Viertes Türchen

Charlotta war ein bisschen perplex, beinahe schon überfordert, als sie eines Dezember Abends einen verheulten Erwin vor der Tür stehen hatte. In ihren zwei Jahren der Freundschaft hatte sie ihren besten Freund noch nie weinen sehen. „Erwin, was ist passiert?“, fragte sie besorgt. Der Blonde versuchte sich zusammenzureißen um überhaupt verständlich sprechen zu können. „P-Papa ist- er ist tot“, schluchzte der Junge und fuhr sich mit dem Arm über das Gesicht. Das Mädchen realisierte nicht wirklich was gerade eigentlich passiert ist, doch sie nahm ihren Freund trotzdem schützend in den Arm. „Alles wird gut, das verspreche ich dir“, murmelte sie.

Das sollte das letzte mal sein, dass sie ihren besten Freund weinen sah. Tage gingen ins Land. Wochen, Monate, Jahre...
Die Kinder die einst über Mr. Smiths Tod getrauert hatten sind erwachsen geworden und Freunde sind sie auch schon längst nicht mehr. Sie sind verheiratet. Doch wie in jeder Beziehung blieben Streitigkeiten nicht aus und das größte Streitthema bei den Smiths war Erwins Verschlossenheit. Charlotta hatte manchmal das Gefühl, dass ihr Mann mit seiner Arbeit verheiratet ist und nicht mit ihr. Er ist nicht wirklich zärtlich wie früher und auch vor ihr geweint hatte er zu letzt damals im Dezember. Sie vermisste den Mann in den sie sich verliebt hatte. Sie war immer da, wenn er sie brauchte, aber wo war er, wenn es Charlotta nicht gut ging? Im Büro. In seinem großen, modernen Büro. Sie fing an ihren Mann dafür zu hassen, doch kein Protest hatte bist jetzt etwas gebracht.
Wenn sie schon seit Stunden im Bett lag, öffnete sich meistens erst die Schlafzimmer Tür und Erwin schlich hinein. Er nahm sich seinen Schlafanzug und verschwand im Bad. Dann würden weiter zwanzig Minuten vergehen bis sie schließlich spürte, wie der Blonde sich neben sie ins Bett legte. „Überstunden?“, würde sie gereizt fragen und er würde nur ein bestätigendes „Hm“ von sich geben und sich auf die andere Seite drehen.

Im Dezember war dann Mr. Smiths Todestag und Erwin schien noch kälter zu sein als sonst. Er sprach kaum mit Charlotta, trank schnell seinen Kaffee aus und wollte dann das Haus verlassen um zur Arbeit zu fahren, doch Charlotta hielt ihn auf. „Ich hab jetzt keine Zeit dafür“, meinte er und wollte sie zur Seite schieben, doch sie lächelte nur siegessicher. „Auf der Arbeit wirst du heute nicht willkommen sein. Ich habe dich krank gemeldet“, meinte sie. Erwin seufzte genervt und wollte was erwidern, doch da sah er Charlottas Gesichts Ausdruck. Das Lächeln war fort, ihre Unterlippe zitterte leicht, als ob sie jeden Moment weinen würde und ihre Augen hatten ihren Glanz verloren. Sie wirkten so matt. „Ich kann das nicht mehr, okay?“, sagte sie leise, so dass der Blonde es gerade noch verstehen konnte, „wie du immer versuchst stark zu sein und deine Gefühle vor mir verbirgst. Du bist wie ein Eisklotz!“ Sie sah ihn jetzt direkt an, eine Träne lief über ihre Wange und obwohl Erwin größer war als Charlotta, hatte er das Gefühl, dass sie ihn auf einmal überragte. „Stark ist für mich jemand der sich traut seine Gefühle zu zeigen und nicht der sie im inneren verschließt aus Angst verletzt zu werden. Selbst das Zehn jährige Kind das damals weinend vor meiner Haustür stand, weil sein Vater gestorben ist, war männlicher und stärker als du es jetzt bist!“ Sie erwartete, dass er sieh anschreien würde. Vielleicht würde er sie auch einfach kalt ansehen, sich umdrehen und gehen oder er würde sich vielleicht sogar trennen. Für eine Sekunde bereute sie ihre Worte, doch dann nahm Erwin sie plötzlich in den Arm. Eine warme, feste Umarmung, wie Charlotta sie schon lange nicht mehr bekommen hat.
Sie spürte, wie er leicht in ihren Armen zitterte.
Erwin schluchzte.
Etwas nasses Tropfte von Erwins Gesicht auf ihre Schulter. Eine einzelne Träne, doch es wurden bald mehr. Er weinte das erste mal seit langem und Charlotta hatte nicht mehr das Gefühl mit einen Eisklotz zu reden. „Ich bin da“, murmelte sie leise. „Alles wird gut.“

Der weiße Schnee bedeckte den Rasen auf dem städtischen Friedhof. Es war kalt und ein rauer Dezember Wind wehte, doch Charlotta war überhaupt nicht kalt. Sie fühlte sich so warm und geborgen wie schon lange nicht mehr, nur leider ging dieses Gefühl verloren, als Erwin mit ihr vor einem Grab stehen blieb. Er kniete sich hin und befreite den Grabstein mit zitternden Händen von dem Schnee, bis Mr. Smiths Name, Geburtsdatum und Todestag zu sehen waren. Sie umarmte ihren Mann aufmunternd und für eine Weile herrschte Stille, bis Erwin ihr Gesicht in seine Hände nahm und sie zärtlich küsste. Charlotta erwiderte und sie war sich sicher, dass ein ganz besonderer Schutzengel von oben zu sehen und über sie wachen würde.
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Dieser One Shot ist für hakuedit
Ich hoffe er gefällt dir.

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