2. Kapitel

- A D E E R A -

Mitten im Dunkeln, sitze ich hier und schau mir den leblosen Körper, der sich in meinen Armen befindet, an. Überall sind verschiedene Verletzungen zu erkennen. Einige nur ganz klein, andere lebensgefährlich groß. Sein rechtes Auge ist in einem dunklen Blau abgetaucht und nur noch kaum erkennbar.

Aus seinem Arm steht ein Knochen heraus, der mit Unmengen von Rissen bestückt ist. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass sein Knochen an einer Stelle zersplittert ist. Ansonsten könnte ich mir nicht erklären, warum der Knochen einige Einkerbungen hat.

Wie von selbst, ziehe ich meine Jacke aus und versuche sie wie ein Kissen zusammenzuklappen. Das erweist sich schwerer als gedacht, da es eine dicke Winterjacke ist und sie sich nicht so leicht verformen lässt. Nach ein paar Handgriffen habe ich es jedoch geschafft und lege sie vorsichtig unter seinen Arm.

Er muss unfassbar starke Schmerzen haben und ich weiß, dass meine Jacke das nicht weniger erträglich macht, aber zumindest liegt sein Arm jetzt nicht mehr auf dem harten Boden und kann nicht noch mehr zerstört werden. Außerdem ist die Jacke gerade sowieso nur unnötige Last und schränkt mich ein.

Wie vom Blitz getroffen fällt mir ein, dass ich mal besser den Krankenwagen rufen sollte. Schnell greife ich in meine Hintere Hosentasche und ziehe mein kleines Smartphone raus, indem ich sofort die Nummer des Krankenhauses eintippe.

Schon nach kurzer Zeit nimmt jemand ab und ich erkläre ihm schnell die Situation, dabei lasse ich ihn auch wissen, dass es gut wäre, wenn er ebenfalls Polizisten hier her verfrachten würde.

Sobald ich ihm die Adresse gesagt habe, lege ich auf und schenke meine Aufmerksamkeit wieder dem Mann, dessen Atem nur noch ganz leise hörbar ist. Schnell beuge ich mich über ihn und versuche den Grund für sein schlechtes Atmen zu finden.

Viel zu spät erkenne ich sein nun in Rot gefärbtes T-Shirt. Ich bin mir sicher, dass es mal weiß war. Ohne noch einen Moment zu warten, schiebe ich sein T-Shirt weiter nach oben, sodass ich einen freien Blick auf seinen Bauch habe.

Mir wird schlecht

Es strömt Unmengen von Blut mir entgegen, die sich von verschiedenen Stellen zu einer großen Flut zusammenfügen. Es gibt keine Stelle auf seinem Bauch, die nicht mit einer Verletzung oder blauen Flecken bedeckt ist.

Das letzte Mal als ich so einen Körper gesehen habe ist, als mein bester Freund von einer Mission zurück kam und kurz vor dem Tod stand. Acht Operationen, monatelanges Koma und tägliches Beten brachten ihn wieder zurück ins Leben.

Die Ärzte wollten die Geräte schon längst abschalten, aber ich habe keinen von ihnen nur ansatzweise in die Nähe von ihnen gelassen. Ich hielt sogar nachts wache, als die Eltern von ihm, den Ärzten die Erlaubnis erteilt haben. An einem Donnerstagabend stürmten Polizisten in das Zimmer und hielten mich fest, sodass ich sie nicht mehr stoppen konnte. Aber als hätte Gott all meine Rufe und Tränen gesehen, hat er genau in der Sekunde seine Augen geöffnet und das Tägliche ankämpfen gegen die Pflegekräfte, hat sich ausgezahlt.

Der Geruch von dem frischen Blut bringt mich wieder in die Realität. Sofort ziehe ich meinen Pullover aus und danke mir selbst dafür, dass ich mich heute Morgen doch für ein T-Shirt unter meinem Pullover entschieden habe. Ich binde ihn fest um seinen Körper und drücke leicht auf die größte Wunde, um die Blutung so gut es geht zu verlangsamen.

"Hören Sie mich? Ich bin Adeera und werde bei Ihnen bleiben bis der Krankenwagen eingetroffen ist. Ich bitte sie, versuchen sie die Augen zu öffnen." Die einzige Antwort, die ich erhalte, ist ein kleines wimmern. Es ist nicht viel, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass er noch bei Bewusstsein ist.

" Bitte versuchen Sie es zumindest. Wenn Ihre Augen geöffnet sind, kann ich sie länger am Leben halten."Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Eigentlich will ich nur, dass ich sehe, wann es keine Hoffnungen mehr gibt. Sobald ich bemerke, dass tief und fest schläft, würde ich ihn auf dem kalten Boden liegen lassen und all die Beweise für meine Anwesenheit vernichten.

Mein Gewissen würde mich hassen, aber ich hätte keine andere Wahl. Ich müsste ihn hier alleine liegen lassen.

Lange passiert nichts und ich bin schon kurz davor die Hoffnung aufzugeben. Solange ich ihn aber noch atmen höre, werde ich die Hoffnung aufgeben. So Herzlos kann nicht mal ich sein.

In der Sekunde, erscheint doch noch ein kleiner Schlitz zwischen seinen Lidern und lassen einen kleinen Teil seiner Augen erblicken.

"Ich danke Ihnen"

Voller Blut sitze ich nun hier und kämpfe für ihn. Ich kämpfe, um sein Überleben.

Und von weiten nehme ich nur noch leise Sirenen wahr, als wenige Sekunden später einige Personen in Uniform zu uns rennen und den Mann mitnehmen.

Alles was um mich herum passiert bekomme ich nur unterbewusst mit. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem Film gefangen, indem ich keine Rolle spiele. Ich bin einfach da, obwohl ich genauso gut nicht vorhanden sein könnte.

Unscharf erkenne ich ein paar Menschen, die auf mich zukommen, was sie genau von mir wollen, weiß ich nicht. Obwohl ich sehe, dass sie ihren Mund bewegen, kommt kein einziger Ton bei mir an. Bin ich taub?

Einer der beiden legt eine Decke über mich und schiebt mich vorsichtig in Richtung eines Krankenwagens. Ich weigere mich mit all der Kraft, die ich gerade anwenden kann. Ich muss morgen arbeiten, da gibt es keine Zeit, die ich in einem Krankenhaus verschwenden kann.

Eine dritte Person eilt auf uns zu und lässt mich in meiner Bewegung stoppen. Ich habe gerade zu wenig Kraft, um mich mit ihm anzulegen. Ich gebe es auf.

Die drei Pflegekräfte helfen mir beim Einsteigen und einer von ihnen setzt sich dann direkt neben mich. Ich glaube er redet mit mir, aber das bekomm ich nicht mit. All die Leute hier sollen mich einfach in Ruhe lassen. Sie sollen sich um den Mann kümmern und mich gehen lassen.

Die verstehen es nicht, mir geht es-

Ein leichtes Piksen in meinem Arm lässt meinen Gedankengang stoppen.

Ich werde plötzlich müde.

Sehr müde

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"Wir träumen von einer besseren Welt, denken an alle und vergessen uns selbst"

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