Twenty-Five

TW: Gewalt, Andeutungen von Homophobie

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Gray war zu erschöpft, um sich jetzt auch noch mit Leonard herumzuschlagen. Es war bereits schlimm genug, dass er Realität und Traum nicht auf dem Hartplatz hatte unterscheiden können, aber ihn jetzt auch noch in der Umkleidekabine vor sich zu haben, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er konnte vage spüren, wie Patrick eine Hand an seine Schulter legte, bevor Gray sich zu Leonard umwandte. „Es muss wirklich schwer für dich sein, mit so einer Persönlichkeit leben zu müssen. Andere haben immerhin die Möglichkeit, sich zum Besseren zu wenden, oder an sich selbst zu arbeiten, aber deine erlernte und genetisch bedingte Arroganz muss es dir unmöglich machen, auch nur ein gutes Wort jemand anderem gegenüber übrig zu haben, oder? Du hast gewonnen, Glückwunsch! Es scheint mir aber nicht so, als könntest du diesen Sieg mit auch nur einer Menschenseele teilen, die sich wirklich für dich und dein trauriges Leben interessiert, also tu uns einen Gefallen und verpiss dich."

Leonard starrte Gray mit geweiteten Augen an, der Mund leicht geöffnet und ein Ausdruck auf seinem blassen Gesicht, den Gray nicht ganz einordnen konnte. Seine hart ineinander verschränkten Arme lösten sich etwas und er lehnte nicht mehr gegen den Türrahmen. Er öffnete den Mund einmal, schloss ihn wieder und versuchte es erneut, aber kein Ton entkam ihm.

Die Hand an Grays Arm verstärkte sich und Patrick zog ihn mit sich. „Beruhig dich", zischte er ihm zu. „Mein Bruder ist ein Arschloch, aber harmlos."

„Das gibt ihm kein Recht –"

„Nein, tut es nicht", unterbrach Patrick ihn leise, „aber es hilft dir auch nicht, wenn du dich jetzt auf ihn wirst. Geh unter die Dusche, Gray. Ich kümmere mich darum."

Obwohl Patrick leise gesprochen hatte, schien Leonard sie gehört zu haben. „Hör lieber auf ihn, Fowley, sonst könnte mir noch rausrutschen, dass du mich ohne Provokation angegriffen hast. Wahrscheinlich überlegt man es sich dann zweimal, ob man dir noch eine Chance für nächstes Jahr gibt."

„Leonard", sagte Patrick mit fester Stimme und drehte sich zu seinem Bruder um. „Halt's Maul."

„Weiß Papa, dass die ganzen Gerüchte doch wahr sind? Dass der berühmte Patrick Saint-Germain es wie eine kleine Bitch nimmt? Es würde ihn und Großvater wahrscheinlich brennend interessieren, was meinst du? Und die Presse erst. Wie sie wohl zu der Wahrheit stehen?" Leonard verschränkte die Arme erneut. „Ich weiß, wie man die Klappe hält, wenn die Bezahlung gut genug ist."

„Ich kann dir auch die Zähne einschlagen", raunte Gray in seine Richtung, bevor Patrick einen Arm um seine Hüfte schlang. „Ein kleiner Bettnässer wie du sollte sich nicht mit unseren Angelegenheiten befassen."

Mit gerecktem Kinn antwortete Leonard: „Interessant. Keiner von euch hat es bisher verneint."

Patricks ganzer Körper wurde steif, als er den Kopf langsam in Leonards Richtung drehte.

Ein triumphierendes Lächeln lag auf Leonards Gesicht. „Es interessiert mich eigentlich nicht wirklich, was ihr macht", gab er zu. „Also, so wirklich gar nicht, aber da es sich bei Patrick um meinen Bruder handelt, muss ich mich ja einmischen. Familienrecht, du verstehst schon. So wie ich das sehe, haben wir zwei Optionen. Ich könnte jetzt rausgehen und Dad alles erzählen, der dann wahrscheinlich verneinen wird, jemals etwas mit dir zu tun gehabt haben, oder ich könnte alles der Presse erzählen und ihnen sagen, dass ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Beides eher unschön, oder? Wenn es doch nur einen Weg gäbe, um das zu verhindern." Sein Blick rutschte zu Patrick. „Du weißt, was ich meine."

Gray blickte zwischen den Brüdern hin und her, aber er wurde nicht schlauer aus der Situation. Wenn Leonard lediglich ein homophobisches Arschloch wie der Rest der Sportgemeinde wäre, dann würde er hier nicht stehen und versuchen mit ihnen zu verhandeln. Irgendetwas musste zwischen den Brüdern vorgefallen sein, das Gray nicht wusste, irgendwas, damit Leonard jetzt versuchte, Patrick dazu zu bringen, etwas für ihn zu tun. Was es auch gewesen war, es konnte nicht groß genug sein, damit Leonard die Privatsphäre seines Bruders dafür ausnutzen würde. Gray ballte eine Hand zur Faust. Wenn er daran dachte, was es kosten würde, damit Gwen sich so verhielt, wurde ihm schlecht. „Du hast Option Drei vergessen."

Für einen Moment sah Leonard irritiert aus, als er zu Gray blickte – dann malte sich blanke Angst auf sein Gesicht, während Gray sich von Patrick losmachte, zwei Schritte auf ihn zuging und mit seiner Faust ausholte. Mit einem befriedigenden Knacken landete sie auf Leonards Nase, ein zuckender Schmerz ging durch Grays Hand und einen Augenblick später zerrten ihn zwei Hände nach hinten.

Patrick sagte etwas, das er nicht hörte.

Gray schüttelte seine Hand aus, an der ein wenig Blut klebte.

„Fuck!", schrie Leonard und hielt sich eine Hand vors Gesicht. Durch seine Finger sickerte Blut hervor und tropfte auf den weißen Linoleumboden. „Was sollte das bitte, du Verrückter?"

„Option Drei", erwiderte Gray mit ruhiger Stimme. „Ich brech dir nur die Nase und du verpisst dich und hältst die Klappe, wenn du weißt, was gut für dich ist."

„Ich lass dich anzeigen!", rief Leonard aus. „Du bist gemeingefährlich, Fowley! Warte nur, bis mein Anwalt davon hört, was du getan hast, dann –"

„Das wirst du nicht tun."

Leonard atmete schwer und starrte zu seinem Bruder. „Wie bitte?"

„Du wirst nichts tun, um Gray in Schwierigkeiten zu bringen", sagte Patrick langsam. „Du drehst dich jetzt um und suchst dir eine Erste-Hilfe-Kit und lässt deine Nase richten – sag ihnen, dir wurde eine Tür ins Gesicht geknallt. Du verlierst kein Wort darüber, was hier passiert ist."

„Wieso sollte ich das tun?", spuckte Leonard aus, und spuckte tatsächlich etwas Blut auf den Boden.

Gray fand das tatsächlich eine berechtigte Frage. Seine Gefühle waren mit ihm durchgebrannt – erneut. Das erste Mal hatte er den älteren Saint-Germain-Bruder geküsst, jetzt hatte er dem jüngeren die Nase gebrochen. Adrenalin pumpte zwar noch durch seinen Körper, aber die Erschöpfung vom langen Spiel brachte ihn wieder auf den Boden. Er atmete schwer und starrte auf das rubinrote Blut auf dem Boden. Scham kroch in seine Wangen, als er wahrhaftig realisierte, dass er dafür verantwortlich war.

„Ich habe dir vor ein paar Wochen die Möglichkeit gegeben, mit mir zu reden", sprach Patrick weiter. „Du wolltest allerdings nur Geld von mir, um deine Schulden zu begleichen. Ich weiß sehr gut, dass Großvater bisher seine Verbindungen spielen lassen hat, um nichts davon an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, um dir eine reine Weste zu verpassen, aber selbst er könnte nichts gegen richtige Beweise tun, oder? Wolltest du nicht darauf zurück, als du gedroht hast, uns zu verraten?"

Es war bewundernswert, fand Gray, wie ruhig Patrick sprechen konnte, obwohl die Situation alles andere als ruhig war. Wahrscheinlich hatte Gray ihm auch nicht geholfen, in dem er auf seinen Bruder losgegangen war. Als wäre die Niederlage nicht schlimm genug, musste er jetzt auch noch damit leben, dass Leonard ihn so einfach provozieren konnte. Er fühlte sich für einen Moment zurück an die IMG versetzt, an der er mehr als einmal den Drang verspürt hatte, einem seiner arroganten Mitschüler die Nase dafür zu brechen, dass sie immer auf ihn herabgeblickt hatten. Es war gleichzeitig befriedigend, wie es beängstigend war, dass er diesem Drang tatsächlich nachgehen konnte. Er ballte beide Hände zu Fäusten und biss sich auf die Zunge.

„Ich frage mich, was mehr Schlagzeilen macht. Meine Beziehung, oder deine Spielsucht. Willst du es wirklich darauf ankommen lassen, Leo?"

Leonard wurde blass um die Nase, aber sein abfälliges Schnauben verriet ihn wirklich. „Du hast es doch selbst gesagt. Was sind schon ein paar Schulden? Ich bin sicher nicht der erste, der Spielschulden hat."

„Nein, wahrscheinlich nicht, aber ich frage mich, ob Großvater das auch so sehen wird. Er tut alles, damit unsere dreckige Wäsche privat bleibt, glaubst du also, er wird es dir einfach so verzeihen, wenn gerade deine an die Öffentlichkeit gerät? Oder meinst du, er wird dich genau wie mich einfach fallen lassen, wenn du nicht mehr lukrativ genug bist? Willst du es herausfinden?" Patrick verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf ein wenig schief. „Ich frage mich wirklich, was die Sportwelt mehr aufregen wird. Eine unschuldige Beziehung zwischen einem Coach und seinem Schüler, oder eine halbe Millionen Dollar Spielschulden, die aus dubiosen Gründen noch nicht abgezahlt worden sind, obwohl die Saint-Germains doch genug Geld haben."

„Du bluffst" , sagte Leonard, aber Gray konnte die unterdrückte Panik in seiner etwas zu hohen Stimme hören. „Deine – eure Karriere ist vorbei, wenn das rauskommt!"

Gray wollte daran glauben, dass Leonard einfach nur in die Ecke gedrängt war, aber er hatte wahrscheinlich Recht. Tennis gehörte zu den wenigen Sportarten, bei denen es kaum geoutete Spieler gab, von zur Ruhe gesetzten mal abgesehen. Bei den Männern konnte Gray wahrscheinlich alle an einer Hand abzählen. Wenn wirklich rauskommen würde, was er und Patrick hatten, dann wären sie das Gesprächsthema Nummer Eins. Sie hatten die homophoben Kommentare bereits erlebt, Gray wurde aus Umkleidekabinen geworfen und Sponsoren hatten sie aufgrund von Gerüchten fallen gelassen – es war nicht schwierig, sich auszumalen, was passieren würde, wenn sie sich tatsächlich outen würden. Sie lebten in einer progressiven Zeit, aber das war noch lange kein Grund, um auch zu denken, dass alle Menschen progressiv waren. Tennis war ein Country Club Sport für die Reichen, um sich noch reicher zu fühlen. Queere Menschen gehörten dort nicht hin, zumindest wenn man den Online-Kommentaren glauben könnte. Gray wollte nichts lieber, als allen zu beweisen, dass sie falsch lagen, aber er wusste nicht, ob er bereit war, seine Karriere aufzugeben.

Patrick verzog kaum merklich das Gesicht. „Vielleicht sollten wir es gerade deswegen tun. Es gibt kaum Vorbilder für kommende Tennisspieler, weil niemand sich traut, etwas gegen das bestehende System zu unternehmen. Wie viele neue Spieler müssen noch in diese Welt kommen, ohne sich jemals outen zu können? Und das nur aus Angst, dass man sie anders behandeln würde als ihre Mitspieler?"

„Das kannst du nicht ernst meinen", erwiderte Leonard. „Man würde dir alles nehmen."

„Nicht alles." Patrick löste seine gekreuzten Arme wieder und schlang eine Hand um Grays. Ihre Finger verschränkten sich ineinander. „Ich habe sowieso keine Karriere mehr vor mir."

„Aber er. Würdest du sie ihm nehmen wollen, nur weil deine eigene Arroganz dir im Weg steht?"

„Das –", fing Patrick an, aber Gray unterbrach ihn.

„Mir wäre es egal", sagte er, auch wenn er selbst nicht wusste, ob er die Wahrheit sag oder log. Die Worte rollten ihm einfach von der Zunge. „Ich liebe Patrick mehr als Tennis."

Patricks Finger drückten fest zu.

Leonard sah sie mit geweiteten Augen an. Blut klebte an seiner Nase und seiner Oberlippe, aber er schien längst vergessen zu haben, dass Gray ihm die Nase gebrochen hatte. Er blickte erst zu Patrick, der das Kinn reckte, dann zu Gray, der seinen Blick hart erwiderte. Leonard öffnete den Mund, aber schloss ihn wieder. Vielleicht realisierte er auch, wie allein er gerade war, aber er ging einen halben Schritt zurück. „Ich dachte immer, Tennis wäre alles, was dich glücklich machen kann. Ich schätze, ich hab mich geirrt." Er wandte sich um und öffnete die Tür der Umkleidekabine.

„Glückwunsch zu deinem Sieg, kleiner Bruder", erwiderte Patrick, bevor Leonard gänzlich aus dem Raum verschwand.

„Hast du keine Angst, dass er es trotzdem verraten wird?", fragte Gray.

„Nein", gab Patrick zurück. „Ich meine, ein wenig schon, aber ich weiß, dass er nicht so ein Mensch ist. Leonard ist mein Bruder." Er drehte den Kopf zu ihm. „Und du hast ihm echt die Nase gebrochen."

Gray verzog ein wenig das Gesicht. „Es war ein Reflex."

„Es sah unverschämt gut aus."

„Bist du nicht sauer?"

„Vielleicht ein bisschen", meinte er achselzuckend, „aber viel mehr bin ich von dir angeturned."

Gray unterdrückte ein Lächeln. „Wenn du weiter so machst, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis man uns wirklich erwischt."

„Und wenn schon." Patrick lehnte sich vor und küsste erst seine Wange, dann seinen Hals, seinen Kiefer und schließlich seine Lippen. Er biss vorsichtig auf Grays Unterlippe und zog daran. „Ich kann dir helfen, dich gründlich zu reinigen."

„Oh ja?"

„Hm." Patrick stöhnte leise, als Gray mit seiner anderen Hand an dessen unterem Rücken entlangfuhr. Seine Finger tippten immer wieder auf den Bund seiner Jeans.

Obwohl er sich Sorge um Leonards gebrochene Nase und die Konsequenzen machen sollte, die sein Reflex mit sich gebracht hatte, nahm Gray die Ablenkung liebend gerne an, besonders wenn sie sich in dieser Form an ihm rieb. Er lachte, als Patrick ihm das Shirt über den Kopf zog und ihn Richtung der Duschräume zog. Ihre Kleidung landete in kleinen Haufen überall verteilt. „Vielleicht sollte ich öfter verlieren", sagte er heftig atmend, als Patrick ihn gegen die Fliesenwand drückte und vor ihm auf die Knie ging.

„Bloß nicht", erwiderte Patrick mit einem schiefen Grinsen.

Gray biss sich auf die Knöchel, damit sein Stöhnen sie nicht verriet.

***

Wenn es nach Gray gegangen wäre, dann wären sie nach seiner Niederlage gegen Leonard wieder zurückgeflogen, aber Patrick musste ihn ja daran erinnern, dass das Hotel für zwei weitere Nächte gebucht war und sie nicht einfach die Großzügigkeit des ATP so in den Wind schlagen konnten. Gray vermutete zwar, dass Patrick nur bleiben wollte, um der Siegerehrung beizuwohnen und seinen Bruder auf dem Podest zu sehen, aber er würde nicht fragen. Was auch immer zwischen Patrick und Leonard vorgefallen war, ging ihn nichts an, wenn Patrick nicht bereit war, darüber zu reden. Er konnte einfach nur hoffen, dass sie irgendwann wie er und Gwen waren.

Es war Folter auf den Zuschauerrängen zu sitzen und zu warten. Gray war es gewohnt, das Spielfeld von Nahem zu sehen, auf dem harten Platz zu stehen und den Schläger in der Hand zu heben. Das letzte Mal, als er nur bei einem Spiel zugesehen hatte, musste noch vor der IMG gewesen sein. Er hätte es gerne dabei belassen, aber für Patrick biss er eben auch mal in den sauren Apfel. Obwohl das Finale der Qualifier längst geschlagen war, waren für das Spektakel der Zuschauer ein paar bereits im Ruhestand lebende Tennisspieler für einen Tag aufs Spielfeld getreten. Sie waren längst nicht mehr in ihrer Topform und ihre Bewegungen waren langsamer als sonst, aber es war trotzdem faszinierend zu beobachten, wie die Männer spielten, obwohl sie den Schläger längst an den Nagel gehangen hatten.

Leonard ließ sich seine gebrochene Nase nicht anmerken. Obwohl sein Bruder ihm angedroht hatte, seine Spielsucht zu verraten, bewegte er sich zwischen Kameras und Reportern, als wäre er dafür geboren worden. Wahrscheinlich war er das auch, wenn Gray an die Saint-Germains dachte. Patricks und Leonards Vater stand dort, wo er gestern auch gestanden hatte; die Arme verschränkt, das Gesicht eine unlesbare Maske. Er vermied es vehement in ihre Richtung zu sehen. War es Scham, die Edward Saint-Germain davon abhielt, zu seinem ältesten Sohn zu sehen? Gray war sich nicht sicher, aber er wollte es auch nicht herausfinden. Er wollte das Atkins Center verlassen und endlich wieder allein mit Patrick sein. Gwen und Lizzy zwischen ihnen waren ausreichend, damit sie nicht in Versuchung kamen, aber es ließ ihn blind vor Lust werden, wann immer er einen Blick auf Patrick warf.

Als das Schauspiel beendet und der letzte Satz gewonnen war, applaudierte Gray so höflich, wie er konnte, ohne seine Ungeduld herauszulassen. Er wollte das Stadion endlich verlassen und verfluchte Patrick und seinen guten Willen.

„Es ist nur höflich, wenn wir zur Siegerehrung bleiben", hatte er am Morgen gesagt, als er Grays Kragen gerichtet hatte. „Ich bin immer bis zum Finale geblieben."

„Weil du immer ins Finale gekommen bist", hatte Gray ihn erinnert.

„Du bist Zweiter geworden, also wirst du auch bleiben. Jetzt komm, lächle für mich." Er hatte ihn geküsst und dann ins Auto bugsiert.

Siegerehrungen waren noch nie Grays Lieblingsteil eines Turniers gewesen, Von den meisten war er geflohen, wenn er konnte, und wenn er geblieben war, hatte er sich am kostenlosen Champagner bedient, um es zu überstehen. Patrick hingegen hatte damit bessere Erfahrungen, so oft wie er schon auf dem Podest gestanden hatte. Das Ende der Qualifier war nicht anders. Ein offizieller Sprecher der ATP Finals betrat den Platz, nachdem der Applaus endgültig verklungen war. Gray versuchte seine Stimme auszublenden, als er von den vielen haarsträubenden Matches redete, die sie im Atkins Center gesehen hatte. Er musste nicht daran erinnert werden, dass er im Finale verloren hatte. Wenn er könnte, dann würde er jetzt liebend gerne verschwinden und sich irgendwo verstecken, bis alles vorbei war.

Leider konnte er das nicht. Gerade weil er bis ins Finale gekommen wurde, wurde auch sein Name in der Rede genannt.

„Nach einem herausragenden Spiel und einer absoluten Glanzleistung von Leonard Saint-Germain in seinem Match gegen den neusten Publikumsliebling Grayson Fowley, ist es wohl nicht verwunderlich, wenn wir heute die Ehre haben, Leonard Saint-Germain den Sieg für die diesjährigen Illinois-Qualifier zu überreichen."

Leonard kam mit festen Schritten auf den Platz, ein dickes, weißes Pflaster auf seiner Nase und ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. Als er den Sprecher erreichte, schüttelte er ihm die ausgestreckte Hand. „Danke, Rodrick", sagte er in das bereitgestellte Mikrofon. „Ich fühle mich mehr als geehrt, hier stehen zu dürfen. Das vergangene Jahr wird mir wahrscheinlich noch lange im Gedächtnis bleiben und ich bin mir sicher, dass es vielen von Ihnen ebenso geht. Mein Bruder musste aufgrund einer Verletzung den professionellen Sport verlassen und ich verfluche jeden Tag den Moment, an dem ich es erfahren habe."

Gray setzte sich aufrechter. Er warf einen Blick zur Seite, wo Patrick ebenfalls den Kopf reckte. Sein Mund stand leicht offen und seine Brauen waren leicht gekräuselt.

„Es gehört sicherlich nicht zur feinen Etikette, wenn ich das jetzt sage, aber ich wollte nie Tennis spielen." Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge. Der Sprecher sah perplex aus. Edward Saint-Germain ballte die Hände zu Fäusten und starrte in den Himmel. „Mit zwei Tennis-Legenden in der Familie war es natürlich nie meine Wahl, ob ich spielen wollte, oder nicht. Ich mache meinem Vater und Großvater keine Vorwürfe, dass sie mich immer zum Besten anspornen, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch so tun kann, als würde ich nicht jede Sekunde hassen, die ich auf dem Feld stehen muss. Mein Bruder ist anders. Er wollte immer spielen, zumindest glaube ich das. Er war der geborene Tennis-Spieler, aber das Schicksal hatte andere Pläne für ihn. Ich maße es mir nicht an, für ihn zu sprechen, aber ich bin froh, dass er als Coach auch noch Erfüllung gefunden hat. Es ist nicht so einfach, wie es scheint, ein Saint-Germain zu sein."

„Ich fürchte, ich habe Sie missverstanden", sagte der Sprecher mit schneller Stimme. Kamera klickten um sie herum. Blitzlichter erfüllten den blauen Himmel mit Sternen. „Sie spielen nicht, weil Sie es wollen? Aber Sie sind ein herausragender Spieler! Wir haben es alle mehr als einmal gesehen, Sie haben –"

„Meine Familie scheut keine Kosten und Mühen, wenn es darum geht, aus einem Saint-Germain ein Tennis-Ass zu machen. Bevor mein Bruder sich zurückziehen musste, habe ich nicht aktiv gespielt. Ich konnte mich sogar ziemlich gut damit anfreunden, nie wieder einen Schläger in die Hand nehmen zu müssen, aber", er zuckte mit Schultern, „das war mir nicht lange vergönnt. Ich will nicht undankbar klingen, denn das bin ich nicht. Glaube ich zumindest", fügte er zögerlich an, „aber wenn ich meiner Familie gesagt hätte, dass ich kein Tennis spielen will, dann hätte man mich nicht gehört. Man hat mir Trainingsstunden, die besten Lehrer und das beste Equipment gekauft, aber es war nie etwas gewesen, das ich wirklich haben wollte. Wenn ich daran denke, dass ich mit diesem Sieg jemandem den Platz für die US Open wegnehme, der es wirklich verdient hat, dann wird mir schlecht. Ich habe Blut und Schweiß in diesen Sport investiert – dieses Jahr mehr denn je – aber es wird nie reichen, damit ich auch Freude daran empfinde. Es gibt Spieler, die sich nicht einmal einen Schläger leisten können, und die trotzdem alles in ihrem Leben dafür aufgeben würden, die Chancen zu bekommen, die ich habe. Deswegen habe ich mich – haben wir uns", sein Blick rutschte zur Seite zu seinem Vater, der noch immer nicht zu ihm sah, „dafür entschieden, diesen Sieg nicht anzunehmen."

Das Stadion eruptierte in Chaos. Zuschauer quasselten um sie herum durcheinander, Reporter schrien laute Fragen, in der Hoffnung, erhört zu werden, und Grays Kopf wurde blank. Was bitte sah er gerade vor sich? Er drehte den Kopf zu Patrick. Dieser hatte sich so weit auf seinem Platz vorgelehnt, dass er mit beiden Händen die Sicherheitsreling umfasste. Seine Knöchel stachen aschfahl hervor. Er bewegte seine Lippen, aber über den Lärm konnte Gray ihn nicht verstehen. Gwen und Lizzy sahen ebenso irritiert wie verwirrt aus. Es ergab keinen Sinn, dass Leonard das tun würde, aber dann wiederum kannte Gray Leonard nicht, also woher sollte er wissen, was für ihn Sinn ergab?'

Es dauerte eine ganze Weile, bis der Trubel im Atkins Center sich gelegt hatte. Kamerablitze erhellten die Umgebung und Reporter drückten ihre Mikrofone weiter nach vorne, während die Stimmen der verwirrten Zuschauer immer weiter verebbten. Schließlich gab es ein knackendes Geräusch, und der Sprecher der ATP fragte mit hallender Stimme: „Was genau soll das bedeuten, Mr. Saint-Germain? Sie haben dieses Spiel fair gewonnen."

Leonard setzte ein halbes Lächeln auf. „Aber ich hatte keinen wirklichen Spaß daran. Wie viele andere war ich enttäuscht, als mein Bruder nicht mehr spielen konnte, aber nicht, weil ich ihn dann nicht mehr spielen sehen konnte, sondern weil ich wusste, dass damit meine Zeit gekommen war, den Saint-Germain Namen Ehre zu verschaffen. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich mich anders entscheiden könnte, dass ich Nein sagen und Tennis den Rücken kehren könnte. Das habe ich jetzt endlich erkannt. Ich will auch etwas finden, dass ich mehr liebe als das hier", er deutete mit einer Hand auf das Stadion. „Es tut mir leid, für die Unannehmlichkeiten, die ich damit verursache, aber ich werde diesen Sieg nicht annehmen."

„Was macht dieser Idiot denn?", fragte Patrick, den Gray endlich wieder hören konnte. Er schüttelte immer wieder den Kopf. „Gott, was ein Trottel."

Gwen griff zur Seite und nahm eine seiner Hände von der Reling und umfasste sie fest mit ihrer eigenen. „Er wählt seinen eigenen Pfad. Das ist etwas Gutes."

„Nicht in meiner Familie", erwiderte Patrick, der zumindest keine Anzeichen machte, die Hand wegzuziehen. „Ich weiß nicht, was er sich dabei denkt."

„Dein Vater scheint ihn zu unterstützen", sagte Gray leise.

Patricks Blick rutschte erst zu ihm, wo er sich in seine Augen brannte, dann runter zum Spielfeldrand, wo Edward Saint-Germain noch immer stand. Zwar sah er nicht so aus, als würde er jeden Moment über die Entscheidung seines Sohns jubeln, aber da er ihn nicht von der Bühne gezerrt hatte, ließ es vermuten, dass es etwas war, dass sie vorher besprochen hatten. „Kneif mich mal."

Gwen gehorchte.

„Au", zischte Patrick. „Nicht mit den Nägeln."

„Es ist echt", sagte sie. „Das passiert wirklich."

„Aber was genau heißt das jetzt? Mein Bruder hört nach nicht mal einem Jahr wieder auf mit dem Tennis? Er hätte in den US Open spielen können. Er hätte sich einen unglaublichen Rang erkämpfen können."

„Aber es hätte ihm nicht gefallen", sagte Lizzy achselzuckend. „Das hat er gesagt. Es macht ihm keinen Spaß. Willst du, dass er sich zwingt? Willst du, dass du dich zu etwas zwingst?"

Patrick verzog das Gesicht und wandte den Blick zurück zum Podium.

„Ich weiß, dass das unerwartet kommt, aber es ist nichts, dass ich auf die Schnelle entschieden habe. Mit diesen Gedanken kämpfe ich schon ziemlich lange, deswegen fühlt es sich auch umso besser an, sie endlich ausgesprochen zu haben. Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe." Leonard neigte ein wenig den Kopf, bevor er zur Seite vom Podium trat. Er ignorierte die Rufe der Kameraleute und Reporter, der Zuschauer und Fans, die um Aufmerksamkeit bettelten, und trat mit ruhigen Schritten auf seinen Vater zu. Edward hob die Hand, ließ sie zögerlich für einen Moment in der Luft, dann klopfte er Leonard auf die Schulter. Ein kleiner Moment. Eine unbedachte Bewegung. Es reichte aus, damit Patrick das Gesicht in den Händen vergrub.

„Wenn das mal keine unerwartete Wendung ist", sagte der Sprecher der ATP mit nervöser Stimme. „Meine Damen und Herren, Sie verstehen sicherlich, wenn wir ein wenig aufgewühlt sind. Soetwas ist mir in meiner gesamten Karriere noch nicht untergekommen. Wir müssen uns zurückziehen und unsere weiteren Schritte besprechen. Ich danke Ihnen allen, dass sie gekommen sind, aber leiden müssen wir die Zeremonie hier beenden. Entschuldigen Sie mich bitte." Genau wie Leonard ging auch der Sprecher mit schnellen Schritten vom Podium, wobei er Bitten auf Interviews ignorierte, und folgte den Saint-Germains durch den Gang, der ihn einen Moment später verschluckte.

Erneut brach Chaos um sie herum aus. Gray wusste nicht ganz, was er denken sollte, aber er konnte nicht anders, als Stolz zu empfinden. Stolz für jemanden, dem er keinen Tag vorher noch die Nase gebrochen hatte. Er konnte Leonard vielleicht nicht sonderlich leiden, aber er wusste, was für einen Mut es brauchte, um solch eine Entscheidung zu treffen. Er blickte rüber zu Patrick, dessen Schultern leicht bebten, der aber nicht so aussah, als würde er wirklich weinen, und seufzte leise. Es schien in der Familie zu liegen, dramatische Ankündigungen zu machen und dann von der Bildschirmfläche zu verschwinden. „Kommt schon, lasst uns abhauen, bevor die noch über uns herfallen."

„Über dich, meinst du wohl", erwiderte Lizzy, stand aber ebenfalls auf. „Wenn Leonard seinen Sieg nicht annimmt, dann geht er doch an dich, oder?"

„Ich glaube nicht, dass das so funktioniert." Gray wusste nicht, wie es funktionierte, aber es war besser, nicht daran zu denken, was diese Entscheidung mit sich bringen würde. Sein Kopf war sowieso schon überfüllt mit Gedanken. Er wollte nur noch raus hier. Er und Lizzy führten den Weg an, während Patrick und Gwen hinter ihnen blieben. Für ein paar lange Momente war es ihm egal, dass es hier von Kameras wimmelte; er wollte sich umdrehen und Patrick an der Hand nehmen und so lange in die Arme schließen, bis sein Körper aufhören würde zu beben.

Sie schafften es aus dem Stadion, ohne von Reportern überfallen zu werden, aber damit wir sie noch nicht aus dem Regen. Auf dem Parkplatz gab es einen kleinen Auflauf an Menschen, die sich alle um ein dunkles Auto versammelt hatten. Zwei Männer standen dort mit dem Rücken zur Tür, während sie mit Mikrofonen belagert wurden. Gray schaffte es nicht, sie in eine andere Richtung zu lotsen, bevor Patrick es ebenfalls sah. Er blieb wie versteinert stehen.

„Wir sollten nicht", fing Gray an, aber Patrick hörte nicht auf ihn.

Ohne auf Gwen und Lizzy zu achten, drückte Patrick sich an ihnen vorbei und ging auf die Menschentraube zu, die seinen Vater und Bruder in die Mangel genommen hatten. Er quetschte sich an eng geparkten Autos vorbei, bis er schließlich bei ihnen ankam.

Gray war wenige Schritte hinter ihm, sodass er hören konnte, was Patrick sagte.

„Ich wusste schon immer, dass du ein Trottel bist, kleiner Bruder, aber mir war neu, dass du auch so mutig sein kannst." Patrick achtete nicht auf die Reporter und Kameras, sondern presste sich an den Menschen vorbei, die unbedingt mit ihnen reden wollten, bevor er vor seinem Bruder stehen blieb. „An deiner Impulskontrolle müssen wir aber noch arbeiten."

„Sagt der richtige", erwiderte Leonard.

Ein Augenblick verging, in dem sie sich einfach nur anstarrten, das Klicken von Kameras im Hintergrund, dann ging Patrick einen Schritt nach vorne und schloss seinen Bruder fest in die Arme.

Gray hatte das Gefühl, als würde sein Herz auf doppelte Größe anschwellen. Er konnte die Liebe, die er für Patrick in diesem Moment empfand, nicht in Worte fassen, während er zusah, wie die Brüder sich umarmten, als hätten sie sich Jahrzehnte nicht gesehen. Er seufzte leise und schüttelte den Kopf, als er Leonards Blick über Patricks Schulter auffing. Irgendwie tat es ihm jetzt leid, dass er ihm die Nase gebrochen hatte.


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