wenn die letzten Gäste das Café Freude verlassen haben, werde ich sie wenigstens über den harmlosen Cansin aufklären. Lächelnd öffne ich die Tür des Geschirrspülers und beginne. Vermutlich ist es besser, wenn ich sie nicht in das kleine Geheimnis zwischen mir und Cansin mit der Box einweihe.
»Die Box im Flur, neben dem Pausenraum, bitte stehenlassen. Die nehme ich morgen mit.«
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