14

Es gab nicht viele Dinge, die mir Angst machten, seit mein Vater tot war.

Aber nach so einem seltsamen Gefühl mit pochendem Schädel die Augen wieder auf zu machen und keine Ahnung zu haben, wo man ist, hat mir durchaus Angst gemacht.

-

„Wie spät ist es?", war meine erste Frage, als ich mühsam versuchte, meine Augenlider voneinander zu trennen. Alles war hell und verschwommen. „Und welchen Tag haben wir?"

„Es ist zehn Uhr Vormittag", hörte ich Owen sagen.

„Es ist Thanks Giving", erklärte Brielle.

„Bin ich ohnmächtig geworden?"

„Schön wär's", entgegnete Jed und kassierte einen Schlag von Brielle oder Owen, vermutlich auf den Hinterkopf. Zumindest hörte ich einen dumpfen Schlag und Jeds Grummeln.

„Mein Kopf tut weh", stöhnte ich und presste die Augen zusammen.

„Wundert mich nicht", bemerkte mein kleiner Bruder. „Hast ihn ja oft genug gegen den Kühlschrank geknallt."

„Jed!", knurrte Owen. „Es reicht, warte draußen!" Jedrek verdrehte vermutlich die Augen, gehorchte aber brav, denn ich konnte ihn den Raum verlassen hören.

„Was ist passiert?", fragte ich verwirrt und schaffte es endlich meine Augen zu öffnen und meine Geschwister zu erkennen, die links und rechts von dem weißen Bett standen.

Krankenhaus.

„Kann jemand die Lichter ausschalten? Das ist ja zum Verrücktwerden!", krächzte ich und Owen ging sofort zur Türe, um die grellen Deckenleuchten auszuschalten. Dann ging er sogar zu den Fenstern und zog die Vorhänge vor.

„Weißt du gar nichts mehr?", fragte Brielle und setzte sich auf die Bettkante. Ich schüttelte vorsichtig den Kopf.

„Wir haben über Weihnachten geredet... Und dann ist mir schwindelig geworden. Und ich hatte das Gefühl umzukippen. Und dann ist alles schwarz geworden."

„Jed hat recht", meinte Owen und nickte. „Das ist die bessere Version."

„Gott, ihr zwei seid wie kleine Kinder! Mach dich nützlich und hol ihren Arzt!", fauchte Brielle, stand auf und schob Owen raus, bevor sie sich wieder an mein Bett setzte.

„Sagst du mir, was passiert ist?"

„Naja..." Sie spielte am Zipfel des Polsters herum. „Du bist irgendwie... Ausgerastet..."

„Ich bin ausgerastet?"

Sie nickte vorsichtig. Noch nie hatte sie mich so angesehen. So besorgt. So ängstlich. „Du hast Sachen durch die Gegend geworfen und geschrien... Du hast immer wieder nach... Nach unserer Mom gerufen." Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Das war ich von ihr gar nicht gewohnt. „Weißt du das wirklich nicht mehr?"

Ich schüttelte erschrocken den Kopf.

„Wir wollten dich beruhigen, aber es war, als wüsstest du gar nicht mehr, wer wir sind. Und dann hast du angefangen, deinen Kopf gegen den Kühlschrank zu schlagen. Viermal. Dann bist du umgekippt und warst bewusstlos..."

„Beth?" Vielleicht hatte ich so fest zugeschlagen, dass sie mir aus dem Kopf gepurzelt war.

„Ja?" Nein, sie war noch da.

„Weißt du, was passiert ist?"

„Nein... Es war plötzlich alles schwarz. Ich bin auch eben erst wieder wach geworden. Wie geht es dir?"

„Mein Kopf brennt." Ich fasste mir an den Kopf und fühlte den Verband.

„Ist nur eine kleine Platzwunde", meinte Brielle.

Ich nickte. „Kannst du Zach anrufen? Wenn ich seit gestern Abend nicht mehr geschrieben habe, macht er sich sicher Sorgen."

„Ja, aber dein Handy ist zu Hause. Weißt du seiner Nummer auswendig?" Ich schüttelte den Kopf. Selbst wenn ich sie mir gemerkt hätte, wäre sie bei den vier Kopfnüssen zu Matsch verarbeitet worden.

„Es sollte... Am Küchentisch liegen. Oder auf meinem Bett."

„Ich werde es schon finden." Sie nickte zuversichtlich und stand auf.

„Er ist ganz normal als Zach eingespeichert. Nicht Schatz, oder sowas", meinte ich noch. „Und mein Code ist 0805."

„Ich weiß. Den hat Jed mal geknackt, als er auf deinem Handy Pornos schauen wollte."

„Und das weißt du, weil?", hakte ich irritiert nach. Sie zuckte mit den Schultern.

„Weil er Owen und mir gesagt hat, wie blöd du bist, den Todestag unseres Vaters als Pin-Code zu verwenden." Während ich mich fragte, warum zum Geier die Pestbeule seine widerlichen Pornos nicht auf seinem eigenen Handy schauen konnte, ging Brielle nach draußen. Ich schloss die Augen und versuchte die Schmerzen zu ignorieren.

Nach knappen zehn Minuten kam ein Arzt Mitte fünfzig herein und schloss die Türe hinter sich. Er wirkte freundlich, zumindest fand ich die wenigen Falten und die grauen Stellen in seinen schwarzen Haaren ansprechend.

„Gute Tag, mein Name ist Dr. Hesley. Ihre Schwester hat mir gesagt, dass Sie wach sind." Er kam zu mir und holte eine kleine Lampe heraus. „Wissen Sie, wie Sie heißen?" Er hob den Zeigefinger. „Schauen Sie bitte auf meinen Finger." Ich tat, was er sagte und er leuchtete erst ins eine und dann ins andere Auge. Mein Kopf tat wieder um einiges mehr weh, als er das tat.

„Annabeth Carter."

„Kein Zweitname?", lächelte der Arzt.

„Ich glaub, meine Eltern hatten schon genug Schwierigkeiten, vier Namen auszuwählen", entgegnete ich müde lächelnd. Der Arzt nickte wissend und steckte die Lampe wieder in seinen Kittel.

„Wissen Sie, wo Sie sind?"

„Irgendein Krankenhaus. Sind wir noch in der Nähe von Chelsea? Wenn ja, dann sind wir entweder im Wakefield Memorial Hospital oder im Hôpital de Gatineau. Verzeihen Sie meinen französischen Akzent, der war schon immer schrecklich."

Der Arzt lächelte wieder. „Meiner auch, keine Sorge."

Ich war in beiden Krankenhäusern, die ich genannt hatte, oft als Kind gewesen. Armbrüche und Verstauchungen, die meinem Vater zuzuschreiben gewesen waren, hatten mich und meine Geschwister schon häufiger in eines dieser beiden Krankenhäuser verfrachtet.

„Können Sie mir sagen, was passiert ist?"

„Haben Ihnen das nicht meine Geschwister erzählt?"

„Ich möchte es aber von Ihnen hören. Ich will wissen, wie Sie die Situation empfunden haben." Er ging zum Fußende des Bettes und zog das Klemmbrett herunter, das an dem Metallgestell befestigt war.

Ich wollte mich ein wenig aufrichten, merkte aber schnell, dass das keine gute Idee war, denn mir wurde übel, also legte ich mich wieder in die Kissen. „Mir ist einfach schwarz vor Augen geworden."

„Sie können sich nicht daran erinnern, was passiert ist?" Ich schüttelte den Kopf.

„Ist Ihnen sowas schon einmal passiert?"

Erneutes Kopfschütteln. „Aber es war nichts, da bin ich mir sicher", murmelte ich.

„Haben Sie in den letzten Tagen Drogen zu sich genommen?"

„Was? Nein!" Ich rieb mir übers Gesicht. „Hab ich eine Gehirnerschütterung? Mir ist nämlich schlecht."

„Ja, ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, aber nichts Dramatisches. Ich gebe einer Krankenschwester Bescheid, sie wird Ihnen etwas gegen die Übelkeit geben. Haben Sie Kopfschmerzen?" Ich nickte, und Dr. Hesley meinte, dass ich auch dagegen etwas bekommen würde. Er stellte mir noch eine Reihe anderer Fragen, ob ich Allergien hatte, in letzter Zeit oft an Stress litt, oder bestimmte Krankheiten in meiner Familie häufig vorkamen. Ich musste alle verneinen.

„Wann kann ich nach Hause?", fragte ich schließlich.

Der Arzt warf mir einen undefinierbaren Blick zu. „Annabeth-"

„Anna", korrigierte ich sofort.

„Anna, solche Anfälle sind nicht normal."

„Gott, der geht mir jetzt schon auf den Sack", murmelte Beth. „Als ob wir dächten, es wäre normal, hin und wieder seinen Schädel gegen den Kühlschrank zu knallen, ohne es zu wissen." Ich versuchte sie zu ignorieren.

„Was soll das heißen? Glauben Sie, mit mir stimmt was nicht?" Das war eine dumme Frage, aber ich wollte nicht, dass mit mir etwas nicht stimmte. Eine zweite Person im Kopf zu haben war schon genug Abenteuer für ein Leben. Der Arzt warf wieder einen Blick auf das Klemmbrett und blätterte in den Zetteln herum.

„Leiden Sie an PTBS?", fragte er plötzlich und mir stockte der Atem.

„Wie kommen Sie darauf?"

„Ihre Geschwister haben mir erzählt, dass sie anscheinend während Ihres Anfalls immer wieder nach Ihrer Mutter gerufen haben sollen. Können Sie sich das erklären?"

„Nein. Meine Mutter ist... sie hat uns verlassen, als ich klein war. Ich kann mich fast nicht an sie erinnern." Der Arzt nickte langsam.

„Sie waren als Kind öfter in diesem Krankenhaus, habe ich gesehen."

„Verdammt", murrte Beth. „Ich hasse Klugscheißer!"

Ich musste schlucken, versuchte mir meine Unruhe aber nicht anmerken zu lassen. „Und?"

„Ihre Geschwister auch", erläuterte Dr. Hesley, als wolle er mich mit der Nase auf seinen Verdacht stoßen.

„Wir sind vier Geschwister in einem großen Haus in der Nähe von einem Waldrand mit einer weiten Grasfläche vor der Terrasse", sagte ich langsam. „Wir haben uns eben oft beim Spielen verletzt und einander auch mal ein bisschen zu grob geschubst."

Der Arzt nickte kurz, wandte den Blick ab und beschloss augenscheinlich, dieses Thema fallen zu lassen. Als er wieder aufsah, wirkte sein Gesicht genauso freundlich, wie in dem Moment, als er das Zimmer betreten hatte.

„Ich würde Sie gerne zu einem Psychologen schicken. Wir haben bei Ihrer Einlieferung ein Kopf-CT gemacht, um Hirnschäden auszuschließen, aber nun, da Sie wach sind, werde ich ein MRT anordnen."

„Nein." Ich schüttelte sofort den Kopf, was eine schlechte Idee war.

„Wieso nicht?"

„Ich möchte kein MRT. Kein Brain-Scanning. Und ich will auch zu keinem Psychologen. Verschreiben Sie mir was gegen die Schmerzen, und lassen Sie mich nach Hause."

Ich wandte den Blick ab. Der Arzt bewegte sich nach einigen Augenblicken in Richtung Türe.

„Ich werde später noch einmal nach Ihnen sehen." Damit verließ Dr. Hesley das Zimmer und Owen und Jed kamen wieder rein.

„Was hat er gesagt?", fragte Jed neugierig. „Hast du Krebs? Stirbst du bald? Krieg ich dann dein Zimmer? Deins ist nämlich größer."

Owen verdrehte nur noch die Augen.

„Vielleicht sollten wir ihm wirklich auf die Nase binden, dass wir bald sterben", schlug Beth boshaft vor. „Dann wäre er bestimmt nicht mehr so frech."

„Dr. Hesley will, dass ich ein MRT lassen mache, aber das werde ich nicht."

„Hast du dir die Vernunft zermatscht?", hakte Owen nach. „Wenn ein Arzt ein MRT vorschlägt, hat das seinen Grund."

„Mit geht's gut", behauptete ich.

„Anna, das ist so leichtsinnig!" Owen wurde wütend und Jed sah irritiert zwischen ihm und mir hin und her. „Es geht ums Geld, hab ich recht? Ich kann dir das zahlen, du musst mir nur-"

„Nein, Owen!", schnitt ich ihm das Wort vielleicht ein wenig zu schroff ab. „Du wirst ganz sicher nicht für die Kosten meines MRTs aufkommen. Du hast das Geld nicht. Ich hab es nicht. Brielle hat es nicht. Und ich werde dich keine Schulden machen lassen, also hör auf. Es wurde schon ein CT gemacht und das hat nichts ergeben, also-"

„Das CT wurde gemacht, um so schnell wie möglich rauszufinden, ob du dir einen gröberen Hirnschaden zugezogen hast, du-" Er suchte nach einem passenden Schimpfwort, aber ihm fiel keines ein. Ich war überrascht, dass Jed ihm keines vorschlug. Schließlich seufzte er angestrengt. „Wenn sie genau wissen wollen, was in deinem Schädel los ist, brauchen sie ein MRT", beharrte Owen.

„Schön, aber ich sie brauchen auch meine Zustimmung. Meine. Nicht deine." Und das war mein letztes Wort zu der Diskussion.

Ich wusste, wie hoch die Kosten für eine MRT sein konnten. Und da das CT anscheinend bereits gemacht worden war, und ich schon dafür würde aufkommen müssen, war ein MRT das Letzte, was ich wollte. Ich war nicht Krankenversichert, das war keiner von uns. Und selbst wenn, war nicht klar, ob die Krankenkasse für ein MRT gezahlt hätte.

Es war einfach zu teuer. Wir lebten in einem großen Haus mit enormen Strom und Wasserkosten, mussten Steuern zahlen, Jed seine Ausbildung finanzieren und wollten hin und wieder was Essen. Wir konnten uns kein Brain-Scanning für knapp eintausend Dollar leisten. Wer wusste schon, was dabei herauskommen und was für Extrakosten anfallen würden? Ich wollte nicht, dass Owen oder Brielle meinetwegen Schulden machten.  

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