Prolog
Es war spät am Abend und über den Hügeln und schroffen Felsen stand bereits der Mond. Wie jeden Monat, wenn der Vollmond aufging, zog ich aus. Raus aus dieser Gesellschaft, diesem Rudel. Flink kletterte ich hinaus aus meiner Höhle, die ich nun ganz alleine bewohnte. Bis vor einer Woche hatte ich noch einen Mitbewohner gehabt, doch er war ausgezogen, um seine große Liebe zu finden.
Er war nie zurückgekehrt.
Endlich erreichte ich die Oberfläche und der Schein des Mondes fiel auf meine gebräunte Haut. Augenblicklich spross mein Fell darunter hervor und ich wurde zum Wolf. Geschmeidig ließ ich mich auf meinen Pfoten nieder. Vielleicht konnte ich ja eine Spur von Leopold, meinem Mitbewohner finden.
Als Wolf war mein Geruchssinn wesentlich intensiver als der meines menschlichen Ichs. Neugierig schnupperte ich am Boden und fand eine ältere Fährte von ihm. In mir selbst löste dieser Geruch nach ihm pure Sehnsucht aus. Nicht nur, dass ich immer alleine war, nein, er war gegangen, obwohl er mein bester Freund war und wir niemals ohne einander waren.
Plötzlich verflog dieser Geruch nach meinem besten Freund allerdings wieder. Hektisch schnüffelte ich weiter. Irgendwo hier musste es doch etwas geben. Irgendetwas musste hier sein. Und es würde mich zu ihm führen. Darin war ich mir zu 100 % sicher. Es konnte gar nicht anders sein.
Meine Nase war ebenso wie meine Augen auf den Boden gerichtet. Wie in einem Fieberwahn schnüffelte ich umher und suchte auf dem Boden nach irgendetwas. Einfach nur eine Spur, die mir offenbaren würde, dass es Leopold gut ging.
Meine Umgebung nahm ich nicht wirklich war. Hier war ja auch nichts. Der Ort, wo mein Rudel lebte, waren kahle, schroffe Felsen und eigentlich war diese Umgebung nicht gut für uns. Hier gab es nicht genug Nahrung, weshalb unsere Alpha-Fähe zusammen mit einigen ihrer Betas auf einer endlosen Suche nach einem anderen Gebiet waren.
Jede kleinste Erhebung im Boden fiel mir auf und wenn meine Augen nicht durch die dunkle Nacht getrübt wären, dann hätte ich bestimmt überall klitzekleine Ameisen erkennen können.
Dann auf einmal stieß etwas gegen meine Schnauze, was ich schon sehr lange nicht mehr gerochen oder gespürt hatte. Neugierig betrachtete ich den Stock, der vor meinen Füßen gelandet war. Zitternd blieb er liegen und erstarrte nach und nach in der Bewegung. Ich legte meinen Kopf schief. Wer hatte diesen Stock geworfen? Wieso war er so vertraut?
Als ich aufsah, sah ich um mich herum eine neuerliche Umgebung. Ein kleiner Welpe mit einem bräunlichen Fell stoppte vor mir und zog den Kopf ein, während er mit dem Schwanz heftig wedelte. Er wollte spielen. Dann wollte ich ihm antworten, doch dann blickte ich in die Augen. Meine Augen.
Der kleine Welpe war ich und ich stand an der Stelle, an welcher mein Vater Mal gestanden hatte.
So schnell wie diese Erinnerung gekommen war, sie verschwand genauso schnell wieder in den Tiefen meines Unterbewusstseins. Zeitgleich verblasste auch die fremde Umgebung.
Ich stand auf einer Erhöhung am Rande der schroffen Felslandschaft und blickte hinab auf einen dichten, tiefen Wald, der nur ab und zu die Sicht freigab auf einen Fluss oder See. Wann hatte ich das letzte Mal etwas so buntes und grünes gesehen?
Ohne es wirklich zu bemerken, liefen mir einige, wenige Tränen über die Schnauze. Dass ich weinte, bemerkte ich erst, als sie mir über die Nase liefen und ich den salzigen Geschmack riechen konnte. Ich muss aufhören zu weinen. Nur kleine Welpen weinten. Keine großen Werwölfe.
Obwohl ich mir sicher war, dass ich kein Welpe mehr war, rannte ich übermütig auf leisen Pfoten hinab und schnupperte begeistert an allen Pflanzen, die meinen Weg kreuzten.
Schon einige Zeit später, hatte ich mich in der grünen, wilden Natur verloren und kannte keinen Weg vor und zurück...
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