18 | "einfach beth"

Beth                                 
natural - imagine dragons

Es war stockdunkel. Und verdammt still. Alles, was Beth in diesem Moment hörte, war ihr pochendes Herz und ihren schnellen Atem. Den Rest nahm sie einfach nicht wahr.

Und alles, was sie daran hinderte, vollkommen durchzudrehen und schreiend an die Fahrstuhltüren zu klopfen, war Mister Kingsleys Arm, der noch immer sicher an ihrer Taille lag. Vermutlich ließ er ihn nur dort, weil sie sich mit ihren mittlerweile eiskalten Fingern daran gekrallt hatte.

"Miss Dighton?", hörte sie seine Stimme hinter sich vorsichtig fragen und sie nickte. Doch dann würde sie sich bewusst, dass er sie ja überhaupt nicht sehen konnte.

"Ja?", fragte sie deshalb leise und wäre es nicht so still gewesen, hätte er sie bestimmt überhaupt nicht gehört.

Kurz zögerte er. "Wir müssen den Knopf für den Notdienst finden.", meinte er dann jedoch und sie runzelte verwirrt die Stirn.

"Und was hindert Sie daran?", fragte sie deshalb und hörte ihn leise lachen. Wie schön sein Lachen war. Das kleine Lächeln, dass sich auf ihren Lippen bildete, versteckte sie nicht. Diesmal nicht, denn er konnte sie ja ohnehin nicht sehen.

"Sie halten meinen Arm fest.", meinte er und sofort verblasste das Lächeln in ihrem Gesicht. Ruckartig ließ sie ihn los und brachte einen Schritt Abstand zwischen sie. Und wieder war sie froh darüber, dass sie nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte, denn sonst hätte er ihren hochroten Kopf sicherlich bemerkt. Wie peinlich.

Beth hörte, wie er ein paar Schritte lief und dann einen dumpfen Knall. Mister Kingley stieß ein ersticktes Geräusch und ein Zischen aus. "Verdammt.", fluchte er und dann war es still. Sie nahm nur noch ein leises, beständiges Klicken wahr, dass immer schneller wurde.

"Das kann doch nicht wahr sein. Wieso funktioniert das nicht?", flüsterte er frustriert und dann stockte er kurz. "Haben Sie zufällig ihr Handy dabei?", fragte er hoffnungsvoll.

Und da hätte sie sich liebsten mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen. Wieso war sie nicht selbst darauf gekommen?

Umständlich setzte sie ihren Rucksack ab, öffnete den Reißverschluss und kramte darin, bis sie ihr Handy zu fassen bekam. Und als sie es anschaltete, tauchte das den gesamten Raum in ein gedimmtes Kaltlicht.

Auffordernd hielt er ihr seine Hand entgegen, woraufhin sie es, ohne weiter darüber nachzudenken, entsperrte, ihre Telefonapp öffnete und es ihm in die Hand legte.

"Danke.", murmelte er gedankenverloren, als er eine Nummer eintippte und sich ihr Smartphone ans Ohr hielt.

"Hoffentlich haben Sie die richtige Nummer eingegeben.", meinte Beth.

Daraufhin blickte er sie amüsiert an. "Vielleicht hab ich ja meine Nummer eingegeben."

Und gerade in diesem Moment schien sein Gesprächspartner abzunehmen, denn Mister Kingsley drehte sich ein Stück von ihr weg und sprach nun gedämpft in das Telefon. Und ehrlich gesagt war sie sogar sehr froh darüber, denn auf seine letzte Antwort hätte sie keinen weiteren Konter gehabt.

Seufzend lehnte sie sich an die Wand hinter ihr und beobachtete ihn, obwohl sie nur seine Silhouette erkennen konnte.

"Okay, danke.", hörte sie ihn nach einiger Zeit etwas lautet sagen, bevor er das Handy vom Ohr nahm und darauf tippte. Stumm reichte er es ihr. "In 20 Minuten sind wir hier raus.", meinte er und sie meinte, ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht zu entdecken.

Beth stellte die Taschenlampe ihres Handys an und legte es dann auf den Boden, kurz bevor sie sich selbst an der Wand heruntergleiten ließ und die Füße an der gegenüberliegenden Seite abstützte.

Mister Kingsley tat es ihr gleich, sodass nun seine schwarzen Sneaker neben ihr die Wand berührten. Er seufzte. "Ich hätte Sie niemals mit mir bei Gewitter in einen Fahrstuhl gehen lassen dürfen.", meinte er nach einiger Zeit.

Sie blickte ihn an, analysierte seine Worte und fasste einen Entschluss. Es würde eh nichts bringen, diesen einzigen letzten Schein von Distanz weiterhin aufrecht zu erhalten.

Langsam stütze sie sich mit den Händen ab und stellte sich vor ihn. Es war das erste Mal, dass sie auf ihn herabblickte.

"Ich bitte dich, Malcolm, wir sind zusammen in einem verdammten Fahrstuhl gefangen. Nenn' mich Beth."

Überrascht blickte er sie an, als er sich ebenfalls von dem kalten Boden erhob, um ihr gegenüber zu stehen. Doch sie waren nicht auf einer Augenhöhe, jedenfalls nicht der Größe wegen. Beth musste den Kopf in den Nacken legen, um den Blickkontakt zu halten, denn er war gut anderthalb Köpfe größer, als sie.

"Beth? Ist das eine Abkürzung für irgendwas? Bethany vielleicht?", fragte er irritiert und fuhr sich durch das silberne Haar. Kurz fragte sie sich, weshalb er so überrascht tat. Er wusste, wie sie hieß und das wusste sie, weil er leise ihren Namen gewispert hatte, bevor sie sich auf ihn gestürzt und ihre Lippen stürmisch auf seine gepresst hatte. Schnell verwarf sie ihre Gedanken, als sie in sein Gesicht blickte und ehrliches Interesse darin erkannte.

"Einfach Beth.", murmelte sie daraufhin, unsicher, was sie anderes erwidern sollte, doch sie hielt den Augenkontakt.

"Das muss doch für irgendetwas stehen, du heißt doch sicherlich nicht nur Beth.", versuchte er es erneut, doch sie antwortete nur mit einer wegwerfenden Handbewegung.

"Das steht für überhaupt nichts. Das ist mein Name.", erklärte sie. Und so langsam wurde dieses Gespräch unangenehm. Sie meinte, rot angelaufen zu sein und ein Zittern in ihrer Stimme zu hören, obwohl das kaum sein konnte. Das lag ganz sicher an Malcolm Kingsley, mit seiner bescheuerten Ausstrahlung, die sie so aus dem Konzept warf. Und diesem Haar, dass so verführerisch im gedimmten Licht ihres Handys glitzerte. Und diesen Lippen, die so unheimlich weich waren. Doch vor allem lag es an seinem Blick aus diesen dunkelgrünen Augen.

Malcolm betrachtete sie nachdenklich und trat einen kleinen Schritt auf sie zu. Und dann noch einen, bis sie sich fast berührten. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Haar, fühlte daraufhin ein aufgeregtes Prickeln in ihrem Inneren. Und auf einmal war alles um sie herum verschwunden. Der Fahrstuhl, die Geräusche, die gesamte Welt. Alles, was sie nun sah, war Malcolm.

Er strich ihr gedankenverloren eine verirrte Haarsträhne hinter das Ohr und legte grinsend den Kopf schief.
"Er steht nicht für überhaupt nichts.", wisperte er. "Er steht für dich."

Sie musste schlucken. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Körper. Nur eine einzige Bewegung und sie würde ihn berühren. Nur eine Sekunde.

Und da brach sie den Blickkontakt ab. Sie entfernte sich. Seelisch. Körperlich. Stolperte einige Schritte nach hinten, bis sie die kalte Spiegelwand des Fahrstuhles in ihrem Rücken spürte. Beth schloss die Augen und konzentrierte sich, um seine Präsenz nicht mehr zu fühlen, seinen Duft nicht mehr wahrzunehmen, seinen Atem auf ihrer Haut nicht mehr zu spüren. Vergebens.

- keep smiling. ♡

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