♕46 • Versprechen♛
♕
Taehyung
Ich hebe die Hände, ahnungslos was ich damit anstellen soll und lasse sie wieder schlaff neben meinen Körper fallen. Das hier ist nicht der erste Kuss zwischen uns, es ist kein mir unbekanntes Gefühl, aber es fühlt sich genau so überwältigend an wie beim ersten Mal.
Zuerst ist da nichts weiter, mein Kopf ist wie leer gefegt, ich vergesse wo wir uns gerade befinden, warum wir hier sind und worüber wir eben gesprochen haben. Ich denke nicht einmal an den Kuss an sich, alles woran ich denken kann ist dieses erleichternde Gefühl in meiner Brust, das sich anfühlt wie ein Knoten, der sich nach einer gefühlten Ewigkeit gelöst hat.
Am liebsten würde ich meine Arme um seinen Hals schlingen und ihn noch enger an mich ziehen um zu verhindern, dass er mich jemals wieder los lässt, aber ich habe nicht einmal genug Zeit mich vollkommen fallen zu lassen, da löst er sich bereits von mir. Es fühlt sich an, als würde mir jemand wärme entziehen und obwohl mir nicht kalt wird, nachdem er mich ganz los lässt, fühle ich mich wieder leerer, fast schon einsam.
Er sieht von meinen Lippen hinauf in meine Augen und ich kann in seinen endlich das glänzen wieder erkennen, das seit heute Mittag verloren war. Der Ausdruck darin ist unergründlich, aber ich bezweifle das er aus mir schlauer wird, als ich aus ihm, ich begreife ja selber nicht, was in mir vor geht und bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, was soeben passiert ist und welche Konsequenzen das für uns haben könnte, schlage ich ihm etwas fester als beabsichtigt mit der flachen Hand ins Gesicht.
Sein Kopf fliegt zur Seite und das Geräusch des Schlages hallt in meinem Kopf wieder. Ich weiß nicht genau, warum ich das getan habe, denn um ehrlich zu sein hatte ich nichts gegen diesen Kuss, ganz im Gegenteil, ich habe ihn genossen, auch wenn es nur ein flüchtiger Moment war. Aber ich kann dennoch nichts gegen die Wut tun, die immer noch allgegenwärtig ist und ich kann mir nicht erklären, warum er sich nach allem, was er getan und ich gesagt habe, für einen Kuss entscheiden sollte.
"Wofür war das?", fragt er und dreht den Kopf langsam wieder in meine Richtung. Er scheint nicht wirklich schockiert oder gar wütend darüber zu sein, ganz im Gegenteil, ich erkenne die Andeutung eines Grinsens, als hätte er mit eben einer solche Reaktion meinerseits gerechnet.
Ich runzel wütend über sein Verhalten die Stirn und sehe ihn verständnislos an. „Das wagst du noch zu fragen?" Am liebsten würde ich ihn hier stehen lassen, ich rede mir ein das Baekhyun auf mich wartet, dass er sich sicher fragt wo ich so lange bleibe. Jungkook hätte es nicht anders verdient wo er mich heute Mittag ebenfalls mit so vielen unbeantworteten Fragen einfach stehen lassen hat, aber ich kann es nicht. „Ich glaube nicht, dass dir der Frieden vollkommen Egal geworden ist, aber ich kann nicht vergessen, dass du kurz davor warst ihn zunichte zu machen."
„Ich hätte niemals zugelassen, dass das passiert", sagt er ruhig und sieht mich eindringlich an, aber ich schüttle den Kopf.
„Was hättest du getan, wenn dein Vater deinen Bedingungen zugestimmt hätte? Was wäre geschehen wenn ich zurück nach Illiora gegangen wäre und dein Vater dich für seine Machtspiele genutzt hätte?"
Erneut verdunkeln sich seine Augen und ich merke wie er langsam wieder von mir weg schweift. „Es wäre mir Egal gewesen, solange du in Sicherheit gewesen wärst."
„Aber mir wäre es nicht Egal! Glaubst du ich wäre glücklich gewesen zurück zu müssen? Zurück in ein Land wo ich mehr Feind bin als hier, mit dem Wissen, dass ich dich nie mehr wieder sehen werde?"
Ich balle die Hände zu Fäusten, als ich das mir bekannte kribbeln in den Fingerspitzen spüre. Es kann nicht sein, dass ich jetzt die Kontrolle verliere, denn es besteht keinerlei Gefahr für mich, zumindest nicht scheinbar, aber mein Körper scheint anderer Auffassung zu sein. Das Chaos in mir hat sich in einen Sturm verwandelt und alleine der Gedanke daran, ihn verlassen zu müssen, nährt diesen Sturm.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich Jungkook sprachlos sehe, er scheint von meiner Bekundung genau so überrascht zu sein wie von meinem Gefühlsausbruch vorhin, aber ich sehe auch wie das glänzen in seinen Augen wieder zum vorschein tritt.
„Könntest du es noch Mal sagen?", fragt er leise, fast schon flehend und obwohl ich ahne was er meint, obwohl es ein leichtes wäre es ihm noch mal zu sagen, ja es der ganzen Welt zu verkünden, kann ich es nicht tun. Wenn ich es ihm noch einmal sagen würde, gäbe es wirklich kein zurück mehr. Wir würden uns in ein noch größeres Drama stürzen, ein Drama, für dass es kein gutes Ende geben kann.
Ich schüttle den Kopf und senke ihn, damit er nicht erkennt wie sehr es mich selber schmerzt es unausgesprochen zu lassen. „Was würde es bringen? Was auch immer wir fühlen, es ist unwichtig."
„Unwichtig?", fragt er fassungslos und ich sehe ihm an wie sehr ihn diese Worte verletzt haben, aber er scheint noch lange nicht daran zu denken aufzugeben. „Für mich gab es nie etwas wichtigeres."
Ich spüre, wie sich die erschöpfung in mir breit macht, wie die Ereignisse des Tages ihre Spuren bei mir hinterlassen, aber ich bin nicht bereit einfach umzukehren und das hier offen im Raum stehen zu lassen. Seine Worte berühren eine Stelle in mir, deren Existenz mir mein Leben lang nicht einmal klar war und ich weiß, dass alles was er sagt auf mich ebenso zutrifft wie auf ihn.
Für mich gab es keine Familie, meine eigene hatte mich verstoßen und der einzige, der mir bisher den Ansatz von Liebe geschenkt hat war mein Vater, aber das hier ist etwas ganz anderes. Es ist unbekannt, ich würde sogar sagen erschreckend, aber es ist nichts wogegen ich ankommen könnte. Die Macht, die von diesem Gefühl ausgeht, ist stärker als alles was ich bisher kannte und obwohl sie alles andere überlagert, ist da noch ein Stück Vernunft, das mich beherrscht.
„Du sprichst von etwas vollkommen unmöglichem, Jungkook. Selbst wenn es das Gesetz erlauben würde, selbst wenn die Menschen es dulden würden, so würde es die Krone nicht tun."
Es mag sein, dass die Götter uns keinen Regeln unterworfen haben, aber die Menschen schufen ihre eigenen und das bereits vor langer Zeit. Das Leben ist keine schöne Angelegenheit, das spüre ich vor allem jetzt wo ich die Möglichkeit habe es zu kosten, es mir aber verwehrt wird und das wird sich nie ändern.
Seit der Existenz der Menschen ist für sie die Beziehung zwischen Mann und Frau das natürlichste, was es gibt, es ist selbstverständlich. Jungkook und ich mögen nicht die ersten Männer sein, die gegen diese Vorstellungen verstoßen, aber wir wären auch nicht die ersten, die dafür mit dem Tod bestraft werden. Menschen lehnen Dinge ab, die für sie abseits des normalen sind, die meisten von ihnen sind viel zu eingeschränkt in ihrer Sichtweise um zu erkennen, dass es mehr gibt als nur Richtig und Falsch.
„Gesetze sind Menschengemacht und der König erlässt die Gesetze. Irgendwann bin ich König, Taehyung und niemand könnte mir sagen, dass das, was ich fühle falsch sei."
Ich wüsste nicht was geschehen würde, wenn die Menschen wüssten was Jungkook und ich nur unter vier Augen besprechen, ich frage mich, was das für Konsequenzen für uns beide haben würde, aber gleichzeitig stelle ich mir vor, wie eine Welt aussehen würde, in der das gar keine Rolle spielt. Eine Welt, wo Menschen nicht nur mich in betracht auf meine Spezies akzeptieren würden, sondern auch sich gegenseitig mit ihren vielen verschiedenen Eigenschaften.
Ich stelle mir vor, wie es wäre durch die Stadt zu gehen, mir endlich die Märkte ansehen zu können, von denen meine Schwestern immer schwärmten und das Meer. Niemand konnte mir das Meer so richtig beschreiben, für sie alle war es etwas, was sie vielleicht sogar mehrere Male gesehen haben, aber ich habe darüber nur in Büchern gelesen und davon geträumt es irgendwann einmal zu sehen.
„Ein Traum", flüstere ich leise und mehr für mich selber als für ihn, aber nachdem es ausgesprochen ist, wird mir auch klar warum ich es gesagt habe. „Deine Versprechen sind Träume, Jungkook und ich würde alles dafür geben damit sie wahr werden, aber Leute wie wir können sich keine Träume leisten. Die Wahrheit ist, das Leben wartet nicht auf uns, es läuft an uns vorbei während wir uns ein anderes wünschen."
Es fällt mir schwer in seine Augen zu sehen und all diese Dinge zu sagen, denn obwohl meine Worte realer sind als seine Wünsche, fühle ich mich wie ein Lügner. Denn wenn ich ihn ansehe, wenn er mit mir spricht und versucht mich davon zu überzeugen es zu wagen, dann möchte ich es tun. Ich habe das Verlangen ihn an mich zu reißen und ihm zu sagen, dass ich bereit bin alles zu tun, was es auch sei, nur um diese Wünsche in die Tat umzusetzen, aber ich kann es nicht. Ich kann es nicht, weil ich weiß wie viele Trümmer wir zurücklassen würden.
„Wenn du glaubst, dass mich das jetzt umstimmen könnte, dann irrst du dich." Überrascht schaue ich nach unten als er meine Hand in seine nimmt und näher an mich heran tritt. „Ich hatte vor dich gehen zu lassen, Taehyung, aber auch wenn du es nicht wiederholen willst, ich weiß jetzt, dass du mich liebst und ich werde nicht zulassen, dass du einen Rückzieher machst. Es gibt einen Platz für uns, wenn nicht hier dann irgendwo anders und ich werde ihn dir zeigen, selbst wenn das bedeutet..."
Er hält kurz inne und sieht mich für einen Moment an ohne etwas zu sagen. Sein Blick fesselt mich sofort, ich vergesse wieder all meine Vorhaben, all meine Prinzipien. In diesem kurzen Moment werde ich übermannt von den Gefühlen und ich spüre, wie der Sturm in mir sich beruhigt.
„Selbst wenn das bedeutet, dass wir von hier fort müssen.", sagt er dann leise, aber ohne irgendein zögern in der Stimme. Es dauert eine Weile bis ich mich gefasst habe, eine Weile in der ich einfach nur da stehe und ihn verwirrt ansehe.
„Was?"
„Eure Majestät." Mein ganzer Körper verwandelt sich in Eis, aber ich spüre wie mir von innen heraus unerträglich warm wird. Sofort entreiße ich Jungkook meine Hand und drehe mich erschrocken um. Ich spüre seinen Blick deutlich auf mir und versuche ihn und seine Präsenz zu ignorieren, aber mein ganzer Körper reagiert von alleine sobald er ihn in der Nähe spürt.
Eine kleine Welle der Erleichterung übermannt mich, als ich Beakhyun einige Meter von uns entfert stehen sehe, die Hand wachsam am Knauf seines Schwertes. Dennoch bleibt ein Gefühl der Scham zurück, wo ich doch nicht weiß ob Baekhyun diesen intimen Moment gerade beobachtet hat und es einfach überspielt, oder ob er wirklich nichts mitbekommen hat.
Er verbeugt sich kurz vor Jungkook und mir, kann aber nicht auf einen kurzen, misstrauischen Blick in Richtung Jungkook verzichten, bevor er wieder mich ansieht. „Entschuldigt bitte, ich dachte Ihr seid durch irgendwas verhindert. Wollt Ihr lieber das wir die Angelegenheit auf morgen verschieben?"
Ich weiß, dass er es mir vorhalten wird wenn ich jetzt gehe ohne ihm eine Antwort auf das gesagte zu geben, aber genau so gut weiß ich, dass ich mich erneut von meinen Gefühlen überwältigen lassen werde, wenn ich nicht in Ruhe darüber nachdenke.
„Das ist nicht nötig, danke Baekhyun." Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich in Wahrheit das genaue Gegenteil will, dass ich bei Jungkook bleiben und von seinen Träumen hören möchte, dennoch drehe ich mich um und nicke ihm ohne ihn anzusehen zum Abschied zu ich bevor ich die Chance habe es mir anders zu überlegen.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top