Elftes Türchen
„Nun gut, Ymir. Dann erzählen Sie mir doch bitte, was genau Ihnen widerfahren ist", bat der Psychologe mit ruhiger Stimme. Ymir lag auf einer braunen Ledercouch, die Hände im Schoß gefaltet. Sie wollte eigentlich gar nicht hier sein, aber ihre Freunde glaubten, dass sie den Verstand verlieren würde und hatten sie beinahe dazu genötigt. „Ich wohne mit einen Engel zusammen", sagte sie, sich vollstens darüber bewusst, wie verrückt sie sich anhören musste. „Ein kleiner Engel, der sich die Flügel gebrochen hat. Sie kann nicht zurück in den Himmel, bevor sie nicht wieder geheilt ist und deshalb sorge ich mich um sie. Das Problem ist nur, dass niemand außer mir sie sehen kann und deshalb halten mich alle für verrückt." Der Psychologe nickte und kritzelte etwas auf seinem Klemmbrett nieder. „Wie sieht dieser Engel denn aus?", fragte er. Ymir konnte gar nicht glauben wie gut es sich anfühlte über die Sache zu sprechen, ohne schräg angeschaut zu werden, auch wenn der Seelenklempner sie wahrscheinlich innerlich für verrückt erklärte. „Sie hat strahlend blaue Augen und langes, blondes Haar. Ihr Lächeln ist so echt und zuckersüß. Sie trug bei ihrer Ankunft hier ein weißes Kleid, aber da sie sonst nichts dabei hatte, hab ich ihr meine Sachen geliehen, auch wenn die ihr viel zu groß sind. Sie hat schneeweiße Haut und ist sogar noch etwas kleiner als Levi und das mag schon was heißen." Der Psychologe musste sich ein Lachen verkneifen. Er hatte Levi auf Grund einer bestehenden Zwangsstörung (Putzsucht) in Behandlung und er wusste genau, was seine Patientin damit meinte. „Möchten Sie mir vielleicht von dem Tag erzählen, an dem sie diesen Engel das erste Mal begegnet sind?", fragte er. Ymir nickte und fing an zu erzählen...
Unter den Begriff "Schneeengel" stellte Ymir sich ja etwas anderes vor, als das was da im tiefen Schnee in ihrem Garten lag. Eine kleine, junge Frau in einem weißen Kleid. Blonde Haare umrahmten ihr schmales Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen und der flache Atem war durch die Kälte gut zu sehen. Am merkwürdigsten waren aber die weißen Flügel, die Links und rechts neben der Frau aufgespannt waren. Allerdings sah der rechte Flügel etwas verkrüppelt aus. Auf andere wirkte Ymir recht kühl, aber im Inneren war sie sehr fürsorglich und um das Wohl anderer besorgt, weshalb sie sich neben den beflügelten Wesen in den Schnee kniete und sie erst Mal inspizierte. Hier und da ein paar Schürfwunden und der Flügel, aber sonst schien es der Blondine gut zu gehen. Vorsichtig hob sie die Kleinere hoch und trug sie ins Haus.
Die Schürfwunden waren schnell versorgt, dass durch den Schnee durchnässte Kleid tauschte sie schnell gegen einen Pullover und einer Jogginghose aus ihren eigenen Kleiderschrank aus, bevor sie den vermeintlichen Engel auf das Sofa legte und sie mit einer dicken Decke zudeckte. Den Flügel ließ sie vorerst noch unberührt, da sie keine Ahnung hatte, wie so man so etwas behandeln sollte.
Es verging eine gute Stunde, bis sich auf dem Sofa etwas regte. Die Blondine setzte sich auf, doch der Schmerz, der von ihren Flügel ausging, zwang sie zurück in die Kissen. Sie sah sich um und versuchte sich zu erinnern was passiert war und wie sie hier gelandet war, als Ymir in ihr Sichtfeld trat. „Du bist wach. Wie geht es dir?", fragte sie besorgter, als ihre Erscheinung es vermuten ließ. „Mein Flügel tut weh", brachte die Kleinere heraus, woraufhin die Brünette ihr schon eine Packung Ibuprofen hin hielt. „Nimm eine davon. Vielleicht geht es dann besser", meinte sie gelassen. Der Engel war sich nicht sicher, ob ein einfaches Menschen Medikament helfen würde, aber sie wollte nichts unversucht lassen und nahm brav die Tablette. „Danke, dass du mir geholfen hast. Ich bin übrigens. Historia. Historia Reiss. Und du?", fragte der Engel, Historia, neugierig. „Ymir", sagte der Mensch knapp, doch das schien Historia als Antwort zu reichen.
„Du kannst also erst in den Himmel zurück, wenn dein Flügel wieder geheilt ist?", fragte Ymir, während sie das gebrochene Gefieder auf Historias Anweisung verband. „Das stimmt. Ohne Flügel kann ich ja auch gar nicht wieder nach oben fliegen", erklärte die Blonde traurig. „Gerade jetzt zur Weihnachtszeit, wo es doch immer am schönsten im Himmel ist", murrte sie. Ymir verkniff sich Mal ihre Meinung über Weihnachten und spielte ihr Interesse dafür vor. „Wie feiert ihr Weihnachten denn im Himmel? Bringt ihr Jesus seinen Kuchen singt einmal Happy Birthday und seht dabei zu, wie er verzweifelt versucht die über 20000 Kerzen auszupusten?", fragte die Größere und versuchte dabei angestrengt den Sport in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Sei nicht albern, Ymir. Mit Jesus ist das ähnlich wie mit Justin Bieber hier auf Erden: Für normales Volk, wie mich, völlig unerreichbar. Nein, wir Engel feiern Weihnachten, indem wir Kekse backen, zusammen musizieren und alles festlich Schmücken. Ich bin leider nicht so gut im backen, aber es macht trotzdem spaß." Die Brünette war erstaunt wie viel Historia reden konnte, wenn sie erst Mal warm geworden war. Vorsichtig fixierte sie den Verband um den Flügel des Engels und packte das Verbandszeug wieder ein. „Fertig. Jetzt werden wir wohl warten müssen, bis du wieder fliegen kannst. Wie ist das überhaupt passiert?", fragte Ymir, doch Historia zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich hab ich eine saubere Bruchlandung hingelegt. Kann bei den Schneegestöbern schon Mal passieren." Der Engel kicherte etwas und auch die Brünette schmunzelte etwas.
Der nächste Teil kommt morgen
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