♕34 • Eiszeit♛


Taehyung

Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie nervös ich bin. Die Blicke der Menschen um mich herum entgehen mir nicht, aber ich versuche sie zu ignorieren, versuche den Hass und die Abscheu zu ignorieren und das gemurmel um mich herum auszublenden, aber es war bereits in dem Moment zu spät, in dem ich die Kneipe betrat.

Der König ließ gestern Abend nach mir schicken, kurz nach dem Aufeinandertreffen mit Jungkook. Mir gingen so viele Gedanken durch den Kopf, so viele Vermutungen was wohl geschehen sein könnte und unter anderem war da auch Angst, die mit spielte, weil ich glaubte, dass die Friedensverhandlungen fehlgeschlagen seien und das nun der Richtige Krieg beginnen würde, angefangen mit meinem Kopf, der als Startschuss rollen würde. Wenn man im feindlichen Lager haust, sind solche Gedanken keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Ich muss jeden Tag, ja sogar in jeder Sekunde damit rechnen, dass ich abgeführt und hingerichtet werde, als Feind des Landes.

Der Frieden, die wohlwollenden Worte und der gespielte Respekt der Bediensteten im Schloss mir gegenüber hält nur solange wie die Idee einer Hochzeit zwischen mir und der Prinzessin dem König gefällt. Es reicht ein kleiner Meinungswechsel, ein falscher Schritt meinerseits oder sogar meines Vaters um all das zunichte zu machen. Frieden ist zerbrechlich und er währt niemals Ewig, sondern nur so lange, bis Menschen einen Grund finden sich zu bekriegen. Macht, Religion, Geld, er kann für solch triviale Gründe enden.

Aber als ich gestern im Thronsaal ankam warteten keine Wachen, die mich abführen wollten und auch wenn mir das Lächeln des Königs keineswegs gefallen hat, war ich erleichtert. Selbst wenn ich sterbe, glaube ich nicht, dass der Tod das Ende wäre, solange ich es durch die neun Tore schaffe, aber ich kann nicht anders als mich trotzdem davor zu fürchten. In der einen Sekunde lebst du noch, du atmest, du fühlst und in der nächsten ist alles vorbei. Die Menschen, die du kanntest leben weiter, die Kriege werden weiter geschlagen und du wirst irgendwann vergessen. Auf eine Weise ist der Tod also doch irgendwie endgültig, nur für mich noch nicht.

Der König sah gar nichts in dieser Art für mich vor, ganz im Gegenteil, er machte mir sogar ein Geschenk. Er wusste, wie es mir in Illiora ergangen war, das ich ein Gefangener in meinem eigenen Land war. Das ich hier in Skravis das ganze halbe Jahr, das ich bereits hier bin, das gleiche erlebte, war nur als Sicherheitsmaßnahme und für das Volk als Gewöhnung an den Gedanken meiner Anwesenheit gedacht, zumindest machte er mir das oft genug klar, aber ich dachte das wären nur leere Worte um auch hier meine Gefangenschaft zu rechtfertigen, bis er mir gestern Abend sagte, dass es mir freistünde am Morgen vor dem Frühstück in die Stadt zu reiten.

Natürlich war ich Misstrauisch, der König tut nie etwas ohne Hintergedanken und ich wusste als was er mich sah, als ein Mittel zum Zweck, ein Instrument um solange den Schein des Friedens aufrecht zu erhalten bis der Krieg ihm mehr Nutzen zuspricht. Ich hätte mich weigern können, was sollte er tun, mich von den Wachen in die Stadt zerren lassen? Das hätte er wohl kaum, bräche das doch die Vereinbarungen und bränge den sofortigen Krieg in sein Land, aber ich spielte ihm dennoch in die Karten, weil meine Freiheit mir wichtiger war als Strategie.

Wenn man sein Leben lang nur Mauern gekannt hat, fängt man irgendwann an sich ein eigenes Bild von der Welt zu malen. Trotz all dem Gerede über Krieg, Blut und Tod kann ich mir nicht vorstellen das die Welt grau und trostlos ist. Ich stelle mir immer vor, dass es dort draußen ist wie in dem Hof in Illiora, wo wir als Kinder zusammen spielten bevor der Vorfall mit Sungjae statt fand, oder sogar noch besser, dass es dort draußen ist wie in dem Teil des Hofes, den Joohyun zusammen mit ihrer Mutter geschaffen hat. Ein Ort, wo jeder Willkommen ist, wo niemand aufgrund dessen was er ist ausgeschlossen wird und wo die Hoffnung nicht nur eine utopische Vorstellung der Menschen ist.

Zumindest habe ich bis jetzt an der Vorstellung fest gehalten, aber spätestens nach Zehn Minuten in dieser Kneipe hätte ich merken müssen, dass eine solche Welt nicht existieren kann. Die Menschen können nicht ohne Vorurteile, sie alle haben sie und sie alle lassen sich von ihnen und dem Hass leiten, wenn er ihnen gelegen kommt. Vielleicht war es auch nicht ganz so schlau sich ausgerechnet eine Kneipe mit überwiegend betrunkenen Menschen auszusuchen, aber ich wollte die verschiedenen Seiten der Stadt sehen und nachdem ich auf dem Weg hierher die ganze Zeit angestarrt wurde, brauchte ich eine Pause. Ich hätte nicht ahnen können, dass die Blicke hier drin ganz besonders schlimm werden würden.

Ich krame meinen Beutel mit den Münzen unter meinem Umhang hervor und lege eine Großzügige Menge auf den Tisch nachdem ich mein Bier ausgetrunken habe. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen rutsche ich vom Stuhl herunter und drehe mich in Richtung Tür ohne irgendjemanden ein weiteres mal anzusehen. Es sind erst einige Stunden vergangen seit ich aufgebrochen bin, ich habe noch nicht viel gesehen, aber ich glaube das möchte ich auch gar nicht mehr. Vielleicht hatte mein Vater all die Jahre recht, vielleicht sind die Menschen noch nicht bereit für etwas anderes als sich selbst.

An der Tür angekommen strecke ich meine Hand bereits nach dem Türknauf aus, als direkt vor mir die scharfe Klinge eines Schwertes niedersaust und nur knapp mein Handgelenk verfehlt. Ich stolpere einen Schritt nach hinten und sehe erschrocken nach oben um zu sehen, wer dieses Schwert führt und kaum treffen unsere Blicke aufeinander, wird es im ganzen Raum totenstill. Lediglich das Geräusch von Bechern, die auf den Tischen abgesetzt werden ist zu hören, aber als selbst das aufhört, vernehme ich nur noch das laute Klopfen meines Herzens.

Das erste, was mir auffällt ist nicht etwa irgendetwas an seinem Aussehen oder seinem Auftreten, es ist die Tatsache, dass ich ihn nicht kenne oder das sein Gesicht mir zumindest nicht bekannt vorkommt. Es ist niemand, dem ich jemals begegnet bin, niemand der einen Grund hätte einen Groll gegen mich zu hegen und doch erkenne ich genau das in seinem Ausdruck, Wut und Hass, Verachtung und Abscheu.

Ich trete vorsichtshalber noch einen Schritt zurück und sehe mich um, aber egal wie sehr ich in den Gesichtern der Menschen nach etwas anderem als Teilnahmslosigkeit suche, ich werde nicht fündig. Für sie sind Schlägereien in den Kneipen wahrscheinlich keine Ausnahme, Sungjae erzählte häufig davon wenn er in die Stadt ritt, Betrunkene stritten sich nun mal über jede Kleinigkeit und dennoch sehe ich in ihren Gesichtern, dass das hier etwas ernsteres ist. Das ist kein Streit zwischen zwei betrunkenen, denn ich sehe auch in dem Augen des Mannes, das er noch vollkommen bei Sinnen ist, das hier ist etwas, was weit darüber hinaus geht.

Ich schnappe scharf nach Luft als das Schwert wieder nach vorne saust und er es mit der Spitze direkt vor meinen Hals hält, nur wenige Zentimeter davon entfernt. "Was tut ein Eindringling wie du ganz alleine mitten in der Stadt?", zischt er, die Augen rot angelaufen und die Lippen bebend. Seine Stimme ist tief, nicht so tief wie meine, aber dennoch tief genug um mir einen Schauer über den Körper zu jagen. "Hat der König etwa solche Angst vor dem Widerstand das er dich hierher schickt um ihnen Angst zu machen?"

Verwirrt runzle ich die Stirn und sehe ihn an mit zusammen gezogenen Augenbrauen an. "Widerstand?", frage ich und noch während ich versuche zu verstehen wovon genau er da spricht, fängt das alles in meinem Kopf an Sinn zu ergeben. Ich weiß nichts von einem Widerstand und wenn es nach dem König ginge hätte ich es wahrscheinlich auch nie erfahren sollen, aber wenn sogar das Volk so offen in meiner Gegenwart darüber spricht, muss es schlecht um seine Herrschaft stehen. Der Grund, warum er sich auf das alles eingelassen hat, eine Hochzeit zwischen mir und der Prinzessin, dann noch seinen Vorschlag zu diesem Ausflug hier und die Worte der Wache von vor einigen Wochen, das alles kann nicht ohne Zusammenhang sein.

"Ich stand hinter ihm, trotz allem was er getan hat, trotz all den Abscheulichkeiten stand ich hinter ihm, weil er wusste wer unsere Feinde waren und wie er sie zu bekämpfen hat." Er hat die Augenbrauen nach wie vor zusammen gezogen, die Stirn ist in Falten gelegt und sein Kiefer so angespannt, dass ich seine Zähne praktisch schreien hören kann. Selbst wenn ich Blind und Taub wäre würde mir all der Hass, der aus ihm spricht, nicht entgehen, er ist davon zerfressen. Er tritt einen Schritt näher an mich heran und zwingt mich dazu einen Schritt zurück zu treten um nicht von seiner Klinge durchbohrt zu werden. "Aber wieso holt er dann eben jene, die er all die Jahre bekämpft hat, in unser Land? Warum gibt er ihnen Essen, warum lässt er ihnen heiße Bäder ein und lässt uns ihre Haare kämmen? Warum tragen sie die Farben unseres Landes und warum beschützt er sie? Warum?!" Ich zucke zusammen als er das letzte Wort so laut schreit, dass ich erkenne wie selbst die Menschen draußen vor den Fenstern der Kneipe auf uns aufmerksam werden.

Mein ganzer Körper zittert und ich tue das, was ich so oft tue wenn ich Angst verspüre, ich balle meine Hände zu Fäusten und versuche ruhig zu wirken. "Ich bin nicht euer Feind", sage ich und sehe ihm in die Augen, aber das scheint seine Wut nur zu verstärken.

Er schüttelt den Kopf, als wäre meine Stimme ein Fluch an sich, den er daraus verbannen möchte. "Mein Vater starb im Krieg durch die Soldaten deines Landes, meine Mutter nahm sich das Leben als auch ihr Sohn, mein Bruder darin starb. Ich habe nichts mehr außer mich selber und meinem Hass deiner ganzen Familie gegenüber."

Seine Worte treffen mich stärker als ich es jemals erwartet hätte. Ich hielt mich eigentlich stets für jemanden, der gut mit Beleidigungen, Kritiken und Hass umgehen könnte, ich dachte ich wäre das gewohnt, aber das hier ist etwas anderes. Das hier ist ein Hass, den ich so nicht kannte, einer der sich nicht etwa gegen das richtet, was ich bin oder was ich tun könnte, sondern für etwas, was ich nicht getan habe.

Ich schüttle den Kopf und hebe beschwichtigend die Hände, als Zeichen das er von mir keine Gefahr zu befürchten hat. "Dein Verlust tut mir leid, es gibt nichts was ich tun kann um dir deine Familie zurück zu bringen, aber ich habe sie nicht getötet."

"Halt die Klappe!", schreit er sofort und erschreckt damit nicht nur erneut mich, sondern auch all die anderen Menschen in der Kneipe. Niemand von uns hätte mit einem solchen Ausbruch gerechnet, das merkt man unter anderem auch an dem Gemurmel, das daraufhin lauter wird. "Dein Vater und der König führen einen Krieg, der keinen von ihnen etwas kostet, nur uns. Er wird auf unserem Rücken ausgetragen, es ist unser Blut das fließt. Glaubt ihr auch nur eine Sekunde ernsthaft das irgendjemand euch das Gerede über Frieden abkauft? Glaubst du das wir unser Leben in die Hände eines verfluchten Eindringlings legen?"

All die Jahre habe ich kaum einen Gedanken an das Volk meines Landes verschwendet, für mich waren es immer nur Menschen, die mich hassten und die ich am besten Ignorierte wenn ich nicht daran zugrunde gehen wollte, man könnte sogar sagen ich habe sie ebenfalls gehasst, aus dem einfachen Grund das sie mir nicht einmal eine Chance gaben. Sie verurteilten mich von dem Moment meiner Geburt und ich hasste sie dafür, dass sie mir meinen Fluch all die Jahre zum Vorwurf machten, etwas, wofür ich selber nichts konnte.

Umso ironischer ist es das ich jetzt, wo ich einem aus dem Volk mit all seinem Hass gegenüber stehe, beginne zu verstehen. Nicht etwa, warum sie mich von Anfang an verurteilen, das werde ich nie verstehen, aber ich fühle plötzlich ihren Schmerz und ihre Trauer. Für mich sind sie nicht länger diese Gesichtslosen Wesen, die ich nur aus Erzählungen kannte, sie haben eine Geschichte und sie mussten mehr geben als ich. Erst jetzt, nach neunzehn Jahren, verstehe ich, dass ihr Hass nicht mir als Person gilt, sondern das, wofür ich und mein Fluch stehen, für Krieg und tot.

Aber ich bin nicht hier um das fortzuführen, was meine Vorfahren angefangen haben, ich möchte nicht wieder das Elend bringen, das Marsex Nichts hinterließ. Ich bin selber nichts weiter als eine Schachfigur in dem Spiel des Königs, genau wie sie, aber ich lasse mich nicht für einen erneuten Krieg missbrauchen. Sie haben recht, auch ich glaube nicht das es ihm mit dem Frieden so ernst ist wie er tut, aber ich bin nicht hier um ihn zu unterstützen. "Ich bin nicht euer Feind." Erneut hebe ich langsam die Hand und lege sie vorsichtig um die scharfe Klinge des Schwertes, als Zeichen das ich mich nicht fürchte und das auch er nichts von mir zu fürchten hat.

"Ach Nein?", fragt er und schüttelt den Kopf. "Kamst nicht du aus dem verfeindeten Norden hierher um seine Tochter zu Heiraten? Du hast nie gesehen was wir sahen, du warst stets unser Feind und jetzt speist du mit weiteren Feinden an einem Tisch." Seine Worte sorgen erneut für Verwirrung bei mir und erst jetzt verstehe ich, was hier tatsächlich vor sich geht. Er sprach davon, dass er den König unterstützte, in der Vergangenheit und jetzt scheint er ihn sich zum Feind gemacht zu haben. Er kämpft nicht nur gegen Illiora, er kämpft auch gegen seinen eigenen König.

"Gehörst du zum Widerstand?", frage ich leise und spüre wie ein Schauer mir den Rücken herunter läuft als er lachend nickt.

"Sie glauben, dass du ihre Hoffnung wärst, der Prinz aus dem Norden, der letzte seiner Art. Sie glauben, du würdest dem König und seiner Familie den Rücken kehren, dass du dich auf die Seite des Volkes schlägst wenn du merkst wie schlecht es ihnen geht und das sie das selbe Leid einer ungerechten Welt teilen, genau sowie du es tust." Erneut lacht er, aber dieses mal sarkastischer, fast schon verzweifelt. "Sie sind verrückt."

"Ich bin nicht euer Feind."

Sofort verändert sich der Ausdruck in seinem Gesicht, er zieht das Schwert, um das meine Hand lag, weg und schneidet mir damit die Handinnenfläche auf. Ich schreie vor Schmerz auf und lege die andere Hand sofort um die Wunde als sie anfängt zu brennen. Erneut beginnt das Gemurmel der Menschen, aber nicht etwa weil sich irgendjemand von ihnen um meine Sicherheit sorgt, sondern weil sie alle fassungslos mein schwarzes Blut anstarren, dass auf den Boden tropft. Ich habe aber ich gar nicht genug Zeit mich darauf zu konzentrieren, denn kaum hat es angefangen zu bluten, spüre ich die Klinge auch schon wieder an meinem Hals.

"Du warst schon immer unser Feind", sagt er und hebt das Schwert mit beiden Händen über den Kopf. Ich kann gar nicht schnell genug reagieren, alles was ich tun kann ist die Klinge anzusehen, die direkt auf meinen Kopf niedersaust und zusammen zu zucken als das schneidende Geräusch von Metall erklingt. Es fällt mir schwer mich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren, dafür geschieht hier gerade zu viel, aber das erste was ich realisiere ist, dass ich noch lebe.

Die Klinge kam nicht einmal nah genug an mich heran um mich töten zu können, sie wurde von etwas anderem aufgehalten, einer anderen Klingt die direkt vor meinem Gesicht aufgetaucht ist und als ich ihr bis zu dem Griff und dem Besitzer folge, bleibt mein Herz ein weiteres mal stehen. Fassungslos sehe ich von seinen normalen Klamotten, hinauf zu seinem Gesicht und den Schwarzen Haaren, die es umrahmen. Er trägt keine Rüstung, wahrscheinlich um nicht aufzufallen und es scheint geklappt zu haben.

Ich weiß nicht, wie er so lange unbemerkt vor mir bleiben konnte, aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nicht ein einziges Mal umgesehen habe, weil ich es vermeiden wollte irgendjemandem in die Augen zu sehen. Er muss in einer der hintersten Ecken gesessen haben, versteckt vor meinen und anderer Augen und er muss bis jetzt zugesehen haben, darauf wartend einzugreifen wenn richtige Gefahr droht.

Ich fühle mich unglaublich dumm, habe ich dem König doch versichert, das ich keine Wache benötige und alleine klar kommen würde. Er muss Baekhyun trotz meiner Worte hinterher geschickt haben, weil er wusste ich würde versagen. Er hat den Hass der Menschen nicht unterschätzt und egal was man über ihn sagt, er kennt sein Volk besser als ich es tue.

"Nimm dein Schwert herunter", sagt Baekhyun in einem ernsten und wütenden Ton, den ich so niemals von ihm erwartet hätte. Das letzte mal, als wir miteinander sprachen war vor Jungkooks Geburtstag und damals haben wir uns wohl kaum im Guten getrennt. Er hat als meine Wache nicht aufgehört, wie ich es erwartet habe, aber er hat auch nicht mehr mit mir gesprochen, ganz so als hätte er die Hoffnung bereits aufgegeben und obwohl ich damals so unfreundlich zu ihm war, steht er hier mit seinem ganzen Körper vor mir und wehrt ein Schwert ab, das mein Leben hätte beenden sollen.

Man sieht dem Mann an, dass er ebenso überrascht ist wie ich, aber er schüttelt den Kopf und sieht Baekhyun an als wäre er der, der nicht wüsste was er tut. "Er ist eine Bedrohung für uns", sagt er ruhig, fast schon besonnen im Vergleich zu vorhin, aber Baekhyun schüttelt einfach nur den Kopf und obwohl er jetzt mit dem Rücken zu mir steht, weiß ich aus irgendeinem Grund das er die Stirn gerunzelt hat und ihn wütend ansieht.

"Er ist Hoffnung", erwidert Baekhyun.

"Warum?", fragt er und sieht ihn fassungslos an. "Was wisst ihr über ihn? Er ist ein Monster, das Jahrelang eingesperrt wurde, er weiß nichts über diese Welt, er weiß nichts über all das Leiden und die Qualen, die wir erdulden mussten, nichts über die Schmerzen. Wieso ist jemand wie er eure Hoffnung? Sie haben deinen Bruder getötet, Baekhyun, wieso vergibst du ihnen so leicht?" Seine Stimme bricht nach der ersten Frage und verwandelt sich in ein kratzen. Er verschluckt einige Worte, sodass sie zwischen seinem schluchzen nur schwer verständlich sind und obwohl seine Worte mich verletzen, empfinde ich Mitleid ihm gegenüber.

"Du hast Unrecht, mit dem was du sagst. Er ist kein Monster, nur weil du ihn für eines hältst. Glaubst du wirklich, dass es nur außerhalb seiner Mauern Schmerz gab, das der Krieg nicht auch im inneren tobte? Seine Familie hat ihn ausgeschlossen, sein Volk verachtet ihn und sein Bruder trachtet ihm nach dem Leben. Er hat vielleicht keine körperlichen Schmerzen erlitten, aber du bist ein Narr, wenn du glaubst, dass das der einzige Schmerz wäre, der existiert und das der Tod das schlimmste ist, was einen Menschen ereilen kann." Er senkt das Schwert blitzschnell und schlägt dem Mann mit der flachen Seite auf die Hand, sodass er seine Waffe vor Schmerz fallen lässt. "Ich habe ihnen nicht vergeben, das werde ich niemals, aber es war der König, der den Befehl gab meinen Bruder hinrichten zu lassen, nicht der Prinz. Hör auf anderen Leuten die Schuld zu geben, deine Familie ist tot, sorge lieber dafür das andere nicht das gleiche Schicksal erleiden müssen statt dich dem Wahnsinn hinzugeben, der dem König in die Karten spielt."

Er steckt sein Schwert in die dafür vorgesehene Scheide und dreht sich zum ersten Mal seit der Konfrontation wieder zu mir. Das ich noch vollkommen überfordert von all dem bin, ist mir wahrscheinlich nur all zu deutlich anzusehen, Baekhyun schenkt mir trotzdem ein weiches und aufmunterndes Lächeln bevor er sich vor mir verbeugt. "Es tut mir leid, Euch nicht früher geholfen zu haben", sagt er und streckt mir seine Hand hin als er sich wieder aufrecht hin stellt. "Lasst mich Euch nach Hause begleiten."

Mit offenem Mund sehe ich zwischen ihm und seiner Hand hin und her während die Menschen um uns herum sogar vergessen zu haben scheinen wie man atmet. Meine Aufmerksamkeit gilt aber auch gar nicht ihnen, alles was ich vor mir sehe ist diese Hand, die ich ohne irgendein zögern ergreife und an die ich mich klammere, als wäre ich tatsächlich in Sicherheit solange ich mich nur daran fest halte. Er nickt und führt mich um den Mann herum, der fassungslos da steht und während wir auf die Tür zu gehen, kann ich an nur eine Sache denken.

Ich frage mich, was er wohl mit zu Hause gemeint hat, denn in diesem Land habe ich kein zu Hause gefunden. Weder das Schloss, noch mein Gemach sind für mich ein Ort, an den ich gerne zurück kehre, also was meint er damit? Oder hat er es einfach nur gesagt, weil es der Ort ist, an dem es für mich ironischerweise die meiste Sicherheit gibt?

Ich umklammere seine Hand noch fester und lasse die andere unter dem Umhang versteckt damit die Menschen nicht sehen, wie sehr ich nach wie vor zittere und wie sehr das ganze mich mitgenommen hat. Ich mochte es nie, wenn man mir meine Angst ansieht und auch Joohyun hat das bemerkt. Sie sagte mir, dass jeder Angst hat, ob Mensch, verlorenes Kind oder Tier, wir alle haben das gemeinsam und der größte Fehler, den wir machen ist es zu verstecken, weil uns meistens genau das das Leben kostet.

Fast erwische ich mich dabei, wie ich bei dem Gedanken ins Schloss zurück zu kehren lächle, aber der kurze Moment der Entspannung wird jäh gestört durch einen Aufschrei. Erschrocken hebe ich den Kopf, aber Baekhyun reagiert schneller als ich und ist bereits herum gewirbelt, da versuche ich noch zu verstehen woher dieser laute, kehlige Schrei überhaupt kommt. So schnell, wie ich es noch nie jemanden tun gesehen habe, zieht er einen Dolch hervor, den er unter seinem Hemd zwischen dem Hosenbund versteckt hatte. Erschrocken weite ich die Augen als er einen Schritt zurück geht und ihn in meine Richtung wirft.

Die Angst lähmt mich, ich vergesse sogar zu atmen, bis das Geräusch von Metall ertönt, das sich in Fleisch bohrt. Viel zu verspätet spüre ich den Wind in meinem Gesicht, verursacht durch den geworfenen Dolch, der direkt daran vorbei flog und ich traue mich erst mich umzudrehen, als ich ein dumpfes Geräusch direkt hinter mir vernehme.

Langsam und jetzt auch mit deutlich zitternden Beinen drehe ich mich um und lasse meinen Blick von der Angsterfüllten Frau vor mir auf den Boden gleiten. Dort, wo gerade noch all die Wut und der Hass in seinem Gesicht saßen, ist nur noch eine vor Schreck verzogene Grimasse übrig. Der Dolch, der vor wenigen Sekunden noch in Baekhyuns Hand lag, steckt jetzt in der Stirn des Mannes, der regungslos auf dem Boden liegt während sich unter seinem Kopf eine Blutlache ausbreitet.

"Was habt Ihr getan?", fragt ein Mann, der bis jetzt an einem der kleineren Tische saß und sein Bier getrunken hat. Er war am nächsten am geschehen dran, ich erinnere mich an sein Gesicht als der jetzt tote Mann sein Schwert gegen mich richtete, es war von einem lächeln durchzogen. "Er war ein Mann des Volkes, ein Mitglied des Widerstandes, sowas wie ein Bruder!", ruft er fassungslos und steht auf.

"Er wollte den Prinzen töten", sagt Baekhyun ruhig ohne sich von der Lautstärke seines Gegenübers einschüchtern zu lassen.

"Ihr stellt einen Fremden, eine Missgeburt über eure eigenen Brüder?" Voller Verachtung spuckt er auf den Boden, als würden Baekhyun oder ich dort liegen, bevor er sein Schwert zieht. "Ihr seid ein Verräter."

Baekhyun packt mich am Arm und zieht mich sofort wieder hinter sich, sodass er mich mit seinem ganzen Körper und mit dem kurz darauf gezogenen Schwert verdeckt. Womit er und vor allem ich allerdings nicht gerechnet haben ist, dass neben dem Mann auch andere Besucher der Kneipe aufstehen und entweder ihre Waffen ziehen oder wenn sie keine besitzen, das nehmen, was als Waffe fungieren kann. In nur wenigen Sekunden sind wir umringt von Männern, die uns töten wollen.

"Nein", sage ich und versuche Baekhyun an seinem Hemd zu mir zu drehen, aber er hält den Blick auf die Meute gerichtet. "Du musst hier weg, das ist nicht deine Schlacht. Du wirst nicht sterben um mich zu schützen."

"Ich könnte mir keinen besseren Tod vorstellen", erwidert er ohne mich auch nur anzusehen.

"Nein", wiederhole ich und sehe die Menschen an. "Ich verschwinde, ich werde auch nicht wieder zurück kommen, aber lasst uns gehen. Lasst wenigstens ihn gehen!"

"Dafür ist es zu spät", sagt der Mann, der als erster sein Schwert gezogen hat und nickt in die Richtung der Leiche. "Ihr habt ein Leben genommen, dafür gibt es nur eine gerechte Strafe. Blut für mein Blut, Eure Hoheit." Das letzte sagt er voller Verachtung, er spuckt es uns quasi erneut vor die Füße bevor er mit erhobenem Schwert auf uns zu gerannt kommt, dicht gefolgt von den anderen Männern.

Blut für mein Blut, wie lange habe ich diese Worte nicht mehr gehört, es ist Jahre her. Als Kind hat mein Vater eine Lehrerin engagiert um mir die Vydische Sprache beizubringen, es war eines der ersten Dinge, die ich lernte. Der Leitspruch von Illiora ist: Ich lebe für dieses Land und ich sterbe für dieses Land, es ist eine lose Anlehnung an den Leitspruch von Ilkvid, der lautet: Blut für mein Blut. Wer jemanden aus meinem Volk tötet, bezahlt mit seinem eigenen Blut, so viel bedeutet das.

Ich habe diesen Spruch stets geliebt , lag in meinen Augen darin doch so viel Richtigkeit, aber gerade würde ich ihn am liebsten ungeschehen machen. Das hier ist nicht Richtig, Baekhyun tötete diesen Mann aus reinem Pflichtgefühl, weil er mich angriff, dafür verdient er nicht den Tod.

"Nein", flüstere ich erneut während die Männer immer näher kommen und ich sehe, wie Baekhyuns Griff um den Knauf fester wird. Es sind viel zu viele Männer, mehr als ein dutzend, er wird bei dem Versuch sterben mich zu beschützen und ich kann nichts anderes tun als dabei zuzusehen.

"Nein!", schreie ich erneut, aber mein Schrei geht in dem lauten Stampfen der Männer unter und als die Verzweiflung mich zu überrollen droht, lasse ich mich auf den Boden fallen. Ich höre keine Stimmen mehr, kein Geschrei, kein Stampfen, viel zu versunken bin ich in meinen Gedanken die Merkwürdigerweise, trotz all meiner Abneigung gegenüber diesem Ort doch zurück ins Schloss wandern, zurück zu dem Hof, an dem ich beinahe jeden Abend geübt habe, mit Jungkook der mir im Schatten zugesehen und sich selten aufs Eis getraut hat. Ich sehe sein Gesicht vor mir, höre seine Stimme und erwische mich dabei, wie ich mir wünschte ich könnte seine Berührungen in diesem Moment spüren, seine Arme um mich und seine Wärme die mir Trost schenkt, aber nichts davon ist Möglich und als ich die Augen öffne, ist er nicht da.

Aber etwas aus meiner Erinnerung ist dennoch hier, etwas woran ich nur eine Sekunde gedacht habe. Ich hebe meine zitternden Hände um sicher zu gehen, dass das blau schimmernde Eis darunter nicht bloße Einbildung ist, aber es ist nicht nur ein kleiner Fleck, der davon überzogen ist, als ich meinen Blick hebe, sehe ich, dass der ganze Boden und die Wände davon betroffen sind und nicht nur das. Ich kann aufgrund der Tränen, die sich in meinen Augen gebildet haben, kaum etwas sehen, aber ich würde das helle blau glänzende Eis selbst dann erkennen, wenn ich Blind wäre.

Baekhyun dreht sich in meine Richtung, das Schwert gesenkt und in dem Gesicht etwas, dass sich mit Faszinierung am nächsten beschreiben lässt. "Eure Hoheit..." beginnt er und streckt seine Hand nach mir aus aber ich schüttle den Kopf und sehe an ihm vorbei zu dem Mann, der direkt vor ihm steht, das Schwert erhoben und nur wenige Zentimeter von Baekhyuns Kopf entfernt, blau glänzend, fast strahlend im Licht der Sonne das durch die Fenster scheint, genau sowie der Mann, der es geführt hat und als ich mich umsehe, merke ich, dass es keine Ausnahme ist.

Alles, bis auf uns beide, hat sich hier drin in Eis verwandelt und als ich genauer aus dem Fenster sehe, bemerke ich etwas, was die meisten Menschen in Skravis für unmöglich hielten. Baekhyun folgt meinem Fassungslosen Blick und schnappt nach Luft als er bemerkt, was ich so anstarre. Er sieht mich kurz an um sich zu vergewissern, dass ich nicht verletzt bin, bevor er an mir vorbei geht und die Tür öffnet.

Die Menschen haben sich bereits versammelt und starren hinauf in den Himmel, als könnte jeden Moment jemand oder etwas auftauchen, was das erklären könnte, aber ich fürchte, dass ihnen die Erklärung dafür nicht gefallen wird. Ich senke den Kopf und starre meine Hand an, aus der das Blut aufgehört hat zu fließen. Erneut balle ich sie zu einer Faust und stütze mich damit auf dem Boden ab bevor ich aufstehe und nach draußen zu Baekhyun trete. Keiner bemerkt mich, keiner interessiert sich für mich, sie sind viel zu gebannt von dem unbekannten, das vom Himmel fällt.

Dem ersten Schnee, den Skravis seit einer Ewigkeit gesehen hat.




















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Sorry für das mit 5000 Wörtern wohl längste Kapitel bisher xD

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