Die große Chance

Alex hatte nicht direkt Angst, doch besorgt war sie schon, während sie sich die Haare aus dem Gesicht strich. Warum hatte ihr Chef sie gestört noch während sie Kundschaft hatte? Er hatte doch nicht etwa schon länger an der Tür gelauscht und wollte seinen Verdacht bestätigen? Vielleicht gab es auch einen ganz einfachen Grund. Sie reinigte ihr Gesicht vom Make-Up und beschloss, nur noch dezent etwas Wimperntusche aufzutragen. Nachdem sie einigermaßen menschlich aussah, verließ sie ihr Zimmer und schlich den Gang hinter zum Büro des Chefs. Zaghaft klopfte sie an und merkte, wie sie nervös an ihren Klamotten herum zupfte. Markus saß an seinem Schreibtisch und knetete seine Finger, als wäre er ebenfalls nervös. Das machte Alex nur noch unsicherer, daher blieb sie an der Tür stehen und wartete ab. Als ihr Chef weiter schwieg, sah sie sich erneut im Büro um, konnte aber nichts Besonderes oder Interessantes feststellen. „Alexa komm her.", hörte sie dann die dunkle Stimme und folgte der Aufforderung. Vorsichtig setzte sie sich auf den Stuhl, die Muskeln angespannt um jederzeit davon laufen zu können. Wenn Markus das merkte, zeigte er es nicht. Er rieb sich noch kurz die Stirn, dann begann er zu sprechen: „Alexa, wir haben jetzt beinahe eine Woche zusammengearbeitet. Ich finde du machst gute Arbeit und kommst wirklich gut bei den Kunden an. Sogar Pablo hat nach dir gefragt und der ist normalerweise sehr wählerisch." Er brach kurz ab und fuhr dann mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck fort: „Du erinnerst dich vielleicht, dass er von Freitag gesprochen hat. Wir haben ein Date miteinander und da können wir eine helfende Hand mehr gebrauchen. Es gibt eine klare Regel für deine Teilnahme an dem Treffen: Du stellst weder Fragen, noch wirst du irgendwem davon erzählen. Wenn du mit irgendjemandem darüber plauderst, hast du ein ernsthaftes Problem – nicht nur mit mir." Alex stand da wie gelähmt. Hatte er ihr tatsächlich gerade angeboten, dass sie bei einem Deal dabei sein durfte? Natürlich hatte er kein Wort von Drogen erwähnt aber allein sein Gesichtsausdruck und die Heimlichtuerei machten es Alex fast offensichtlich, ebenso wie die ziemlich offenkundige Drohung. Zudem war Pablo ein südländischer Name. Meistens liefen Drogendeals zwischen Deutschen und Südländern ab – rein statistisch gesehen. Alex merkte erschrocken, dass sie schon viel zu lange schwieg und ihr Chef sie misstrauisch anblickte. „Es wäre mir eine Ehre, Chef. Wie auch immer ich dir helfen kann." Ihr kam ein Einfall und sie setzte ihn sogleich in die Tat um: „Aber ich meine, wann ist denn der Termin? Nicht dass ich dann meine Stunde nach der Schicht nicht wahrnehmen kann. Und ich muss ja auch an der Bar arbeiten, damit ich mein Gehalt bekomme. Ich mein ich brauche das Geld doch!" Auf Markus' Gesicht breitete sich ein süffisantes Lächeln aus: „Alexa, Alexa, Alexa. Was hast du denn alles vor mit deinem Geld? Aber keine Angst, Du erhältst natürlich eine Entschädigung für deine verpasste Arbeit und die Freier." Alex nickte und schenkte ihrem Chef ein befreites Lächeln: „Okay Chef, wann soll ich da sein?" – „Ein bisschen Arbeiten darfst du morgen schon. Pünktlich mittags wieder hier und um halb drei geht es dann los. Johanna, du und ich." Alex nickte erneut und bedankte sich so überschwänglich bei Markus, dass dieser sie genervt aus dem Zimmer komplimentierte. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich erst einmal dagegen und atmete tief durch. Sie gab sich einen Ruck und straffte die Schultern. Dann marschierte sie hoch erhobenen Hauptes aus dem Bordell in Richtung Straßenbahnhaltestelle. Während sie so auf dem Weg war, zog sie ihr Handy heraus und rief Michael an, immerhin hatte sie noch etwas klar zu stellen. Seine klare Stimme antwortete ihr: „Alex, was ist los? Hat alles geklappt?" Alex zog es vor, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und erzählte ihm erst einmal von dem Angebot des Chefs. Michael war beeindruckt und lobte sie: „Wahnsinn Kollegin, dann hat unser kleiner Stunt ja Erfolg gehabt!" Alex rang mit sich, um die richtigen Worte zu finden. „Ehm Michael, was ich noch sagen wollte, das vorhin. Danke, dass du so schnell reagiert hast. Aber ehm.." Sie stammelte und wollte nicht so recht raus mit der Sprache. Doch Michael verstand sie auch so. „Liebelein, keine Angst. Das war rein dienstlich. Ich mein versteh mich nicht falsch ich bin ein super Typ aber wir kennen uns doch gar nicht genug. Mehr als so n kleiner Blowjob war jetzt nicht drinne. Mach dir keine falschen Hoffnungen" Alex musste lachen, als ihr Kollege die Stimmung so auflockerte: „Okay danke Michael, du Spinner. Ich geh jetzt heim und morgen sehen wir dann wie es weiter geht. Mach's gut!" mit diesen Worten legte sie auf und stieg in die vorgefahrene Straßenbahn.

Gerrit hatte unterdessen Robert die ganze Story erzählt und sein Kollege war anfangs sehr einfühlsam mit ihm umgegangen. Doch im Hinblick auf Alex wurde Gerrit ganz schön der Kopf gewaschen. Murrend hatte er eingesehen, dass er seiner Kollegin gegenüber nicht schweigen und sie ignorieren sollte. „Danke, Robert. Ich hatte ja beinahe gedacht, dass du mich verstehst.", maulte Gerrit, während sein Kollege die Augen verdrehte. „Mensch Gerrit, du solltest wissen, dass ich immer hinter dir stehe. Aber du musst dich jetzt auch endlich zam reißen und wie ein erwachsener Mensch mit der Situation umgehen! Und vergiss nicht, es geht hier auch um den Fall. Davon hängt Alex' Überleben ab! Also schluck bitte dein Ego und deine Gewissensbisse runter, dass wir nicht Alex auch noch verlieren." Gerrit lenkte vom Thema ab und verabschiedete sich ziemlich schnell unter dem Vorwand, dass er noch Essen besorgen musste. Schnell wie der Wind hatte er das K11 verlassen und setzte sich in seinen Wagen. Dort grummelte er erst einige Minuten vor sich hin und war sauer auf Robert. Doch schnell meldete sich sein schlechtes Gewissen und sein Zorn verrauchte. Er beschloss, für Alex und sich ein schönes Abendeessen zu kochen. Doch als er in der Wohnung ankam, sah er bereits Alex' Schuhe und ihren Mantel in der Garderobe. Verwundert bemerkte Gerrit, dass die Lichter bereits aus waren und es totenstill war. Vorsichtig schlich er durch die Wohnung und raunte den Namen seiner Kollegin. Doch niemand antwortete und plötzlich war Gerrit alarmiert. Hatte jemand ihre Tarnung bemerkt? War sie aufgeflogen? Vorsichtig schlich er den Gang zu Alex' Zimmer hinter und öffnete die Tür. Er war mehr als erleichtert, als er Alex blonden Haarschopf aus dem Bett hervorragen sah, sie hatte das Gesicht von der Tür abgewandt. Vorsichtig setzte er sich neben seiner Kollegin auf das Bett und kontrollierte ihre Atmung um sicher zu gehen, dass sie lebte. Gerrit war zwar irritiert, dass sie schon zu Bett gegangen war aber vielleicht war seine Kollegin großem Stress ausgesetzt gewesen und daher so müde. Vorsichtig strich er ihr über die Haare und flüsterte: „Es tut mir Leid, Alex. Ich weiß, dass ich ein großer Idiot gewesen bin. Du kannst ja auch nichts dafür, dass du so anziehend bist. Wenn du wach bist, sag ich es dir noch einmal. Aber vielleicht lassen wir das mit dem zusammen im Bett schlafen erst einmal. Konzentrieren wir uns auf den Fall." Der Kommissar hauchte seiner Kollegin noch einen Entschuldigungskuss auf den Kopf, bevor er das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss. Es war pures Glück, dass das Licht aus war, sonst hätte Gerrit das glückliche Lächeln auf dem Gesicht seiner Kollegin gesehen.

Am nächsten Morgen war Alex die erste, die wach war. Sie beschloss, dass es an der Zeit war, dass sie einmal Frühstück machte. Also kochte sie Kaffe und Eier, briet Speck und deckte den Tisch. Sie erschrak ein wenig als die Küchentür aufging, doch schnell musste sie lachen, als sie den total verschlafenen Gerrit sah. Mit abstehenden Haaren, roten Augen, barfuß und einen rot blauen Pyjama tragend stand ihr Kollege in der Tür. Sie stellte ihm einen Kaffee hin und beobachtete, wie er gedankenverloren Milch und Zucker hinein kippte und einen großen Schluck trank. Alex nahm sich ebenfalls etwas zu essen und so waren beide Beschäftigt mit essen, dass sie nicht miteinander sprachen. Irgendwann fand Alex, dass es an der Zeit war, den Deal zu erwähnen. Die Nachricht, dass Alex dem Deal beiwohnen durfte, weckte Gerrit besser als der Kaffee. Gespannt hörte er zu, wie sie ihm erzählte, was vorgefallen war. Gerrit war beunruhigt, wollte das Alex aber nicht mitteilen. Er merkte ja, dass sie nervös war, denn ihre Stimme zitterte ein wenig als sie den Abend noch einmal Revue passieren ließ. Irgendwann war es an der Zeit für Alex zu gehen und  Gerrit hatte immer noch nicht die richtige Gelegenheit gefunden, sich zu entschuldigen. Als seine Kollegin schon fast aus der Tür war, hielt er sie kurz am Arm fest und versprach: „Heute Abend muss ich mit dir reden. Also schau, dass du heil aus der Geschichte rauskommst. Ich passe auf dich auf." Alex warf ihm ein nervöses Lächeln zu und machte sich auf den Weg in die Arbeit. Ihr Arbeitstag ging so schnell vorüber, dass es Alex gerade einmal wie eine Stunde vorkam. Schon stand Johanna vor ihr und bedeutete ihr, mit nach hinten zu kommen. Die Kommissarin hatte sich in ihre dezenteste Arbeitskleidung geworfen um bei dem Deal wenigstens etwas seriös rüber zu kommen. Am Hinterausgang stand ein Kleinbus, der sie zu ihrem Bestimmungsort bringen sollte. Alex stellte fest, dass im Kofferraum drei große Koffer lagen. Sie ging schwer davon aus, dass dort die Drogen beinhaltet waren. Sie war etwas nervös, sie war weder verkabelt  noch hatte sie irgendwie Kontakt zu ihren Kollegen. Als das Auto stehen blieb, stiegen Markus, Johanna und sie aus und standen vor einem leer stehenden Fabrikgebäude. Jeder nahm einen Koffer und Johanna folgte ihrem Chef, was Alex ihr gleich tat. Die Halle, die sie betraten war nicht groß aber stickig und voller Gerümpel. Alex beobachtete ihre Umgebung aufmerksam und konnte allein bei einem flüchtigen Blick 20 Verstecke sehen, hinter denen jemand lauern könnte. Doch ihre Nervosität stieg erst, als sie am Ende der Halle drei schwarz gekleidete Männer entdeckte, die augenscheinlich bewaffnet waren  - einer trug sogar ein Maschinengewehr um die Schultern. Sie bemerkte, dass Pablo sie anstarrte und senkte den Blick. Als sie den drei Männern gegenüber standen, stellten sie die Koffer ab und Markus begrüßte Pablo. Der schien Gesprächsführer zu sein und die beiden tauschten Grußfloskeln aus. Alex zuckte zusammen, als einer der beiden anderen Typen, ein grobschlächtiger Kerl mit tief stehenden Augen und einem drei-Tage-Bart mit einem Gerät auf sie zutrat. Pablo schien ihre Aufregung zu merken und beruhigte sie mit einem angedeuteten Lächeln: „Keine Angst, Kleines. Reine Routine – wir wollen ja nicht, dass uns jemand belauscht. Wanzen-Detektoren sind sehr praktisch in unserem Metier." Alex war nun mehr als froh, dass sie nicht verkabelt war, das hätte jetzt ganz schön mies ausgehen können. Sie entspannte sich gerade wieder, als der Metalldetektor über ihren Mantel und die Innentasche gehalten wurde. Das immer lauter werdende Piepen hielt sie für ein Zeichen, dass der Detektor arbeitete. Doch als der andere Kerl und Pablo sie misstrauisch anblickten und ihre Waffen auf sie richteten, wurde ihr bewusst, was Sache war: Irgendwer hatte sie verwanzt. Entgeistert starrte sie nur die Menschen um sich herum an und war unfähig, irgendeinen Ton hervor zu bringen.

In der Undercoverwohnung schlug Gerrit die Hände vor die Augen und war kurz davor zu verzweifeln.


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