~ 3 ~

Ich lag da und die Zeit schien zu vergehen. Es waren schon Wochen vergangen und ich lag immernoch da und starrte an die Decke. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich schon da hing und ich konnte nicht mehr, aber ich musste. Reden konnte und wollte ich immernoch nicht. Alles war wie gelähmt. Irgendwie gab es nur noch eine Leere um mich herum. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Irgendwann kamen ein Arzt und eine Pflegerin zu mir und wollte meine motorischen Fähigkeiten testen. Der Arzt gab mir einen Zettel und ein Kugelschreiber und schaute mich an. „Ich brauche, dass Sie mir etwas schreiben. Egal was, Hauptsache Sie schreiben etwas“. Ich wollte ein Kreuz setzen, damit ich anzeige, dass ich verstanden habe, aber meine Hände reagierten nicht. Ich war komplett still, außer meiner Atmung. „Bitte Bastian, ich weiß, dass Sie es können“ bat mich der Arzt. Ich versuchte es erneut. Tatsächlich, meine Hände bewegten sich. Den Stift hatte ich nur ganz locker zwischen den Fingern, er schien jede Sekunde fast runterzufallen. Etwas krakelig schrieb ich einfach 'ja' auf den Zettel. Der Arzt lächelte mir zu. „Das haben Sie super gemacht“ Ich fühlte mich wie ein Kleinkind.

„Versuchen wir es doch gleich mal mit aufstehen“ Schon seit mehreren Wochen lag ich einfach nur regungslos da. Ich hatte das Gefühl, dass ich verlernt habe, wie man aufsteht. „Erstmal hinsetzen“, befahl mir der Arzt. Er griff mit einer Hand an meinen Rücken und half mir so mich aufrecht hinzusetzen. Von dieser Bewegung wurde mir allerdings schwindelig. Kein Wunder, wenn ich so lange nur gelegen bin. „Machen Sie ruhig langsam“, sprach der Arzt auf mich ein. Ich schlang meine Beine zum Bettrand. Schon diese kleine Bewegung fügte mir Schmerzen zu. Zwar waren beide Beine nicht mehr wirklich verstaucht, aber dennoch nicht im gesunden Zustand. Der Arzt und die Pflegerin legten beide einen Arm um mich und stützten mich beim Aufstehen. Zu meinem eigenen Erstaunen schaffte ich dies sogar, auch wenn mein Körper stark zitterte. Nach ein paar Schritten knickte mir jedoch ein Bein unter mir weg und ich sank zu boden, wurde aber rechtzeitig noch aufgefangen. „Hier, setzen Sie sich hin“ Die Pflegerin rollte einen Rollstuhl in das Zimmer. „Das haben Sie super gemacht“, sagte der Arzt zu mir. Ich schaute ihn an und nickte nur. Mein Körper zitterte immer stärker. Dann wurde mir schwindelig und die Pflegerin half mir, mich auf den Rollstuhl zu setzen. Ich wollte ihr sagen, dass ich lieber selber laufen möchte, um zu beweisen, dass ich es konnte, aber ich traute mich mit meiner stummen Kommunikation nicht. Also setzte ich mich in den Rollstuhl, doch meine Schmerzen waren größer, als ich dachte. Die Pflegerin rollte mich aus dem Zimmer. „Wir fahren jetzt an die frische Luft“ sagte sie zu mir und sah dabei ganz sanft aus. Meine Augen wurden langsam träge und mir wurde bewusst, dass ich seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr draußen war.

Als ich die Augen öffnete, sah ich eine wunderschöne Waldlandschaft vor mir. Ein angenehmer Wind wehte über mein Gesicht. Auf einmal stand ich wieder auf der rostigen Brücke. Damals dachte ich, der Wind in meinen Haaren bedeutet Freiheit, jetzt saß ich in einem Rollstuhl vor einem Krankenhaus. Könnte ich nur die Zeit umdrehen, eine andere Brücke wählen, bei der kein Polizist war, dann hätte ich vielleicht jetzt meine lang ersehnte Freiheit. Ich atmete tief durch. Die kühle Luft erfüllte meine Lungen mit Energie. Es fühlte sich gut an, mal wieder draußen zu sein. Trotzdem kam ich mir etwas blöd vor, schließlich wurde ich hierhin geschoben. Ich war auf andere angewiesen, meine größte Angst, die sich bewahrheitet hat. Das Krankenhaus war abseits der Stadt, wodurch hier ein großer Garten zustande kam. Dort spielten Kinder, ganz viele Kinder. Sie wirkten fröhlich, als hätten sie keine Probleme, obwohl sie ebenfalls einen Grund für ihren Krankenhausbesuch haben. Ich schaute ihnen zu und war neidisch. Schon immer wollte ich so ein Kind sein. Mit anderen herum toben, glücklich sein, Spaß haben. Doch meine Kindheit war das genaue Gegenteil. Aber als ob das überhaupt irgendwas ausmacht. Mein ganzes war doch Leben nur ein riesengroßes Fettnäpfchen, in das ich immer wieder trat. Ich war es leid. Ich schaute hinunter auf meine Beinen und bemerkte, dass die Schmerzen immer noch da waren, aber ich kann mich kaum erinnern, dass es einmal anders war. Ich war an der Grenze zur Depression, die immer härter wurde, je länger die Schmerzen durchhielten. Auch wenn ich eigentlich keinen Grund dafür hatte, konnte ich einfach nicht mehr. Wie ein Roboter lebte ich nur noch für meine Arbeit. Aber was war passiert, das mich so kaputt gemacht hat? Ich war schon fast am Ende meiner Kraft. Aber ich wusste nicht, was das Problem war und ich konnte mit niemanden darüber sprechen. Irgendwann fühlte ich mich als wäre ich in einem Kreislauf aus Schmerzen gefangen, aus dem ich nicht mehr entkam. Aber es gab keinen Ausweg. Die Schmerzen waren bereits ein Teil von mir geworden, der immer schlimmer wurde. Ich wusste nicht, ob ich es noch lange aushalten würde.

Die Tage vergingen und ich bekam jeden Tag Training für meine Muskeln. Schließlich hatten diese sich nach dem vielen Liegen sehr abgebaut. Mittlerweile konnte ich wieder ohne Hilfe laufen, auch sprechen gelang mir wieder. Trotzdessen redete ich nie mit irgendjemanden, egal wie sehr sich die Pflegekräfte anstrengten. Nach etwa zwei Monaten wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, doch nach Hause gehen war nur ein erhoffter Traum. Stattdessen ging es für mich geradewegs in die Psychiatrie. Meine Psyche war nicht mehr das, was es mal war. Ich fühlte mich leer und erschöpft. Die Vergangenheit war immer noch mein Begleiter und sie konnte ich einfach nicht vergessen. Als würde sie an meine Haut kleben. Ich schaute die Menschen um mich an und hatte das Gefühl, dass alle ein geheimes Leben führen. Dass die Menschen um mich herum eine glückliche Familie hatten, in der sie geliebt und unterstützt wurden. Der Psychiater gab mir Medikamente gegen die Depression, mit denen ich jeden Tag kämpfen musste. Ich hatte das Gefühl, dass meine Gefühle gar nicht mehr real waren, sondern nur noch durch die Medikamente erzeugt wurden. Dabei waren meine Gedanken und Gefühle vorher schon nicht mehr real. Was jetzt nur noch ein Teil von mir war. Es gab keinen Ausweg aus dieser Hölle, in der ich gefangen war. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr kontrollieren und ich hatte keine Ahnung, wie ich jemals aus diesem Teufelskreis entkommen sollte.

Als ich den Gang zu meinem Zimmer entlang lief, bemerkte ich ein kleines Kind, das in einem Raum weinte. Es war ein Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt. Vorsichtig trat ich durch die offene Tür und kniete mich zu ihr runter. Sie blickte mich mit Tränen übergossen Augen an. Ich war überfordert, was sollte ich tun? In ihren Augen sah ich mich, mein jüngeres ich. Sie starrte mich noch einige Zeit an, bevor ich sie einfach in den Arm nahm. Keiner von uns sagte ein Wort, doch das brauchte es auch nicht. Es war, als würde ich ein Stück von mir selber erkennen und umarmen. Als hätte sie das auch dringend gebraucht. Wir standen für einige Zeit einfach nur zusammen in dem Zimmer, im stillen Dunkel. Es war das erste Mal, dass ich in letzter Zeit die Kraft hatte, etwas zu empfinden. Etwas, was ich so sehr vermisste und was ich so wichtig fand. In dem Moment, als ich sie in den Arm nahm, fühlte ich mich lebendig. „Alles wird gut“, sagte ich ihr leise. „Du machst das super“ Das war das erste mal seit über zwei Monaten, dass ich mit einer Person sprach und auch wirklich mit dieser Person sprechen wollte. Es fühlte sich an, als ob meine ganze Vergangenheit nie gewesen war. Als ob meine ganzen negativen Emotionen nie da waren, es gab nur sie und mich.

„Willst du reden?“, fragte ich vorsichtig. Schniefend löste sie sich aus der Umarmung und blickte mich mit ihrem großen braunen Augen an. „Ich will nach Hause. Ich bin hier, weil meine Eltern Alkoholiker sind. Trotzdem will ich einfach wieder heim. Ich vermisse es und ich weiß nicht wieso. Auch wenn sie mir jeden Tag leid zufügen sind sie noch meine Eltern“, brachte sie mit verheulter Stimme heraus. „Du musst dich für keiner deiner Gefühle schämen. Wenn du dein zu Hause vermisst, dann ist das eben so. Das ist nichts falsches. Aber seh es so: hier wird sich wirklich um dich gekümmert, ohne Schläge, ohne Alkohol, ohne sonstiges. Die Ärzte sind nur für dich da und irgendwann wirst du wieder daheim sein, in deiner gewohnten Umgebung“, versuchte ich sie zu trösten. Sie umarmte mich wieder, fester als zuvor. „Mein Name ist Bastian, und deiner?“ „Ich bin Anna“, grüßte sie mich. Ich reichte ihr meine Hand und sie drückte diese. „Anna, wir schaffen das. Wir müssen dran glauben“ Ich blickte ihr ganz tief in die Augen und sie nickte mir zu. „Willst du ein Spiel spielen? Im Gemeinschaftsraum gibt es ganz viele Brettspiele“, fragte sie mich. „Gerne“ Sie zog mich an meiner Hand mit ihr durch die verschiedenen Gänge. Da ich erst neu war, kannte ich mich noch nicht aus, im Gegensatz zu Anna. Schlussendlich spielten wir zusammen Monopoly. Ich ging die dümmsten Deals mit ihr ein, aber das war mir egal. Ich wollte sehen, wie sie gewinnt, wie sie glücklich war.

Bei meinem Einzelgespräch konfrontierte mich der Psychiater gleich. „Du hast schon drei Wochen nichts gesagt“, sprach er mich an. „Ist in Ordnung, so ein Stiller, aber das ist sehr auffällig“ Ich schaute den Arzt an und nickte. Mit meinen Augen wanderte ich über die Wände des Raums. „Kannst du reden?“, fragte er mich. Ich schaute ihn an, aber sagte nichts. „Sprichst du mit irgendwem?“ Ich schaute ihn weiter an. „Also, es könnte dich und deine Gesundheit verbessern, wenn du dich einfach etwas öffnest“ Ich nickte und lächelte, aber antwortete nichts. „Vielleicht hast du ja sogar ein Problem, das du selber nicht verstehst, wenn du nicht einmal mit uns sprichst“ Ich dachte darüber nach, aber ich hatte gar nichts zu sagen. „Nun, vielleicht möchte ich mit dir mal einen Test machen. Bist du bereit, mit mir zu arbeiten?“, fragte er mich. Ich nickte. „Ganz toll! Auf geht's“ Der Arzt stand auf und ging zur Tür. Vor der Tür wartete ein Pfleger mit einer Krankentrage, auf die mich der Arzt aufwies. „Das müssen wir jetzt einfach machen. Es wird dich sicher auch interessieren. Wir geben dir eine Tablette, eine bestimmte Droge, die dein Verstand verändern kann“ Ich nickte zögerlich und schluckte die Tablette runter ohne zu denken, was dies mit mir machen würde.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top