10
Der Tag war eine Abfolge von eigenartigen Ereignissen gewesen. Im Restaurant hatte Junmyeon erst drei Gläser nacheinander fallengelassen, was alle unglaublich verwundert hatte, dann hatte er Luhan während seiner Mittagspause zu sich bestellt und fast ganze fünfzehn Minuten lang über Servierten-Lieferungen gesprochen und wieso Kugelschreiber immer verloren gingen. Er sah aus als hätte er Fieber, weil er über die ganze Zeit hinweg rot wie ein Hummer gewesen war. Normalerweise hätte Luhan ihn wahrscheinlich darauf angesprochen, aber er fühlte sich noch nicht wohl genug, um mit Junmyeon wieder auf die Ebene zurückzukehren, auf der sie sonst immer gewesen waren.
Er liebte Junmyeon, hatte es schon immer, aber er war auch verwirrt und überfordert mit seinen...neuen Gefühlen.
Als Minseok den Kopf ins Büro gesteckt und Junmyeon dabei bei seinem Wasserfallartigen Gespräch über neue Papiertuchspender in den Toiletten unterbrochen hatte, hatte Luhan sich leise entschuldigt, weil seine Schicht in zwei Minuten wieder beginnen würde. Junmyeon war in sich eingesunken wie ein leerer Luftballon, als Luhan die Tür leise zu zog.
Luhan fühlte sich schrecklich, dass Junmyeon sich seinetwegen so seltsam verhielt und er nahm sich vor, die Sache zwischen ihnen über das Wochenende in Chungcheongbuk-do wieder gerade zu biegen.
Nach der Arbeit war Luhan zum Uni Sportgelände gefahren, weil Sehun ihn wieder zum Fußballspielen mit seinen Kommilitonen eingeladen hatte. Minho und Woohyun, die beim letzten Mal seine fähigsten Konkurrenten gewesen waren, nahmen Luhan daraufhin sofort in Beschlag und besprachen Strategien mit ihm, wie sie den Rest der Mannschaft auf Vordermann bringen könnten. Das war eine gute Ablenkung, bei der Luhan den Kopf wieder etwas frei bekommen und sich ganz auf seine Lieblingssportart konzentrieren konnte.
Nach dem Training verabschiedeten sich Luhan und Sehun von den anderen um gemeinsam zu Luhan zu gehen. Sie hatten es verbal niemals ausgemacht, aber irgendwie war das auch nicht mehr nötig. Sehun ging mittlerweile ein und aus bei ihm, wie es ihm beliebte und das, obwohl er keinen eigenen Haustürschlüssel hatte.
„Ich mag es. Dass du ihn immer bei dir hast, meine ich."
Luhan, der gerade dabei war die Haustür aufzuschließen, wandte sich mit einem Fragezeichen auf dem Gesicht zu Sehun um. „Was meinst du?"
Sehun trat einen Schritt dichter an Luhan heran und umfasste plötzlich seine Hand mit dem Schlüssel um sie zum Türschloss zu lenken. „Ich meine den Anhänger", antwortete er. Seine Brust presste gegen seinen Rücken und sein Gesicht war seinem Nacken ganz nahe gekommen. Luhan erschauderte.
Er öffnete die Tür und trat hindurch um wieder Abstand zwischen sie zu bringen, aber nur, bis Sehun ebenfalls eingetreten war und die Haustür hinter ihm zu fiel. Er presste Sehun gegen das Holz zurück und schlang einen Arm um seinen Hals um ihn zu sich herunter zu ziehen. Er roch nicht nach Schweiß, weil er sich kaum auf dem Fußballfeld bewegt hatte, obwohl Luhan ihn dazu angestachelt hatte. Und selbst wenn, hätte Luhan wahrscheinlich nichts wegen dem Deo riechen können, dass noch immer an Sehun haftete. Er roch gut, wie eine Mischung aus Gras, leicht-süßem Parfum und...Sehun eben.
Luhan presste sich ihm etwas fester entgegen, als Sehun seinen Kuss heftig erwiderte und gegen seine Lippen seufzte, als Luhans Fingerspitzen seine Jacke aufarbeiteten.
Er flüsterte seinen Namen in sein Ohr, während Luhan kurz von seinen Lippen abließ um seine eigene Jacke auszuziehen. Seine Stimme schickte Wellen der Wärme durch seinen Körper, die ihn rotwerden ließen, wie einen Teenager. Sehun lachte leise, weil es ihm ebenfalls aufgefallen war.
„Deine Ohrenspitzen sind ganz rot", sagte er sanft, bevor er leicht in seine Ohrmuschel biss. Luhan wimmerte leise, weil Sehun solche Dinge nicht tun sollte, nachdem er so tief und warm geklungen hatte. Es ließ ihn Dinge mit ihm anstellen wollen, die er nicht tun sollte.
Sehun schien ähnliche Gedanken zu haben, denn seine Finger fanden unter Luhans T-Shirt und wanderten dann weiter südlich bis zu seinem Hosenbund.
„Ich wollte dir schon immer einmal den Gefallen von damals erwidern." Er küsste die Seite seines Halses. „Erinnerst du dich?"
Und ob sich Luhan erinnerte. Und er hatte nicht nur eine grobe Vorstellung von der Sache, die Sehun meinte. Er trat schnell einen Schritt zurück und stieß plötzlich gegen die gegenüberliegende Wand. Sehun blinzelte verwundert über die plötzliche Entfernung zwischen ihnen.
„Ah sorry. War das unpassend?" Er sah verlegen zu Boden. „Ich wollte nicht-"
„Nein", ging Luhan schnell dazwischen. „Mach dir keine Gedanken, das meinte ich nicht, nur..." Was Luhan meinte, war, dass er die Sache nicht überstürzen wollte und das war, ihrem Anfang und ihrer Mitte nach zu schließen, wirklich ein wenig unpassend, aber das hatte Luhan für sich beschlossen. Er mochte Sehun (verfluchter Mist auch), er war der erste Mann, den Luhan Junmyeon vielleicht sogar vorziehen würde, aber alles war noch zu verworren und Luhan wollte Sehun gar nicht für irgendetwas benutzen, er wollte und konnte nur noch nicht allzu ehrlich sein...und das war anstrengend, aber er würde nur etwas Ordnung in sich selbst bringen und dann könnte er ehrlich zu Sehun sein und versuchen, alles einigermaßen gut zu machen. Das war der Plan. Sehun wusste jedoch nichts von diesem Plan und so machte sich Unsicherheit auf seinem Gesicht breit.
„Du...kann es sein, dass du nicht weiter mit mir gehen möchtest weil du...na ja, weil du es nicht kannst?"
Luhan war sich ziemlich sicher, dass er konnte – wirklich sehr sicher - aber das spielte hier nicht zur Sache. „Was?"
Ein Schatten huschte über sein Gesicht als er den Kopf tiefer senkte. „Ich meine damit, ist es dir vielleicht, na ja, zuwider? Beim letzten Mal warst du betrunken und davor wusstest du das mit Junmyeon noch nicht." Er blickte auf. „Ah vergiss es, was auch immer." Er lachte angestrengt, bevor er sich von der Wand abstieß und an Luhan vorbei ins Innere der Wohnung ging. „Egal. Soll ich kochen? Ich bin ziemlich hungrig!"
Luhan seufzte leise. Sehun dachte also Luhan beließ es beim Küssen, weil er es mit Sehun nicht fertigbringen würde, was natürlich nicht wahr war, aber fürs Erste würde er es dabei belassen müssen.
Sehun nahm Luhans Küche in Beschlag und zauberte mit den Resten, die Luhan aus dem Restaurant mitgenommen hatte, und ein paar frischen Eiern und etwas Gemüse ein ziemlich ansehnliches Abendessen. Luhan sah ihm dabei zu und erhielt dafür einen belustigten Blick von Sehun, während er seine halbherzig geschälten Karotten kritisierte. Luhan konnte ihm natürlich nicht sagen, dass er zu abgelenkt von Sehun und seinen Kochkünsten gewesen war, um sich ernsthaft mit ein paar dummen Karotten zu befassen.
Während sie aßen – es schmeckte wirklich gut – fiel das Thema auf ihren Ausflug nach Chungcheongbuk-do, der diesen Freitag beginnen würde. Sehun hatte einen leicht verträumten Ausdruck auf dem Gesicht während er von dem Songnisan-Park sprach und von Orten und Tempeln, die er früher immer besucht hatte und die er ihm ebenfalls unbedingt zeigen wollte.
„Wird Jongin auch mitkommen?", fragte Luhan, weil Sehun gerade davon gesprochen hatte, wie er und Jongin ihm ihr altes ‚Geheimversteck' aus Kindheitstagen zeigen würden.
Sehun legte seine Stäbchen beiseite und nickte dann. „Es wäre falsch meinen Geburtstag ohne ihn zu feiern. Er ist praktisch ein Teil meiner Familie. Aber...das habe ich, denke ich, schon einmal gesagt als wir letzte Woche gemeinsam darüber gesprochen haben."
Luhan war in Gedanken wahrscheinlich ganz wo anders gewesen. „Ja stimmt, ich muss es vergessen haben." Luhan kam ein anderer Gedanke. „Was wünscht du dir zum Geburtstag Sehun?"
„Was?"
„Ein Geburtstagsgeschenk", sagte Luhan. „Gibt es etwas das du dir wünschst?"
Sehuns Hand fand über den Tisch hinweg Luhans und legte sich auf seinen Handrücken. „Vor ein paar Tagen hätte ich dir wahrscheinlich noch eine klare Antwort geben können aber jetzt gerade gibt es wirklich nicht was ich mir mehr wünschen könnte." Er sah Luhan dabei an, als hätte er ihm bereits ein großes Geschenk gemacht, bevor er in eine Grimasse ausbrach. „Wow, ich bin so peinlich, dass selbst mein Schamgefühl Scham empfindet."
Luhan räusperte sich, weil er Sehun nicht peinlich gefunden hatte, sondern...süß. „Ich meine...etwas Materielles vielleicht?"
Sehun schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Junmyeon wird mir wahrscheinlich ein paar Pullover schenken und mehr brauche ich zurzeit wirklich nicht." Für einen Moment sah es so aus, als wäre ihm ein anderer Gedanke gekommen, den er noch ergänzen wollte, aber letztlich behielt er ihn für sich.
„Das macht es mir nicht gerade leichter."
Sehun lehnte sich mit einem Lächeln auf den Lippen in seinem Stuhl zurück. „Du musst mir wirklich kein Geschenk machen Luhan."
„Aber du wirst volljährig." Luhan stockte. Richtig. Sehun wäre in ein paar Tagen volljährig – irgendwie traf ihn dieser Gedanke ganz unvermittelt. Wieso wurde es ihm erst jetzt so richtig bewusst?
„Volljährigkeit ist Geschenk genug", grinste Sehun. „Ich kann in alle Clubs gehen in die ich möchte, Alkohol kaufen und muss mir von dir nicht länger anhören, dass ich zu jung bin." Er lehnte sich wieder nach vorne, platzierte die Ellbogen auf dem Tisch und legte sein Kinn auf den gefalteten Händen ab. „Außerdem wird Jongin jetzt endlich die Klappe darüber halten, wie nervig es ist mit einem minderjährigen abzuhängen." Er verdrehte die Augen. „Der Kerl ist nur ein paar Monate älter als ich, aber er benimmt sich als wäre er bereits volljährig zur Welt gekommen."
Luhan lächelte leicht. Seine Gedanken hatten ihn mitgerissen, weshalb er den letzten Teil von Sehuns Worten nur noch am Rande wahrgenommen hatte.
„Luhan?"
„Ich glaube ich bin gerade ein wenig melancholisch geworden. Ich kann dann also wirklich nicht mehr über dein Alter meckern? Klingt, als wäre eine Ära zu Ende gegangen."
Sehun schmollte – Luhan war nicht einmal mehr überrascht.
Luhan setzte fort: „Ich kann nicht glauben, dass du jetzt schon seit fast fünf Monaten hier in Seoul bist." Er konnte nicht glauben, dass es schon fünf Monate her war, dass Luhan ‚bei ihrer ersten Begegnung' in einer Bar mit ihm geflirtet hatte. Sehun war seit damals fast konstant an seiner Seite gewesen und so eigenartig es klag, Luhan war beinahe traurig darüber, dass die Zeit so schnell vergangen war. Sehun war nervig, eine Heulsuse und anhänglich wie eine Klette gewesen, aber Luhan konnte nicht mehr sagen, dass ihn das noch störte. Viel eher war es so, dass er auch darin nur noch Sehuns gute Seiten sah. Seine Aufrichtigkeit mit seinen Gefühlen umzugehen, sein Engagement, seine Zielstrebigkeit...Luhan hielt seine Gedanken im Zaum, weil er sich langsam anhörte wie ein Hauptcharakter in einer kitschigen Romanze.
„Fünf Monate sind gar nicht so lang im Vergleich zu der Zeit, die mir noch hier bevorsteht", erwiderte Sehun achselzuckend.
Luhan versuchte sich die nächsten Jahre vorzustellen und war überrascht darüber, wie sich, scheinbar mühelos, ein Bild vor seinem inneren Auge bildete.
♥
Kris klimperte seit fast drei Minuten unentwegt mit den Wimpern und Luhan war mittlerweile mehr als versucht sie zwischen den Fingern einzufangen und ihm rauszureißen. Das würde seiner Attraktivität wahrscheinlich einen gehörigen Dämpfer verpassen – Luhan war fast versucht es tatsächlich zu tun nur um Kris' geschockten Gesichtsausdruck zu sehen.
Sein nerviger Gast war um etwa elf ins Restaurant gekommen, dieses Mal nur für einen Drink und etwas Unterhaltung. Luhan hatte gerade heute die Bar für sich, weil Chanyeol heute nicht arbeitete und Jongdae mittlerweile sicher genug im Service war, um Luhans Unterstützung nicht mehr zu brauchen. Das in Kombination mit der trägen Stimmung eines fast leeren Restaurants sorgte dafür, dass Luhan Kris seine gesamte Aufmerksamkeit widmen konnte. Er hatte es bereut, sobald er ihn gefragt hatte, was er Sehun zum Geburtstag schenken sollte.
„Wie wäre es mit noch einem Blowjob? Ich habe gehört, dass du ganz gut darin bist", hatte Kris mit einem Grinsen vorgeschlagen. „Leider nur aus unzuverlässiger, von dir eingenommener Quelle. Aber da besagt Quelle der Empfänger ist, um den es hier geht, musst du dir darüber keine Gedanken machen. Ich stimme für Blowjobs."
„Ich bin gut", hatte Luhan nur gemurmelt, bevor er sich abwandte und eine Ladung Gläser aus der Spülmaschine holte. Der warme Wasserdampf klebte an seinen Wangen und kühlte zu schnell wieder ab, was ihm immer eine Gänsehaut bescherte.
„Das hätte ich zu gerne selbst bestätigt."
Luhan verdrehte die Augen in Kris' generelle Richtung.
Und in etwa seit diesem Zeitpunkt klimperte Kris ihn mit seinen viel zu langen und viel zu dunklen Wimpern an – er hatte Wimpern wie Kühe, sollte dazu gesagt sein, was Luhan dann doch ein wenig lächeln ließ, (weil er das Bild von Kris mit Eutern nicht mehr aus dem Kopf bekam).
„Willst du noch einen davon?" Luhan zeigte auf den leeren Cocktail vor Kris. ‚Cosmopolitan' - Kris war in seinem Inneren eben eine Diva.
„Also, ich werde das Gefühl nicht los, dass du und Sehun mir etwas verschweigt. Sehun ganz bestimmt – er ist ein miserabler Lügner. Er benimmt sich in letzter Zeit wie ein wandelnder Regenbogen, aber bei Sehunnie kann man ja nie ganz wissen, was genau das zu bedeuten hat." Er bedachte Luhan aus schmalen Augen – wahrscheinlich mit seinem besten Sherlock-Holmes-Blick. „Aber jetzt kommst du mir auch ziemlich suspekt vor. Also, hier meine Schlussfolgerung: Ihr treibt es wie die Hasen miteinander."
Luhan suchte nach etwas, dass er ihm an den Kopf werfen könnte, aber selbst wenn er die arme Zitrone neben der Saftpresse so Zweckentfremdete, würde sich das gewiss nicht gut vor seinen Gästen machen, also hielt er sich zurück. Stattdessen warf er Kris einen sehr finsteren Blick zu. „Nein, so ist das nicht."
„Das klingt...nicht ganz nach dem was ich erwartet habe." Kris suchte sein Gesicht gründlich mit den Augen ab und schlug dann plötzlich mit der flachen Hand auf die Theke. „Nicht dein ernst! Der Junge hat es tatsächlich geschafft?"
„Könntest du..."
„Ernsthaft? Und der Mistkerl sagt mir nichts davon?! Ich hab mir stundenlang sein Geheul angehört und er sagt mir nicht, dass er dich-"
„So ist es NICHT", wiederholte Luhan mit mehr Nachdruck. Das Problem war, dass er selbst auch noch nicht wusste, WAS genau es war und Sehun erst recht nicht...
„Das klingt definitiv nach mehr als ich erwartet habe. Shit ich kann's nicht glauben." Er schüttelte sich sein braunes Haar aus den Augen. „Und du klangst so sicher, dass du ihm niemals verfallen würdest." Er schnaubte. „Ich wusste es! Ich hab's dir von Anfang an angesehen!"
„Was?"
„Dass du schwach für ihn werden würdest. Sehun hat etwas an sich, dass Leute so auf ihn reagieren lässt."
Luhan war nicht ganz glücklich über die Sicherheit, mit der Kris seine Worte aussprach. „Kris, es ist wirklich nicht-"
„Ja, schon verstanden", fuhr er schnell dazwischen. „Hey, bedeutet das du ziehst den jüngeren dem älteren Bruder jetzt vor? Ich hätte nämlich wirklich nichts dagegen Sehunnies älteren Bruder mal auf einen Drink einzuladen."
Luhan funkelte Kris nur lange und finster an.
Kris seufzte. „Du kannst nicht beide Brüder behalten Kumpel. Sharing is Caring."
Er hatte es nur scherzhaft ausgesprochen, aber Luhan traf diese Information dennoch härter als angenommen. Natürlich wusste er das und es stand ja niemals zur Debatte, dass er Junmyeon jemals ‚hatte' aber es ließ ihn dennoch darüber nachgrübeln...
Hatte er wirklich tiefere Gefühle für Sehun als für Junmyeon?
Er suchte nach einer Antwort und stieß nur auf Verunsicherung.
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Am Ende des Abends hatte Luhan immer noch keine Ahnung, was für ein Geschenk er Sehun besorgen sollte.
♥
Luhans Kindheit war wahrscheinlich nicht das Abbild von Glück und Freude gewesen, aber er hatte nie geglaubt, dass er allzu negativ von ihr geprägt worden war. Sein Vater hatte ihm beigebracht sich nicht auf andere Leute zu verlassen, sich selbst durchs Leben zu schlagen und hart zu arbeiten. Luhan hatte viel Zeit mit Fußballspielen verbracht und seine Schwester in der Bibliothek und vielleicht hätten sie es heute beide geschafft ihren Traum zu verwirklichen – Luhan als Fußballspieler und seine Schwester als Ärztin – wenn ihr Vater nicht im Gefängnis gelandet wäre. Wenn sie einfach immer so weitermachen hätten können, wie bis dahin.
Probleme waren erst aufgetaucht, als seine Mutter und das Jugendamt vor ihrer Haustür standen und Luhan und seiner Schwester berichteten, was sie FÜR SIE beschlossen hatten. Luhan hatte bis dahin nur schattenhafte Erinnerungen an seine Mutter gehabt, verbunden mit Streit, den er vom Türrahmen des Schlafzimmers seiner Eltern aus beobachtet hatte, verbunden mit Koffern, die gepackt und Aufbruchsbereit im Hausflur standen, verbunden mit einer letzten Umarmung, die keine Entschuldigung und ein ‚Bis bald', sondern ein ‚Lebewohl' bedeuten sollte. Verbunden mit Trennung, die ihm das Herz gebrochen hatte.
Danach hatte sich Luhan nur noch in die Dinge verliebt, die ihn nicht zurückliebten. Es war einfacher auf diese Art. Leben war einfacher. Er gab niemandem die Chance sich in ihn zu verlieben und kämpfte auch nicht darum geliebt zu werden.
Wenn er es ernsthaft versucht hätte, wenn er wirklich alles darum gegeben hätte Junmyeon für sich zu gewinnen, so wie es Sehun mit ihm getan hatte...vielleicht hätte Junmyeon ihn dann zurückgeliebt.
Aber in Wahrheit hatte Luhan immer zu große Angst davor gehabt. In Wahrheit steckte er in einem Zwischenraum fest, in dem er geliebt werden wollte und doch zu große Angst davor hatte.
Vielleicht war er also doch von seiner Vergangenheit geprägt worden und vielleicht hatte er es immer gewusst, aber niemals zugegeben.
Und vielleicht hatte ihn Sehun völlig durchschaut.
(Und vielleicht war Luhan nun nicht mehr in der Lage sich nicht mehr zu wünschen, dass jemand in ihn verliebt war weil...jemand die Mauern seines Zwischenraums hinuntergerissen hatte und Luhan nun aus nächster Nähe betrachtete und nicht mehr nur aus der Ferne).
♥
Luhan hatte gerade die Pullover gefaltet, die er auf den Trip nach Chungcheongbuk-do mitnehmen wollte, als es an seiner Tür klingelte. Er hatte eine Ahnung wer sich noch um acht Uhr abends vor seine Tür verlaufen könnte...
Seine Ahnung wurde bestätigt.
„Gewöhnst du dir wieder ab dein Telefon zu benutzen, bevor du hier aufkreuzt oder hast du es nur vergessen?" Luhan zog ihn über die Türschwelle als Sehun nicht von sich aus eintrat.
„Beides?" Er lachte leise – etwas in seiner Stimme klang belegt und nicht wie üblich. „Ich weiß nicht, sorry, ich hätte anrufen sollen."
„Ich war nicht beschäftigt", versicherte Luhan schnell. „Ich habe gerade für morgen gepackt. Bist du schon fertig?"
„Hyung hat mich schon vor einer Woche dazu genötigt meine Sachen bereitzulegen. Er wird immer nervös, wenn er verreisen muss, ich weiß nicht wieso."
„Dafür ist Junmyeon die einzige Person, die ich kenne, die verreist, ohne letztlich doch noch etwas zu vergessen." Luhan ging Sehun voraus zurück ins Schlafzimmer, wo seine Kleidung auf dem Bett ausgebreitet war und darauf wartete von ihm gefaltet und weggepackt zu werden. „Ich vergesse ständig irgendetwas, deshalb packe ich nicht gerne."
Sehun suchte sich einen kleinen Fleck auf dem Bett aus, auf den er sich setzen konnte. „Als ich jünger war hat Hyung mir beigebracht, wie man den Platz im Koffer am effizientesten ausnutzen kann. Was gerollt werden kann, sollte man rollen. Socken und Unterwäsche stopfen die Lücken, Gürtel legt man, wie eine Schlange, am Kofferrand entlang, Handtücher werden auf alles draufgelegt und Schuhe, in einer Tüte, auf die Handtücher gedrückt, bevor man den Koffer verschließt. Er führt Selbstgespräche während er seinen Koffer packt. Singt sich diese Regeln leise vor."
Das erinnerte Luhan daran, dass Junmyeon ihm schon einmal dabei geholfen hatte einen Koffer zu packen. Luhan war damals neunzehn gewesen und gerade mit der Schule fertig. Er durfte das Jugendheim verlassen und in seine erste, eigene Wohnung ziehen. Junmyeon war gekommen um ihm dabei zu helfen und er hatte tatsächlich die ganze Zeit über vor sich hin gemurmelt, während er seine T-Shirts zusammenrollte und in seinem Koffer verstaute. Damals dachte Luhan, dass er einen anderen Menschen niemals mehr lieben könnte als ihn.
Als Luhan zu Sehun sah, war sein Blick fest auf ihn gerichtet, als hätte er ihn schon seit einer Weile beobachtet. Luhan wurde unwillkürlich etwas wärmer. Er verstaute den Pullover den er gerade vom Bett gehoben hatte, bevor er in Gedanken versunken war, und warf auch seine T-Shirts und eine Pyjamahose hinterher, unachtsamer dieses Mal. Schneller.
„Minseok hat wilde Fantasien, was für einen Geburtstagskuchen er für dich backen soll. Kyungsoo ist regelrecht verzweifelt, weil er für die Einkäufe verantwortlich ist, aber bis heute noch nicht weiß, welche Lebensmittel Minseok alles brauchen wird."
„Alle sind so enthusiastisch, nur, weil ich Geburtstag habe."
Luhan wandte sich wieder zu ihm um. „Alle bis auf du wie es scheint." Er hatte den Großteil des Bettes nun wieder freigeräumt und warf auch die letzten Kleidungsstücke – ein paar Socken – einfach in den Koffer, bevor er sich ebenfalls aufs Bett setzte. „Was ist mir dir? Du ziehst ein Gesicht als würdest du dich überhaupt nicht freuen?"
Sehun sah ihn aufmerksam an, es war als könnte Luhan spüren wie sein Blick sein Gesicht abfuhr, es war ein bisschen wie das Kitzeln von Sonnenstrahlen auf bloßer Haut. Das Gefühl verschwand als Sehun auf seine Hände hinunterblickte.
„Mir wird bei längeren Autofahrten immer übel", sagte Sehun und lächelte verlegen. „Das macht mir ein wenig Sorgen."
Luhan hätte nicht gedacht, dass so etwas banales Sehun so sehr mitnehmen könnte. In Luhans Fingern kitzelte es die Hand auszustrecken und ihm auf die Schulter zu klopfen oder ihm seine Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Das Deckenlicht warf Schatten auf sein Gesicht, Luhan konnte sich nicht mehr zurückhalten.
Seine Haare waren weich zwischen seinen Fingern, er trug sie nun etwas kürzer als bei ihrer ersten Begegnung, aber es stand ihm gut. „Junmyeon fährt vorsichtig und wir können bestimmt viele Pausen einlegen."
Luhan fühlte sich von Sehun angezogen, als wäre er magnetisch und sie zwei unterschiedliche Pole. Es war nicht fair, wie sehr er Sehun nun wollte, wenn er sich am Anfang noch so sicher gewesen war, dass er sich niemals auf ihn einlassen könnte.
Luhan hatte seit geraumer Zeit nichts gesagt, sondern war unbewusst einfach etwas näher gerückt. Sehun hatte ihn dabei beobachtet, sein Atem ging etwas schneller.
Himmel, Luhan wollte ihn so dringend küssen.
„Sehunnie." Seine Hand wanderte seine Wange hinunter. „Ist das in Ordnung?"
Überraschung trat in seine Augen, bevor sie mit dem Nicken seines Kopfs verschwand. Mehr brauchte Luhan nicht, bevor er sich nach vorne beugte und Sehuns Lippen in einem Kuss einfing. In letzter Zeit war er vertraut mit seinem Mund geworden. Mit der Art wie Sehun am Anfang nur sanften Druck ausübte, aber mit der Zeit, wenn er warm und weich unter Luhans Führung wurde, heftiger zurückdrückte, mehr verlangte und weniger gab. Luhan mochte es, wenn Sehun langsam nachgab, langsam aufhörte nachzudenken und zu hinterfragen und einfach zurückküsste.
Es war warm. Viel zu warm für November.
Luhan drückte Sehun an seiner Schulter zurück, bis er nach hinten ins Bett zurückfiel, seine Haare fielen wie ein verdammter Heiligenschein auf das Kopfkissen zurück. So sah er viel zu gut aus: Unter Luhan, ausgestreckt auf seinem Bett, die Augen fest auf ihn gerichtet... Feuer brannte in Luhans Brust. Er küsste Sehuns Lippen, seine Mundwinkel, sein Kinn und anschließend seinen Hals hinunter. Er fuhr unsichtbare Sternenkonstellationen auf seiner Haut entlang - ein Universum das es zu erkunden galt. In der Vertiefung seiner Schlüsselbeinknochen verlor er sich für einen Moment, bevor er den Saum seiner T-Shirts erreichte.
Luhan richtete sich auf und blickte auf Sehun hinunter, dessen Wangen schon jetzt glühten und der Wärme ausstrahlte, als hätte sich eine kleine Sonne in seinem Inneren eingenistet. Seine Augen waren nur auf Luhan gerichtet, so wie sie es schon immer gewesen waren. Sehun hatte nie von ihm fortgesehen, aber es hatte fünf Monate gedauert, bis Luhan zurückgesehen hatte. Er griff nach dem Saum seines eigenen Sweatshirts und zog es sich über den Kopf. Jetzt würde es Luhan sein, der nicht mehr fortsehen könnte.
„Luhan", flüsterte Sehun, als er sich wieder über ihn beugte, eine Hand unter seinem Shirt wo seine Finger über seinen Bauch tanzte. „Ich bin so verliebt in dich. So sehr."
Luhan erschauderte. Er wusste es. Er konnte es in Sehuns Augen sehen, in dem Druck seiner Hand spüren, die seine nackte Seite nach oben fuhr, in der Art wie er seinen Namen aussprach hören, in einfach allem. Es war berauschend so sehr geliebt zu werden. Aber Luhan hatte seine Gefühle schon mehr als einmal mit Füßen getreten, er würde es nicht noch einmal tun. Dieses Mal würde Luhan ihm nicht sagen, dass er ihm nichts bedeutete – weil es eine Lüge wäre, dieses Mal würde er nicht mit ihm intim werden und die Sache dann todschweigen. Luhan hatte sich selbst versprochen die Sache langsamer angehen zu lassen, er musste sich erst selbst klarwerden lassen was das hier bedeutete und wollte mit dem nötigen Ernst an die Sache herangehen...und dennoch war er jetzt hier. Er hatte es noch nicht einmal fertig gebracht ein ehrliches Gespräch mit Sehun zu führen. Verdammter Mist auch.
Tiefes – sehr, sehr tiefes – Bedauern stieg in seiner Brust auf, als er Sehun einen Moment länger unter sich betrachtete, bevor er sich wieder auf die Arme abstütze und sich zur Seite schwang. ‚Geschafft', dachte er mit pochendem Herzen. ‚Dafür hätte ich sogar die Champions League sausen lassen.' Er brauchte einen Moment länger damit sein rotes Gesicht sich abkühlte. Sehun schwieg währenddessen.
„Du kannst es wirklich nicht, nicht wahr? Selbst wenn du wolltest?"
Das schon wieder. „Nein, das ist es nicht Sehunnie."
„Nenn mich nicht so."
Luhan gefror, Sehuns Stimme hatte Messerscharf geklungen. Er wandte sich langsam zu ihm um. Die Bettdecke raschelte, als Sehun sich auf den Händen abstütze, um sich aufzusetzen.
„Meine Eltern nennen mich so und...Hyung nennt mich so. Ich will nicht, dass du mich genauso nennst wie sie." Seine Augen verschwanden unter den Schatten, die das Deckenlicht über ihn warf.
„Entschuldige, ich wusste nicht, dass es dich stören würde."
„Nicht? Oder war es dir nur egal? Schon wieder egal?"
Vielleicht. Am Anfang zumindest. Jetzt nicht mehr.
„Du bist so verdammt unsensibel Luhan."
Das konnte er nicht leugnen. „Ich weiß, tut mir leid." Er wollte nach seiner Hand greifen, aber Sehun zog sie fort, bevor er sie erreichen konnte. Sie schwebte für einen Moment in der Luft, abgewiesen und fehl am Platz, bevor er sie wieder sinken ließ. „Sehun, hör zu, das hier tut mir wirklich leid und es ist nicht so wie du denkst, das versichere ich dir."
„Was ist es dann?"
Luhan hasste wie kalt Sehuns Stimme klang, wie er sich langsam von ihm fortzog und in sich selbst verschwand, wenn er eben noch so offen und leicht zu lesen gewesen war. Luhan hasste ebenfalls, wie die Worte ihm in der Kehle steckenblieben, wenn es so einfach wäre. Eine Entschuldigung (vielleicht ein paar mehr), ein Geständnis, ein paar echte Gefühle und alles könnte so einfach sein.
Stattdessen zögerte Luhan, weil es nicht fair war, dass er in diesem Moment wieder an Junmyeon dachte und hinterfragte, ob er wirklich bereit dazu war sich NICHT mehr lieben zu lassen. Es war nur ein kurzer Anflug von Zweifeln, aber der Moment war dagewesen und nicht mehr ungeschehen zu machen. Er krallte sich in Luhans Innerem fest, wie die Klauen einer Bärenfalle, und blieb unnachgiebig. Luhan war noch nicht bereit für dieses Gespräch. So fortschrittlich seine Gedanken auch waren, so viel er auch für Sehun empfand und sich diese Gefühle eingestehen konnte – die Realität sah anders aus. Er konnte es nicht.
Sehun seufzte leise, als hätte Luhan die Frist überschritten, die er auf eine Antwort warten würde. „Egal, was auch immer, es ist meine Schuld. Ich bin derjenige, der Gefühle für dich hat." Er schwang die Beine über den Bettrand. „Und ich habe große Töne gespuckt, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn du mich benutzt, statt...irgendjemand anderes. Das war nicht wahr, es war nie wahr als ich sagte, dass es in Ordnung wäre. Ich bin nur ein Idiot, der das nicht einsehen konnte." Er hielt Luhan den Rücken zugekehrt, so dass er nicht sagen konnte, was sich gerade auf seinem Gesicht abspielte. Luhan konnte es sich auch nicht vorstellen. „Ich bin immer noch dagegen, dass du was mit fremden Kerlen anfängst, aber ich bin fertig damit. Ich kann wirklich nicht mehr." Sehun setzte die ersten Schritte, Richtung Tür, ohne sich zu Luhan umzuwenden. Sein Herz pochte ihm wieder gegen die Brust, das schrille Warnsignal einer Pfeife hallte in seinem Kopf nach, rote und gelbe Strafkarten tanzten vor seinen Augen.
Luhan. Musste. Handeln.
Aber er tat es nicht.
Kurz darauf hatte Sehun die Wohnung wieder verlassen.
♥
Es war nicht das erste Mal das Sehun ihm die kalte Schulter zeigte, also war Luhan auch dieses Mal zuversichtlich, dass er die Sache wieder geradebiegen könnte. Sehun würde nicht ewig wütend bleiben, wenn Luhan sich bei ihm entschuldigte...Er hatte zwar noch nicht mit sich selbst vereinbart, wie ehrlich er sein würde, aber spontan funktionierte er ohnehin besser (nicht wirklich).
Den ersten Rückschlag in seiner Theorie erlitt Luhan als Junmyeons Wagen vorfuhr.
„Kris?", fragte er überrascht. „Was machst du hier?"
Kris winkte ihm gutgelaunt vom Beifahrersitz neben Junmyeon zu. „Sehunnie hat mich eingeladen." Seine Augen fuhren flüchtig zur Seite, nur eine Andeutung auf Sehun, bevor er sie wieder auf Luhan richtete. Verwirrung war ihm ins Gesicht geschrieben – schön, das machte sie gleichermaßen verwirrt.
„Brauchst du Hilfe mit deinem Koffer?" Luhan fuhr rot an, als er bemerkte, dass er Junmyeon völlig übergangen hatte in seiner Verwirrung Kris zu sehen.
„Ah nein danke, ich komme klar." Junmyeon hatte den Motor aber bereits abgestellt und sich abgeschnallt. „Es ist etwas voll dahinten, ich helfe dir."
„Danke."
Luhan sah wieder zu Sehun herüber, der neben Jongin auf dem Rücksitz saß, aber stur geradeaus blickte. Jongin winkte ihm verlegen zu, was Luhan mit einem kleinen Lächeln beantwortete. Großartig, vielleicht würde das doch ein wenig schwerer werden, als Luhan angenommen hatte.
Junmyeon ließ den Kofferraum aufspringen, der tatsächlich schon mehr als gut gefüllt war. „Ich hätte keinen Handgepäckkoffer nehmen sollen", murmelte Luhan. Er hatte aber auch nicht wirklich eine andere Tasche in die genug reingepasst hätte. Er hatte es mit seiner Sporttasche versucht aber die war mit seinen Wanderschuhen schon halb voll gewesen.
„Nein, das passt schon." Junmyeon schob ein paar Dinge zur Seite und quetschte andere in ihre Lücken - er war bestimmt ein geschickter Tetrisspieler. Junmyeon nahm ihm anschließend seinen Koffer ab und verstaute ihn perfekt in dem eben neugeschaffenen Leerraum. „Ich freue mich auf den Trip. Ich bin froh, dass alles geklappt hat." Junmyeons Lächeln hatte wieder seine übliche Wärme zurückerlangt, die Luhan in letzter Zeit so gefehlt hatte. Luhan erwiderte sein Lächeln, weil Junmyeon ihm gefehlt hatte und weil er keine Lust mehr auf die Anspannung zwischen ihnen hatte.
„Ich freue mich auch. Es wird ein großartiges Wochenende mit allen anderen."
Junmyeons Lächeln wurde breiter. „Dann mal los, wir müssen vor den anderen da sein um sie reinlassen zu können."
Junmyeon stieg wieder auf der Fahrerseite ein und Luhan ging auf Sehuns Türseite. Er stand für einen Herzschlag ziemlich dämlich vor seiner Tür und wurde noch immer ignoriert.
Jongin drückte die Tür auf seiner Seite auf. „Hierher Hyung, ich sitze in der Mitte." Luhan zögerte für einen Moment, bevor er den Wagen mit einem Seufzen umrundete. Wunderbar. Sehun meinte es dieses Mal also ernst.
Jongin quetschte sich in die Mitte, eng gegen Sehun als Luhan einstieg und die Tür neben sich zuzog.
„Tut mir leid, dass es für euch so eng ist."
„Das ist es nicht", erwiderte Jongin um Junmyeon zu beruhigen. Luhan sah wie er Sehun seinen Ellbogen in die Seite drückte, aber Sehun reagierte nicht. Nun sah er starr aus dem Fenster, auf seiner Seite, heraus. Luhan seufzte leise und rutschte ein wenig näher zur Tür heran damit Jongin mehr Platz hatte. Das war ein wirklich toller Start in ihr Wochenende.
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Nach anderthalb Stunden legte Junmyeon eine kurze Tankpause ein.
„Dort hinten ist ein Toilettenhäuschen, falls jemand muss", sagte er, wie der Touristenführer zu dem er sich für diesen Trip selbst auserkoren hatte. Luhan und die anderen winkten dankend ab. Während Junmyeon in dem kleinen Kiosk verschwand, um zu bezahlen, wandte sich Luhan zur Seite um.
„Du willst mich die nächsten Tage wirklich ignorieren?"
Sehun antwortete nicht.
„Komm schon, du kannst zumindest mit mir reden."
Kris seufzte leise. „Worauf habe ich mich da nur eingelassen?" Jongin wimmerte leise in Einverständnis.
„Was machst du hier überhaupt?", richtete Luhan an Kris.
„Sehunnie wollte spontan das ich mitkomme." Er zuckte die Achseln. „Wieso seid ihr dieses Mal wieder verstritten?"
„Das Übliche", murmelte Sehun – die ersten Worte, die Luhan heute von ihm gehört hatte. „Ich will dich nicht ignorieren", setzte er dann fort, noch immer ohne ihn dabei anzusehen. „Ich will nur nicht mit dir reden."
„Das ist dasselbe."
„Luhan hat Recht." Luhan war sich noch nicht sicher, ob er Kris' Unterstützung wirklich haben wollte...
„Was auch immer."
„Sehun", setzte Luhan an und rutschte dabei ein Stück nach vorne. Jongin presste sich fester gegen seinen Sitz, als wollte er im Polster verschwinden. „Lass uns noch einmal darüber sprechen, du hast das gestern völlig missverstanden."
„Nein, ich denke nicht."
Gott er war eine Nervensäge. „Doch das hast du."
„Ich will nicht mit dir reden."
„Sehun-"
„Wirklich nicht."
Luhan gab auf. Hier, über Jongin hinweg zu sprechen, während Kris ihn mit fragenden Blicken bombardierte, war wirklich nicht der beste Augenblick, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Eine Minute darauf kam auch Junmyeon wieder zurück.
„Ich habe Wasser besorgt, falls jemand durstig ist."
Angespannte Stille grüßte ihn zurück. Was für ein Chaos.
„Danke!", sagte Kris übermotiviert und griff nach der Wasserflasche in Junmyeons Hand. Junmyeons Augen begegneten Luhans im Innenspiegel, bevor er sie wieder geradeaus richtete und den Motor startete. Über die restliche Fahrt hinweg sah Luhan immer wieder zu Sehun herüber, blieb jedoch unbeachtet. Er versank etwas tiefer in seinem Sitz und schloss die Augen. Ob er dieses Wochenende überstehen würde?
-
Sie erreichten die Herberge, wie Junmyeon gehofft hatte, vor den anderen. Es war ein zweistöckiges Haus mitten im Wald, eingerahmt von bunten Laubbäumen und einer Ruhe, die in der Stadt unmöglich war. Luhan konnte das zwitschern von Vögeln über sich hören und das Rascheln der Baumkronen, wenn der Wind sie erfasste. Es passte. Dass Junmyeon hier aufgewachsen war erschien ihm nur stimmig.
Eine ältere Dame begrüßte sie, sobald Junmyeon die Türklingel betätigte. Sie kniff ihm in die Wange, nachdem er sie begrüßt hatte und machte ihm Komplimente zu seinem Aussehen.
„Alle guten Männer verschwinden nach Seoul", sagte sie mit einer tadelnden Stimme und einem enttäuschten Kopfschütteln. „Du hast mein altes Herz gebrochen, als du damals von Zuhause fortgezogen bist."
Junmyeon lachte nur verlegen und stellte sie anderen dann vor. „Das hier ist Frau Ukihara, sie leitet ein paar der Herbergen unserer Familie. Sie ist die gute Seele, die hier die Ordnung bewahrt."
Während die ältere Dame, erfreut über so viel Lob, noch einmal in Junmyeons Wange kniff, dachte Luhan daran, dass der Name Japanisch klang und damit wohl den leichten Akzent erklärte den er erst jetzt heraushören konnte, da er darauf achtete.
Sobald sie zur Seite trat um sie anderen einzulassen, schlang sie auch einen Arm um Sehun und drückte ihn fest an sich. „Was ist mit dir passiert? Wo ist der schlaksige Teenager hin, der vor einem halben Jahr von Zuhause ausgezogen ist? Hm? Womit füttert dein Bruder dich? Steroide?"
Sehun lächelte ihr warm entgegen und ließ sich verhätscheln, während Frau Ukihara sich wieder Junmyeon zuwandte und lobte, wie gut er sich um seinen kleinen Bruder zu kümmern schien. Sobald sie ihren zweiten Arm um Jongin geschlungen hatte und die Beiden sich vor ihrer Brust beinahe die Köpfe stießen, als sie sie an sich drückte, schien das Bild komplett.
Luhan und Kris blieben ein Stückchen hinterher und beobachteten die Szene belustigt. Es war so offensichtlich, dass Sehun und Jongin hierher gehörten – vielleicht sogar ein klein wenig mehr als Junmyeon – dass Luhan das Gefühl hatte, er betrachtete ein Mosaik, das perfekt zusammengesetzt worden war.
Frau Ukihara führte sie anschließend einmal durchs Haus, zeigte ihnen die Küche, das Bad und die Abstellkammer, wo sie Handtücher und anderes Essentielles vorfinden würden und anschließend die ersten drei Schlafräume und das große Wohnzimmer. Sie setzte die Führung im zweiten Stockwerk fort, wo sich die restlichen Schlafräume befanden, darunter auch die zwei größten, mit zwei Doppelbetten und einem großen Balkon, der den Blick auf den kleinen Teich vor dem Wald gerichtet hatte. Alles war sehr sauber und liebevoll eingerichtet, mit Elementen, die zwischen traditionell und westlich angehaucht schwebten.
Frau Ukihara deutete auf einen der großen Schränke im größeren Schlafzimmer. „Falls euch die Betten ausgehen gibt es Futons in den Schränken, die ihr benutzen könnt. Zögert nicht den Ofen anzuschalten wenn ihr friert. Frisches Holz liegt bereits bereit." Sie zwinkerte Sehun zu. „Oder dreht die Heizung auf, wenn es schnell gehen muss."
Sehun grinste nur breit zurück. Dieser Ort hier schien eine jugendliche Seite aus ihm herauszuholen, die Luhan in letzter Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ein Sehun, der über beide Ohren grinsen konnte, mit glitzernden Augen und Motivation in jedem Kopfnicken. Es war schön ihn so zu sehen.
Junmyeon kam an seine Seite während sie, von Frau Ukihara geleitet, wieder die Treppe in den unteren Stock nahmen. „Gefällt es dir?"
Luhan nickte. „Es ist wirklich schön, ich kann nicht glauben, dass deine Eltern uns das Haus wirklich für ein ganzes Wochenende überlassen haben."
„Die Hochsaison ist vorbei, das heißt so kurz vor Winter verirren sich nicht mehr allzu viele Touristen hierher. Zu Weihnachten und Silvester wird es noch einmal voll, aber das hier ist eine Art Zwischenzeit in der alle etwas aufatmen können." Junmyeons Stimme war warm, wie süßer Kakao an einem regnerischen Herbstmorgen, während er über das Geschäft seiner Familie sprach. „Es ist die perfekte Gelegenheit, um euch hierher zu bringen." Ihre Schultern berührten sich während sie die Treppe hinunterstiegen.
„Ich denke es wird schade sein nach einem Wochenende wieder gehen zu müssen." Luhan war in einer ruhigen Gegend von Seouls aufgewachsen, die dennoch immer noch deutlich größer war als das stille, ländliche Chungcheongbuk-do hier. Er hatte den Großteil seines Lebens also zwischen hohen Betonbauten und hunderttausenden von Menschen verbracht und sich nie Gedanken darüber gemacht, wie es wäre auf dem Land zu leben, aber das hier war nicht schlecht. Es war wirklich schön.
„Wir könnten wiederkommen", sagte Junmyeon leise, fast als hätte er zu sich selbst gesprochen, aber Luhan hatte ihn verstanden. „Wenn du möchtest, meine ich."
Luhan kam nicht dazu etwas zu erwidern, weil kurz darauf die Klingel durchs Haus schrillte.
„Das müssen Minseok und Kyungsoo sein", sagte Junmyeon und ging an ihm vorbei um die Tür zu öffnen. Luhan sah ihm mit trockenem Mund hinterher.
„Du steckst in verdammt großen Schwierigkeiten", flüsterte Kris ihm plötzlich ins Ohr. Luhan hatte vergessen, dass er hinter Junmyeon und ihm gelaufen war.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst", erwiderte Luhan und ging ebenfalls zur Tür um Minseok ein paar seiner Tüten abzunehmen. Sein Herz schlug ihm wild gegen die Brust.
-
Minseok und Kyungsoo kamen mit Zitao und Baekhyun an, die sofort aufgeregt das Haus erkundeten, das größer war, als sie sich ausgemalt hatten. Frau Ukihara verabschiedete sich kurz darauf und überließ ihnen die Schlüssel, wie auch all ihre Kontaktdaten und ein paar Reisebücher mit Karten, die Junmyeon belustigt musterte, als die ältere Frau sie ihm in die Hand drückte. Zwanzig Minuten später kamen auch Sooyeon, Jisoo, Yixing und Jongdae an, was ihre Runde aus dreizehn komplett machte.
Das Foyer vor der Haustür war nun vollgestellt mit kleinen Koffern und Reisetaschen, aber Junmyeon schlug vor, dass sie sich zunächst im Wohnzimmer besprechen sollten.
Minseok hatte ein breites Grinsen auf den Lippen, als er sich Luhan gegenüber in die Couch sinken ließ. Es gab genug Sitzmöglichkeiten, aber Jongin und Sehun setzten sich trotzdem auf den Teppich in die Mitte des Raumes, damit sie alle beieinander waren.
„Fühlt sich an wie ein Schulausflug", bemerkte Kris kichernd. Luhan war gar nicht überrascht, dass er Spaß an der Situation hatte.
„Kümmern wir uns am besten erst um die Raumaufteilung." Einverständliches Nicken folgte seinen Worten. „Sooyeon und Jisoo, es gibt ein Schlafzimmer im oberen Stockwerk, das direkt an ein Bad grenzt, ich dachte, dass wäre am besten für euch."
Sooyeon lächelte breit. „Klingt super Chef." Jisoo nickte mehrfach. Luhan sah wie ihr Blick flüchtig zu Jongdae glitt und entschied sich diese Information für später abzuspeichern – vielleicht um Jongdae damit aufzuziehen.
„Ansonsten gibt es oben noch ein großes Zimmer für drei Personen – das mit dem Balkon und vier weitere Zimmer für zwei Personen. Davon ist nur die Hälfte mit Einzelbetten und die andere mit Doppelbetten ausgestattet also darüber müssten wir losen."
Minseoks Hand schoss in die Höhe. „Vorschlag: Da Sehunnie morgen Geburtstag hat, sollte er das große Zimmer bekommen."
Junmyeon blinzelte kurz dann zuckte er die Achseln. „Wenn niemand anderes Ansprüche erhebt? Dann teilen sich Sehunnie, Jongin und ich-"
Minseok schüttelte schnell den Kopf. „Du solltest ihnen ein wenig Freiraum gönnen Junmyeon", setzte er fort, mit einem tadelnden Ausdruck in den Augen. „Sehunnie sollte zumindest eine Nacht nicht an seinen großen Bruder gebunden sein." Seine Augen fanden Kris. „Außerdem wäre das Kris gegenüber mies. Er ist immerhin für Sehunnie hier."
„Oh, ich dachte nur" Junmyeons Augen fuhren zwischen Luhan und Kris hin und her, aber die Worte erstarben ihm recht schnell auf den Lippen. „Gut", erklärte er sich einverstanden, vielleicht ein wenig schneller, als Luhan erwartet hatte. „Dann nehmen Sehunnie, Jonginnie und Kris das große Zimmer. Ist das so in Ordnung?"
Jongin und Kris nickten und Sehun tat es ihnen gleich, ohne jemanden anzusehen.
Minseoks Grinsen wurde umso breiter. Eine ungute Vorahnung beschlich Luhan. „Ich teile mir ein Zimmer mit Kyungsoo", verkündete Minseok. Luhan starrte ihn schockiert an, er war sich ziemlich sicher gewesen, dass er sich ein Zimmer mit Minseok teilen würde.
„Ich mit Zitao", rief Baekhyun als nächstes aus und ehe Luhan sich versah, hatte Yixing verkündet, dass er mit Jongdae in ein Zimmer gehen würde. Luhan hatte das Gefühl, dass dieser Hinterhalt sehr genau von Minseok und den anderen geplant worden war und so wie sie ihn angrinsten, gab es keine Zweifel daran, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.
Junmyeons Lächeln war wie festgefroren auf seinen Lippen, als er sich zu Luhan umwandte. „Ah, na dann." Junmyeon sah nicht im Geringsten begeistert aus, auch wenn er sich offensichtlich Mühe gab, seine offenkundige Überraschung zu kaschieren.
„Ah und wir brauchen zwei Betten", grinste Minseok um noch eins draufzulegen. „Wir werden alle verhungern wenn Kyungsoo und ich vor lauter Müdigkeit nicht richtig kochen können."
„Wir auch!", rief Baekhyun aus. „Zitao ist ein unruhiger Schläfer! Und habt ihr seine langen Arme und Beine gesehen?! Ich will nicht, dass er seine Kung-Fu Tricks bei mir einsetzt während ich schlafe!" Er erschauderte. „Das könnte unschön enden."
Yixing zuckte die Achseln. „Uns reicht ein Bett." Er wackelte mit den Augenbrauen in Jongdaes Richtung, der vor Schock rot anlief und zu husten begann. Yixing lachte über seinen eigenen Scherz lauthals los.
„Dann hätten wir ja alles geklärt", sagte Minseok. Er klatschte zufrieden in die Hände und ließ damit den Vorhang über sein grandioses, aber hinterhältiges, Bühnenspiel fallen. Luhan sah ihm hinterher, als er zurück ins Foyer ging, um seine Tasche in sein Zimmer zu bringen. Junmyeon war ebenfalls noch immer gefangen in einem Schockzustand.
Und als Luhan zu Sehun sah, war dieser bereits aufgestanden und ging Minseok hinterher – Luhan keines Blickes würdigend.
Für einen Moment stellte sich Luhan vor, wie es wäre Kyungsoos Auto kurzzuschließen und mit durchgedrücktem Pedal zurück nach Seoul zu rasen...Es war eine schöne Vorstellung, aber keine, die er realisieren konnte.
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„Entschuldige", sagte Junmyeon mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Er packte gerade seine Sachen aus seinem Koffer und schien dabei einem ganz bestimmten Plan zu folgen. Er legte seine Sachen in drei Stapeln auf seiner Seite des Bettes aus – ganz links Handtücher und Badesachen, in der Mitte seinen Schlafanzug, Hausschlappen (natürlich), Unterwäsche (Luhan glaubte zumindest das es Unterwäsche war, denn er sah nur eine Tüte mit ungewissem Inhalt) und Socken. Rechts legte er seine Hosen, Hemden und Pullover für draußen nebeneinander. Ein perfekt ausgedachtes Schema. Luhans Seite des Bettes war ein Chaos.
„Wofür entschuldigst du dich?", fragte Luhan. Eigentlich wollte Luhan wissen, wieso Junmyeon ihm nicht in die Augen sah, während er sprach. Wieso zwischen ihnen noch immer Anspannung herrschte.
„Für das eine Bett. Es sollte nicht allzu eng werden aber", er schluckte hinunter. Luhan konnte es sehen, weil – anders als Junmyeon – Luhan ihn sehr wohl ansah. „Na ja, es ist trotzdem eben nur ein Bett."
„Das macht mir nichts aus. Keine Sorge." Luhan schnappte sich ein paar seiner Sachen und ging zum Kleiderschrank herüber, um sie auf den Regalen zu verstauen. Er hielt inne. „Dir?"
„Ah nein! Sorry das wollte ich damit nicht sagen!"
Junmyeon entschuldigte sich heute definitiv zu viel bei ihm. „Okay."
Sie kehrten zu Stille zurück, die unangenehm auf Luhans Haut kribbelte. Wieso musste es schon wieder so unangenehm zwischen ihnen sein?
„Luhan", sagte Junmyeon dann, er klang außer Atem. Luhan wandte sich zu ihm um, aber Junmyeon stand nur da, ohne weiter zu sprechen. Seine Mund war ein klein wenig gespalten, aber es kamen keine Worte aus ihm heraus.
„Ja?", fragte er, nachdem eine ganze Weile vergangen war. „Was ist?"
Junmyeon senkte die Augen. „Ah, nein, schon gut."
Die Anspannung zwischen ihnen wurde noch schlimmer, bald würde das Band zwischen ihnen reißen und jeden von ihnen mit seinem zerrissenen Ende treffen.
Luhan hasste es. Er hasste, dass Junmyeon ihn nicht ansehen konnte und dass Junmyeon sich in seiner Gegenwart so unwohl fühlte. Junmyeon war es gewesen, der Luhan lachend das Buch zurückgebracht hatte, das Luhan bei ihrer ersten Begegnung nach der Tür – nicht nach Junmyeon – werfen wollte, ihn aber trotzdem getroffen hatte. Es war mit diesem ersten Eindruck, dass Junmyeon sich trotzdem neben ihn gesetzt und nach seinem Namen gefragt hatte und damit bald zu Luhans Lieblingsperson wurde. Jemanden, auf den Luhan ungeduldig wartete, obwohl er wusste, dass es noch Tage dauern würde bis Junmyeon wieder ins Jugendheim käme. Jemand, für den Luhan wieder zur Schule gegangen war um ihn zu beeindrucken. Jemand, der Luhan ohne Fragen zu stellen in den Arm genommen hatte, als Luhan den ersten Brief seiner Schwester erhalten und ungelesen zerrissen hatte. Jemand, zu dem Luhan aufsah.
Das hier war schrecklich.
„Junmyeon", sagte Luhan und ging um das Bett herum, um sich vor Junmyeon zu stellen. Er war damit gezwungen von seinen eigenen Sachen aufzusehen und ihm seine Aufmerksamkeit zu schenken. „Ich weiß, dass ich einen Fehler begangen habe", setzte Luhan an und nahm noch einmal einen tiefen Atemzug um sich zu wappnen. „Und es tut mir ehrlich so sehr leid. Ich habe das Restaurant geschädigt und...dir als meinem Chef. Ich hätte mich nicht auf einen Gast einlassen sollen und ich hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen, dass er meinetwegen so eine Szene veranstaltet. Es tut mir ehrlich leid."
Junmyeon sah ihm überrascht entgegen, während Luhan sich Mühe gab seine Aufrichtigkeit nicht nur mit Worten, sondern auch mit seinen Augen kundzutun.
„Das...Ich bin dir deshalb nicht böse Luhan." Er blinzelte mehrfach. „Das bin ich nie gewesen."
„Wieso bist du dann wütend?"
„Was?"
„Wieso bist du wütend auf mich? Wieso...weichst du mir aus?"
Junmyeon zuckte zusammen, als hätte er nicht damit gerechnet, dass Luhan etwas bemerken würde was...naiv war, aber irgendwie auch zu Junmyeon passte. „Ich bin nicht wütend Luhan! Wirklich nicht, das ist es nicht, ich meine – nicht das überhaupt etwas ist, es ist nur..." Seine Wangen waren so rot, wie Herbstlaub, bevor es anfing bräunlich zu verfallen. „Ich bin nicht wütend und ich wollte dir kein schlechtes Gefühl geben." Er legte ihm plötzlich eine Hand auf die Wange, die Luhan nicht erwartet hatte. „Ich könnte nicht wütend auf dich werden." Seine Hand verschwand und plötzlich spannte sich ein Lächeln auf seinen Lippen. „Ich war nur dämlich, mach dir darum keine Gedanken."
Luhan nickte langsam, bedächtig und wandte sich ab. Sein Herz raste, aber nur weil...was hatte er eben gesehen? Was war in Junmyeons Augen geschrieben gestanden? Hatte Luhan es wirklich richtig gedeutet? Aber Junmyeon war nicht...er konnte nicht plötzlich...
„Wollen wir nachsehen, was die anderen machen?", fragte Junmyeon ein paar Augenblicke später. Luhan ließ sein Chaos auf dem Bett zurück und folgte Junmyeon mechanisch aus ihrem Zimmer heraus. Seine Gedanken schossen ungeordnet und durcheinander aus dem Vulkan seiner Zweifel heraus, den Junmyeon mit nur einem Blick plötzlich aktiviert hatte.
Die meisten anderen hatten sich mittlerweile ebenfalls wieder im Wohnzimmer versammelt und überlegten bereits, was sie als erstes tun wollten.
„Was schlägst du vor Boss?", fragte Yixing. Er und Baekhyun knabberten bereits an Salzstangen herum, die einer von ihnen mitgebracht hatte.
„Wir sollten erst eine Kleinigkeit essen und da wir noch etwas Zeit haben, bevor es dunkel wird: Wie wäre es, wenn wir schon einmal die Gegend erkunden?" Junmyeon sah zu Jongin und Sehun herüber. „Wir könnten zu dem kleinen Schrein in der Nähe laufen, der ist nur eine halbe Stunde zu Fuß entfernt und die Strecke ist nicht zu holprig. Am Abend könnten wir dann in ein Badehaus gehen. Was haltet ihr davon?"
„Klingt gut!", rief Baekhyun an einem Mundvoll Salzstangen vorbei. Zitao schnappte sich ebenfalls zwei aus der Packung und biss mit den Vorderzähnen auf ihnen herum, wie ein Eichhörnchen das an einer Eichel knabberte.
Kyungsoo erhob sich mit einem Nicken. „Wir könnten ein paar Sandwiches vorbereiten und später richtig kochen." Sooyeon und Jisoo meldeten sich freiwillig zum Helfen.
Luhan versuchte indes irgendwie Sehuns Blick quer durch den Raum einzufangen – vergeblich. Er schien sich partout zu weigern Luhan auch nur anzusehen!
„Es könnte kühl werden", sagte Junmyeon neben ihm, was Luhan schließlich von Sehun fortsehen ließ. „Du solltest etwas Warmes anziehen."
„Mache ich", versicherte Luhan. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Sehun sich erhob. „Ah ich denke ich gehe am besten jetzt schon einen dicken Pullover suchen!"
Luhan hörte nicht mehr, was Junmyeon antwortete, weil er Sehun und Kris schnell hinterher eilte, als sie gerade das Zimmer verlassen hatten. Luhan holte die beiden an der Treppe nach oben ein und fing Sehuns Handgelenk in seiner Hand ein.
Sehun verzog das Gesicht, als er erst zu Luhans Hand und dann hinauf zu seinem Gesicht sah. „Lass mich los."
Luhan kniff die Augen zusammen. „Ich habe keine Lust auf dieses Spiel, wir beide reden jetzt und klären diese Sache."
„Ich will nicht mit dir-"
„Tja, dir bleibt aber keine andere Wahl! Wir leihen uns euer Zimmer für ein paar Minuten aus", sagte er an Kris gerichtet, ohne ihn dabei anzusehen, und schob sich an ihm vorbei, um Sehun die Treppe hochzuziehen. Sehun beschwerte sich halbherzig, bevor er seufzte und sich aus Luhans Griff befreite aber stillschweigend mitging.
Luhan steuerte das größte Zimmer des Stockwerks an und ging Sehun voraus hinein. Es war jetzt schon ein Chaos aus Kleidungsstücken, die wild herumlagen. Es sah nicht so aus, als wären sie erst vor einer Stunde hier angekommen, sondern viel eher als hätten sie schon ein Jahr hier verbracht.
Sehun schloss die Tür hinter sich und lehnte sich anschließend mit verschränkten Armen gegen das Holz in seinem Rücken. „Ich habe dir nichts zu sagen."
„Oh bitte Sehun, diese Bad Boy Masche steht dir überhaupt nicht."
In Sehuns Wangen schoss verräterische Röte. „D-das ist nicht, ich meine, ich versuche nicht..."
Luhan seufzte. „Sorry, ich meine – du musst nicht mit mir reden, wenn du wirklich nicht willst, aber hör mir zumindest zu, in Ordnung?" Er wartete einen Moment, bis Sehun mit dem Kopf nickte, was Luhan Zeichen genug war, dass er fortsetzen könnte. „Das gestern tut mir leid. Es tut mir wirklich leid, hörst du? Ich will nicht wegen eines Missverständnisses mit dir streiten und ich will diese Sache auch nicht todschweigen, bis wir beide irgendetwas Dummes tun, nur weil wir nicht miteinander gesprochen haben."
Sehun hob, beinahe schüchtern, den Kopf an, um ihn nun endlich richtig anzusehen.
Diese ganze Situation war so anstrengend und Luhan eigentlich nicht der Typ für solche ernsten Gespräche, die vielleicht auch noch zu einem verdammten Liebesgeständnis ausarten würden...was Luhan nicht vorhatte, jetzt gerade noch nicht, denn das wäre...wow, das wäre absolut gruselig! Sehun zu gestehen, dass sein Kartoffel-Gesicht vielleicht doch zu einem der Dinge geworden war, auf die Luhan sich freute, wenn er morgens aus dem Bett stieg...Dass Luhan vielleicht überhaupt nichts dagegen hatte, wenn Sehun ihm sagte, wie sehr er ihn mochte und das Luhan sich vielleicht sogar darüber freute – vielleicht sogar etwas mehr als das. All das...nur eben ohne Gewähr. Ohne Versicherung, dass er am nächsten Tag nicht Panik bekommen würde und Sehun wieder von sich stoßen und sich wieder auf Junmyeon fixieren würde. Und das war doch...doch nicht richtig. Luhan wollte Sehun diese Dinge nicht gestehen, wenn er noch keine Sicherheit hatte – weder für sich selbst, noch für Sehun, weil Luhan Sehun schon genug verletzt hatte und er jetzt alles andere als das tun wollte.
Und genau das machte dieses verdammte Gespräch so schwierig, so gänzlich unmöglich! Aber Luhan bemühte sich! Himmel und Hölle er gab sich doch wirklich große Mühe, wieso lobte ihn zur Abwechslung keiner dafür?!
„Luhan?" Sehun fuchtelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. „Wieso starrst du mich so an?"
Luhan schüttelte seine Gedanken ab. „Sorry, das war...ich habe nur kurz nachgedacht."
Sehun nickte. „Und?"
„Hm?"
„Ich soll zuhören und du wolltest reden...mh, bist du schon fertig?"
„Nein", entschied Luhan und schwieg dann wieder. Unter Sehuns wartenden Augen spürte er, wie sein Herzschlag sich plötzlich beschleunigte und das war ihm mindestens so peinlich, wie die ganze Situation selbst. „Ah, verdammt auch, ich habe das gestern Abend nicht abgebrochen, weil ich dich nicht...wollte oder so! Es ist anders, es ist komplizierter! Ich...ICH bin komplizierter!"
„Das weiß ich."
Er schluckte schwer hinunter. „Gut, dann hast du verstanden, was ich dir sagen will?"
Sehun schnaubte, unfähig ein Lächeln zu verstecken. „Überhaupt nicht."
Großartig.
Luhan rieb sich mit der Hand über den Nacken. „Also im Grunde...was ich sagen will ist..." Luhan hätte gerade wirklich gerne ein Script, wie ein Schauspieler, das ihm sagte, was er zu sagen und wie er zu handeln hatte. „Ich...küsse dich echt gerne", sagte er schließlich und verzog gleichzeitig das Gesicht, weil – puh! – großartig ausgedrückt, wirklich ein Meisterwerk der Sprachgewandtheit. „Aber DIR zu liebe halte ich es für keine gute Idee mit dir zu schlafen."
Sehuns Augenbrauen schossen in die Höhe. „Mir zu liebe?"
„Richtig. Dir zu liebe."
Sehuns Mund hing für einen Moment offen. „Ich weiß nicht, ob du die Memo nicht bekommen hast, aber ich renne dir seit fünf Monaten hinterher und jetzt sagst du, dass du MIR zu liebe nicht mit mir schlafen kannst?"
Wenn er es so ausdrückte, dann klang das tatsächlich eher...dämlich.
Sehun schüttelte den Kopf. „Aber das ist es gar nicht Luhan. Mir geht es nicht darum, wie intim wir miteinander werden." Seine Schultern sackten geschlagen hinunter. „Wenn ich weniger in dich verliebt wäre, dann vielleicht. Dann könnte ich auch einfach den Mund halten und nichts tun, aber so ist es nicht. Verstehst du nicht?" Er zog sich noch weiter zurück, bis er fest an die Holztür gedrückt war. „Ich versuche auf Abstand zu dir zu gehen, weil ich...ich dich nicht so haben kann, wie ich gerne hätte. Weil ich dir vorgeschlagen habe mit dir zu schlafen und keine dummen Ansprüche stelle, aber das tue ich! Jetzt schon! Ich will dich als Ganzes und ich weiß, dass ich dich nicht haben kann und das..." Er atmete tief aus. „Deshalb versuche ich auf Abstand zu dir zu gehen und ich kann nicht glauben, dass gerade du es bist, der mir die Sache erschwert." Er lächelte, ohne Freude. „Bist nicht du es gewesen, der von Anfang an auf Abstand gehen wollte?"
Das war richtig, aber auch Monate her und mittlerweile hasste er den Gedanken, dass Sehun sich von ihm zurückzog. Und es war beinahe überraschend, wie sehr er den Gedanken tatsächlich hasste.
„Also bitte lass mich einfach tun, was ich gerade tun muss, in Ordnung?"
Luhan starrte Sehun für einen Moment an, ohne sich zu bewegen. „Du meinst es ernst?"
Er nickte. „Ich hasse es...aber es ist das Einzige, was mir übrig bleibt."
„Was ist mit den Dates?", fragte Luhan. Die Sache war ihm eigentlich absolut egal, weil Luhan ohnehin keine Lust mehr auf irgendwelche Dates, oder was auch immer, hatte, aber hier ging es ums Prinzip.
„Das...ich denke dafür lässt sich schon eine Lösung finden", murmelte er, ohne Luhan anzusehen.
„Das ist es dann also? Fünf Monate und jetzt...gibst du auf?"
Sehun fröstelte, dieses ganze Gespräch schien in ihm körperlichen Unbehagen auszulösen. „Ich habe lange genug gewartet, nicht wahr?"
Das hatte er. Luhan wusste, dass er Sehun nichts verübeln konnte, aber es war dennoch so...so ungünstig, weil Luhan SO KURZ davor war ihm zu sagen, was er für ihn empfand, aber...wie sollte Luhan das nun noch tun, wenn Sehun bereit war ihn aufzugeben? Durfte er ihn zurückhalten?
Das war es doch was Luhan sich immer von ihm gewünscht hatte...
Er seufzte leise. Es brachte nichts sich selbst etwas vorzumachen. Luhan war diesem gottverdammten Jungen hoffnungslos verfallen. Er hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber letztlich war es LUHAN und nicht Sehun, der aufgeben musste.
„Ich kann dich nicht aufhalten", sagte Luhan. „Es ist letztlich deine Entscheidung, was du tun möchtest." Sehun nickte langsam. „Aber...ich fände es gut, wenn du noch einmal darüber nachdenkst."
Er runzelte die Stirn. „Ich werde nicht aus dir schlau Luhan. Ich...verstehe dich einfach nicht. Du machst es mir so verdammt schwer."
Das konnte Luhan ihm beim besten Willen nicht verübeln, den Großteil der Zeit verstand Luhan sich ja selbst nicht voll und ganz – vor allem im Zusammenhang mit Sehun. „Ich weiß, tut mir leid." Er nahm einen tiefen Atemzug. „Und? Wirst du mich weiter ignorieren?"
Er sah zur Seite und antwortete für eine ganze Weile nicht. „Ich weiß es nicht", sagte er schließlich. Seine Augen waren flehentlich, als würde er sich wünschen, dass Luhan auf ihn zukam, ihm die Entscheidung abnahm...wahrscheinlich war es genau das, was Sehun sich von ihm wünschte. Nun war es Luhan, der den Blick senkte.
„Gut, dann...sind wir ja wieder bei Null angekommen."
Sehun zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, dass wir es nicht sind, aber ich weiß es nicht sicher."
Er betrachtete ihn kritisch. Vielleicht hatte er also zumindest sehen können, was Luhan noch nicht aussprechen wollte.
„Vielleicht", bestätigte er leise.
Die Tür am anderen Ende des Raums fiel krachend gegen die Wand dahinter. Jongin stolperte aus dem Badezimmer heraus, mit hochrotem Kopf und einem gejagten Ausdruck in den Augen. „Das waren die peinlichsten fünf Minuten meines Lebens! Ich hatte so Angst, dass ihr gleich anfangt miteinander rumzumachen." Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte ja wirklich taktvoll sein, aber, wow, nie wieder!"
Jemand klopfte im gleichen Moment an die Tür hinter Sehun. Luhan richtete seine verwirrte (und sprachlose) Aufmerksamkeit von Jongin auf die Tür, die Sehun nun freigab und öffnete. Kris winkte ihnen entgegen, mit seinem Telefon in der Hand. „Sorry Jongin ich habe deine Nachricht zu spät bekommen. Du hast dich schon selbst befreit?"
Jongin seufzte tief.
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Fröhliche Weihnachten!! :D
Wenn man nicht beachtet, dass das einfach nur ein verspätetes Update ist, dann könnte das als kleines Weihnachtsgeschenk durchgehen, nicht wahr? Es ist zumindest länger als sonst ^^
Ich hoffe ihr habt erholsame und schöne Feiertage und verbringt viel Zeit mit eurer Familie :)
Viele liebe Grüße~
Cherry
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