Kiefer röntgen

Tobi blieb auf Kuschelkurs, bis sein Name nur eine Minute später aufgerufen wurde. Zuerst stand Veni auf und griff dann Tobi noch ein wenig unter die Arme, um ihn zu stützen und zu führen. Einen Blindenstock sollten sie langsam auch mal in betracht ziehen, ebenso wie eine Reha, wo er in Ruhe den Umgang mit diesem Teil und einem Blindenhund lernen konnte. Die Schwester brachte sie in ein schlicht weißes Zimmer, wo kaum mehr als zwei Leute Platz hatten. „ Darf ich Sie bitten draußen zu warten? Sonst wird es hier drin etwas arg eng." Er hatte es fast geahnt, dennoch war es nicht wirklich eine Option, wenn er Tobi in die Augen sah. Irgendwie musste er das aushandeln. „ Kann ich bitte hier bleiben, Tobi ist noch nicht so weit, dass er alleine klar kommt. Bei dem Unfall ist er erblindet, daher." Er brauchte den Satz nicht mal zu Ende sprechen, da sie wohl wusste, worauf er hinaus wollte. „ Ich kann Sie verstehen. Wir werden dementsprechend helfen. Wenn wir die Tür offen lassen und sie sich da aufhalten, wäre das ein Kompromiss?" Den musste Tobi treffen. Wenn dass für ihn in Ordnung war, würden sie das so machen. Tobi schien erst zu zögern, nickte dann aber schließlich doch. Sachte und mit einfachen Kommandos und ein bisschen mithilfe, dirigierte er Tobi auf den Stuhl, sodass er nicht im Nichts landete. Tobi hob seine Beine selbst hoch auf den Stuhl und sah ihn dann noch mal an. Seine Augen waren immer noch ein bisschen trüber, aber keineswegs schlimm oder hässlich. Das Tobi seine Augen jetzt mehr offen hatte, fand Veni persönlich toll. Es machte Tobi wieder etwas, ja fast schon menschlich. Nicht mehr dieser Krankenhauszombie der letzten Tage und Wochen. Kurz griff er noch mal nach seiner Hand und drückte sie beruhigend. „ Ich bin nie weit weg, versprochen." Damit ließ er Tobi los und stellte sich in den Türrahmen, damit die zweite Ärztin den Raum betreten konnte. „ Tja so schnell sieht man sicher wieder Tobi, auch wenn die Umstände nicht die besten sind. Aber das wird wieder werden. Vertrau mir da. In ein paar Wochen hast du wieder ein fast makelloses Lächeln. Ohne diese fehlenden Zähne. Machst du mal bitte den Mund ein Stück auf?", redete die Ärztin auf Tobi ein, bis sie scheinbar alles vorbereitet hatte. Die andere hatte derweil etwas in den Computer eingegeben und wartete jetzt wohl auf Anweisungen. Groß auf dem Bildschirm konnte Veni eindeutig ein Röntgenbild von Tobis Kiefer sehen, da vorne oben zwei Zähne fehlten. „ Okay also wir müssen auf jeden Fall noch die Wurzeln entfernen. Bis jetzt hat man die nur ein bisschen abgeschliffen, damit keine Verletzungsgefahr besteht." Die am Computer tippte kurz etwas ein und wartete dann wieder. Derweil drückte die andere mit den Fingern in Tobis Mund herum. „ Restlichen sind so weit fest. Ich kann allerdings nicht sagen, ob das Kiefermaterial ausreicht, um ein Implantat einzusetzen. Sicherheitshalber füttern wir mal ein bisschen Kiefermaterial unter. Ich schau mir das aber noch mal auf nem exakteren Bild an." Das klang jetzt nicht all zu toll, durfte aber auch kein Weltuntergang sein. Solange es morgen gemacht werden konnte. Tobi würde davon ja nicht all zu viel mitbekommen. Je nach dem, was sie ihm halt verabreichten. „ Sonst sieht alles gut aus. Du hast nur oben wieder ein bisschen Zahnstein. Den machen wir morgen mit weg. Dann komm mal mit, wir gehen das noch mal Röntgen. Nicht das ich dir morgen ne zu große oder zu kleine Platte einsetze." Die am Computer verließ schon mal den Raum, damit Veni ihm wieder auf die Beine helfen konnte. Tobi setzte sich eigenständig an die Kante, streckte dann aber die Arme nach ihm aus. „ Ich will nicht mehr laufen. Kannst du mich tragen? Irgendwie hab ich auch wieder Schmerzen im Knie." Veni könnte sich gerade selbst schlagen. Tobi hätte Tabletten nehmen müssen. Gegen die Schmerzen. Das würden sie nachholen, sobald sie wieder daheim waren. „ Ich geb dir später ne Schmerztablette Tobi.", versprach er Tobi sofort. Das wäre das erste, was er tun würde, sobald sie wieder daheim waren. Ein Problem schien sich aber zu ergeben. „ Es tut mir leid, aber Schmerzmittel werden es erst morgen wieder. Für ihre Gesundheit ist es am besten, wenn sie erst nach der Op wieder welche nehmen. Zumal sich viele Schmerzmittel nicht mit unseren Mitteln vertrage und das dann unschöne Nebenwirkungen gibt." So ein Mist. Hätte er Tobi doch bloß mal heute Morgen eine gegeben. Jetzt konnte er gar nichts mehr für ihn tun. Außer ihn eben durch die Gegend zu tragen. Er zog Tobi mit dem Oberkörper wieder gegen sich und hob ihn dann hoch, die Arme unter den Beinen. Sie folgten der Ärztin durch ein paar Flure in einen weiteren Raum, wo nur eine komische Apparatur stand und sonst nichts. „ Wir machen das runter auf ihre Höhe, dann können sie sich setzen. Das Gerät wird dir sagen, was du zu tun hat. Wenn's nicht gleich klappt, gar nicht aufregen. Schmuck und Metall vom Kopf bitte weg." Kurz verschwand sie und kam dann mit einem Stuhl wieder, wo er Tobi drauf setzen konnte. Die Apparatur wurde auf Tobis Höhe eingestellt, sodass er nicht stehen oder sich verkrümmen musste. Lautlos wurde Veni am Arm gepackt und aus dem Raum gezogen. „ Es ist besser, wenn er nicht merkt, dass du nicht mit im Raum bist. Du darfst leider nicht mit rein." Verstehend nickte Veni und sah durch die Kleine Scheibe in der Tür, hinter der Tobi saß. Er wirkte nicht gerade unsicher, oder verängstigt. Geplanten tat es ihm allerdings auch nicht. Die Ärztin verschwand in einem Nebenraum, in den er ihr nicht folgte. Er wollte Tobi im Blick behalten. Auch wenn er nur den Rücken sehen konnte. Es dauerte gar nicht mal so lange, da kam die Ärztin wieder zu ihm. „ Geh du am besten rein. Er hat ein paar Mal nach dir gefragt." Sie öffnete ihm die Tür, sodass er wieder zu Tobi konnte, der auch sofort seinen Namen in den Raum hauchte. „ Ich bin doch da. Ich musste nur kurz mit raus vor die Tür."

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