28

Von einem Ärztekongress konnte wohl kaum die Rede sein. Um ein Uhr nachmittags saßen wir in einem Raum (vielleicht ein Konferenzraum?) in dem Hotel. Ich hatte Beth noch nie so nervös und unruhig erlebt. Sie sagte kaum ein Wort und nahm jede Bewegung haarscharf wahr. Auch ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass uns gleich ein paar Ärzte, Psychologen und sogar Uniprofessoren auf unsere mentale Gesundheit testen wollten. Wir beide hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde.

Zach hielt die ganze Zeit über meine Hand. Ob er das jedoch machte, um mich zu beruhigen oder um Beth die Nervosität zu nehmen, war mir nicht ganz klar. Schließlich war sie diejenige, die gleich diverse Auskünfte würde geben müssen. Unter all den -vielleicht fünfzehn- Leuten, waren nur zwei Frauen. Sie alle trudelten einer nach dem anderen ein und stellten sich Zach und Beth (und mir) vor. Sie erläuterten, was ihre Fachgebiete waren, und warum sie sich für meinen Fall interessierten. Ich wollte nicht wissen, wie viel Geld Mr. Parsons und Zach ausgegeben hatten, um diese Leute alle in einem Raum zu versammeln.

Für mich.

Ich fand nicht, dass ich den Aufwand wert war. Aber zumindest wirkten alle sehr kompetent, offen und freundlich, sodass Beth sich ein wenig entspannte.

Wir setzten uns alle an einen Tisch. Jeder hatte Zettel und Stifte vor sich liegen. Beth wurde Tee angeboten, aber sie lehnte ab. Am Kopfende des Tisches saß ein älterer Mann, aber nicht der Älteste im Raum. Er trug eine Brille mit kleinen, runden Gläsern, war bestimmt fast zwei Meter groß und ziemlich stämmig. Aber sein Gesicht wirkte freundlich. Er erinnerte mich ein bisschen an meinen Physikprofessor.

Bevor die Prozedur begann, stand er auf, bedankte sich dafür, dass seine Kollegen alle gekommen waren und Zach und ich die Reise auf uns genommen hatten. Dabei wurde mir bewusst, dass er vermutlich der Einzige war, der von Mr. Parsons persönlich kontaktiert worden war. Die anderen hatte der Doktor wohl selbst eingeladen. Ich hatte seinen Namen vergessen und Beth wusste ihn auch nicht mehr. Er versicherte mir, dass ich vollkommen offen sein konnte.

Beth war immer noch nervös und mir fiel auf, dass sie noch niemanden darauf aufmerksam gemacht hatte, dass nicht Anna vor dem Komitee saß, sondern Beth.

„Okay, beginnen wir bei den Formalitäten", lächelte eine der beiden Frauen. Sie erinnerte mich an Meryl Streep. „Ihr Name ist Annabeth Carter, sie wurden in Chelsea geboren und sind dort aufgewachsen." Beth wusste nicht, ob sie mit einem Nicken oder Kopfschütteln reagieren sollte und das endete damit, dass sie einfach nur wie eine Salzsäule dasaß und wie ein verschreckter Hase, der den Schuss eines Jägers gehört hatte, in die Runde blickte.

„Beth, was ist los?", fragte ich sie. „Du musst schon mitmachen."

Sie räusperte sie kurz und bemühte sich, den vielen Leuten in die Augen zu sehen, war aber so nervös, dass sie immer wieder den Blickkontakt unterbrechen musste. So kannte ich sie gar nicht.

„Naja, ja. Ich meine, nein. Ich... Sie sollten vermutlich wissen, dass ich Beth bin. Ich weiß, dass Sie mit Anna reden wollten, aber sie...ähm..."

Die Leute begannen sofort etwas auf ihre Papiere zu schreiben, was Beth Zusehens verunsicherte.

„Okay", lächelte einer der jüngeren Männer. „Wir haben zwar nicht schon beim ersten Treffen mit Ihnen gerechnet, aber ich kann vermutlich im Namen aller hier sagen, dass wir uns freuen Sie kennenlernen zu dürfen." Einstimmiges Nicken. Warum fiel Beth das Atmen plötzlich so schwer.

„Beth, was ist denn los, rede mit mir!", forderte ich sie auf, weil ich Angst hatte, dass sie mir gleich vom Stuhl kippen würde. Auch Zach hatte längst bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte und streichelte mit dem Daumen über meinen Handrücken.

„Beth, ich glaub, du kriegst eine Panikattacke", bemerkte ich sanft. „Geh raus! Du musst raus hier, dieser Ort macht es nur schlimmer." Ich wusste zwar nicht, was mit ihr los war, aber irgendwie musste ich ihr helfen.

„Ich muss..." Ihre Stimme war noch nie so schwach gewesen. „Entschuldigen Sie mich für einen Moment." Schon war sie aufgesprungen und verließ den Raum. Sie lief aus dem Hotel und nahm einige tiefe Atemzüge. Die Luft war kalt und der Himmel bleigrau. Bestimmt würde es bald schneien. Ihr Herzschlag verlangsamte sich und sie ließ sich an der Hauswand neben einer Säule nieder.

„Alles okay?" Sie schreckte auf, aber als sie Zach erkannte, blieb sie sitzen. Besorgt ließ er sich neben ihr nieder. „Was ist los? Du bist doch sonst nicht so... so. Du hast keine Angst vor Menschen und du bist nicht auf den Mund gefallen, also was ist heute anders?"

Sie rieb sich übers Gesicht. „Ich hab mich noch nie so gefühlt... So als... würde ich nicht in diesen Körper gehören." Sie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich habe ich hier ja auch gar nichts verloren. Es ist Annas. Und in diesem Raum voller Ärzte zu sein, die mit Anna reden wollten und mich vorgesetzt bekommen fühlt sich so... falsch an." Ich merkte, dass sie die Tränen zurück hielt.

„Sie hätten doch so oder so auch mit dir reden wollen", erwiderte Zach.

Sie nickte. „Ich weiß, aber... Ich weiß auch nicht... Es ist einfach ein komisches Gefühl." Sie warf ihm einen unsicheren Blick zu. „Du bist der Erste, der wusste, dass es Anna und mich gibt. Bis dahin wussten die Leute nur von einer von uns. Und jetzt wissen es so viele und..."

„Du magst die Aufmerksamkeit nicht", stellte er überrascht fest.

Sie zuckte mit den Schultern. „Würdest du gerne von einem duzend anderer Menschen darüber befragt werden, wie es sich anfühlt, ein Parasit im Körper einer Person zu sein?"

„Du bist kein Parasit!", rief ich aus. „Beth, denk sowas nicht!"

„Du hasst mich", erwiderte sie müde.

„Ich hasse dich doch nicht! Nur, weil du mich ab und zu nervst? Ich würde dich nicht missen wollen! Niemals. Du bist ein Teil von mir. Wo wäre ich ohne dich?"

Sie musste leicht lächeln, aber es verschwand wieder, als sie sagte: „Ohne mich wärst du jetzt nicht hier."

„Aber ich will hier sein! Hey, vielleicht bringen wir die Medizin weiter, wer weiß?"

Sie fuhr sich mutlos durch die Haare.

„Ich hatte mein eigenes Leben", sagte sie an Zach gewandt. „Mit meinen Freunden und meinen Entscheidungen. Aber wenn die Leute wissen, dass es gar nicht mein Körper ist, fühlt es sich an, als... als hätte gar nicht das Recht auf ein eigenes Leben, verstehst du?"

„Das stimmt nicht", stritt er ab, zog sie zu sich und drückte ihr einen Kuss in die Haare. Ich liebte es, dass er sich, obwohl er mit Beth oftmals nicht zurechtkam, trotzdem um sie kümmerte. Ob er das nun tat, weil er mich liebte, oder einfach ein guter Mensch war, sei jetzt mal dahingestellt. „Willst du dir heute Abend die riesige Glocke und die Brücke mit den zwei Türmen ansehen?" Damit brachte er sie zum Lächeln.

Sie nickte. „Das würde ich wirklich gerne."

-

Ein paar Minuten blieb Beth noch draußen sitzen. Zach war wieder zu den anderen gegangen, um ihnen zu erklären, was mit Beth los war, damit sie unangenehmen Fragen ausweichen konnte.

Als sie wieder zurückging und sich neben Zach setzte, versicherte ihr der Mann, der mich an meinen Physikprofessor erinnerte, dass keiner in diesem Raum dachte, dass sie kein Recht auf ein Leben hatte.

„Toll, dafür denken sie, dass wir uns das nur ausdenken", meinte Beth an mich gewandt.

„Das tun sie nicht", erwiderte ich. „Das können sie noch gar nicht denken. Sie sind unvoreingenommen."

„Unvoreingenommen ist ein sinnloses Wort. Kein Mensch der Welt ist unvoreingenommen", gab sie zurück.

„Sie sind ein Teil von Anna", fuhr der ältere Herr fort. „Es gibt einen Grund, warum Sie da sind."

„Ich mag ihn nicht", ließ Beth mich wissen.

„Ich weiß. Du findest, dass er ein weichgespülter Teddybär ist." Aber ich glaubte, dass ihr die Worte des Mannes guttaten.

Und dann begann die Fragerei. Sie meinten, die meisten Fragen auch mir zu stellen.

Fragen über unsere Kindheit. Fragen über unser Verhältnis zueinander. Fragen über ihr Leben. Konnte sie immer mit mir kommunizieren? Wann übernahm sie die Kontrolle? Nahm ich alles wahr, was um mich herum passierte? Konnte sie Dinge, die ich nicht konnte? Hatte sie Talente, die ich nicht hatte? Was würden die Ärzte messen können, worin Beth und ich einander unterschieden? Beth erzählte von ihrer Haselnussallergie und den Kontaktlinsen. Davon, dass sie glaubte, mehr Ausdauer zu besitzen als ich. Hatte sie Lieblingsfilme? Ein Lieblingsessen? Was war ihre erste Erinnerung? Wie alt war sie? Welche Religion übte sie aus? War sie in der Schule in einigen Fächern besser als ich? (War sie tatsächlich. Sie war verdammt gut in Mathe, Chemie und Physik gewesen. Und im Sportunterricht, aber das vertiefen wir jetzt nicht.) Wenn sie nicht in den Spiegel sah, hatte sie eine eigene Vorstellung von ihrem äußeren Erscheinungsbild? Die ganze Zeit über schrieben alle kräftig mit, mal mehr, mal weniger. Oft wurden Beths Antworten nochmal analysiert und infrage gestellt.

Es dauerte lange. Besonders die Erzählungen aus unserer Kindheit waren für Beth nicht leicht und für mich würden sie noch schwerer werden. Wir legten immer wieder Pausen ein, in denen Beth sich ein wenig sammeln konnte.

Dann ging es weiter. Warum glaubte sie, dass wir an einer DIS litten? Könnte es nicht auch etwas anderes sein? Welche Medikamente hatten wir bekommen? Was hatte geholfen? War Beth gegen Medikamente resistent, die bei mir wirkten? War Beth bereit, in den nächsten Tagen ein paar Tests mitzumachen? Wie hatte sie unseren Anfall und das dreitägige Verschwinden in Erinnerung? Was glaubte sie, hatte es damit auf sich?

-

Die Fragen sind mir ziemlich auf die Nerven gegangen. Teilweise habe ich geglaubt, sie zweifelten an Beths Aussagen. Aber heute weiß ich, dass sie nur deshalb so genau und oft nachgefragt haben und ins Detail gegangen sind, weil sie lückenlose Beweise brauchten, wenn sie eine Diagnose feststellen wollten. Und dafür wurden sie schließlich bezahlt. Um herauszufinden, was mit mir nicht stimmte.

Sicher hatte sich in einigen Köpfen die Vermutung aufgetan, dass ich all das nur vorspielte. Daher die vielen, genauen Fragen und Mitschriften. Um zu verhindern, dass ich mir selbst wiedersprechen konnte. Um zu erkennen, dass es wirklich zwei verschiedene Personen sind, die in meinem Körper leben. 

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