O6
"Weißt du, eigentlich gehst du mir ein wenig auf die Nerven", meint er und ich sehe, wie seine Mundwinkel kurz hochzucken, weshalb ich hoffe, dass seine Aussage nicht allzu ernst gemeint war.
"Weißt du, eigentlich denke ich, du bist nur Antisozialistisch. Also, so unmenschlich. Nein warte, eben so..du solltest mehr Zeit mit Menschen verbringen", versuche ich meine Gedanken zu erklären und höre ihn daraufhin leise lachen. Er lacht mich aus.
Die Autos rasen an uns vorbei und der Regen tropft immernoch vom Hinmel wie aus einem Duschkopf. Mittlerweile sind meine Klamotten komplett genässt, meine Lippen leicht bläulich angelaufen und meine Fuß zu hundert Prozent voll mit Blasen.
"Wo zur Hölle wohnst du?", frage ich erschöpft. Er deutet in irgendeine Richtung, was mich nicht wirklich weiter bringt.
"Und den Weg legst du jedes Mal hin, um in die Schule zu gelangen?", verblüfft blicke ich nach hinten. Selbst die Innenstadt haben wir bereits hinter uns gelassen.
"Eigentlich habe ich ein Motorrad, aber meine Mum verbietet mir meist, im Regen zu fahren. Da nimmt sie mir sogar meine bescheuerten Schlüssel weg wegen ihrem überaus ausgeprägten Sinn für Sorge", erklärt er. Ich nicke langsam und ziehe meine Jacke ein wenig enger um mich, als würde es was bringen.
"Ist dir kalt?", lautet daraufhin seine Frage. Ich verkneife mir eine sarkastische Antwort und nicke nur, woraufhin nur ein Schweigen entsteht. Ein nerviges Schweigen, denn ich will nicht, dass es still zwischen uns ist.
"Wir sind gleich da."
Er führt mich in eine Wohngegend, die recht abgelegen liegt. Ich kenne diese Gegend nicht, da ich meist seit dem Kindergarten immer nur in unserem Viertel war. Es sind hübsche kleine Häuser und es sieht sehr gepflegt aus.
Verblüfft betrachte ich das weiße Mehrfamilienhaus, auf das wir zusteuern. Der Vorgarten ist schon beinahe kunstvoll mit Rosenbeeten beschmückt.
"Ist das von euch?"
Er schüttelt den Kopf. "Die Dame aus dem Erdgeschoss hat einen kleinen Tick für Blumen. Wir wohnen in der Wohnung über ihr", antwortet er mir.
Ich sehe ihm beim Öffnen der Türe zu, beim Hinaufsteigen der Treppe und beim Drücken der Klingel. Man hört tapsige Schritte, bevor die Wohnungstür aufgerissen wird und ein kleiner Junge uns entgegen springt.
"Na, kleiner Mann", begrüßt Colin ihn freundlich und dieser grinst ihn daraufhin an.
"Wen hast du mitgebracht, Colin?", fragt er mit großen Augen, nachdem er mich beim Betreten der Wohnung bemerkt. Ich schätze ihn auf 6 oder 7 Jahre ein.
"Caleb, das ist Adina. Ich habe sie..aufgegabelt. Du musst nett sein, ja?", spricht er zu ihm. Ich muss grinsen wegen dem Anblick und natürlich für seine Bezeichnung für unser Zusammentreffen.
Der Kleine nickt, während mir Colin zeigt, wo ich meine Sachen hinlegen soll.
"Wie geht's Mum?"
Caleb zuckt mit den Schultern und seine Mundwinkel sinken. "Ich glaube, heute nicht so gut. Ich musste zwei Mal den Behälter wechseln", sagt er und Colin zieht besorgt die Augenbrauen zusammen.
Er drängt sich vorsichtig an seinem Bruder vorbei durch den Flur zu einem Zimmer, dass er betritt, nachdem er an die Tür anklopft. Ich folge ihm langsam und fühle mich völlig Fehl am Platz.
"Mum, ist alles in Ordnung?", höre ich ihn fragen und werfe einen Blick in das Zimmer. Ich zucke zusammen, als ich das Bild, das sich mir gerade bietet, verarbeitet habe.
Colin, der vor dem Bett der Frau steht, scheint mich nicht zu bemerken. Neben dem Bett ist ein Beatmungsgerät aufgebaut, während die blondhaarige Frau im Bett liegt, mit den Schläuchen in der Nase und ihr dünnes Handgelenk nach Colin ausstreckt.
"Wieso bist du so früh daheim?", fragt sie und klingt dabei schwach.
"Ich hatte keine Lust. Caleb hat gesagt, er musste die Behälter wechseln. Stimmt was nicht?", fragt er besorgt. Ich fühle mich wie ein bestelltes und nicht abgeholtes Packet und ich habe das Gefühl, dass das Szenario eigentlich nicht für meine Augen gedacht ist.
"Ach, die Pumpen haben ein wenig gesponnen, nichts Großes", antwortet sie und wirft einen Blick zur Tür. Ihr Wangenknochen sind stark ausgeprägt. "Wen hast du denn da mitgebracht?"
Colin stellt mich vor und ich grüße sie freundlich.
"Mum, wenn was ist, dann sag Bescheid ja?", sagt er mit einem scharfen Unterton und seine Mutter nickt.
"Schließ die Tür, ich gehe schlafen", befielt sie ihm noch und er tut, was sie sagt.
"Komm mit", kommandiert er mich und ich folge ihm in den Nebenraum. Es scheint sein Zimmer zu sein, voll mit seinen Trophäen und Postern von irgendwelchen Footballstars.
Zögernd lasse ich mich auf sein Bett sinken, welches nebenbei bemerkt verdammt groß ist.
"Was ist mit ihr?", frage ich, denn das Ganze hat meine Neugierde geweckt.
Er seufzt und lässt sich auf einen Sitzsack fallen. "Sie hat starke Lungenprobleme und kann kaum noch selbst atmen. Sie braucht immer das Gerät, ohne würde sie ersticken", er seufzt. "Es ist erst seit ein paar Jahren so, nach einer starken Lungenentzündung kam es einfach, aber die Ärzte geben ihr keine Chance. Sie hat aber noch Zeit."
Ich starre ihn an und das einzige, was meinen Mund verlässt, ist ein jämmerliches 'oh'. Ich wusste noch nie, wie man sich in so einer Situation verhalten soll.
Colin lacht leise und nickt. "Bist du deswegen aus dem Team raus?", stelle ich die Frage, die sich wohl jeder an der Schule Tag für Tag stellt. Wieso verlässt der beste Spieler das Team von heute auf morgen.
Er zuckt mit den Schultern. "Auch. Nach dem Tod meines Vaters ging es hier sowieso bergab. Geldprobleme, diverse Krankheiten und mir blieb eben keine andere Wahl. Meine Familie braucht seitdem jede Unterstützung, ich kann meine Mutter doch nicht sterben und meinen Bruder verhungern lassen wegen einem idiotischen Team, welches verdammt viel Zeit beansprucht."
Ich nicke langsam. "Wieso hast du es ihnen nicht gesagt?"
Er lacht leise. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass es diese Leute interessiert, ob du mit deinem Leben klarkommst oder nicht."
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