Chapter 22
Nach einigen Minuten Fußmarsch, in denen ich versucht habe, Damon möglichst unauffällig auszufragen – ohne dabei wie ein verknalltes kleines Mädchen zu stottern –, kommen wir schließlich vor Liams Haus an, in dem die Party offenbar langsam ihren Höhepunkt erreicht.
Wenn ich ehrlich bin, war das der schönste Spaziergang, den ich je hatte.
Falls man es überhaupt einen Spaziergang nennen kann, wenn man nachts mit einem geheimnisvollen und mehr als nur attraktiven Kerl durch die Straßen läuft.
Und selbst wenn nicht, ist mir das ziemlich egal.
Denn ich habe tatsächlich ein wenig mehr über Damon herausgefunden.
Gut, es ist lediglich die Tatsache, dass er bis vor Kurzem bei einem Freund aus der Uni war und es hasst, wenn Bella sich ihm widersetzt.
Trotzdem ist es ein Fortschritt.
Ein kleiner zwar, aber immerhin einer, der mich meinem Ziel ein Stück näher bringt.
Ihr fragt euch jetzt bestimmt, welches Ziel ich meine.
Für alle, die es vergessen haben: Ich möchte Damon kennenlernen.
Ich möchte mehr über diesen verschlossenen Adonis erfahren. Und jetzt, da ich weiß, dass Bella und er lediglich Geschwister sind, hat sich dieses Bedürfnis mindestens verdoppelt.
Ich habe keine Ahnung, was in letzter Zeit mit mir los ist.
Aber überraschenderweise gefällt es mir.
Und dieses Gefühl, das jedes Mal meinen Magen auf den Kopf stellt, wenn ich in Damons Augen sehe oder seinen Blick auf mir spüre, der mein Herz vollkommen aus dem Takt bringt, ist neu.
Beängstigend neu.
Und gleichzeitig wunderschön.
„Anscheinend sind wir angekommen."
Damons Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
Überrascht sehe ich zu ihm auf und bemerke gerade noch, wie er mit dem Kopf auf das große Einfamilienhaus deutet.
Ich nicke.
„Ja, da wären wir."
Während wir die Stufen zur Haustür hinaufgehen, überlege ich fieberhaft, was ich noch sagen könnte.
Irgendetwas.
Nur damit das Gespräch nicht endet.
„Bella müsste in der Küche sein. Ich habe ihr gesagt, dass sie dort auf mich warten soll."
Damon wirft mir einen kurzen Blick zu, nickt und läuft mit angespanntem Kiefer auf die Haustür zu.
Genau in diesem Moment wird sie geöffnet.
Zwei Mädchen stolpern aus dem Haus und beginnen sofort zu kichern, als sie Damon entdecken.
Ehrlich gesagt kann ich es ihnen nicht einmal verübeln.
So wie er gerade dasteht – mit seiner Jeans, dem schwarzen Shirt und der Lederjacke darüber – würde wahrscheinlich jeder zweimal hinschauen.
Hör auf damit, Ellie.
Schnell schlucke ich den Gedanken hinunter und betrete ebenfalls das Haus.
Damon hält mir die Tür auf und lässt sie hinter uns wieder ins Schloss fallen.
Wie zuvor dröhnt die Musik aus den Lautsprechern und lässt mich unwillkürlich das Gesicht verziehen.
„Wo ist die Küche?"
Ich deute in die entsprechende Richtung und wir setzen uns in Bewegung.
Kurz wird mir erneut schwindelig.
Ein unangenehmes Ziehen breitet sich in meinem Magen aus.
Schon wieder.
Ich kneife kurz die Augen zusammen, ehe ich mich zwinge, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren.
Gemeinsam betreten wir die Küche.
Zum Glück entdecken wir Bella sofort.
Sie sitzt lachend auf einem Stuhl und unterhält sich mit einem Typen, den ich nicht kenne.
Damon steuert ohne zu zögern auf die beiden zu.
„Verpiss dich."
Seine gereizte Stimme lässt selbst mich zusammenzucken.
Noch bevor der Kerl reagieren kann, packt Damon ihn am Shirt und schiebt ihn unsanft beiseite.
Der Fremde wirft ihm einen säuerlichen Blick zu und verlässt die Küche.
Dann richtet Damon seine Aufmerksamkeit wieder auf Bella. „Scheiße. Wie viel hast du getrunken?"
Überrascht blinzle ich.
Mir war bisher gar nicht aufgefallen, dass Bella betrunken ist. Doch als sie versucht aufzustehen und dabei beinahe vom Stuhl kippt, wird auch mir klar, wie dicht sie tatsächlich ist.
„Damon? Bist du das?" Ihre Worte kommen mehr als undeutlich heraus. Im nächsten Moment verliert sie beinahe das Gleichgewicht, doch Damon fängt sie rechtzeitig auf.
Sofort beginnt sie zu kichern. „Ja, du bist es. Niemand sonst sieht immer so genervt aus." Sie grinst breit. „Weißt du, wenn du öfter lächelst, wärst du sogar noch besser aussehend!" Dann wandert ihr Blick zu mir. „Ach du liebe Birne! Ellie ist ja auch hier!"
Unter anderen Umständen hätte ich wahrscheinlich gelacht. Bella sieht wirklich urkomisch aus. Sie klammert sich an Damon fest und beginnt, irgendein Lied vor sich hin zu summen.
Wahrscheinlich würde er ihr jetzt am liebsten eine Standpauke halten. Doch er reißt sich zusammen.
Es würde ohnehin nichts bringen.
Bella ist vollkommen betrunken und würde morgen wahrscheinlich die Hälfte davon vergessen haben.
„Komm. Ich fahre dich nach Hause."
Überrascht sehe ich zu Damon auf. Für einen kurzen Moment keimt Freude in mir auf. Doch im nächsten Augenblick wird mir wieder übel.
Ich greife nach dem Küchentisch, um nicht umzukippen. Meine Sicht verschwimmt erneut und diesmal dauert es deutlich länger, bis sich alles wieder scharf stellt.
„Hey, ist alles okay?" Eine leichte Berührung an meinem Arm holt mich zurück in die Realität.
Sofort wird mir heiß.
Viel zu heiß.
Damons Augen ruhen aufmerksam auf mir und für einen Moment verschlägt es mir tatsächlich die Sprache.
Langsam nicke ich. „Ja ... ich ... um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung." Meine Stimme klingt brüchig. Ich räuspere mich.
Was stimmt bloß nicht mit mir?
Habe ich zu viel Cola getrunken?
Liegt es an der Musik?
Oder daran, dass ich in den letzten Tagen kaum geschlafen habe?
Normalerweise brauche ich viel Schlaf. Doch selbst das erklärt nicht, warum sich alles so seltsam anfühlt.
„Hast du etwas getrunken?" Damon mustert mich aufmerksam. Zu aufmerksam.
Mein Magen macht einen weiteren Salto.
Langsam schüttele ich den Kopf. „Nein. Also ... doch. Cola." Kaum habe ich die Worte ausgesprochen, beginnt mein Kopf erneut zu pochen.
Damon wirkt nicht überzeugt. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, wird mir plötzlich so schwindelig, dass ich den Halt verliere. Instinktiv rechne ich damit, zu Boden zu fallen. Doch dazu kommt es nicht. Ein kräftiger Arm schlingt sich um meine Taille. Ich muss nicht einmal aufsehen, um zu wissen, dass es Damon ist. Die Wärme, die von ihm ausgeht, verrät ihn sofort.
„Bist du sicher, dass du nur Cola getrunken hast?" Seine tiefe Stimme klingt direkt neben meinem Ohr.
Benommen nicke ich.
„Wer hat dir die Cola gegeben? Hast du sie selbst geholt?"
Sein Tonfall hat sich verändert.
Er klingt plötzlich scharf.
Warnend.
Ich zucke leicht zusammen.
Offenbar bemerkt Damon das, denn seine Muskeln verspannen sich augenblicklich.
„Ich verstehe nicht ganz, was du meinst. Ich habe nur Cola getrunken. Liam hat sie mir gebracht ..."
Mitten im Satz erstarrt Damon. „Wo ist dieser Liam?"
Bevor ich antworten kann, ertönt Bellas Stimme.
„Ich habe ihn gefunden!" Freudig quiekt sie auf. „Er steht neben Amy und ihrem süßen Bruder. Oh, warte! Ich glaube, sie kommen gerade hierher. Wie schön!"
Ich verziehe das Gesicht.
Ihre Stimme ist mittlerweile wirklich schmerzhaft laut. Dass sie komplett betrunken ist, wird mir spätestens klar, als sie sich von Damon löst und schwankend auf Amy, Kane und Liam zuläuft, die gerade die Küche betreten.
Auch ich drehe mich zu ihnen um. Allerdings etwas langsamer. Mein Kopf hämmert mittlerweile unerträglich. Ein schmerzerfülltes Zischen entweicht mir.
Verdammt.
Was passiert hier?
„Ellie, geht es dir gut?"
Amy und Kane kommen sofort auf mich zu. Zu meiner Überraschung wirken beide vollkommen nüchtern. Noch immer werde ich von Damon gestützt. Doch das ändert sich schlagartig.
Sobald Liam in sein Blickfeld tritt, lässt Damon mich los. Keine Sekunde später finde ich mich in Amys Armen wieder.
Verwirrt sehe ich auf.
Damon bewegt sich direkt auf Liam zu.
Dieser wirft zuerst mir einen irritierten Blick zu, ehe er Damon bemerkt.
Sein Gesicht wird blass.
„Bist du Liam?" Das Knurren in Damons Stimme lässt selbst mich nach Luft schnappen.
Liam schluckt. „Ja. Wer will das wis—"
Weiter kommt er nicht.
Damon schießt nach vorne, packt ihn am Kragen und schleudert ihn mit solcher Wucht gegen die Wand, dass die Bilder daneben erzittern.
Ein erschrockenes Keuchen entweicht mir.
Neben mir stößt Amy einen Schrei aus.
„Was hast du Bastard in ihr Getränk gemischt?" Seine Stimme hallt durch die Küche. Und ich verstehe plötzlich überhaupt nichts mehr.
Liam schüttelt hektisch den Kopf. „Lass mich los! Ich habe gar nichts getan!"
Ich will etwas sagen. Will eingreifen. Doch mein Kopf hämmert so stark, dass ich kaum noch klar denken kann. Ohne Amys Halt wäre ich längst zusammengebrochen.
„Hey! Lass ihn los!" Kane tritt vor. Sein Blick ist angespannt.
„Er hat ihr etwas ins Getränk gemischt", zischt Damon durch zusammengebissene Zähne. „Gib es endlich zu, bevor ich dir die Fresse poliere." Sein Griff wird fester.
Liams Gesicht verliert jede Farbe. „Okay! Okay! Ich hab ihr etwas ins Getränk getan! Lass mich jetzt endlich los, du Wichser!"
Für einen Moment wird es vollkommen still.
„Was hast du ihr gegeben?" Damons Stimme klingt gefährlich ruhig.
Ich zucke zusammen.
„Sag es."
Liam schweigt.
„Oder ich breche dir jeden einzelnen Knochen." Nun schreit Damon beinahe. Und offenbar erkennt Liam endlich, dass Schweigen keine gute Idee ist.
„K.-o.-Tropfen", stößt er hervor. „Aber nur wenig! Ich wollte nur, dass sie lockerer wird und mich endlich an sie ranlässt—"
Weiter kommt er nicht.
Ein Schrei zerreißt die Luft.
Dann noch einer.
Amys.
Und Liams.
Denn Damon schlägt zu.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Meine Augen weiten sich erschrocken.
Alles passiert viel zu schnell.
Liam stürzt zu Boden. Damon geht hinterher. Seine Fäuste treffen erneut auf ihn ein.
„Wuhu! Eine Kampfshow! Los, Damon! Mach den Bösewicht fertig!" Bella klatscht begeistert in die Hände und bricht in schallendes Gelächter aus.
„Kane, tu etwas!" Amy klingt panisch.
Keine Sekunde später rennt ihr Bruder los. Doch mehr bekomme ich nicht mit. Plötzlich verlässt mich jede Kraft, die Stimmen um mich herum verschwimmen und die Küche beginnt sich zu drehen.
Dann kippe ich zur Seite.
Und alles wird schwarz.
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