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Mein Blick flog über all die bunten Tassen und Teekannen, welche feinsäuberlich in dem, aus dunklem Mahagoni gefertigten, Regal präsentiert wurden. Über das Gemälde, das ein paar nervöse Augen zeigte. Über die Möbel in allen Farben und Formen.

Frau Kruppsch von nebenan saß zusammen mit Herrn Wrupp, dem Hausmeister der Grundschule Steffensberg, an einem Tisch. Vor ihr dampfte der übliche Pfefferminztee, die blondierten Haare wogten um ihren Kopf, den sie zum Lachen nach hinten geworfen hatte.
Der Mann mit dem dunklen Parker hockte wie jeden Freitag vor seinem Stück Käsekuchen und starrte ihn mürrisch an. Niemand wusste so genau, wo er herkam. Man wusste gar nichts über ihn, außer, dass er jeden Freitag hierherkam, Käsekuchen mit schwarzem Kaffee bestellte und schlechte Laune hatte.
Isobell und Noah löffelten einen Schoko-Nuss-Spezial-Eisbecher und schauten einander verliebt in die Augen. Hin und wieder fanden ihre Lippen zusammen und sie küssten.
Ein Mann im schwarzen Bussinessanzug verschanzte sich hinter einer Zeitung von gestern und nippte ab und zu an einer Tasse Hagebuttentee.

Draußen stürmte und regnete es, hier drinnen bollerte die alte Heizung und wärmte die Szenerie. Auf jedem Tisch stand eine Kerze, deren Flamme nach oben züngelte. Es lief Udo Lindenberg und der Duft nach frischgemahlenem Kaffeepulver und Karamell lag in der Luft.

Doch etwas war nicht normal.
Das Café strahlte nicht wie sonst.
Alles wirkte gewissermaßen stumpf.

Das blonde Mädchen hinter der Theke fehlte.

Der Glanz, den sie ausstrahlte, war, was ich gesucht hatte. Der Funke, der daran Schuld war, dass ich meine Freizeit größtenteils im Café Elfeinhalb zubrachte.
Und jetzt fehlte er. Fehlte sie.

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Ich erhob mich und marschierte schnellen Schrittes in Richtung Theke. Dort saß, wie immer, Herr van Haars, der Cafébesitzer. Er trug Knickerbocker, ein weißes Hemd und schwarze Socken mit den Schlümpfen drauf. Frau Kruppsch hatte sie ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt und seine Augen hatten getränt.
Nun lag ein keckes Lächeln auf seinen Lippen und die Falten tanzten über sein runzliges Gesicht.
Er beugte sich mir entgegen. "Wie kann ich dir helfen, Rami? Willst du noch einen Kakao haben? Eine Zimtschnecke? Rosmariechen hat gerade welche aus dem Ofen geholt. So köstlich wie gewohnt"
Ich schüttelte den Kopf, obwohl Rosmaries Zimtschnecken tatsächlich die besten der Welt waren.
"Wo ist das Mädchen hinter der Theke? Hat sie heute frei? Sie hat nie frei"

Herr Van Haars lachte ein winziges Bisschen. Sein Gesicht verformte sich wie eine Zeitrafferaufnahme der Kontinentaldrift. "Ich weiß nicht, wo sie ist. Heute morgen hat sie alles abgewischt, die Kerzen angezündet und eine Platte aufgelegt, war aber nicht da, als ich kam. Stattdessen lag ein Zettel auf dem Tisch Nummer drei. Genau da, wo sonst immer dein Kakao steht. Sie hat darauf geschrieben, sie wäre gleich wieder da und müsse nur kurz weg"

"Aber sie ist nicht da!"

Er nickte und kramte in seinen Hosentaschen. Dann rollte er mit seinem "Haars-Mobil", einem quietschendem Rollator zu dem riesigen Apothekerschrank an der Südseite des Cafés. Seine alten, schwieligen Hände holten ein paar Bögen leuchtend gelben Papieres hervor und händigten sie mir aus.

In geschwungenen Schreibschriftlettern hatte irgendjemand mit blauer Tinte auf die Blätter geschrieben.
Die Namen aller Angestellten, mitsamt Adresse und Telefonnummer.

Sol Oonasrti
Jana Funzelelhaus
Andra deChorant
Simone Mariluna Schripp

Mein Finger fuhr die Namen nach, bis er an Sophie Abellaister hängenblieb. Sophie passte gut zu dem Mädchen,  dessen Namen ich nicht kannte.

"Ist sie das?", flüsterte ich Herr Van Haars bedächtig zu und tippte auf den Namen.

Er lehnte sich mir zu. "Du musst lauter sprechen, Mädchen. Ich verstehe dich nicht!"

"Ist sie das?", wiederholte ich und er nickte fröhlich.
"Sophie Abellaister. Ein tolles Mädchen. Ich weiß nicht, ob ihre Daten aktuell sind, aber ich würde es versuchen"

"Was versuchen?", wollte ich wissen.

"Sie besuchen", sagte der alte Mann und rollte zurück zur Theke und seinem Tee.

Ich sollte das Mädchen hinter dem Tresen besuchen. Ich. Sie.
Das gewöhnliche Mäuschen sollte sie besuchen. Das Zentrum allen Geschehens. Den nettesten Menschen,  den man finden konnte.
Sie war förmlich perfekt. Wie ein Gemälde. Ich war das nicht.
Aber gut. Sie besuchen. Würde ich hinbekommen.

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Der Wind zerrte an meinem Schirm, meiner Mütze und dem dicken Wollschal.
Regen zauberte einen zarten Wasserfilm auf den Filzstoff meines liebsten Wintermantels und am Boden bildeten sich Pfützen. Meine blauen Boots ließen sie spritzen.
Kälte kroch durch die Nähte des Stoffes und zusammen mit dem Wasser durch das Gewebe meiner Jeans.
Ich reckte meine Nase gen Himmel. Es duftete klar. Nach November, Schnee und eisigen Temperaturen.

Sophies Adresse stand auf einem Zettel in meiner Tasche. Es war nicht weit, aber weit genug, dass wir beide uns nicht zufällig über den Weg laufen könnten.

An mir vorbei strömten zahlreiche Menschen. Die Tropfen stachen wie kleine Nadeln in die Wangen der Gehetzten.
Kinder hüpften freudig in Pfützen und ließen sich von ihren Müttern in Richtung Zuhause ziehen, während ich mich von Sophies Leuchten führen ließ.

Das Mädchen hinter dem Tresen wohnte in einem alten Haus, gefertigt aus feuerroten Backsteinen im Stil der Bauhaus-Schule. Ohne Stuck und Schmuck, ordentlich und zeitlos stilvoll.
In goldenen Lettern glitzerte das Baujahr des Hauses im farblosen Licht der Novembersonne. 1857.

Die komplette Straße griff diesen Art, Häuser zu bauen, auf. Kein Haus zierte die verspielte, kurvige Dekoration des Barocks, die geschwungenen Blumenornamente des Jugendstils oder schlicht und einfach graue Betonblöcke, lieblos in die Stadt geklatscht.
In den Bauwerken steckte Liebe zum Detail und Leidenschaft für Architektur, beides etwas, das ich sehr gut nachvollziehen konnte.
Und doch hatte man sich nicht ausgetobt, sondern war schlicht und einfach geblieben.

Ja, dieses Haus passte zu dem Mädchen hinter der Theke, die es schaffte unauffällig und doch allgegenwärtig zu sein.
Ich konnte mir sie zum ersten Mal richtig außerhalb des Cafés vorstellen. Wie sie musikhörend Spaghetti schlürfte, in der Badewanne philosophische Bücher verschlang und Macarons in den Ofen schob.

Nicht weit von dem Gebäude entfernt, arbeitete mein Vater in einer Fabrik für feinste Zwetschgenmarmelade, von der er meiner Mutter jedes Jahr zu Weihnachten ein Glas mitbrachte. Ansonsten war alles mit Pflaumen ein absolutes Tabu für meine Familie.
Keiner von uns kaufte sie oder nahm welche als Geschenk an. Nur das Weihnachtsglas war okay.

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