21. Das, in dem die Lippen bebten

Glitzernd lag der schwarze See wie ein glatter Spiegel auf den vollkommen weißen Ländereien und hätte man nicht gewusst, dass es nur Eis war, hätte man diese wunderbare, reflektierende Fläche ebenso für ein Portal in eine andere Welt halten können. Vielleicht wäre es in dieser Welt besser und es gäbe keine Regeln und keinen Krieg und jeder könnte so leben, wie er es für richtig halten würde. Von unten betrachtet jedoch sah das Eis aus wie ein dreckiges Stück Glas, welches seit Jahren nicht mehr gereinigt wurde. Dreck, Algen und andere Schmutzrückstände hatten sich im Eis verfangen und ließen es alles andere als wunderbar aussehen.

Claire betrachtete einen kleinen Schwarm Fische der an einem der Fenster vorbeisauste, wobei Luftblasen aufgewirbelt wurden und an die Oberfläche stiegen. Selbst in dem eiskalten Wasser lebten diese kleinen Geschöpfe weiter, als hätte sich ihr Lebensraum nicht drastisch verändert. Sie waren schon wahre Überlebenskünstler, diese Fische, befand Claire und stieß sich vom breiten Fensterbrett ab um in den Gemeinschaftsraum zu blicken. Das Kaminfeuer knisterte warm und freundlich in der Wand und die wenigen Schüler, die sich auf einem der Sessel niedergelassen hatten, wärmten ihre kalten Finger an einer heißen Tasse Tee oder Kakao. Die Hauselfen hatten über jedes Möbelstück Decken geworfen, die von den frierenden Schülern benutzt werden konnten und es standen auch überall kleine Tabletts mit Kannen und Tassen herum.

„Claire, bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?" Erins Stimme ließ sie herumfahren. Ihre Freundin trug einen Koffer hinter sich und hatte sich bereits einen hellgrünen Schal um den blassen Hals gewickelt. „Nein, ich will wirklich nicht, danke", erwiderte Claire und trat neben sie. „Aber danke, dass du nachfragst. Hab ein schönes Fest mit deiner Familie, okay?" Sie lächelte Erin ehrlich an, die dieses Lächeln erwiderte.

„Und was ist mit mir?", fragte Connor und warf seine Tasche auf den Boden, die er gerade aus seinem Schlafsaal geholt hatte. „Dir auch ein schönes Fest", lachte Claire und ließ sich von ihrem besten Freund in den Arm nehmen. „Wer weiß. Vielleicht kommt ja das ein oder andere Geheimnis ans Licht." Connor grinste schief. „Nein, das denke ich nicht."

„Kommst du noch mit in die Eingangshalle?", fragte Erin leise und nahm den Griff ihres Koffers in die Hand. „Na klar. Ich kann doch meine besten Freunde nicht einfach so gehen lassen!" Connor schnappte sich seine Tasche und hob eine Augenbraue nach oben. „Ach wirklich? Letztes Jahr bist du einfach abgehauen." Claire machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war was anderes. Ich bin da vor Black geflohen, weil er mich in der Halle eingeholt hatte."

Erin und Connor tauschten einen vielsagenden Blick. „Ah, und heute würdest du ihm in die Arme springen, richtig?", fragte er mit einem Grinsen und erntete dafür einen Schlag auf den Oberarm. „Nein, ganz sicher nicht. Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn ich jemanden brauche, der mich tragen muss. Warum sollte ich das tun?" Erin schüttelte den Kopf und ging als erste auf die Tür zu. „Auch egal, lasst uns gehen, sonst kommen wir zu spät", sagte sie und trat hinaus in den Kerkergang.

In der Eingangshalle warteten schon etliche Schüler aus allen Häusern und Jahrgängen, die ebenfalls die Ferien über nach Hause fahren würden. „Wir hatten noch Zeit", sagte Connor und lehnte sich gegen die Wand. „Also kein Grund, so zu hetzen, Erin." Erin streckte ihm die Zunge raus und wandte sich dann an Claire, die die Halle mit ihren Augen durchforstete. „Suchst du jemanden?", fragte sie grinsend und schubste sie leicht. „N-Nein, wen sollte ich denn suchen?", antwortete Claire zu schnell und strich sich die Haare aus der Stirn. „Oh, ich glaube dieser Jemand konnte ziemlich gutaussehend sein, starke Arme haben und unwiderstehliche, graue Augen", flüsterte eine Stimme ganz nah an ihrem Ohr und Claire schrie erschrocken auf, wobei sie einen Erstklässler aus Ravenclaw anrempelte, der über einen Haufen Koffer fiel. „Sirius Orion Black! Schleich dich gefälligst nicht so an mich heran oder ich verhexe dich das nächste Mal, dass dir Sehen und Hören vergeht, kapiert?", schrie Claire aufgebracht und wandte sich dem langhaarigen Black zu, der seine Hände zur Abwehr hob. „Oh, komm mal wieder runter. Es war doch lustig, oder?", fragte er an Erin und Connor gewandt, die beide lachten. „Ja, allerdings", brachte Connor hervor und Claire warf ihm einen tödlichen Blick zu. „Was machst du hier überhaupt?", fragte Claire bissig und verschränkte ihre Arme.

Sirius grinste sie an. „Ich habe meine Freunde begleitet, falls es dir nichts ausmacht." Sie schnaubte einmal. „Du wolltest doch auch nach Hause fahren, oder nicht?", hakte Claire nach. „Wo ist dein Koffer?" Sirius Schultern sackten ein Stück nach unten. „Ja, ich wollte aber ich kann nicht. Nicht, wenn James noch im Krankenflügel bleiben muss. Also habe ich Fleumont und Euphemia – also Mr. und Mrs. Potter – geschrieben, dass wir erst Ostern wieder kommen. Sie waren zwar traurig, aber natürlich auch besorgt um ihren Sohn, also haben sie es verstanden."

Claire biss sich auf die Zunge. „Tut mir leid", murmelte sie. „Das hatte ich schon wieder vergessen." Sirius machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach was. So haben wir die ganzen Ferien Zeit um - "

„ – Hausaufgaben zu machen, nicht wahr, Claire? Das hast du mir gestern Abend noch gesagt." Erin hatte sich neben ihre Freundin gestellt und ihr einen warnenden Blick zugeworfen. „Eh, ja, richtig. Auch das hatte ich wieder vergessen", gab sie zu, woraufhin Erin den Kopf schüttelte. „Was mach ich nur falsch mit dir?", fragte sie laut und wandte sich dann um. „Ich opfere dir meine besten Jahre und als Dank - ? Nichts!" Claire lachte und griff die grinsenden Erin am Handgelenk. „Ja, es tut mir so leid", sagte sie und drückte sie an sich. „Aber ich verspreche dir, ich werde meine Hausaufgaben machen. Alleine, ohne bei jemandem abzuschreiben."

Erin legte ihre Arme um Claire und drückte sie ebenfalls. „Na schön. Aber genieß trotzdem die Ferien und schreib mir, wenn was ist, ja?", sagte sie. „Na klar", antwortete Claire und schob Erin von sich. Professor McGonagall begann gerade eine Liste abzugehen, auf der alle Schüler standen, die nach Hause fahren würden. „Jetzt beeilt euch aber, oder ich hab ich die Ferien über an der Backe."

Connor grinste sie an, ehe er sie ebenfalls umarmte. „Mach's gut und lass dir von Black nicht auf der Nase herumtanzen." Er warf Sirius einen kurzen Blick zu, der die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte. „Du weißt, wenn dann tanze ich ihm auf der Nase herum", erwiderte Claire und schob nun auch Connor von sich. „Frohe Weihnachten ihr beiden", rief sie ihnen noch hinterher, nachdem McGonagall ihre Namen abgehakt hatte. „Willst du deine Freunde nicht verabschieden?"

„Nö", sagte Sirius gelassen. „Moony und Wurmschwanz sind schon weg." Claire hob eine Augenbraue. „Was ist mit Evans?" Sirius grinste sie von der Seite her an. „Oh, nein, unsere kleine Miss Schulsprecherin muss doch hierbleiben, da sie 'jetzt alle Hände voll zu tun haben wird, wenn James so lange ausfällt'." Claire grinste ebenfalls. „Das soll ihr jemand glauben?", fragte sie. Sirius lachte bellend auf. „Das habe ich sie auch gefragt. 'Warum gibst du nicht zu, dass du nur wegen James dableibst, weil du dir Sorgen machst', habe ich sie gefragt. Dann hat sie ein Buch nach mir geworfen."

Claire schüttelte lächelnd den Kopf. „Sie hat viel zu viel Temperament für ihren kleinen Körper", sagte sie. „Da kenn ich aber noch jemanden", erwiderte Sirius und legte einen Arm um ihre Schulter. „Hat braune Haare und ist 'ne ziemliche Schlange – hey!" Claire schubste Sirius' Arm von sich und trat ihm auf den Fuß. „Was? Ich bin eine Schlange, schon vergessen?", fragte sie grinsend.

„Ah, aber Schlangen beißen eher, dass sie zuschlagen", sagte Sirius rau und kam einen Schritt näher. „Am liebsten verbeißen sie sich in den Lippen ihrer Opfer, bis diese voll mit Gift gepumpt sind."

„Oh, das muss ich natürlich ausprobieren", flüsterte sie zurück und lehnte sich vor, während Sirius' Lippen auf ihre trafen. Hungrig bewegte ihre Münder sich gegeneinander und Claire machte ihre Drohung auch gleich war und fing an, in Sirius' Lippe zu beißen. Diese stöhnte gegen ihren Mund und vergrub eine Hand in ihren Haaren. Er wollte sie enger an sich ziehen, als eine äußerst genervte Stimme ertönte –

„Mr. Black, Mrs. Amory, haben sie keine anderen Orte, an denen sie das tun können?", fragte Professor McGonagall missbilligend und tippte sich mit dem nun eingerollten Pergament auf den Arm. Sirius und Claire lösten sich peinlich berührt voneinander und die Slytherin hoffte, dass ihre Lippen nicht allzu geschwollen aussahen. „Verzeihung, Professor", murmelte, packte Sirius am Arm und zog ihn die Treppen rauf. McGonagall blickte ihnen mit einem Kopfschütteln hinterher.

Im dritten Stock fand Sirius die ganze Sache äußerst amüsant. „Hast du gesehen, wie sie geguckt hat?", fragte er grinsend, während Claire schnaubte. „Ja, sie sah aus, als wolle sie uns an die Gurgel springen", keifte sie. „Wieso lasse ich mich nur immer von dir in solche Situationen bringen?" Sirius lachte leise, während er ihr folgte. „Du magst die Gefahr", sagte er und wich einen Fußtritt aus. „Das Adrenalin, das durch deine Adern pumpt, dein erhöhter Herzschlag, der Schweiß auf deiner Haut und die geweiteten Pupillen", raunte er.

„Tu ich gar nicht", giftete Claire und drehte sich abrupt um. „Klar", sagte Sirius einfach nur.

„Was wollen wir jetzt machen?" Claire hob eine Augenbraue. „Warum wir? Du hast Erin gehört, oder? Ich werde die erste Zeit nutzen um meine Hausaufgaben zu machen." Sirius' Augen weiteten sich etwas. „Das war echt dein ernst?"

„Ja, natürlich, ich lüge meine beste Freundin sicher nicht an", sagte sie und reckte das Kinn in die Luft. „Ich weiß nicht, was du vorhast, aber ich gehe jetzt in die Bibliothek und dort bleibe ich auch erstmal. Du kannst ja deinen Kumpel besuchen gehen."

Claire wandte sich um und ging den Gang weiter. „Ja, vielleicht mach ich das auch!", rief er hinterher. Sie blieb abrupt stehen und drehte sich noch einmal um. „Sag mal, war das gerade unser erster Streit?", fragte sie atemlos und musste sich beinahe ein Lachen verkneifen.

„Keine Ahnung", sagte Sirius und zuckte mit den Achseln. „Fühlte sich jedenfalls danach an, oder?" Claire nickte, dann ging sie wieder in Richtung der Bibliothek. „Gut, dann bis später, Black."

„Jaja." Grinsend lief sie um eine Ecke und wäre beinahe in Lily Evans gerannt, die einen großen Stapel Pergamentrollen auf dem Arm trug. „Oh!", rief sie erschrocken aus. „Tut mir leid, ich sehe so wenig."

„Kein Problem", sagte Claire und drückte sich an ihr vorbei. „Ach, und grüß Potter von mir, wenn du ihn besuchen gehst!", rief sie Lily hinterher und lachte, als die Schulsprecherin auf der Stelle stehen blieb und ihre Bewegungen einfroren. „Ich – ich - ", fing Lily an, doch Claire lachte laut auf und unterbrach sie so. „Schon gut, ich versteh das. Bis später."

Claire ließ die eingefrorene Schulsprecherin auf dem Gang stehen und grinste noch breiter. Sie würde die Ferien über sicher viel Spaß mit Lily haben.

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