Zweifel



Unsicher trat er ein paar Schritte auf seine Kollegen zu. Das Bild, welches sich ihm bot, verschlug ihm glatt die Sprache. Er fühlte etwas, was er seit Jahren das erste Mal wieder spürte. Das Gefühl schien sich von seinem Herzen auszubreiten und jede Zelle seines Körpers zu benetzen. Es war die pure Angst und Sorge. Alex saß am Boden, neben Gerrit, der leblos dalag. Er nahm nur noch ihr schluchzen und ihre panischen Hilferufe wahr. Was war mit Gerrit passiert? Und warum lag ein anderer Mann wenige Meter entfernt auf dem Boden und regte sich ebenfalls nicht? Langsam aber sicher löste er sich aus seiner Schockstarre und sah seine Kollegin an, die immer noch Gerrits Hand in ihrer hielt. Blut glänzte an ihren Fingern. Ihr Blut? „A.. Alex was ist passiert?", fragte er mit dumpfer und vom Schock rauer Stimme.Seine Kollegin zuckte unweigerlich zusammen und sah aus unendlich traurigen und panischen Augen zu ihm auf. „Michi... Gerrit", ihre Unterlippe zitterte und war unglücklich verzogen. „Er hat sich vor eine Kugel geworfen", erklärte sie mit verweinter Stimme. Er sah sie mit einer Mischung aus Faszination und unendlichem Mitgefühl an. Ihre Augen sprühten vor Trauer und ihre Stimme war ebenfalls von ihr belegt. Am liebsten hätte er sie jetzt einfach in Ihre Arme gezogen und sanft hin und her gewogen. Doch Gerrit war jetzt wichtiger. Tief durchatmend trat er auf seinen Kollegen zu, der blass am Boden lag. Mit zittrigen Fingern suchte er den Puls seines Kollegen und war erleichtert, als er ihn spürte. „Alles wird gut, Liebelein!", sagte er sanft. „Sein Puls ist soweit stabil.", er legte er ihr zur Bestätigung seine Hand auf die Schulter. „RTW rollt!", rief der Einsatzleiter des SEKs und hielt den Daumen hoch. Michael nickte ihm dankbar zu und beobachtete, wie eine Gruppe der Einsatzleute die verschleppten Mädchen in Decken hüllten und die Hintermänner Pablos abführten. Dann ließ er den Blick wieder zu Alex schweifen, die wie ein Häufchen Elend am Boden saß und Gerrits Hand hielt. „Hey Alex. Es ist vorbei! Du hast es geschafft! Die Mädchen sind in Sicherheit!", versuchte er sie aufzumuntern. Sie sah traurig hoch und dann wieder zu Gerrit. „Er darf nicht sterben!", sagte sie mit zittriger Stimme. „Ich muss ihm doch noch so viel sagen!", flüsterte sie. Michael dachte über ihre Worte nach und nickte dann. Er konnte sich vorstellen, was sie mit Gerrit zu bereden hatte. Ihre Blicke und ihr Verhalten in seiner Nähe, haben in den letzten Tagen Bände gesprochen. „Er wird nicht sterben, Alex!", sagte er mit fester Stimme. „Schau mal!", sagte er und knöpfte nun vorsichtig Gerrits Hemd auf. „Er hat eine Weste getragen, die aber leider die Brust im Schulterbereich nicht schützt. Und genau dort wurde er getroffen", er zeigte ihr das Eintrittsloch an Gerrits Schulter. „Der Kollege ist ein bisschen sensibel was das angeht!", versuchte er zu scherzen und strich ihr einmal sanft über den Kopf. Alex sah ihn an und schaffte ein kleines Lächeln. Es sah aus, als würde sie gerade etwas erwidern wollen, doch schon wurde sie von zwei Männern sanft zur Seite gezogen. Michael sah hoch und sah ein Rettungsteam mit allen möglichen Gerätschaften bepackt, die sich gerade um Gerrit versammelten. Zwei Sanitäter redeten beruhigend auf Alex ein und hüllten sie in eine Decke. Michael stand auf und begutachtete die Situation aus einiger Entfernung. Er war etwas beruhigter, als er sah, das Gerrit nicht schwer verletzt war, doch ein bisschen Sorge benebelte seine Sinne schon noch. Er war der Teamälteste und sorgte sich um seine jüngeren Kollegen. Mit der Zeit sind sie zu guten Freunden zusammengewachsen und hielten eigentlich in jeder Situation zusammen. Er war gerade einigermaßen über Julias Tod hinweg gekommen, da könnte er es nicht ertragen, ein weiteren wichtigen Menschen in seinem Leben zu verlieren. „Er ist stabil!", vernahm er die Stimme der Notärztin. „Wir bringen ihn jetzt ins Krankenhaus um die Kugel rauszuholen. Er hat großes Glück gehabt, das die Kugel in den richtigen Winkel getroffen hat. Sie hätte sich auch weiter in die Brust ausbreiten können und das wäre definitiv Lebensbedrohlich gewesen", erklärte sie Michael sachlich und aufmunternd. Unsicher sah er zu Alex. „Heißt das er wird überleben?", fragte er die Frau leise. Sie folgte seinem Blick und lächelte dann, ehe sie sich zu Alex beugte und ihr eine Hand auf die Schulter legte. „Hallo Frau Rietz, ist das richtig?", fragte sie Alex, die schwach nickte und apathisch zu Gerrit sah. „Schauen sie mich mal an, bitte!", sagte die Notärtztin und schob zwei ihrer Finger unter Alex Kinn, um es anzuheben. Michael beobachtete gebannt die Situation. Alex braun grüne Augen sahen voller Sorge zu der Notärztin auf, die nun wieder begann zu sprechen. „Mein Name ist Dr. Rose. Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen!", verkündete sie feierlich. „Ihr Kollege ist stabil und wird auf jeden Fall durchkommen, in Ordnung?", fragte sie mit fester und sicherer Stimme.
Michael sah, wie in Alex Gesicht eine Änderung vor ging. Im nu hellte sich ihre Miene auf und ihre Augen begannen erleichtert zu strahlen. „Wirklich?", fragte sie mit hoffnungsvoller Stimme. „Das ist großartig!", flüsterte sie dann. „Darf ich mit ins Krankenhaus kommen? Ich will jetzt bei ihm sein!", gestand sie und warf einen scheuen Blick zu Michael, der anfing zu grinsen. „Fahr ruhig mit, Kollegin. Ich denke, wir kriegen die Schweine jetzt dran! Kümmer dich gut um ihn und sei nicht all zu hart mit ihm, wenn er aufwacht!", er zwinkerte und beobachtete, wie sein Kollege auf eine Trage gehoben wurde und Alex beim aufstehen gestützt wurde. Sie sah ihn noch einmal an, ehe sie auf ihn zuging und ihren Kopf dankbar an seine Brust lehnte. „Danke Michi! Du bist ein toller Kollege und... Freund!", leicht lächelnd sah sie ihn noch einmal an, ehe sie mit strahlenden Augen zurück an Gerrits Seite ging um ihn ins Krankenhaus zu begleiten.


Sie saß jetzt schon seit geschlagenen 50 Minuten vor dem OP und ließ alles Revue passieren, was in den letzten Stunden passiert ist. Gerrit hatte ihr zweifellos das Leben gerettet und sein eigenes somit in Gefahr gebracht. Sie konnte quasi immer noch die Trauer und die panische Angst in sich spüren, als Gerrit seine Augen geschlossen hatte und seine Hand kraftlos von ihrer Wange rutschte. Immer noch hatte sie ein wenig Angst, das die Notärztin sich vertan hatte und es doch schlimmer um ihn stand, als zuerst angenommen. Diese Nervosität wurde von der Warterei noch geschürt. Sie hatte schon den dritten Kaffee getrunken und war bestimmt schon 20 mal den kleinen Gang vor dem OP Saal auf und ab getrottet. Doch noch immer gab es nichts neues zu Gerrits Zustand. Sie schloss ihre Augen und zum ersten Mal seit Tagen, hatte sie kein Bild von Pablo im Kopf, der über sie gebeugt stand und ihr Schläge androhte. Jetzt war es ein viel schöneres Bild, welches sie sich ins Gedächtnis rief. Sie sah in Gerrits eisblaue Augen, die es ihr schon im ersten Moment angetan hatten. Sie spürte keine Wut und Enttäuschung mehr in sich, wenn sie an ihren Kollegen dachte. Sie spürte einfach nur tiefe Zuneigung und ein nervöses, jedoch angenehmes Prickeln in ihrem Bauch, wenn sie an seine Worte zurückdachte, die er mit Mia gewechselt hatte. Sie seufzte leicht auf und bekam gleichzeitig Zweifel. War es ganz gut, das sie nicht mehr dazu gekommen war, ihm ihre Gefühle zu offenbaren? Sie war immerhin gerade mal knapp zwei Wochen hier in München und hielt es für unrealistisch, sich in so kurzer Zeit zu verlieben. Selbst wenn dieses möglich wäre, fühlte Gerrit genauso? Oder fand er sie wirklich einfach nur attraktiv uns Sympathisch? Immer wieder schwebte Julia ihr im Kopf. Gerrit hatte sie geliebt und gerade erst verloren. Da konnte sie doch nicht von ihm erwarten, das er auch Gefühle für sie entwickeln würde. Nicht so kurze Zeit nach Julias Tod. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Vielleicht war es Schicksal, das er in diesen entscheidenden Moment seine Besinnung verlor.

„Frau Rietz?", eine Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück und sie öffnete die Augen. Frau Dr. Rose stand vor ihr und lächelte sie freundlich an. „Frau Rietz, ich möchte ihnen nicht zu Nahe treten, aber einer ihrer Kollegen hat mich über die momentane Situation aufgeklärt", erklärte sie sachlich, während sie sich neben Alex setzte. Alex sah sie verwirrt an. „Welche Situation?", fragte sie nichts ahnend. Frau Dr. Rose holte tief Luft. „Frau Rietz, ich würde sie gerne Untersuchen um ausschließen zu können, dass sie missbraucht wurden.", sagte sie sanft, aber dennoch direkt. Es traf sie fast wie ein Schlag und sofort schüttelte sie den Kopf. „Nein!", sagte sie entschieden. „Ich kann mich an nichts erinnern und das ist gut so!", sagte sie und stand energisch auf. „Selbst wenn dieser Widerling mich... mich benutzt haben sollte", sie sah stur und voller Hass gegen die Wand. „Dann ist es gut, das ich mich an nichts erinnere und ich kann vielleicht doch noch normal weiterleben", murmelte sie. Sie wollte keine Wunde aufreißen, die sich gerade wieder geschlossen hatte. Sie war gerade dabei, sich mit dem Gedanken, vergewaltigt worden zu sein, abfinden zu können, da sie sich an nichts mehr erinnerte. Sie wusste, es würde ihr den Boden unter den Füßen wegreißen, wenn es sich bestätigen würde. Sie würde sich ausmalen, wie er sie benutzt hatte, wie er sie gefügig gemacht hatte um sie wehrlos zu machen. Ihr Hals wurde ganz eng und als sie den Mund öffnete um tief durchzuatmen, entwich ihr ein leises Schluchzen. Sie spürte, wie die Ärztin hinter sie trat und ihr sanft die Hände auf die Schultern legte. „Frau Rietz, ich weiß, dass es für sie nicht einfach sein wird", begann sie zu sagen. „Ich kann verstehen, dass sie sich lieber an gar nichts erinnern wollen, aber ich sage Ihnen mit Tausend prozentiger Waghrscheinlichkeit, dass die Erinnerungen irgendwann zurück kommen werden. Das muss nicht heute sein. Auch nicht Morgen. Es kann in 10 Jahren passieren, dass sie mit einem Schlag alle Erinnerungen beisammen haben.", Alex hörte ihrer Stimme weinend zu. Irgendwie beruhigte sie die Art, wie mit ihr gesprochen wurde. „Frau Rietz, wenn wir beiden, Frau und Frau, jetzt eine Untersuchung machen, können wir entweder feststellen, dass sie vergewaltigt wurden, könnten dann aber sofort mit therapeutischer Hilfe dagegen angehen, ohne, dass es später zu Ausbrüchen kommt. Oder wir stellen dann fest, dass sie nicht vergewaltigt wurden, sondern einfach nur ein perfides, abartiges Spiel mit ihnen gespielt wurde, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Sollten wir das herausfinden, können sie ihr Leben doch komplett unbeschwert Leben!", endete die Ärztin ihre Erklärung. Alex hatte mittlerweile aufgehört zu weinen. Sie ließ sich die Worte immer wieder durch den Kopf gehen. Wie gerne würde sie einfach normal Leben können, ohne den ständigen Hintergedanken, dass sie vergewaltigt wurde. Sie würde nie zur Ruhe kommen, ohne eine Sicherheit zu haben. Sie begann einzusehen, dass sie durch ihre Sturheit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kollegen gefährden würde, wenn bei einem Einsatz plötzlich all ihre Erinnerungen wieder da währen. Sie fasste einen Entschluss und drehte sich zu der kleinen, etwas robusteren Ärztin um und nickte dann. „Nun gut. Ich werde mich jetzt untersuchen lassen!", hauchte sie entschlossen und bemerkte das Lächeln, welches sich auf dem Gesicht der Ärztin abzeichnete. Alex wusste, dass sie ihr vertrauen konnte. Sie hatte einen sehr beruhigenden Einfluss auf sie und schien wirklich bemüht um sie zu sein. „Das ist eine gute Entscheidung, Frau Rietz!", sagte sie und drückte ihr noch einmal sanft die Schulter.


Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top