Nächstes Mal

Ausnahmsweise geht sie heute zur Schule. 
Die Jugendlichen hinter ihr, starren auf ihre Beine, als sie die Treppe hochgeht. Sie spürt die giftigen Blicke regelrecht auf der der dunklen Haut. Lauthals lacht das Mädchen über die dicken Oberschenkel, die unter dem hübschen Rock hervorlugen. 

Wieso hat sie nur nicht daran gedacht, sie zu verdecken? Nächstes Mal. 

Der junge Mann fängt jetzt auch an, ihre unattraktivität auszulachen. Mit so einer, spasst er, würde er niemals ausgehen. Die anderen Lachen mit. Die Treppe vor ihr scheint plötzlich unheimlich interessant geworden. Die Augen schweifen gar nicht mehr davon ab. Hätten sie es können, wenn sie es gewollt hätte? Vielleicht, warscheinlich, aber sicher kann man sich nicht sein. 
Sie hätte nicht so hohe Schuhe anziehen können, so kann sie sich nicht verstecken. Sie ist ja ohnehin schon nicht die Kleinste. Jetzt denkt sie an die flachen Sandalen, die zuhause rumliegen. Die sind aber offen und dann lacht man ihre Fussnägel aus, wenn sie nicht weiss lackiert sind. Geld hat sie für die Maniküre nicht übrig. Dann also lieber die Sneaker. Nächstes Mal. 

Es klinget. Gerade dann kommt sie um die Ecke, die Tür vor ihr. Mit gesenktem Blick geht sie durch die Tür. Einunzwanzig Gesichter starren sie an. Das zweiundzwanzigste fehlt wieder einmal. Der Lehrer grüsst. Sie grüsst zurück, setzt sich neben das Mädchen. Ihr Platz ist neben der Wand. Die ist schön still. Die kann sie auch nicht anstarren. Das leise Hallo ihrer Kollegin klingt nicht sehr etusiastisch. Die junge Frau ist nicht die hübscheste. Jedenfalls nach den strengen konventionellen Standarts nicht. Aber ihr Körper ist sehr hübsch, vor allem, weil er schlank ist. Viel zarter als ihre eigene klobige Figur. 

Sie hätte gestern wohl mehr Sport machen müssen. Vielleicht auch kein Eis essen müssen, wenn sie so aussehen will. Und das tut sie, schliesslich ist es sonst nicht möglich durch die Schule zu laufen, als wäre sie alleine mit den Wänden. Nein, die Blicke wird sie so nicht los. Sie wird etwas mehr Sport machen, und die Kalorien genauer zählen. Nächstes Mal. 

Auf den Unterricht konzentrieren tut sie sich, aber nur solange, bis sie in der zweiten Pause neben einem Fenster vorbeiläuft. Sie weiss, dass die Spiegelung dort ist und schaut schon einige Meter zuvor in die Richtung. Dort fängt sie ihre eigene Reflexion ein. Pumelig, denkt sie sich. Der runde Bauch fällt ihr natürlich sofort auf. Das Gesicht ist auch ganz aufgebläht. Die Brüste scheinen ihr Unförmig, verschlimmern den Anblick nur noch mehr. 

Vielleicht hätte sie den Rock nicht zu tief tragen sollen. Letzen Monat hatte der doch stylischer ausgesehen. Zeit nehmen muss sie sich um ihr Outfit herzurichten. Nächstes Mal. 

Später gibt es eine Runde Sport. Rennen kann sie lange. Aber auf den Teamsport ist sie nicht gut eingestellt. Da schauen sie wieder alle an. Sicher, weil sie denken, dass sie mit ihrem Gewicht unfähig ist, eine solche Sportart zu treiben. Nicht das sie es können würde. 
Eigentlich hätte sie sich einfach auf den Rasen hocken sollen. Dorthin wäre der Lehrer gekommen und sie hätte ihm erklärt, dass sie irgendwelche Schmerzen hatte. Aber dann würde sie trotzdem angestarrt werden. So würden nämlich alle denken, dass sie zu faul war um ihren schweren Leib zu bewegen. 

Dafür will sie doch einfach nicht dumm ausschauen. Vielleicht hätte sie ihr längeres Shirt mitnehmen sollen, dass schwarze, nicht das weisse, dass ihr Volumen nur noch mehr hervorhebt. Sie schüttelt den Kopf, spielt weiter. Die Blicke kann sie nicht ignorieren. Nächstes Mal.

Nachmittags ist Physik angesagt. Gegessen hat sie genug. Die Kalorien stehen auch in der Rechnung, die in ihrem Kopf herumschwebt. Das Problem ist jetzt nur, dass die Zahl viel grösser scheint, als all die Buchstaben und Nummern der Formel, auf die sie sich zu konzentrieren hat. Aber das geht schon, irgendwie schafft sie es immer. Und eigentlich ist der Stoff gar nicht so schwer. Aber das Mädchen neben ihr hat es trotzdem besser im Griff. Sie sitzt wieder neben ihr, diesmal aber nicht neben der Wand. Der Gang ist aber auch still und hat keine Augen. 
Die Hand greift nach dem Stift, nun schreibt sie eben etwas ab, wirklich Lust auf das Fach hat sie nämlich nicht. Die nebendran warscheinlich auch nicht. 
Aber sie notiert wenigstens die nächste Aufgabe und löst sie sogar. Dort werden Kilogramm verwendet, 67 gibt das Mädchen an. Sie benutzt dieselbe Zahl, merkt er jetzt, dass es sich um das Körpergewicht ihrer Pultnachbarin handelt. Sie liest die Aufgabe erneut. Doch, das steht da. Dann sollte sie nun also die 6 ausradieren und eine 5 vornedranschreiben. Das kann sie aber nicht. Zu fest beschäftig sie der Gedanke. Das Mädchen neben ihr ist ein gutes Stück kleiner als sie. 

Sie löst die Aufgabe ohne die Zahl zu ändern. Richtig ist es nicht, aber das ist erstmals egal. Nächstes Mal. 

Abends geht sie nach Hause und stellt sich auf die Waage. Jetzt zeigt sie wirklich die fünf, an die sie während der Physikstunde gedacht hat. Aber das kann ja gar nicht sein. Die Waage ist demfall kaputt. Also geht sie ins Bad. Dort landet das Shirt auf dem Boden. Der Rock fällt ihr sowieso von der Hüfte, als sie den Gurt lockert. Das dicke Gesicht starrt sie wieder an. Der Rest des Körpers ist nicht besser. Angeekelt hockt sie sich auf den Rand der Badewanne. Das schmerzt aber noch schlimmer, als die harten Schulstühle. Jetzt spürt sie auch das eine Schlüsselbein, dann das andere. Seit wann stechen die so heraus? 

Ihre Wangen sind so eingefallen. Aber eigentlich sieht ihr Gesicht so hübsch aus. Vielleicht sollte sie es mit Schminke versuchen. Oder etwas mehr essen. Nächstes Mal. 

Sie sitzt dort, ihr Hintern immer noch schmerzend. Der Stein scheint sich bis auf ihre Knochen zu bohren. Oder vielleicht ist da einfach nichts mehr zwischen dem Stein und den Knochen. Dann merkt sie zum ersten Mal, dass sie sich dünn anfühlt. Viel dünner, als sie die Spiegelung in Erinnerung hat. Und da kommt ihr ein Gedanke. Sie denkt, dass sie ganz hübsch aussehen müsste, so wie sie sich anfült. Noch viel hübscher, als das Mädchen in der Schule. Und viel hübscher, als die Gesichter, die sie anglotzen. 

Und vielleicht nur vielleicht, wird sie deshalb angeschaut. Vielleicht ist sie schon dünn genug. Vielleicht darf sie sich jetzt endlich ausruhen. Aber noch nicht jetzt. Vielleicht nächstes Mal. 

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