From Hell To Breakfast
Ich erwache einige Stunden später. Mein Wecker sagt, dass es 11:34 Uhr ist. Eigentlich müsste ich mich jetzt um das Man Down kümmern. Die Buchführung machen, neue Flyer drucken lassen, mit Lieferanten, Händlern und Handwerkern telefonieren. Solche Dinge. Doch heute ist mir das alles scheißegal.
Träge wandert mein Blick zu dem Foto von Mom, das auf dem Nachttisch steht. Darauf sitzt sie in der Gartenlaube unserer Großeltern und balanciert mich auf dem Schoß, während Joe zu ihren Füßen herumkrabbelt und mit einem roten Plastik-Feuerwehrauto spielt. Sie lächelt in die Kamera, als gäbe es kein einziges Übel auf der Welt. Keine Kriege, keine Krankheiten, keine Hungersnöte - und mit Sicherheit keine Zehntonner, die von besoffenen Rednecks gesteuert werden und harmlose Passantinnen über den Haufen walzen.
Mein eigenes (ziemlich pausbäckiges) Gesicht ist hochkonzentriert. Ich glaube, ich habe ihr damals irgendeine Geschichte erzählt. Vermutlich ein Märchen von Prinzessinnen und verzauberten Fröschen. Früher habe ich gerne Geschichten erfunden. Diese Fähigkeit habe ich nach Moms Tod verloren. Vielleicht, weil mein Aufprall in der Realität einfach zu hart war.
Gestern Nacht bin ich ein zweites Mal unsanft in der Wirklichkeit gelandet. Ich spüre den Aufschlag in jedem einzelnen Muskel und jedem Knochen – und auch in den hämmernden Kopfschmerzen, die sich hinter meiner Stirn breitmachen. Ich brauche dringend eine Tylenol.
Stöhnend setze ich mich auf.
Whiskey beobachtet jede meiner Bewegungen. Sein Napf ist leer.
"Tut mir leid", murmele ich. "Ich hol dir gleich was zu essen."
Doch erstmal muss ich auf der Bettkante sitzen bleiben und warten, bis der Schwindel nachlässt. Mein Körper ist am Ende. Ich muss etwas trinken. Essen werde ich wohl nicht herunterbekommen. Außerdem haben wir eh nichts im Kühlschrank. Höchstens vielleicht -
Ich halte inne. Von draußen sind Stimmen zu hören. Dad? Ist das Dad, der da lacht?
Der Schwindel ist vergessen. Mit einem Satz bin ich auf den Beinen und husche zur Tür. Dabei trete ich auf meine schlammverkrusteten Schuhe, die ich in der Nacht achtlos abgestreift habe. Eine Metallschnalle bohrt sich schmerzhaft in meine Fußsohle. Ohne darauf zu achten, humpele ich weiter.
Am Ziel angekommen, schiebe ich die Tür einen Spalt weit auf. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee dringt herein. Sofort muss ich an Mom denken. Sie war die einzige Kaffeetrinkerin in unserer Familie. Dementsprechend ist es lange her, dass ich diesen Geruch zuletzt wahrgenommen habe.
Unwillkürlich steigen mir die Tränen in die Augen. Mir ist klar, dass meine Mom nicht hier sein kann, aber für einen kurzen (unendlich glücklichen) Moment fühlt es sich so an. Als könnte sie jede Sekunde um die Ecke kommen und mich fragen, weshalb ich sie so anstarren würde. Als wären die vergangenen Jahre nur ein einziger furchtbarer Albtraum. Ich weiß, das ist nur Wunschdenken, aber wenn Wünsche etwas bewirken würden und wenn ich bloß einen einzigen Wunsch freihätte, dann wäre es ein Ende dieses Albtraums. Ich würde einfach aufwachen wollen, zum Geruch von Kaffee und dem Gelächter meines Vaters.
Verwirrt und gleichzeitig voller Angst, dass sich dieser Morgen nicht als das Ende eines Albtraumes, sondern als der Beginn eines neuen Albtraumes erweisen könnte, folge ich dem Kaffeeduft in die Küche hinüber. Dort sitzt mein Vater an dem kleinen Bistrotisch, an dem wir früher immer zusammen gefrühstückt haben. Zu zweit kann man da gut sitzen, aber zu viert war es immer so eng, dass man seinem Sitznachbarn förmlich auf dem Schoß saß. Als Kinder haben Joe und ich uns häufiger darüber beschwert, heute wünsche ich mir nichts sehnlicher als meinen Eltern wieder so nahe sein zu können.
"Dad?", hauche ich.
Dad dreht sich zu mir um. Er trägt nicht mehr das fleckige T-Shirt von gestern, sondern hat sich ein gestreiftes Polohemd angezogen. Eines von denen, die Mom ihm gekauft hat. Es ist ihm inzwischen zu eng geworden. Trotzdem habe ich ihn schon lange nicht mehr so gut gekleidet gesehen.
"Na, Schlafmütze." Er lächelt mir zu. "Auch schon wach?"
"Ja, ich ..." Ich reibe mir die Augen. Dabei fällt mein Blick auf die andere Seite des Tisches und ich erstarre. Mein Herz und mein Magen bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Mir entweicht ein kurzer Aufschrei, den ich gerade noch mit der Hand ersticken kann.
Vor mir sitzt niemand anderes als Birdie. Sie trägt einen weißen Bademantel, der früher Mom gehört hat. Ihr Haar ist noch feucht (vom Duschen?) und um ihren Kopf schlingt sich ein dicker Verband. Sie lächelt geheimnisvoll und nippt an einer Tasse mit dampfendem Kaffee.
"Das kann nicht sein", flüstere ich. Oder doch? Ich muss an Mister Simmons Theorie von der unheiligen Erde denken. Ist Birdie von den Toten auferstanden? Hat sie sich aus ihrem Grab gewühlt wie ein Vampir? Oder habe ich Halluzinationen?
"Hi, Kitty."
Joe spaziert hinter mir zur Tür herein, geht zielstrebig zu einem der Hängeschränke und kramt eine Schüssel heraus. Dann macht er sich auf die Suche nach dem dazu passenden Müsli. Zu meiner Überraschung stehen auf der Anrichte – zwischen dem dreckigen Geschirr und den leeren Schachteln vom China-Imbiss – ein paar frische Lebensmittel parat. Kellog's FrootLoops, Haferflocken, Toastbrot, Äpfel, Bananen, eine Flasche Ahornsirup, Milch, Orangensaft und eine Tüte vom Donutladen an der Ecke.
"Joe?"
Joe gießt Milch in seine Schüssel und reagiert nicht.
Ich räuspere mich und versuche noch einmal, die Aufmerksamkeit meines Bruders auf mich zu ziehen. "Joe?"
Joe wirft mir einen fragenden Blick zu.
Ich deute auf Birdie. "Da ... da ist ..."
"Ich weiß", antwortet Joe ohne eine Miene zu verziehen.
"Aber ... aber ... wie ...?"
"Vielleicht kann ich das erklären", sagt Birdie und stellt ihre Kaffeetasse mit einem deutlichen Klirren zurück auf den Unterteller. Anschließend wendet sie sich in einem süßlichen Tonfall an meinen Vater: "Würden Sie mir noch etwas Whiskey für meinen Kaffee holen, Carlos? Ich trinke ihn gerne Irisch."
Zu meiner Überraschung wuchtet Dad sich sofort vom Stuhl.
"Dad ...!", sage ich vorwurfsvoll.
"Lass mal, mein Schatz." Dad tätschelt mir die Schulter. "Dein Vater mag ja alt sein, aber er hat immer noch Saft im Akku." Mit einem kurzen, heiseren Auflachen verschwindet er im Flur und watschelt zur Treppe.
Mein Blick kehrt zurück zu Birdie. Sie mustert mich mit spöttisch gespitzten Lippen. Ohne das viele Make-up wirkt sie älter, ist aber auch viel hübscher.
"Ist dir das unangenehm?", fragt sie.
"Was?"
"Mir in die Augen zu sehen, wo du mich doch beinahe lebendig begraben hättest."
"Ich ... ich wusste nicht ..."
Birdies Lächeln verblasst. Sie streicht sich eine blonde Strähne aus der Stirn. "Natürlich wusstest du das nicht. Aber das macht es nicht besser, oder?"
Ich wende mich an Joe. "Sie hat noch gelebt?"
Joe lehnt mit der Hüfte an der Küchentheke, rührt in seinem Müsli und führt den Löffel zum Mund. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und wirkt erschöpft, aber nicht mehr so resigniert und verzweifelt wie gestern.
"Hat sie", antwortet Birdie an seiner Stelle.
"Sie war bloß bewusstlos", nuschelt Joe.
"Und ... seit wann weißt du das?"
"Als ich sie vergraben wollte, hab ich es gemerkt."
"Und dann hast du sie-"
"Nicht vergraben", beendet Joe meinen Satz. Dabei gestikuliert er mit seinem Löffel in der Luft herum. "Du hast gerade geschlafen und da hab ich sie wieder in den Kofferraum gepackt."
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, und schließe ihn dann wieder, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.
"Nun lass es schon raus", brummt Joe.
"Was?"
Joe schluckt sein Müsli herunter. "Sag mir, dass das eine dumme Entscheidung war."
"Nein, ich ..." Mein Blick irrt zwischen ihm und Birdie hin und her. "Das würde ich nie sagen. Ich meine ..."
"Es war eine dumme Entscheidung", unterbricht mich Birdie. "Eine saudumme Entscheidung sogar." Sie faltet die Arme auf dem Tisch, drückt den Rücken durch und macht ein Hohlkreuz. Die Bewegung hat etwas Katzenhaftes. "Und wisst ihr auch, wieso?"
Ich schüttele den Kopf.
"Erstens ... weil Rayner erfahren wird, dass ich nicht unter der Erde liege. Vielleicht nicht heute, aber schon bald. Und dann wird er sehr, sehr verärgert sein." Birdie misst mich mit einem Blick, der mir tief unter die Haut fährt. Mir ist sofort klar, dass sie stocknüchtern ist. Stocknüchtern und gefährlich. Vielleicht ist das ein Grund, aus dem Rayner dafür gesorgt hat, dass immer ein Glas Sekt in ihrer Reichweite steht. "Und zweitens ... weil ich euch jetzt in der Hand habe. Wenn ihr zwei Dumpfbatzen nicht macht, was ich euch sage, wird Rayner deutlich schneller von eurem Versagen erfahren, als ihr die Stadt verlassen könnt."
"Aber was hätten wir denn tun sollen?", erwidert Joe. "Dich begraben und einfach zurücklassen?"
Birdies Blick wird weicher. "Aw ... sieh dich an, du armes, kleines Würstchen." Sie lächelt mitleidig. "Natürlich hättet ihr das tun sollen. Rayner wollte mich tot sehen und jetzt wird er euch die Schuld daran geben, dass ich noch lebe." Sie schnippt mit den Fingern und der mitfühlende Ausdruck verschwindet so schnell von ihrem Gesicht wie er gekommen ist. "Aber keine Sorge, ihr zwei Nieten werdet mir noch nützlich sein."
"Nützlich? Wobei?", will ich wissen.
"Dabei, mich an Rayner zu rächen natürlich."
"Oh ... nein", protestiere ich.
"Oh ... doch", erwidert Birdie.
"Sie werden uns da nicht mithineinziehen." Ich schüttele vehement den Kopf. "Wenn Sie das versuchen, sage ich Rayner, dass Sie noch leben."
"Das wäre Selbstmord, Kindchen." Birdie wendet den Blick ab und späht zum Fenster hinaus. Die Sonne steht hoch über dem Häuserblock und setzt die Fettflecken und Schlieren auf dem Fensterglas dramatisch in Szene. "Eure einzige Chance ist es, Rayner loszuwerden. Und zu eurem Glück habe ich schon einen Plan."
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