Five

Als Patrick am Morgen vor dem Apartmentkomplex stehenblieb, hatte er mit einer schickeren Umgebung gerechnet. Es war weit entfernt von dem Luxus, den er gewöhnt war, und noch weiter von dem Komfort, den er erwartet hatte. Es sah aus, als würde jedermann hier leben können. Er warf einen Blick aufs Straßenschild und verglich es dann mit der Adresse, die Gwen ihm gegeben hatte, aber es gab keinen Zweifel. Hier war er richtig. Das Gebäude war ein wenig schmutzig, als wäre es durch einen Sturm beschädigt und nie gesäubert worden. Die Fensterscheiben waren matt, die Außenfassade eine Mischung aus Grau und Weiß, und die Mülltonnen an der Einfahrt zum Parkplatz mussten dringend geleert werden. Ein paar feuchte, zerrissene Kartons lagen in einer Ecke, und ein Stapel nasser Tageszeitungen an der Treppe zum Eingang. Patrick stieg vorsichtig über sie hinweg, wobei sein Knie unangenehm zuckte und schmerzte, bevor er die Eingangstür öffnete. Im Inneren des Gebäudes roch es ein wenig nach morschem Holz und Regen. Einige der Briefkästen waren lange nicht geleert worden.

„Wenn mich hier jemand sehen würde", murmelte er, bevor er sich nach einem Fahrstuhl umsah, der, wie er grummelnd feststellte, außer Betrieb war. „War klar." Er begann die Treppenstufen hinaufzusteigen, sein Knie eine konstante Erinnerung an das, was er verloren hatte, während er alle paar Schritte eine Pause einlegte, um seine Muskeln zu entspannen. Nicht nur hatte er seine Gehhilfe erneut zuhause gelassen, er kam auch von der Physiotherapie, die sein Bein immer so zurückließ, als wäre er nur darauf hüpfend einen Marathon gelaufen. Die Muskeln waren angespannt und schmerzten und unnötige Bewegungen waren genau das, was er danach eigentlich vermeiden sollte. Patrick schaffte es, sich in den dritten Stock zu hieven, ohne einen Krampf zu bekommen. Er sah das als Sieg an.

Drei Türen reihten sich hier aneinander, die eine glich dabei der anderen und die Wohnungen unterschieden sich nur von den Türmatten, die davor lagen. Eine war dunkelgrau und schmutzig, die andere bunt und eine ganze Menge Kinderschuhe standen darum verteilt und die letzte war schlicht und braun und sah aus, als würde man sie selten benutzen. Es überraschte ihn nicht, dass das die Tür zu Grays Wohnung war. Er genehmigte sich ein paar Minuten, um Luft zu holen und sein schmerzendes Knie zu reiben, dann ging er zur entsprechenden Tür und klopfte ein paar Mal fest an.

Es dauerte nicht lange, bis Gray vor ihm erschien. Anders als auf dem Tennisplatz, gab er bei sich zuhause eine weniger gute Figur ab. Statt dünnen Shorts und T-Shirts, die seinen Körperbau betonten, trug er einen weiten, dunkelblauen Kapuzenpullover, eine graue, ausgeleierte Trainingshose und einfache Sportschuhe. Die dunklen Haare fielen ihm ungemacht in die Augen und er blinzelte Patrick lediglich einmal an, bevor er sich umdrehte und ihn damit hereinließ.

Von außen hatte Patrick mit einem heruntergekommenen, kleinen Zimmer gerechnet, aber stattdessen trat er in eine ordentliche, helle Wohnung, mit geschmackvoller, offener Einrichtung und überraschend vielen Dekorationsartikeln, die die Wände, sowie die Kommoden und Schränke bewohnten. Eine geschlossene Tür zu seiner Linken war mit einem altmodischen Symbol einer Toilette ausgestattet, wie man sie in einer Milkshakebar finden würde, während über dem Eingang ins Hauptzimmer ein glänzendes Neonlicht in Form eines Open 24/7-Schildes hing. Eine schicke Vitrine nahm den meisten Platz der Wand des Zimmers ein, die gefüllt war mit allem möglichen Kram, von Büchern, zu Fotos in schlichten Bilderrahmen, Figuren von Tieren oder Anhängern, die man in Touristenläden finden konnte, eine Vase mit getrockneten Blumen, eine Marmorhand voll mit goldenen Ringen und Armreifen, sowie einem großen, glänzenden Schild in Form einer Palme, das so aussah, als wäre es von einer Strandbar geklaut worden. Neben der Vitrine gab es noch ein Regal voll mit Büchern und Ordnern, einem Tisch voll mit Zeitschriften und einem offenen Laptop sowie ein staubiger Fernseher, der an der freien Wand hing. Es sah erstaunlich gelebt aus.

Gray trat aus einer Nebentür, die in eine schmale, helle Küche führte, und hielt eine Kanne und drei Tassen in der Hand. Als er Patricks Blick bemerkte, hob er die Augenbrauen an. „Was?"

„Nichts. Das ist nur nicht wirklich der Ort, an dem ich mir vorgestellt hätte, dass du wohnst. Es sieht nicht nach dir aus."

„Wie würde es denn nach mir aussehen?", fragte er, schob mit einem Fuß ein paar Zeitschriften vom Tisch, die leise klatschend auf dem Boden landeten, und stellte dann Tassen und Kanne ab.

„So", erwiderte Patrick grinsend. „Dein altes Zimmer war auch immer eine Katastrophe."

„Tut mir ja leid, dass ich für dich aufgeräumt habe."

„Ich fühle mich geehrt."

„Es ist nicht jeden Tag, dass man so hohen Besuch bekommt." Gray deutete eine Verbeugung an, bevor er mit einer Hand auf die Couch zeigte. „Setz dich schon. Du machst mich wahnsinnig, wenn du in der Gegend rumstehst."

Patrick kam der Aufforderung nach. Er beobachtete, wie Gray brühend heißen Kaffee in zwei der Tassen goss und dann wieder in der Küche verschwand. Einen Moment später kehrte er mit einer Flasche Milch zurück, die er vor Patrick stellte. Lächelnd griff er danach und schüttete etwas davon in seinen Kaffee. Es kam ihm unwirklich vor, dass er wirklich hier saß und mit Gray Kaffee trank, als wären sie nur alte Bekannte, die sich für einen Vormittag trafen. Es war ein surreales Gefühl, überhaupt wieder im selben Raum wie Gray zu sein. Sie hatten sich ewig nicht gesehen und trotzdem schien es, als wäre kaum etwas zwischen ihnen geschehen.

„Gwen kommt später", sagte Gray, als er sich mit ausreichend Abstand neben Patrick setzte. „Sie ist bei irgendeinem Elternsprechtag oder so."

„Ich wusste nicht, dass sie ein Kind hat."

„Ich wusste nicht, dass es dich interessiert."

Patrick presste die Lippen zusammen, damit er nicht lachte. Es war wirklich noch wie früher.

„Wieso genau wolltest du jetzt unbedingt vorbeikommen?", fragte Gray nach einigen Momenten der Stille, in der lediglich das Geräusch der Autos von draußen an sie herangekommen war. „Es muss ja wirklich wichtig sein, wenn es nicht bis auf den Platz warten konnte. Hast du schon genug?"

„Was? Nein", erwiderte Patrick rasch. „Das ist es nicht. Ich – ich nehme an, du hast es bereits gesehen."

„Leonards Ankündigung?"

„Ja. Das wäre eigentlich mein Platz gewesen, bei den Miami Open. Der wurde mir schon vor Monaten gegegeben. Es ist natürlich nicht das Einzige, was man mir genommen und ihm gegeben hat, aber es war trotzdem überraschend, dass man ihn überhaupt teilnehmen lassen wird." Patrick schüttelte den Kopf. „Darum bin ich nicht hier. Nicht nur. Eigentlich gar nicht. Eigentlich –"

„Was soll das heißen, es ist nicht das Einzige, was man ihm gegeben hat?", unterbrach Gray ihn langsam. Seine Stimme war ein wenig leiser als sonst und sie hallte tief und angenehm in Patricks Ohren wider.

„Meine Sponsoren", erwiderte er. „Die Verträge wurden allesamt auf seinen Namen geändert."

„Kann man das einfach machen?"

„Man kann, wenn man Godfrey Saint-Germain heißt. Ich tue gar nicht erst so, als würde ich verstehen, wie das funktioniert, oder wieso man es zulässt, aber das ist, was geschehen ist. Die Sponsoren, die früher mich unterstützt haben, sind jetzt alle an meinen Bruder gegangen."

Gray runzelte die Stirn.

„Darum geht es aber nicht. Nicht wirklich. Dass meine Sponsoren so einfach übertragbar sind, ist mies und – und vielleicht illegal, keine Ahnung, aber deswegen bin ich nicht hier. Willst du es jetzt wissen oder nicht?", fügte er an, als Gray erneut den Mund öffnete.

Schnaubend schloss er ihn wieder und verschränkte die Arme. „Okay, schön. Rede."

Patrick unterdrückte den Drang mit den Augen zu rollen. „Ich hab ein offizielles Statement gegeben. Dich betreffend."

„Du hast – was hast du?" Gray sah aus, als würde er jeden Moment aufspringen und im Kreis laufen. Sein Mund hing offen und er starrte Patrick mit einem fast schon glasigen Blick an. „Wieso machst du sowas, ohne mit mir zu reden?"

„Ich dachte nicht, dass es dich so sehr stören würde. Ich hab nur die Wahrheit gesagt, damit es keine weiteren, dummen Gerüchte über uns gibt."

Gray atmete langsam ein, dann wieder aus. Er sackte ein wenig zusammen und löste die Umklammerung seiner Arme. Mit einer Hand wischte er sich übers Gesicht. „Gott, du bist so ein Idiot", murmelte er. „Genau deswegen lass ich Gwen solche Sachen erledigen, weil das etwas gewesen wäre, das ich gemacht hätte. Du kannst nicht einfach ein Statement abgeben und erwarten, dass sich damit alles in Luft auflöst. Damit wird alles nur schlimmer. Wie kannst du sowas nicht wissen?"

Es war an Patrick die Stirn zu runzeln. Bisher hatte zwar immer ein Social Media Manager jeden seiner Accounts übernommen und damit auch gefiltert, was er sagte und was nicht, aber es hatte immer nur ein Ziel gegeben: Ihn in einem guten Licht dastehen zu lassen. Genau das hatte er auch versucht zu erreichen. Wie sollte ein einfacher Kommentar bitte negative Ergebnisse erzielen? „Ich finde, du reagierst über."

„Und ich finde, du hättest warten müssen, bis Gwen und ich das abgesegnet hätten – zumindest Gwen!" Gray schnalzte abweisend mit der Zunge. „Du warst derjenige, der mit mir zusammenarbeiten wollte, Patrick. Vielleicht solltest du dann auch tatsächlich anfangen, mit mir zu arbeiten, und nicht alles allein lösen zu wollen."

Für einen Moment war er abgelenkt vom Klang seines eigenes Namens, der von Grays Zunge fiel, dann drangen seine Worte wirklich zu ihm. „Es war nicht meine Absicht, dich auszuschließen."

„Und hör auf so scheiße diplomatisch zu klingen." Gray schnaubte leise. „Das hier ist kein Interview."

„Ich – tut mir leid."

„Was auch immer. Was – was genau hast du denn gesagt? Damit Gwen es im Notfall noch bessern kann, auch wenn sie nicht unbedingt glücklich darüber sein wird, dass du ihr den Job klauen willst."

Patrick blickte auf den Tisch. Etliche der Magazine waren Ausgaben von Sportheften, hatten Cover mit schicken Autos drauf oder reißerische Aussagen, zu denen man am Kiosk greifen würde. Sie sahen kaum wie etwas aus, mit dem Gray sich beschäftigen würde, aber vielleicht zeigten sie ihm nur einmal mehr, dass er nicht wirklich wusste, wer der andere Mann war. Jahre, die sie sich immer mal wieder auf dem Spielfeld begegnet waren, reichten nicht aus, damit er ihn kennenlernen würde, während alles, was er über Gray aus der Akademie-Zeit noch wusste, längst überholt schien. Eins der Magazine starrte ihn mit dem glänzenden Aufdruck seines eigenen Gesichtes entgegen und bittere Galle sammelte sich in seinem Hals. „Ich hab meine alte Social Media Managerin gefragt, ob sie mir einen letzten Gefallen tun kann." Er holte sein Handy hervor, öffnete Instagram und drehte den Bildschirm um, sodass Gray es sehen konnte.

Es war nichts, das sonderlich Aufregen erzielen sollte, fand Patrick. Ein altes Foto aus seiner Akademie-Zeit von ihm und Patrick, bei dem sie sich auf dem Spielfeld gegenüberstanden. Der Himmel über ihnen war bewölkt und grau, und darüber stand in einfachen, dicken Buchstaben Ein neues Kapitel.

„Die Tennis-Koryphäe Patrick Saint-Germain schlägt ein neues Kapitel in seinem Leben auf, und widmet sich fortan der Unterstützung von sieglosem Solo-Spieler Grayson Fowley, der mit ihm die renommierte IMG Academy besucht und absolviert hat. Saint-Germain sagt selbst aus, dass er mit dieser Herausforderung wachsen und als Tennis-Couch brillieren will, um seinem neuen Schützling wieder zum Sieg zu verhelfen. Was genau die Verbindung dieser zwei Gegensätze wohl bringen wird, müssen wir im kommenden Jahr selbst sehen."

Gray blickte von Patricks Handy auf. Sein Blick war verschattet und die Hand, mit der er das Handy hielt, zitterte ein wenig. „Das hast du gesagt, ja? Dass du kaum erwarten kannst, aus dem sieglosen Solo-Spieler endlich einen Gewinner zu machen? Ich sehe nichts von deiner Verletzung. Ich sehe nichts von deinem Karriere-Aus."

Hitze stieg Patrick unangenehm in die Wangen, als er sich von Gray weglehnte. „Es war nicht meine Idee, dich einen Verlierer zu nennen", konterte er. „Ich habe nur gesagt, dass ich die Wahrheit rausbringen will –"

„Die Wahrheit?", unterbrach Gray ihn lauthals. „Hier steht alles, aber nicht die Wahrheit drin." Er warf Patricks Handy nach vorne, wo es auf dem weichen Sofakissen liegenblieb. Patricks Post glänzte wie ein Neonschild zwischen ihnen. „Wenn du wirklich die Wahrheit gesagt hättest, dann würde man jetzt wissen, dass du nicht mehr selbst spielen kannst, und dass du dich an den einzigen Weg klammerst, wie du noch irgendwie relevant sein kannst, aber nicht – nicht das!" Mit einer Hand raufte er sich die unordentlichen, dunklen Haare, mit der anderen krallte er sich ins Polster. „Ich wusste ja, dass du ein privilegiertes Arschloch bist, aber das geht selbst für dich zu weit."

„Privilegiert?", schoss Patrick zurück. „Was, weil ich Verbindungen habe, die ich nutzen kann? Tut mir ja leid, dass keine Sau deinen Namen kennt, aber vielleicht ist das nicht meine Schuld. Ich habe mir die letzten Jahre den Arsch aufgerissen, damit ich meinen Rang habe. Was hast du gemacht? Wieso steckst du noch immer bei den anderen Losern fest?"

Gray stand so schnell vom Sofa auf, dass er mit dem Knie gegen den Tisch stieß. Die Kaffeetassen schwappten gefährlich und die Milch, die er nur Patrick hingestellt hatte, fiel beinahe um. „Du hast keine Ahnung, was ich die letzten Jahre getan habe. Nicht jeder von uns kann aus einer Familie kommen, die Diamanten kackt."

„Ich hab nicht darum gebeten, ein Saint-Germain zu sein."

„Vielleicht nicht, aber es hindert dich nicht daran, ordentlich arrogant zu sein. Du glaubst, jeder hätte die gleichen Chancen wie du, jeder hätte denselben Tag, den du gelebt hast? Du hast dich nie gefragt, wieso ich erst später als du an die IMG gekommen bist, oder? Du hast nie darüber nachgedacht, wieso manche Menschen länger brauchen, um sich einen Platz an einer schicken Schule oder in einem tollen Turnier zu reservieren, oder? Nein, wieso auch. Du bist ein dummer, arroganter Junge, der von klein auf mit Gold gefüttert wurde und jetzt denkst du, deine Scheiße würde nicht stinken."

Grays Worte pressten ihm die Luft aus den Lungen. Er konnte den Ärger spüren, den er ausstrahlte, eine Hitze, die aus seinen Augen zu kommen schien, mit denen er Patrick taxierte, als wäre er das eklige, klebrige Ding, das er unter seinem Schuh gefunden hatte. In seinem Leben wurde Patrick schon oft arrogant genannt, aber bisher hatte es nie so sehr wehgetan wie jetzt. „Wenigstens nutze ich die Chancen, die ich habe. Wenigstens tue ich etwas mit meinem Leben, bevor ich als Niemand versauere. Wenn ich dich nicht aufgesucht hätte, dann würde niemand über dich reden. Man würde vergessen, dass du überhaupt mal an der IMG warst, man würde sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass du jemals wusstest, wie man einen Schläger hält."

„Gott, ich weiß nicht, wieso ich jemals gedacht habe, ich könnte mit dir zusammenarbeiten", sagte Gray lautstark. „Du kannst meinetwegen so tun, als wärst du besser als der Rest von uns, als wärst du besser als deine Familie sogar, aber das bist du nicht. Du bist austauschbar, wie du selbst festgestellt hast. Wie lange hat es nach deiner Verletzung gedauert, dass sie dich fallen gelassen haben? Zwei Wochen? Drei? Muss ganz schön mies sein, wenn einen die Familie nicht liebt, oder?"

Patrick wollte ebenfalls aufstehen und sich zu voller Größe aufbauen, aber er fürchtete, wenn er jetzt versuchte sein Bein zu belasten, dann würde er zusammenknicken. Vielleicht nicht nur aufgrund seiner Verletzung. „Siebzehn Niederlagen und du hast trotzdem die Dreistigkeit, mir etwas vorzuwerfen. Du hattest schon in der Schule Losing Streaks, aber niemals so heftig wie jetzt, oder? Wieso? Hast du endgültig jeglichen Mut verloren? Jeden Antrieb? Wenn du so weitermachst, dann wird man sich immerhin als größten Versager an dich erinnern, auch wenn ich nicht weiß, ob du das willst. Du warst es doch, der mir gesagt hat, dass du ins US Open willst, oder war das nur leeres Gerede?"

Gray blieb für einen Moment ruhig. Ein Muskel an seinem Kiefer arbeitete stärker als sonst und war gut durch seine Haut sichtbar. Seine Augen schossen an Patrick vorbei, auf etwas hinter ihm, aber er wusste nicht, was so wichtig sein konnte. Gray presste die Hände zu Fäusten, lockerte sie und presste sie wieder zusammen.

„Vielleicht war es doch eine dumme Idee."

„Was? Der Post? Wenn er dich so aufregt, kann ich ihn –"

„Nein. Das. Uns." Gray zeigte mit einem zittrigen Finger zwischen sie. „Dich als Coach zu engagieren."

„Du gibst auf, wenn es nicht so läuft, wie du es dir vorstellst", spuckte Patrick ihm entgegen. „Ist das der Grund, wieso du jedes Spiel verlierst? Wenn es nicht läuft, dann wirfst du es hin?"

„Du hast keine Ahnung, wovon du redest", presste Gray hervor. „Aber das ist auch egal, oder? Wenigstens hab ich noch eine Karriere vor mir. Wenigstens kann ich noch spielen."

Es war genug, um jeden rot sehen zu lassen. Patrick stand so schnell auf, dass er die Belastung auf seinem Bein überschätzte. Er ging mit einem Schritt auf Gray zu, um – vielleicht um ihm eine reinzuhauen, wenn er ehrlich war, als ein stechender Schmerz sein linkes Knie durchschnitt, es sich so anfühlte, als würde jemand ein Messer zwischen seine Muskeln rammen und im nächsten Moment knickte sein Bein unter ihm weg und er kam heftig mit dem Knie auf dem Boden auf. Das Rot verschwand aus seinen Augen und er sah nur noch Sterne, als der gleißende Schmerz alles einnahm, was er spüren konnte.

„Scheiße", konnte er Grays Stimme hören, die gedämpft an seine Ohren drang, bevor zwei kräftige Arme ihn unter den Achseln packten und aufrecht stemmten. „Bist du bescheuert?"

Die Sterne blitzten ein weiteres Mal vor Patricks Augen auf, dann blinzelte er heftig und sah Grays Wohnzimmer mit verschwommenem Blick vor sich. Sein Knie pochte und brannte. Der Schmerz ebbte auf und ab, während er sein gesamtes Bein einnahm und kribbeln ließ, als wäre es der Moment des Unfalls. „Ich wollte dir eine reinhauen", sagte er mit belegter Stimme.

Gray schnaubte belustigt. „Du kannst dich nicht mal aufrecht halten, du Spinner." Eine Pause, dann: „Das war mies von mir. Das zu sagen. Ich weiß nicht, wieso –"

„Du hast wenigstens keine Angst vor der Wahrheit", murmelte er peinlich berührt. So sollte ihn nie jemand sehen. Nicht erneut.

„Jeder würde das nicht wahrhaben wollen. Es ist dein Leben, oder? Ich hätte auch Schiss."

Patrick presste die Lippen zusammen. Mit jedem Blinzeln kehrte die Schärfe in seinen Blick zurück, bis er schließlich jede der kleinen Figuren und Sammeleien wieder erkennen konnte, die im Regal standen. Er hätte sich nie gedacht, dass er jemals hier sitzen würde, sein Leben in Scherben und sein Knie in Trümmern und trotzdem noch sowas wie Hoffnung in seinem Leben. Gray zu coachen war alles, was er jetzt noch konnte. Niemandes Spiel hatte er mehr studiert, niemandes Fehler kannte er besser als seine eigenen als Grays. Wenn Gray ihn jetzt feuern würde, dann hätte er gar nichts mehr. Keine Karriere, keine Familie, keine Zukunft. Wo sollte er hin? Was sollte er machen?

„Was", fing Gray an, brach ab, räusperte sich und versuchte es erneut: „Was muss ich deiner Meinung nach machen, um nicht mehr zu verlieren?"

Überrascht blickte er zu ihm. „Sicher, dass du das einen arroganten Idioten wie mich fragen solltest?"

„Du bist mein Coach, oder? Arrogant oder nicht, du hast zumindest einigermaßen Ahnung vom Spiel." Ein Lächeln zuckte über Grays Mundwinkel.

„Nicht aufgeben", sagte Patrick. „Daran solltest du arbeiten, wenn du mich fragst. Du kannst dich von seinem Rückschlag nicht so aus der Bahn werfen lassen. Sieh mich an."

„Du bist ein mieses Beispiel."

„Vielleicht, aber trotzdem... ich hätte versauern können, oder? Ich hätte in meiner Wohnung hocken und meine Trophäen anstarren können, bis ich sterbe, aber ich hab dich gefunden. Ich hätte aufgeben können, aber habs nicht."

Gray gab ein leises, zustimmendes Geräusch von sich. „Hm. Stimmt wohl. Du hast mich gefunden."

„Und ehrlich, wer sonst würde mir so viele hässliche Dinge ins Gesicht sagen und mir trotzdem helfen, wenn ich mich auf die Schnauze lege?" Seine eigenen Mundwinkel zuckten. „Du bist schon ziemlich einzigartig in dieser Hinsicht."

„Soll das ein Kompliment sein?", fragte Gray mit dunklen Wangen. „Daran solltest du echt arbeiten."

„Spiel besser, vielleicht fällt mir dann ein richtiges ein."

Für einen Moment glaubte er erneut zu weit gegangen zu sein, und den brüchigen Frieden, der zwischen ihnen herrschte, zertrümmert zu haben, aber dann lachte Gray auf. Kein falsches Lachen, keins, das er erzwingen musste, sondern ein richtiges, echtes Lachen, das durch Mark und Bein ging, dass die Schmerzen in seinem Knie für eine Sekunde wärmte. Gray presste die Augen ein wenig zusammen, als er lachte, und eine Falte erschien zwischen seiner Nase und Wange und in den dunklen Stoppeln an seinem Kiefer war der Umriss eines Grübchens zu erkennen, dass er in den letzten Jahren erst bekommen haben musste, denn Patrick war sich sicher, dass es ihm vorher aufgefallen wäre. „Ich glaub, das sollte ich hinbekommen, allein schon, um dir das dämliche Grinsen vom Gesicht zu wischen."

„Das ist die richtige Einstellung."

„Du musst mir aber eins versprechen", sagte Gray und deutete mit dem Finger auf ihn. „Wir sind ein Team, klar?"

„Wir sind ein Team", echote Patrick Worte, von denen er niemals geglaubt hatte, sie in Verbindung mit Gray auszusprechen.

„Gut. Du machst nichts allein, du besprichst deine wahnwitzigen Ideen mit mir oder mit Gwen, bevor du sie durchziehst und du gehst nicht mehr auf Solo-Mission, kapiert? Vielleicht bin ich nicht die beste Quelle, um zu wissen, wie ein Coach so arbeiten sollte, aber so auf jeden Fall nicht. Nicht mit mir."

Patrick nickte rasch. „Richtig. Du hast Recht, ich weiß. Es war –"

„Sowas von bescheuert, ja. Aber ist jetzt auch egal, Gwen regelt das schon irgendwie."

Eigentlich sollte er sich schlecht fühlen, weil er Gwen damit mehr Arbeit machte, aber er konnte auch nicht anders, als das Gute in der Situation zu sehen. Vielleicht hatte der Post fast dafür gesorgt, dass sie sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hätten, aber er hatte sie auch enger werden lassen. Er hatte sie zusammengebracht, in einer Weise, die Patrick nicht hätte voraussehen können. Dann wiederrum war noch nie etwas, das mit Gray zusammenhing, vorhersehbar gewesen.

Ein schrilles Klingeln ertönte in der Wohnung und ließ Patrick zusammenzucken.

Gray fluchte leise. „Gwen", murmelte er, als er aufstand. „Sie klingelt immer, obwohl die Tür offen ist. Bleib sitzen", fügte er an Patrick gewandt hinzu, der bereits die Hände an die Lehne gelegt hatte, um sich aufzudrücken. Grays Hand strich seine Schulter, als er sich an ihm vorbeidrückte und in den Flur trat. „Soll keiner denken, ich würde verletzte Leute wie dich nur stehen lassen."

Patrick lachte und zum ersten Mal seit langem fühlte es sich nicht so an, als müsste er es aufsetzen, damit es echt klingt. Es klang einfach echt.

Er hatte sich kaum etwas bequemer hingesetzt, als er Gwens Stimme im Treppenhaus vernehmen konnte. Sie und Gray kamen einen Moment später ins Wohnzimmer, wobei Gwen ziemlich durch den Wind aussah. Als sie Patrick entdeckte, sackten ihre Schultern ein wenig zusammen. „Ah, du bist schon hier. Okay, das macht es einfacher."

„Falls es wegen meinem Post ist, den kann ich –"

„Das ist es nicht", sagte sie mit einer erhobenen Hand. Ihre Augen flogen für einen Moment zum Tisch, wo Kaffeeflecken um die Tassen klebten, und hob eine Augenbraue. Sie schüttelte den Kopf, bevor sie weitersprach. „Das ist wahrscheinlich unser kleinstes Problem."

„Was könnte schlimmer als seine fragwürdige Entscheidungskraft sein?", fragte Gray mit verschränkten Armen.

Gwen presste für einen Moment die Lippen zusammen. „Es sieht so aus, als hätte Arlo Clark euch gerade metaphorisch den Krieg erklärt."


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