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Ideal
Ide|al
1. Idealbild; Inbegriff der Vollkommenheit
2. Als ein höchster Wert erkanntes Ziel; Idee, nach deren Verwirklichung man strebt
Prolog
Niemand kann mit Genauigkeit sagen, was der morgige Tag, oder auch nur die nächsten zehn Minuten, für einen bereithalten. Man hofft gewiss auf das Beste oder vertraut auf das Gefühl der Unsterblichkeit, dem man sich in seiner blinden Jugend so sicher ist.
An diesem schicksalhaftem Tag stand die Sonne hoch am Horizont und brannte auf die überfüllte Metropole Neu-Delhi hinab. Es war ein Monat ohne Regen, die Luft war trocken und geschwängert vom aufgewirbeltem Staub und dem Ruß, den die großen Fabriken am Rande der Stadt in den Himmel stießen. Es war kein schlechter Tag.
Eine Frau, gekleidet in einen roten Sari, lief den Gehweg hinunter. Ihr gewelltes, schwarzes Haar fiel ihr über eine Schulter und eine Hand lag liebevoll auf ihrem gerundeten Bauch. Ein kurzer Einkaufstrip hatte sie aus dem Haus gelockt. In ihrer anderen Hand trug sie eine Stofftüte mit handgefertigter Babykleidung. Die Vorfreude auf das Kind war groß.
Sie hatte nicht damit gerechnet. Niemand rechnete mit so etwas, obwohl es nicht selten geschah. Immerhin verlieren jedes Jahr weltweit 1,24 Millionen Menschen ihr Leben in einem Verkehrsunfall. Es könnte jedem geschehen.
Es geschah ihr.
Ihr Name lautete Mahalia Khan, sie war Mitte zwanzig und erst seit letztem Jahr verheiratet. Sie hatte in Neu-Delhi studiert und arbeitete mit ihrem Mann in der Forschung. Aber das war nicht mehr der Rede wert.
Das Auto war silberfarben. Wahrscheinlich war es das Letzte, was Mahalia sah, als eben dieser Wagen außer Kontrolle geriet und sie mit sich über den Gehweg zerrte.
Selbst als sie starb hielt sie ihre Arme noch immer schützend um ihren Bauch verschränkt. Die bunte Babykleidung lag wild auf dem schwarzen Asphalt verstreut.
Der Aufprall mit dem harten Boden hatte ihren Schädel gespalten, was es zu einem schnellen Tod machte.
Mahalia Khan war ein Einzelschicksal, das die gesamte Welt verändern sollte.
♥♥
Es fing mit einem leichten Kratzen im Hals an und eine Weile später kamen Kopfschmerzen und Übelkeit dazu. Doch erst als sein Herz wie verrückt zu rasen begann, ging Kyungsoo zum Arzt.
„Sie haben einen Bürojob?"
„Richtig."
„Sie sitzen dementsprechend sehr viel. Betreiben Sie Sport?"
„Reichlich und regelmäßig", antwortete Kyungsoo. Sein Aktenkoffer lag auf dem Stuhl neben sich und er trug noch immer den Anzug, den er im Büro getragen hatte.
„Rauchen Sie?"
Kyungsoo verneinte.
Der Arzt stockte und sah von seinen Dokumenten auf. „Kalte Hände?"
Kyungsoo hatte erst gestern eine dickere Jacke aus seinem Schrank herausgeholt, obwohl gerade erst Herbst geworden war. „In letzter Zeit tendiere ich tatsächlich zu kalten Händen und Füßen."
Der Arzt tippte mit seinem Kugelschreiber auf den Schreibtisch. Es war ein unangenehmes Geräusch. „Ihre Symptome deuten auf eine Nikotinvergiftung hin. Würden Sie ihr Hemd ablegen? Ich würde Sie gerne mit dem Stethoskop abhören."
Kyungsoos Finger waren eiskalt als er die Knöpfe an seinem Hemd öffnete. Der Arzt hielt die glatte Oberfläche des Stethoskops an seine Brust und kurz darauf an seinen Rücken. Er sah ihn forsch an, als er ihm bedeutete sich wieder anzukleiden. „Sie sind Nichtraucher sagten Sie? Sie inhalieren auch keine anderen Giftstoffe? Wasserpfeifen? Drogen?"
„Nein", versicherte Kyungsoo, verwirrt über diese Annahme. „Wieso?"
„Sie atmen schwer. Ihre Lungen klingen nicht gesund."
„Ich habe in meinem Leben nicht eine Zigarette geraucht", beteuerte Kyungsoo mit Nachdruck in der Stimme. Es war immerhin die Wahrheit.
„Eigenartig", murmelte der Mann. „Ich würde gerne ein paar Röntgenaufnahmen machen und..." Der Arzt zögerte, als wäre ihm noch ein anderer Einfall gekommen. „Sind Sie Teil von Project-SM?", fragte er, während er gleichzeitig an seinem Computer hantierte.
„Nein", antwortete Kyungsoo. Zeitgleich drehte der Arzt seinen Computerbildschirm zu ihm herum. Kyungsoo konnte nicht glauben, was er dort sah.
„Nein?", echote der Arzt. „Sie sind im System."
Das sah Kyungsoo. Da war sein Bild. Sein Ich – das gleiche Bild wie auf seinem Firmenausweis – darunter sein Geburtsdatum, seine Blutgruppe und seine Augenfarbe. Er konnte nicht aufhören zu starren.
„Ist alles in Ordnung mit ihnen Herr Do?" Der Arzt zögerte. „Hatten Sie in letzter Zeit eventuell etwas Stress? Einen Unfall?"
Kyungsoo schüttelte den Kopf. Die Unterschrift seiner Eltern, neben einem – seinem – blutigen Fingerabdruck, war ganz unten auf dem Dokument zu sehen. „Alles in Ordnung", brachte Kyungsoo hervor. „Es ist so lange her, ich...ich muss es verdrängt haben."
Der Arzt nickte langsam, seine Augen waren noch immer aufmerksam und besorgt. „Sie haben einen Partner – einen Seelenverwandten – er hat ihre Verbindung bereits vor...mehreren Jahren bestätigt. Ich will mich nicht in ihr Privatleben einmischen, aber haben Sie nicht vor, ebenfalls zu bestätigen?"
Wenn beide kompatiblen Teilnehmer an Project-SM einer Kontaktaufnahme zustimmten, hatte Project-SM die Befugnis seine Kontaktdaten an die andere Person zu verschicken.
„Ich bin verlobt", sagte Kyungsoo leise. Er war für eine Diagnose zum Arzt gegangen, nicht für eine verfluchte Hiobsbotschaft in diesem Ausmaß.
„Wieso haben Sie sich für das Project angemeldet?"
Das war das Problem. Kyungsoo hatte sich nicht für diesen Wahnsinn angemeldet. Project-SM – Project-SoulMate – war das Resultat neumodischer Hippies mit utopischen Illusionen einer perfekten Liebe, die einem selbstzerstörerischen Verlangen nachgingen.
„Es war ein Fehler", sagte Kyungsoo mit rauer Stimme. Er erinnerte sich an den starken Husten und das schleimige Gefühl in seiner Kehle, an die nachlassende Ausdauer auf dem Laufband und den faden Geschmack seines Essens. ‚Nikotinvergiftung', hatte sein Arzt gesagt. Es ergab Sinn.
„Ihr Seelenverwandter ist offensichtlich Raucher und ein sehr gefährlicher noch dazu. Wenn Sie nicht weiter zu Schaden kommen möchten, sollten Sie ihn kontaktieren."
„Weil...weil sie raucht, bekomme ich die Konsequenzen zu spüren?"
„Er", korrigierte der Mann sanft. „Sie haben einen männlichen Seelenverwandten und ja, zu ihrer Frage. Sie wissen wie das Project funktioniert, nicht wahr? Man muss Sie gründlich aufgeklärt haben, bevor Sie sich angemeldet haben."
Kyungsoo nickte langsam, dann erinnerte er sich an seinen Unterricht in der Mittelstufe. „Berührungen...ich", er blinzelte mehrfach. „Die physische Verbindung muss mit einer Berührung beginnen. Ich bin meinem...", er schluckte Galle hinunter. „Ich bin meinem Seelenverwandten noch nie begegnet."
„Sind Sie sich sicher?" Der Arzt warf abermals einen Blick auf den Bildschirm, wobei sich das Licht in seinen dicken Brillengläsern spiegelte. „Er lebt ebenfalls in Seoul. Ich kann Ihnen keine genaueren Angaben machen, so lange Sie einer Kontaktaufnahme nicht zugestimmt haben. Aber es kann gut sein, dass Sie sich zufällig über den Weg gelaufen sind. Ein Händedruck auf einer Party, Sie könnten in der U-Bahn neben ihm gesessen haben, oder einfach nur auf der Straße flüchtig aneinandergeraten sein. Es gibt tausend solcher Geschichten."
„Okay." Kyungsoo atmete aus. Er musste einen klaren Kopf bekommen und er musste an die frische Luft.
„Kontaktieren Sie Ihren Seelenverwandten", wiederholte der Arzt. „Mit einer Nikotinvergiftung ist nicht zu Spaßen."
„Ich überlege es mir." Kyungsoo bedankte und verbeugte sich, bevor der Arzt weitersprechen konnte. Er griff blind nach seinem Aktenkoffer und floh aus dem Raum. Die weißen Wände schienen auf ihn zuzukommen. Kyungsoo nahm die Treppen, anstelle des Aufzugs, und holte tief Luft als er draußen angekommen war.
‚Ein Seelenverwandter. Ein verfluchter Seelenverwandter?! Wie zur Hölle konnte das nur passiert sein?' Kyungsoo zog sein Telefon aus seiner Anzugshose. Seine Finger zitterten als er die Rufnummer seines Elternhauses fand. Kyungsoo bat den Hausangestellten ihn weiterzureichen und war erleichtert als er die Stimme seines Vaters hörte.
‚Kyungsoo?'
Er atmete zittrig aus. „Ich...ihr müsst mir etwas erklären."
‚Geht es dir gut mein Sohn? Du klingst eigenartig."
Kyungsoo lachte, er wusste nicht ob ‚gut' gerade das richtige Wort war, um seine Verfassung zu beschreiben. „Eure Unterschriften...deine und die von Mutter sind auf dem Dokument eines Project-SM Vertrags verzeichnet." Kyungsoo schluckte schwer hinunter. „Einem Vertrag auf meinen Namen."
Langes Schweigen grüßte ihn von der anderen Seite, dann ein Seufzen. „Komm Nachhause Kyungsoo. Wir müssen reden."
Kyungsoo legte auf. Menschen wichen links und rechts an ihm vorbei, genervt dass er den Gehweg blockierte, aber Kyungsoo kümmerte sich nicht um sie. Seine Gedanken liefen wild durcheinander, so viele auf einmal dass er nicht wusste, woran er gerade dachte.
♥♥
Gegründet wurde Project-SoulMate vor über neunzig Jahren. Der Gründer, ein Mann aus Indien, hatte seine Ehefrau bei einem Autounfall verloren und war anschließend in tiefe Depressionen verfallen. Das, so hatte er später in einem Interview bestätigt, sei der Schlüsselpunkt für Project-SM's Entstehung gewesen.
Seelenverwandtschaften sind im Grunde kein komplexes System. Man nehme die DNA eines Individuums und vergleiche diese mit der DNA eines anderen Individuums. Desto größere Ähnlichkeiten in der Gehirnstruktur, sprich in den Interessen, Eigenschaften, Vorlieben, ja sogar Aussehen und Attraktivität bestehen, desto kompatibler sind zwei Menschen füreinander. Das war logisch und wurde bereits vor Jahren erforscht.
Das Problem jedoch: Nach dieser Idee, der natürlichen DNA-Gleichheit, ist die Wahrscheinlichkeit einen Seelenverwandten zu besitzen mikroskopisch gering. Der perfekte Seelenverwandte kommt in einem Fall von eins zu sieben Milliarde vor. Lächerlich unwahrscheinlich.
Aber es kommt noch besser. Die Wahrscheinlichkeit für einen lebenden Seelenverwandten ist noch deutlich geringer. Es ist regelrecht hoffnungslos.
Rhejab Khan, so der Name des verwitweten Inders, hatte eine neue – unnatürliche - Möglichkeit der Seelenverwandtschaft gefunden.
Es gibt technologische Mittel eine Seelenverwandtschaft nachzustellen.
Ähnliches Prinzip: Man nehme die DNA eines Individuums, errechne die andere DNA einer Person-X, die einer Seelenverwandtschaft am nächsten käme und...verbinde zwei Individuen mit einer DNA-Komptabilität von mindestens achtzig Prozent. Und achtzig Prozent, natürlich auf globaler Hinsicht, sind ein wahnsinnig breites Spektrum - wirklich wahnsinnig breit.
Anschließend gibt es weitere kleinliche Möglichkeiten mit denen das System...die verbleibenden Millionen Anwärter auf eine Seelenverwandtschaft ausschließt. Nationalität ist zum Beispiel ein Punkt. Weitere wären Geschlecht, Interessen, Hintergründe, sogar die Stadt in der man lebt. Das System filtert so lange, bis nur noch eine – die perfekte Person – übrig bleibt.
In unserer technisierten Gesellschaft, in der jedes Detail eines Menschen im World-Wide-Web zu finden ist, ist das gar nicht mehr so schwierig.
Und dann kommt der wirklich verrückte Part.
♥♥
Kyungsoo lebte in Seouls Elite-Gesellschaft. Als Sohn eines großen Unternehmers hatte er schon immer ein privilegiertes Leben geführt. Dazu gehörte ein großes Haus mit vielen Angestellten, Privatlehrern und speziellem Unterricht. Teures Essen und noch erlesenere Kleidung. Es war ihm in die Wiege gelegt worden und Kyungsoo hatte seinen Wohlstand nie hinterfragt. Ebenso wenig, wie seine künftige Position als der nachfolgende Chef der Firma seines Vaters. Es war so natürlich, so einfach.
Kyungsoo traf seine Eltern im Salon-Zimmer an. Sie saßen auf der breiten, ledernen Couch und wirkten angespannt und ein wenig steif. Kein Personal war im Raum und der Bedienstete, der ihn in den Raum geführt hatte, schloss diskret die Tür hinter Kyungsoo.
„Du bist hier."
Kyungsoo verbeugte sich respektvoll vor seinen Eltern, bevor seine Mutter Gelegenheit dazu hatte ihn an der Hand zu sich auf das Sofa zu ziehen. „Ich verstehe es nicht."
„Wie hast du es herausgefunden?"
Sie leugneten es nicht. „Ich war beim Arzt."
„D-du warst beim Arzt?" Die Stimme seiner Mutter zitterte gefährlich. Er drückte sanft ihre Hand.
„Mir geht es gut, keine Sorge. Ich...ich hatte mindere Beschwerden und der Arzt hielt eine Seelenverwandtschaft für eine mögliche Erklärung." Kyungsoos Augen verengten sich. „Ich hielt es für eine Sache der Unmöglichkeit, aber ich...ich bin im System. Project-SoulMate, meine ich."
Kyungsoos Vater nahm einen tiefen Atemzug. „Entschuldige, es ist unsere Schuld."
„Ich habe eure Unterschriften bemerkt. Nur verstehe ich nicht, wie mein Fingerabdruck auf das Dokument gekommen ist."
„Wir sind es gewesen", sagte seine Mutter leise. „Kurz nach deiner Geburt, haben wir es in Erwägung gezogen und später, im Kindesalter, haben wir dich angemeldet."
„Man kann Project-SM erst mit seiner Volljährigkeit beitreten."
„Wir sind ein paar Umwege gegangen", gab sein Vater leise zu.
Kyungsoo war mit diesen Wegen vertraut. Er hatte früh gelernt sie zu seinen eigenen Gunsten einzusetzen. „Gut, die Frage ist nur, wieso? Ich hätte nie gedacht, dass ihr etwas von SoulMates haltet."
„Du musst uns vertrauen", sagte seine Mutter sanft. „Es ist nur zu deinem Besten."
Seelenverwandte konnte man sich nicht aussuchen, dementsprechend war es kein taktischer Zug, um die Firma seines Vaters mit einer anderen Firma zu verbinden. Außerdem tat Kyungsoo ja bereits genau das. „Was ist mit Yoona?"
„Was willst du wissen?"
„Meine Absicht sie zu heiraten wird dadurch nicht gefährdet?"
„Nein", versicherte sein Vater schnell. „Es wäre eine Katastrophe für unsere Firma, wenn dieses Bündnis nicht zu Stande kommt."
Kyungsoo nickte. „Und...meine Seelenverwandte?" Er benutzte absichtlich die weibliche Form.
„Ignorier ihn. Du musst nichts mit ihm zu tun haben."
„Ihr wisst, dass es ein Mann ist", sagte Kyungsoo kühl. „Ihr kennt ihn." Seine Eltern wechselten einen schnellen Blick, dann nickten sie. Ein anderer Gedanke kam ihm. „Kenne ich ihn?"
„Kyungsoo..."
„Ist schon in Ordnung, ich habe nicht vor irgendwelche Dummheiten anzustellen."
Seine Mutter war es schließlich, die ihm antwortete. „Du bist ihm einmal begegnet, nur ganz flüchtig, du wirst dich nicht erinnern."
„Bei dieser Gelegenheit", setzte Kyungsoo an. „Bei dieser Gelegenheit sind wir in Kontakt gekommen? Haben wir uns berührt?"
Seine Eltern bestätigten. „Flüchtig", wiederholte seine Mutter, als würde es einen Unterschied machen.
„Das erklärt so einiges." Er versuchte zurück zu denken. „Wann ist es passiert?"
„Hör auf Fragen zu stellen Kyungsoo. Akzeptier die Fakten einfach." Es war ein Satz den Kyungsoo schon oft in seinem Leben zu hören bekommen hatte. Er schloss den Mund. „Du kannst uns vertrauen, wir wollen nur dein Bestes."
„Ich weiß", sagte Kyungsoo. „Natürlich. Ich vertraue euch, ihr trefft die richtigen Entscheidungen für mich."
Seine Mutter seufzte erleichtert. „Bleib zum Essen, es ist schon eine Weile her, dass wir gemeinsam gegessen haben."
‚Erst zehn Tage', dachte Kyungsoo. Er war mit Yoona und seinen Eltern in einem französischen Restaurant gewesen.
„Ich will Yoona nicht alleine Zuhause lassen", entschuldigte er sich. „Wir kommen bald wieder zu Besuch."
„In Ordnung." Sie küsste ihm die Wange und sah ihm mit mütterlicher Liebe in die Augen. „Ich bin so froh, dass du hier bist."
Kyungsoo, ein wenig verblüfft über die Emotionen in ihrer Stimme, blinzelte mehrfach bevor er erneut ihre Hand drückte. „Natürlich", sagte er sanft. „Wo sonst sollte ich sein?"
Vor seiner Haustür, als er den Code in die Tastatur neben seiner Eingangstüre eingab, war er noch immer in Gedanken. Er hatte beschlossen Yoona nichts zu erzählen – er wollte sie und vor allem ihren Vater nicht beunruhigen.
Als er seine Schuhe abstreifte erschien sie ihm Wohnungsflur. Sie trug eine Baumwollhose und ein enges T-Shirt, dass ihre schlanke Figur betonte. Sie streckte die Arme nach ihm aus und drückte ihre Lippen für einen Moment auf seine.
„Wo bist du so lange gewesen?"
„Ich hatte einen Arzttermin."
„Wegen dem Husten?" Er nickte. „Ist es etwas Ernstes?"
Schlimmer. „Nein, nichts ernstes."
„Das ist gut." Sie schmiegte sich näher an ihn und er atmete ihr vertrautes Parfum ein. „Soll ich der Köchin sagen, dass sie dir ein Abendessen machen soll?
„Ich bin nicht hungrig", sagte Kyungsoo. Zu viel lag ihm bereits schwer im Magen.
„Wollen wir einfach zu Bett gehen?" Es war eine Frage mit einem schweren Nachklang. Es war Mittwoch. Natürlich.
„Ich gehe mich nur schnell Abduschen." Er küsste sie auf die Stirn. „Warte im Bett auf mich."
Unter dem heißen Duschwasser schloss er die Augen und versuchte seine Schultern zu entspannen. Irgendwo in Seoul wandelte ein Mann den Project-SM als sein perfektes Gegenstück auserkoren hatte.
Kyungsoo seufzte.
Er würde diese Gedanken von sich schieben müssen. Es war Mittwochabend. Mittwoch war seine Nacht mit Yoona. Er fühlte sich noch unwohler als sonst, als er seine Hand zu seinem Glied führte und versuchte etwas Erregung in sich anzufachen. Er hatte herausgefunden, dass dies der einzige Weg war um ihre Mittwochabende...möglich zu machen.
Wie schön Yoona auch war, wie wohlgeformt ihr Körper, ihre Lippen, ihre Brüste auch waren...es fiel Kyungsoo schwer sie sexuell zu begehren. Er würde sie jedoch heiraten und sie beide hatten ihre Bedürfnisse.
Ein Zittern fuhr durch seinen Körper. Wenn sie erst einmal verheiratet waren, würden sie über...andere Möglichkeiten sprechen, andere Partner für Nächte wie diese.
Für die nächste Zeit jedoch, würde das genügen müssen.
♥♥
Rhejab Khan's Ehefrau war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie trug ein ungeborenes Kind in sich und als der Wagen sie erfasst hatte, hielt sie ihre Arme schützend um ihren gewölbten Bauch, anstatt ihren Kopf zu schützen. Nicht der Aufprall mit dem Wagen hatte sie getötet, sondern die anschließende Kollision mit dem harten Asphaltboden, der ihren Schädel aufgeschlagen hatte. Das Ungeborene war natürlich ebenfalls gestorben, als ihre Organe aussetzten.
Mahalia – so ihr Name – war Khan's Seelenverwandte gewesen, das hatte er immerzu beteuert.
Nach ihrem Tod hatte er eine These Veröffentlicht, die heutzutage jedes Kind in der Schule zu hören bekam, gleich nach Mendel und Darwin.
Zusammengefasst geht es darum, dass die wahre Liebe das einzige ist, was einen Menschen wirklich selbstlos macht. Nichts anderes. ‚Nur die wahre Liebe zu einem anderen Menschen, ist stärker als die Liebe zu sich selbst.' (Rhejab Khan in ‚The Happiness in seeking someone else's Happiness')
Für die wahre Liebe, für seine andere Hälfte, würde man sterben, es gibt dutzende solcher Beispiele. ‚Romeo and Juliet' in Shakespeares Theaterdrama nur eines der berühmtesten.
Wahre Liebe ist selbstlos.
Wenn man sich weniger liebt, als seinen Seelenverwandten, wie logisch erscheint es dann, dass man ihm seinen Schmerz, seine körperlichen Schäden abnehmen möchte? Was ist schon Schmerz für sich selbst, wenn nur die Geliebte oder der Geliebte diesen Schmerz nicht fühlen muss?
Für Rhejab Khan war alles so klar. Wenn er doch nur in dem Unfall, anstelle seiner Frau, verstorben wäre. Wenn er die Schäden seiner Seelenverwandten hätte tragen können...es hätte ihn glücklicher gemacht und es hätte ihr ungeborenes Kind gerettet.
Er fand eine Möglichkeit, genau dies zu bewerkstelligen und es versetzte die gesamte Welt in Aufruhr.
♥♥
Es war Samstagabend, als Kyungsoo ein plötzliches Schwindelgefühl ergriff. Er hatte eine Tasse Tee zu seinem Schreibtisch getragen, wo er noch ein wenig Arbeit für die kommende Woche erledigen wollte, als ihn ein Gefühl, wie ein heftiger Windstoß, von den Füßen stieß.
Er hörte, wie aus weiter Ferne, dass seine Porzellantasse auf dem Boden aufschlug, bevor sich alles in seinem Kopf drehte.
Er tastete blindlinks um sich, griff in heißes Teewasser und scharfe Scherben, ohne etwas zu spüren. Sein Magen drehte sich herum und er stieß auf.
Seine Augen brannten vor Tränen, die er gar nicht bemerkt hatte, vergossen zu haben. Der Geruch von Erbrochenem stieg ihm in die Nase und er verzog das Gesicht. Seine Hände zitterten, als er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte. Kalter Schweiß rann seinen Rücken hinunter.
„Was ist passiert?", flüsterte er in den Raum hinein. Er zitterte noch immer, aber der Schwindel und die Übelkeit waren verblasst. „Was zur Hölle ist geschehen?"
Er schaffte es ins Badezimmer und unter die Dusche. Als er sauber und einigermaßen ruhig war, klingelte er einen Bediensteten aus dem Bett und bat ihn, dass Chaos in seinem Arbeitszimmer zu beseitigen. Er ging in sein Schlafzimmer, das, welches er sich nicht mit Yoona teilte, und legte sich mit einem unruhigen Gefühl in der Brust zu Bett.
♥♥
Es war kein Einzelfall.
Kyungsoo überraschten immer und immer wieder plötzliche Schwindelanfälle und Übelkeit. Seine Kehle kratzte so sehr wie noch nie zuvor und er hustete stark und schleimig, jedes Mal nachdem er auch nur eine kurze Treppe erklommen hatte. Anspannung pulsierte in seinen Schläfen und er fühlte sich konstant ungesund und ausgelaugt.
„Was macht er nur?", fragte er sein Spiegelbild, nachdem er sich den Mund ausgespült hatte. Ihm war wieder schwindelig geworden, doch dieses Mal hatte er es zumindest zur Toilette geschafft, bevor er sich übergeben musste. Es wäre unangenehm gewesen seinen Geschäftspartnern auf die lackierten Cordovan Schuhe zu kotzen.
Sein Spiegelbild gab ihm keine Antwort.
♥♥
Es war beim Abendessen mit Yoona und ihren Eltern, als Kyungsoo plötzlich zusammenfuhr.
„Alles in Ordnung Kyungsoo?", fragte seine Mutter besorgt. Bei der jähen Bewegung hatte er sein Steakmesser zu Boden gestoßen.
„Alles bestens", antwortete er durch zusammengebissene Zähne hindurch. Es war nicht alles in Ordnung. Ein sengender Schmerz ging ihm durch den Unterarm, als würde ihm jemand seine Haut aufreißen. Er versuchte ruhig zu atmen.
„Du hast etwas Gewicht verloren", stellte Herr Kim – Yoona's Vater – fest. „Es steht dir gut."
„Danke", sagte Kyungsoo, gespielt verlegen. „Eigentlich hatte ich vor Muskeln aufzubauen", log er. „Es hat sich anders ergeben."
Yoona's Vater lachte. „Keine Sorge, das ist der nächste Schritt."
„Noch etwas Wein?", fragte Frau Kim und deutete auf die Rotweinflasche. Bei dem Gedanken an Alkohol verspürte Kyungsoo Übelkeit.
„Nein, vielen Dank. Ich verzichte heute Abend."
„Was für gute Angewohnheiten."
Erneuter Schmerz. „Entschuldigt mich", sagte Kyungsoo an einem Lächeln vorbei. Er spürte wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. „Ich suche schnell das Badezimmer auf."
„Natürlich, geh ruhig."
Kyungsoo schaffte es sich zu verbeugen und eilte dann davon. Sobald er die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte riss er seine Anzugsjacke von sich. Er konnte nicht fassen, was er dort sah. Sein weißes Hemd war an seinem rechten Unterarm Blutdurchtränkt.
„Was zur Hölle?"
Er krümmte sich vor Schmerzen zusammen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür.
Er krempelte seinen Hemdärmel so schnell zurück, dass der Manschettenknopf davonflog, aber daran verschwendete Kyungsoo keinen Gedanken. In seinen Unterarm waren drei Bruchstaben eingeritzt. Kyungsoo wurde schwindelig. Vom Geruch seines eigenen Blutes, vom Schmerz seines Seelenverwandten und von dem Wort, dass tief in seinen Unterarm geritzt war.
D I E.
Kyungsoo stürzte zum Waschbecken und riss den Wasserhahn nach oben. Er rieb sich das Blut vom Arm und wimmerte als das kalte Wasser in seiner verwundeten Haut brannte.
Was geschah hier? Was tat der Kerl, der sich sein verfluchter Seelenverwandter nannte und wieso zur Hölle tat er das?!
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Hey :)
Willkommen zu 'Alles für Dich' einer Kaisoo Fanfiktion. 'Alles für Dich' wird in 10 Kapitel unterteilt werden (daher sind die Kapitel etwas länger) und ich update einmal die Woche ^^
Ich hoffe sehr das erste Kapitel hat euch gefallen!
Viele, liebe Grüße!
- PromisesLala
P.S. WARNUNG! Seid...einfach gewarnt, die ff ist wirklich nichts für Leute mit schwachen Nerven. Bitte, bitte liest mit Bedacht.
Vielen Dank!
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