Man Down
Meine Mom hat mir mal gesagt (ich glaube, da war ich ungefähr zwölf), dass ich meine Jugend genießen solle. Schon bald würde die Zeit davonrennen und dann – ganz plötzlich – wäre ich alt, ohne so recht zu wissen, wie es dazu gekommen ist.
Ich wünschte, Mom wäre alt geworden.
Bei dem Gedanken schnürt sich mir die Kehle zu. Mit Gewalt meine Tränen wegblinzelnd, wende ich mich von dem alten Foto ab, das an der Pinnwand hinter der Bar hängt, zwischen all den anderen halb verblassten Aufnahmen von Freunden und Stammkunden, die ihre Getränke hochhalten und freudestrahlend in die Kamera grinsen. Erinnerungen an eine bessere Zeit. Es kommt mir vor wie ein anderes Leben. Sind wir wirklich mal so glücklich gewesen?
"Kitty?"
Die Stimme meines kleinen Bruders reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe mich nach ihm um und entdecke ihn am Durchgang zum Lager. Joe trägt ein dunkelblaues T-Shirt mit japanischen Schriftzeichen und irgendeiner leicht bekleideten Anime-Figur darauf. Die schwarzen Locken kleben ihm verschwitzt an Stirn und Nacken. Den ganzen Nachmittag hat er mit der Reparatur der Schankanlage zugebracht (mit mäßigem Erfolg) und jetzt ist er ganz offensichtlich mit dem Einräumen des Lagers beschäftigt. Da derzeit nur wenige Kunden in der Bar sind, ist es kein Problem, wenn ich die Getränke und die Kasse alleine verwalte.
"Wann hast du zuletzt nach Dad gesehen?", will Joe wissen.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. "Vor einer Stunde. Wieso? Machst du dir Sorgen?"
Joe winkt ab. "Nein, nein ..." Die Art, wie er auf seiner Unterlippe herumkaut, straft seine Worte Lügen. "Es ist nur ..." Er atmet langgezogen aus. "Dad hat heute einen schlechten Tag."
Ich weiß, denke ich. Schlechte Tage hat unser Vater in letzter Zeit oft. Schon seit Moms Tod ist er ziemlich neben der Spur. Und seit dem Herzinfarkt vor drei Monaten geht es stetig bergab. Er ist nur noch ein Schatten seines alten Selbsts. Die verstaubten Fotos hinter dem Tresen zeigen einen lustigen, wohlbeleibten Mann mit einem buschigen Schnauzbart und einer Gitarre, die er damals höchstens zum Klogang aus der Hand gelegt hätte (wenn überhaupt). Aber so ist mein Dad eben. Er klammert sich an Menschen und Dingen fest. Mom, seine Gitarre, die Bar ... Doch nach Moms Tod ging es ihm so schlecht, dass er die Bar verkaufen musste. Jetzt ist er nur noch ein einfacher Angestellter. Alles um uns herum gehört Rayner. Und Rayner hat seine eigenen Pläne mit dem Man Down. Gutes Bier, Mariachimusik und Billardtuniere gehören nicht dazu.
"Ich geh' gleich nochmal hoch und seh' nach ihm", sage ich, um Joe zu beruhigen.
Mein Bruder schenkt mir ein dankbares Lächeln und verschwindet wieder im Lager.
Die nächsten zehn Minuten verbringe ich damit, Jackson – einen sympathischen Trinker mit noch genau drei Haaren, die er mindestens einmal in der Stunde mit einem winzigen Kamm zurechtschiebt (für die Ladys, wie er mir versichert) – davon zu überzeugen, dass er so langsam genug getrunken hat. Ich weiß, mein Verhalten ist eigentlich geschäftsschädigend, aber ich teile Dads altmodische Auffassung, dass der Kneipenwirt eine gewisse Verantwortung für seine Kunden trägt, und ich bin mir sicher, Jacksons Leber wird es mir irgendwann danken.
Gerade als ich dazu ansetze, ihm gegen seinen Willen ein Taxi zu rufen, öffnet sich auf einmal die Tür und mehrere Männer perlen über die Schwelle. Wäre mein Leben ein Film, würde jetzt die Schallplatte zu schlingern anfangen und die Musik (ein 60er Jahre Best-of-Album von Herb Alpert and His Tijuana Brass) in ein misstönendes Knistern und Rauschen zerfallen.
Nacheinander betreten Rayner, Dom und Yakov die Bar, gefolgt von einer ziemlich bedient aussehenden Mika. Dom und Yakov sind Rayners Bodyguards-Schrägstrich-Handlanger-Schrägstrich-Schlägertypen. Sie machen alles für ihn. Von Erpressung über Sachbeschädigung, Körperverletzung und Mord ist so ziemlich jedes Kapitalverbrechen dabei. Und Rayner dankt es ihnen, indem er sie mit Alkohol, Drogen, Geld und Mädchen versorgt. Also mit so ziemlich allem, was sich ein Gangsterherz nur wünschen kann.
Ich weiß noch genau, wie ich Rayner zum ersten Mal begegnet bin. Auch damals ist er eines schönen Abends unangemeldet im Man Down aufgetaucht. Am nächsten Tag habe ich mir die Haare abgeschnitten und mir mein erstes Piercing stechen lassen. Nicht, weil ich unbedingt wie eine Gangsterbraut aussehen wollte, sondern weil er zu einem seiner Begleiter gesagt hat, dass er mit mir gutes Geld verdienen könne, weil ich noch aussähe wie eine unbenutzte Leinwand. Da ist mir klar geworden, dass ich dringend etwas an mir ändern muss. Seitdem sammele ich Piercings und Tattoos wie andere Menschen Briefmarken oder Bierdeckel.
Rayner hat nie wieder erwähnt, dass ich für ihn arbeiten soll. Manchmal nennt er mich sogar "ugly kitty" und ich bin jedes Mal verflucht froh darüber. Männern wie Rayner kann man sich nicht widersetzen. Das bedeutet, der beste Schutz vor ihnen ist ihr Desinteresse. Sonst ende ich noch so wie die arme Mika, die auf mörderisch hohen Absätzen hinter Yakov herstolpert.
"Hey, Kitty", tönt Dom, ein hünenhafter Stiernacken-Glatzkopf, der immer weite Sportjacken trägt und seine Pistole gut sichtbar am Hosenbund befestigt hat. Er steht auf Knarren, schnelle Autos und dicke Ärsche. Jedenfalls habe ich ihn das hin und wieder sagen hören, wenn er sich nach der Arbeit auf Dads Kosten einen Rausch antrinkt. "Lass' mal die Speisekarte seh'n", verlangt er und lacht. Dom trinkt eigentlich immer Budweiser. Er hat keinen Geschmack, was Bier angeht. Oder überhaupt.
Während ich ein Glas aus dem Schrank unter dem Tresen hole und unter dem Zapfhahn platziere, beobachte ich Yakov, der am hinteren Ende der Theke stehenbleibt und Whiskey in seinem Käfig mustert. Das etwa sieben Jahre alte Widderkaninchen, das von meiner Mom vor dem Schlachter gerettet wurde, weicht an die hintere Wand seines Geheges zurück.
Schlaues Tier, denke ich. Es scheint zu wissen, dass Yakov der Gefährlichere der beiden Männer ist. Im Gegensatz zu Dom wirkt Yakov wie ein ruhiger, beinahe asketischer Typ, der immer streng gebügelte Kleidung und einen weißen Hemdkragen trägt. Ich finde sogar, er hat etwas von einem Priester. Tatsächlich trinkt er nie Alkohol (stattdessen lieber ein Glas Milch) und ich habe ihn schon oft beim Blättern in einer schweren, russischen Bibel mit goldgeprägten, kyrillischen Lettern beobachtet. Man könnte ihn für harmlos halten. Doch von Mika weiß ich, dass er eine sadistische Ader hat. Er genießt es, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Vor allem wehrlosen Frauen. Ein Gedanke, dem ich lieber nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken will.
Nachdem ich Dom sein Bier über den Tresen gereicht habe, wende ich mich an Rayner. Dabei spreche ich besonders laut, um Joe auf unsere ungebetenen Gäste aufmerksam zu machen. Mein Bruder ist zwar kein Arnold Schwarzenegger, aber ich fühle mich trotzdem sicherer, wenn er in der Nähe ist. Von den Betrunkenen, die an den Tischen herumhängen, habe ich vermutlich nicht allzu viel Hilfe zu erwarten. "Wie kann ich Ihnen helfen?"
Rayner ist eine geradezu lachhafte Erscheinung. Ein Möchtegern-Cowboy mit hängenden Wangen, einer rundlichen Nase und kleinen, triefenden Augen. Bevor er redet, fasst er immer wie zur Begrüßung an seine Hutkrempe. "Howdy, Kitty." Er lässt seinen Blick suchend durch den düsteren Schankraum wandern, der mit seinen an der Decke verlaufenden Altholzsparren eine gemütliche, fast schon europäische Atmosphäre verströmt. "Wo ist denn dein alter Herr?" Er misst mich mit einem bedauernden Blick und schiebt den Zahnstocher, auf dem er gelangweilt herumkaut, mit der Zunge von der einen in die andere Wange. "Daddy und ich müssen reden."
"Dad ist nicht da", kommt Joe meiner Antwort zuvor. Er huscht hinter den Tresen und gleitet wie ein treuer Schäferhund an meine Seite. "Aber Sie können auch mit uns reden." Vermutlich unbewusst richtet er sich beim Sprechen zu seiner vollen (nicht unbedingt beeindruckenden Größe) auf. Mein Bruder ist kein Bodybuilder oder Karateka (eher ein Surfertyp), aber er würde mich bis aufs Blut verteidigen. Und ich ihn, sollte es jemals dazu kommen (was ich nicht hoffe).
Rayner, Dom und Yakov tauschen amüsierte Blicke. Dom platzt sogar ein kurzer Lacher heraus.
"Lass' mal gut sein, Kleiner", sagt Rayner grinsend und legt eine Hand auf den Colt an seinem Ledergürtel. "Gegen den hier kannst du sowieso nichts ausrichten."
Ich merke, wie mir alles Blut aus dem Gesicht weicht. "Was wollen Sie von unserem Vater?"
"Es geht um's Geschäft", erwidert Rayner und lehnt sich über den Tresen, wobei er mir deutlich näher kommt, als mir lieb ist. "Der Laden läuft nich' mehr so gut wie früher." Er tippt mit dem Zeigefinger gegen das Gehäuse der Registrierkasse. "Ich denke, wir müssen mal ein bisschen Schwung in die Bude bringen."
Das Herz sackt mir in die Magengrube. Rayners Worte können nur eines bedeuten: Er will das Man Down in ein Bordell oder eine Drogenhöhle verwandeln. Das sind die einzigen zwei Dinge, an denen er Interesse hat. Und das auch nur, weil sie ihm zu dem einen Ding verhelfen, das er wirklich möchte: Geld.
Doch egal, was Rayner am Man Down verändern will, Dad würde es nicht verkraften.
"Der Laden läuft nicht mehr so gut, seit Sie und Ihre Handlanger ständig herkommen", knurrt Joe. "Sie haben unsere Stammkundschaft vertrieben, mit Ihren ..." Joes Stimme zittert vor Wut. "... mit Ihren zwielichtigen Geschäften, Ihren Dealern, Zuhältern, Nutten und ..."
Plötzlich steht Dom neben Joe. Ich habe keine Ahnung, wie er so schnell dorthin kommen konnte. Er packt meinen Bruder am Nacken und knallt seinen Kopf auf den Tresen, dann reißt er ihn ruckartig wieder zurück und wirft ihn gegen die indirekt beleuchtete Schrankwand mit den darin aufgereihten Spirituosen. Der Anprall ist hart. Joe verliert den Halt und sackt zu Boden. Gleichzeitig poltern mehrere Reihen Glasflaschen scheppernd und klirrend aus dem Regal, zerplatzen und verspritzen ihren hochprozentigen Inhalt in alle Richtungen.
"Aufhören!", fauche ich und vertrete Dom den Weg, bevor er sich noch einmal auf meinen Bruder stürzen kann. "Bitte", schiebe ich flehend hinterher.
"Ja, genau", säuselt Rayner. "Halt' dich zurück, Dom. Man soll uns ja nicht nachsagen, dass wir zwielichtig und auch noch unzivilisiert wären."
Ich ignoriere sein hämisches Grinsen und gehe neben Joe in die Hocke. Benommen fasst er sich an die Stirn. Seine Haut ist aufgeplatzt und eine dünne Blutspur läuft ihm an der Nase entlang.
"Lass' es dir eine Lehre sein, Kleiner." Rayner fasst über den Tresen, öffnet die Kassenschublade und bedient sich schamlos an unserem Bargeld. "Dieser Schuppen gehört mir und ich kann damit machen, was ich will." Mit spitzen Fingern zählt er die zerknitterten Geldscheine ab. "Aber wenn du dieses erbärmliche Leben und deine albernen Comicfiguren irgendwann mal satt haben solltest ..." Sein Blick schnellt hoch und taxiert meinen Bruder wie ein in die Ecke gedrängtes Beutetier. "... kann ich dir vielleicht etwas anbieten."
"Joe wird niemals für Sie arbeiten", entgegne ich und schnappe mir einen sauberen Spüllappen aus dem Schrank, um ihn auf Joes Kopfwunde zu pressen. "Und jetzt gehen Sie besser, bevor Sie auch noch den Rest unserer Kundschaft vergraulen."
Rayner lacht. "Nun, ich denke, dein Bruder wird sich mein Angebot nochmal durch den Kopf gehen lassen, wenn die Arztrechnungen eures Vaters weiter durch die Decke steigen." Er gibt Dom und Yakov ein Handzeichen. "Und nun zu dir, Kitty ... meine Freunde und ich wollen heute Abend in Ruhe Karten spielen. Das bedeutet, du setzt jetzt alle anderen Gäste", er betont das Wort so abfällig, als wären die harmlosen Säufer, die noch regelmäßig ins Man Down kommen, keine ernst zu nehmende Kundschaft, "vor die Tür. Dann sorgst du dafür, dass wir was zu trinken bekommen und unsere Gläser niemals leer werden. Kapiert?"
Ich presse die Lippen zusammen und nicke. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Während Dom und Yakov bereits ihren Stammtisch im hinteren Bereich des Man Down ansteuern, hält Rayner nach ein paar Schritten noch einmal inne. "Ach ja ..." Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Lippen, als wäre ihm soeben ein wichtiger Gedanke gekommen. "Sag deinem Daddy, dass ich mit ihm sprechen will. Morgen Abend. Und wenn er dann nicht aus dem Bett kommt, gehe ich hoch und sorge dafür, dass er nie wieder aus dem Bett kommt."
Ich schlucke schwer. Mein Körper steht so unter Strom, dass meine Muskeln vor Anspannung zittern. Am liebsten würde ich eine der herumliegenden Flaschen nehmen und sie nach Rayner werfen. Es ist Mika, die mich davon abhält, indem sie sich auf ihren Stöckelschuhen einen Weg durch die Scherben bahnt. "Komm' schon, Süßer", sagt sie und fasst Joe unter den Armen, um ihm auf die Beine zu helfen. Ihr Akzent ist genauso undefinierbar wie ihr Erscheinungsbild. Sie könnte Russin sein oder Chinesin oder aus irgendeinem ganz fremden Teil dieser Welt stammen. "Kümmern wir uns mal um deinen Kopf. Du hast doch hoffentlich keine Gehirnerschütterung."
Mikas Anblick erinnert mich daran, dass ich einen Job zu erledigen habe, wenn ich diese Nacht überstehen will. Mühsam kämpfe ich mich wieder auf die Beine und bringe den Männern ihre Getränke. Budweiser für Dom, Milch für Yakov und Whiskey für Rayner. Dann mache ich mich an die Aufräumarbeiten. Um die anderen Gäste muss ich mich nicht kümmern. Selbst der größte Trunkenbold hat inzwischen gemerkt, dass es schlauer ist, sich still und heimlich aus dem Staub zu machen.
Während Mika meinen noch immer reichlich benommenen Bruder verarztet, als hätte sie schon tausend ähnliche Wunden gesehen und behandelt, behalte ich Rayner und die Getränke im Blick. Doch wider Erwarten bleibt es friedlich. Bis Rayners Frau Birdie wie ein aus der Umlaufbahn geratener Meteoroid zur Tür hereinstürzt.
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