Ups ans Downs

Er hatte es geschafft. Er war ein paar Schritte gelaufen. Nicht alleine und schon gar nicht schnell und schmerzfrei, aber er war aus dem Bett raus. „ Herzlichen Glückwunsch sie erhalten den Tapferkeitspreis. Und den Orden fürs nicht aufgeben. Ich bin Stolz auf dich Tobi." Während die ersten Worte noch gewitzelt waren, wurde Veni gegen Ende hin ernst. Nicht jedoch traurig, oder befehlend. Seine Stimme war voller Stolz. Nicht minder die seines Bruders, als dieser ihn ansprach. „ Du machst das echt toll. Mama wäre mindestens genauso Stolz, wenn sie dich jetzt sehen könnte." Wahrscheinlich schon. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass sie den Tag über arbeiten war und dann erst abends bei ihm sein konnte. Nur würden die Tage, sobald er aus dem Krankenhaus raus war schlimmer werden. Morgens keine Schule mehr, dafür wahrscheinlich Therapie. Und wenn er dann irgendwie heim kam, war er alleine und blind. Könnte nicht mehr zocken, um sich die Zeit zu vertreiben. Twitter war ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst Bücher würden nicht mehr möglich sein. Gut er konnte noch Hörbücher hören oder Musik. Dazu musste er das aber erstmal zum laufen bekommen. Blind ein schwieriges Unterfangen. YouTube ging auch nicht mehr und selbst konnte er auch nur zuhören. Die Freude und Euphorie über seinen kleinen Teilerfolg verpuffte im nichts. Seufzend ließ Tobi den Kopf hängen. Was machte er jetzt mit seinem Leben. „ Hey gerade war doch noch alles toll. Was hat dich jetzt runter gezogen?", fragte sein Bruder einfühlsam. Er konnte nicht mal sagen, wessen Hand es war, die sich jetzt mitfühlend auf deinen Oberschenkel legte. Er wollte nicht, dass sich die drei Sorgen machten. Deswegen zwang er sich ein Lächeln auf und hob den Kopf. „ Alles gut. Hab nur gerade an was gedacht." Tobi wollte nicht sagen, dass er an all die Dinge gedacht hatte, die er nicht mehr machen konnte und was er stattdessen den ganzen Tag machen würde. Und zwar die Wand anstarren. „ Du denkst echt zu negativ. Wir warten jetzt mal ab, bis der Arzt heute Abend noch mal wieder kommt. Vielleicht können die dich schon entlassen. Dann kannst du heute Nacht noch in deinem Bett schlafen." Wohl eher kaum. Er würde eine weitere Nacht hier alleine verbringen. Auf einmal klang eine weitere Nacht hier zu verbringen wie die reinste Qual. Er wollte in seine gewohnte Umgebung. Wollte zum schlafen gehen wieder Musik hören und die ganze Nacht mit Veni kuscheln. „ Ich will Heim. Ich halt das hier nicht mehr aus." „ Ok was ist den jetzt auf einmal los? Tobi all zu schnell geht das nicht. Die müssen ne Abschluss Untersuchung machen und dann noch nen Antrag stellen. Den wird deine Mutter dann wohl unterschreiben, weil du es noch nicht kannst. Eine Nacht wirst du noch aushalten. Sicher wirst du morgen nach Hause können. Bis jetzt hast du es doch auch ausgehalten und immerhin bist du alleine in deinem Zimmer. Ich hatte damals nen überaus nervigen Zimmerkollegen.", berichtete Stegi. Schön. Er wollte hier weg. Egal was es brauchte. Seinen Antrag konnte er zur Not auch selbst unterschrieben. Ob nun blind oder nicht, er war volljährig. Theoretisch durfte er selbst unterschrieben und der Rest war möglich zu erledigen. Auch noch heute. Tobi merkte nicht mal, dass ihm wieder die Tränen kamen. Er wolle nur noch hier raus. „ Ok hey beruhig dich. Nicht hysterisch werden. Tief ein und ausatmen. Stegi wird jetzt geschwind nen Arzt holen und dann schauen wir mal, ob wir dich hier raus bekommen." Sanft wurde er von zwei Seiten in den Arm genommen. Er kuschelte sich halt suchend an Veni. So wirklich wusste er nicht, warum er so viele Stimmungsschwankungen hatte. Doch er konnte es hier nicht mehr aushalten. Es machte ihn krank. „ Ach Maus. Ich weiß, dass es hier nicht sonderlich toll ist und du im Moment viel zweifelst. Ich sag dir ehrlich, hör auf dir das Leben schwer zu machen. Du bist tapfer. Und selbst wenn du noch eine Nacht hier bleiben musst, wirst du das auch packen. Morgen bringen wir dich dann alle nach Hause." Nein er wollte keine Nacht mehr hier verbringen. Hier engte ihn alles ein. Hier war nichts vertraut und roch steril. „ Bitte ich muss hier raus. Ich will in mein vertrautes Zimmer. Ich will einfach was anderes machen als hier zu liegen. Bitte Veni, ich halt es nicht mehr aus.", flehte Tobi mit weinerlicher Stimme. Die anderen konnten das sicher nicht verstehen, aber ihn macht es einfach krank. Zuhause würde es wahrscheinlich auch nicht besser werden, aber da fühlt er sich wohl und weniger krank. „ Ok ganz ruhig. Ich bin sicher, dass sich da was machen lässt. Wenn Sie möchten, leite ich die Abschluss Untersuchung und Ihre Entlassungspapiere in die Wege. Dann sind Sie in drei vielleicht vier Stunden hier raus. Ihr behandelnder Arzt wird die Untersuchung dann durchführen. Ist das ok für Sie?" Tobi konnte die Worte selbst nicht glauben. Sie konnten ihn echt heute noch entlassen. Hastig nickte Tobi und wischte sich die Tränen weg. Unbedingt. „ Ok dann alles Gute für ihre Zukunft. Lassen Sie sich nicht unterkriegen. Und denken Sie nicht all zu viel darüber nach, was Sie jetzt nicht mehr machen können. Sie haben einen Unfall überlebt, bei dem Sie genauso gut hätten sterben können. Ihnen steht die Welt noch offen." Zwar waren die Worte schon ein wenig aufmunternd, aber das änderte nichts daran, dass er hier weg wollte. Mit allen Mitteln. „ Danke. Aber ich denke solche Gedanken lassen sich nicht vermeiden.", murmelte Tobi immer noch etwas betrübt. Bevor seine Gedanken wieder abschweiften zu den Sachen, die er nicht mehr machen konnte, konzentrierte er sich auf die Worte seines Gegenübers und versuchte nicht zu denken. „ Deswegen sollten Sie hier raus. Mit Therapie und guten Freunden wird jeder Tag einfacher." Das sah er noch nicht so. Bis jetzt war alles ein rießen Chaos und jeder zweite Gedanke eröffnete ihm neue Probleme und Ängste. „ Ach Tobi. Wir werden für alles eine Lösung finden, du wirst sehen. Gib dem erstmal ein paar Wochen Zeit. Du wirst sehen, man kann sich an alles gewöhnen, wenn man den Dingen genug Zeit lässt."

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