Nachdem Dave im Krankenhaus bei seiner Mutter war und dort bis zum nächsten Tag geschlafen hatte, fuhr er zum Haus seiner Eltern, um dort zu duschen und zu frühstücken. Er dachte über die Worte nach, die seine Mutter zu ihm gesagt hatte. Es brachte ihn beinahe um den Verstand, zu hören, dass sein Vater immer noch keine Arbeit gefunden hatte. Wie sollten sie die teuren Medikamente seiner Mutter weiterhin bezahlen?
Er fuhr sich mit der rechten Hand durch sein bronzefarbenes Haar und schüttelte den Kopf.
"Scheiße", murmelte er als er sich von seinem Platz erhob und die Müsli-Schale in den Abwasch stellte.
Danach machte er sich auf den Weg zum College, welcher ihm jedes Mal Unmengen an Benzin kostete. Es war ja immerhin über eine halbe Stunde, die er fast tagtäglich fahren musste. Doch diesmal achtete er nicht auf die Tankanzeige, als er seinen Fuß immer weiter auf das Gaspedal drückte und aufgrund dessen kam er zeitiger als sonst an.
Er vergaß sogar seine Zigaretten, die ihm sonst so viel bedeuteten, weil er nicht aufhören konnte, an seine Mutter zu denken. In einer frustrierten Geste strich er sich vereinzelte Haarsträhnen von der Stirn, während er mit der anderen Hand seinen Rucksack von der beigen Rückgang des Oldtimers nahm. Dann schloss er den Wagen ab und ging zügig mit großen Schritten auf das Gebäude zu, in dem er sofort den Raum seiner nächsten Vorlesung aufsuchte. Diesmal stand Mathematik auf dem Plan.
Nach der 45-minütigen Vorlesung, erhob er sich etwas träge von seinem Platz und griff anschließend zum Schreibblock, den er an den Rädern bekritzelt hatte, und klemmte ihn unter seinen Arm.
"Ciao, bis später", verabschiedete er sich von einem seiner Kumpels, mit dem er sich für nachher verabredet hatte, um zu lernen.
Dann verließ er den Saal und schlenderte den langen Gang entlang, bis ihm das zierliche Mädchen von gestern auffiel. Heute trug sie kein Kleid, sondern eine enge, hoch geschnittene Jeans, welche ihre Hüfte betonte, und ein weißes, lockeres Top, das ihren Nacken und ihr Dekolleté ein wenig freigab. Ganz anders, als den Tag davor, war dieses Outfit schon ein wenig gewagter und warf die Frage auf, gegen wen sie damit eigentlich rebellieren wollte. Jedoch musste man dazu sagen, dass sie ihr Haar trotzdem noch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Also irrte sich Dave womöglich und so lief sie normalerweise herum.
Stirnrunzelnd ging er weiter und geradewegs auf sie zu. Wie konnte man nur so lange über ein Outfit grübeln? Schrecklich und überflüssig.
Er schüttelte den Kopf, beschleunigte sein Tempo, während er lief, sodass er sie schließlich einholte und sich vor sie stellte. Doch anstatt stehen zu bleiben, ging er rückwärts weiter und grinste sie lässig an.
"Hi."
Sie verdrehte die Augen, als sie ihm erkannte und machte ebenfalls keine Anstalten, stehen zu bleiben oder wenigstens das Tempo zu drosseln.
"Was ist denn?"
"Nichts, alles gut", meinte er schulterzuckend. Verdammt, hoffentlich brachte ihn das hier nicht in irgendeine peinliche Situation.
"Verfolgst du mich etwa?"
"Eh- nein? Hab' ich gar nicht nötig." Er räusperte sich und hob anschließend die Augenbrauen an, um arrogant zu wirken.
"Du stehst vor mir und bist mit mir gelaufen. Und du hast mich gestern gefragt, was ich noch so vorhatte", kam es wie aus der Pistole geschossen. Mittlerweile war sie stehengeblieben und Dave tat es ihr gleich.
"Ja, und? Nennt sich Kommunikation mit anderen Menschen. Kennst du anscheinend nicht, wenn du von früh bis abends in deinem Zimmer hockst und nur lernst", gab er trotzig von sich und stellte dabei zu spät fest, dass diese Worte ziemlich verletzend sein konnten. Je nachdem, wie man sie aufnahm, und für gewöhnlich nahmen die meisten Menschen seine Worte nicht gerade positiv auf. Der Grund für dessen Laune war, dass sie eine richtige und eigene Wohnung für sich hatte und er nicht. Seine Wohnung war eher die Rückbank seines Wagens oder die Couch im Haus seiner Eltern, zu dem er aufgrund der hohen Benzinkosten nicht immer hinwollte und konnte.
"Geh mir aus dem Weg und such' dir besser jemand anderes aus, dem du mit deinen Verfolgungen auf die Nerven gehen kannst. Wird auf die Dauer bestimmt langweilig", antwortete sie nach einer Weile bissig und Dave erkannte an ihrem Gesichtsausdruck zusätzlich, dass es sie wirklich verletzt hatte. "Außerdem habe ich besseres zu tun." Grandios gelaufen.
"Wie gesagt, ich habe dich nicht verfolgt. So interessant bist du nun auch wieder nicht."
"Aha", meinte sie knapp und ging dann einfach an ihm vorbei, als er selbst keinen Platz machen wollte. Mit einem ausdruckslosen Blick sah er ihr erst nach und ging dann schließlich hinterher, als der Abstand groß genug war, sodass sie ihn nicht mehr wahrnehmen würde.
Draußen angekommen, stieg sie in ihr kleines Auto ein und blickte kurz in den Rückspiegel. Warum auch immer, denn sie trug so gut wie keine Schminke. Jedoch konzentrierte sich Dave schließlich auf den Wagen, prägte sich Farbe und Nummernschild ein. Dann ging er zu seinem, warf den Rucksack auf die Rückbank und stieg vorne ein. Er verfolgte sie, ohne zu wissen, wo sie hinwollte und kam sich dabei ein wenig seltsam vor. Doch das war ihm egal, da er sowieso noch zur kleinen Bibliothek in der Stadt musste.
Während der Autofahrt bemerkte er, dass sie zufälligerweise auch zu dieser Bibliothek fuhr und schmunzelte unbewusst vor sich hin, als er auf eine neue Idee, wie er sie davon überzeugen konnte, endlich mit ihm zu sprechen.
Als er ankam, war das Mädchen bereits hineingegangen. Er beeilte sich also, indem er hastig ausstieg und anschließend in den Laden hineinstolperte. Dabei rempelte er beinahe eine ältere Frau an und murmelte eine Entschuldigung vor sich hin, als diese ihn genervt ansah. Dann ging er weiter und entdeckte die Studentin mit einem Lexikon in der Hand auf dem Boden sitzend, zwischen zwei Regalen.
Er nahm sich daraufhin schnell ein Buch aus einer anderen Abteilung und lief schließlich wieder zu ihr. Dann lehnte er sich vor ihr an eines der Bücherregale an, schlug das Buch auf und begann darin vorzulesen.
"Meine Freigebigkeit ist so grenzenlos wie das Meer, meine Liebe so tief. Je mehr ich dir gebe, desto mehr habe ich, denn beide sind unendlich."
Als er ein Zitat vorgetragen hatte, fing er leicht an zu schmunzeln und sah schließlich zu der noch immer im Schneidersitz sitzenden Studentin. Er war sich nicht bewusst, ob er damit irgendwelche Andeutungen machen wollte. Ein Versuch war es ihm aber dennoch wert.
"Manchmal frage ich mich, warum ich nicht Literatur studiere."
Das Mädchen blickte zu ihm auf und schluckte leise. "Du schon wieder", murmelte sie.
"Das war ... Shakespeare. Romeo und Julia."
Sie biss sich auf die Lippe und schaute zum Buch in seiner Hand. Aha! Also war sie wohl eine kleine Romantikerin?
"Warum liest du das vor?"
Dave deutete ein leichtes Zucken seiner Schultern an.
"Wieso denn nicht?"
"Ich hätte nicht gedacht, dass jemand wie du auf Shakespeare steht", meinte sie und wirkte dabei äußerst skeptisch. Dann stellte sie sich langsam vor ihn, nahm ihm das Buch aus der Hand und warf einen Blick hinein. Sie blätterte für einen Moment und ein Anflug von einem Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf, was jedoch gleich wieder verschwand, als sie den Kopf hob, um ihn anzusehen.
"Ich hab ein paar Theorien, was es mit dir und dem Buch auf sich hat."
Er runzelte die Stirn und nahm ihr das Drama wieder weg. "Ach ja?" Eigentlich wollte er es gar nicht wissen.
Sie nickte und lehnte sich an das Regal an.
"Also entweder bist du so ein Perverser, der Frauen verfolgt und sie danach vergewaltigt; dieses Buch soll dabei eine kleine Schmeicheleinheit sein, wobei ich natürlich wie jedes andere Mädchen auch, dir gegenüber positiv reagiere.
Oder es ist eine Andeutung auf etwas anderes, bestimmtes. Ich denke aber eher weniger; ich meine-"
Kopfschüttelnd sah sie an sich hinab.
"... sieh mich an. Ich bin nicht so der Typ, auf den du wahrscheinlich stehst."
Dave zog beleidigt die Augenbrauen zusammen. "Ich bin kein Perveser!", stieß er empört aus. Dann legte er das Buch unzufrieden weg. Anscheinend war heute echt nicht sein Tag.
"Das tue ich schon die ganze Zeit. Also woher willst du überhaupt wissen, ob du mein Typ bist oder nicht?", stellte er ihr die direkte Frage. Es kümmerte ihn langsam nicht mehr, was sie über ihn dachte.
Sie musterte ihn etwas amüsiert und biss sich dabei auf die Unterlippe. Warum spielte sie so mit ihm?
"Weiß nicht, du bist eher einer dieser draufgängerischen Typen - die, die Ärger regelrecht anziehen. Ich hingegen die kleine Streberin, die keine Freunde hat, weil sie zu viel lernt", sagte sie naiv und es versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. War sie wirklich so nachtragend, dass sie seine Worte von vorhin wiederholen musste?
Da konnte er einfach nur mit dem Kopf schütteln, da er keine Worte fand. Zudem verdrehte er kurzzeitig die Augen.
"Ich glaube, das leihe ich mir aus", hauchte sie schmunzelnd und ergriff das Buch wieder, was er soeben erst in das Regal neben sich weggelegt hatte. Dann nahm sie ihre Sachen und das Lexikon vom Boden, ging zur Kasse und warf dabei einen letzten, kurzen Blick auf ihn zurück. Ihr kastanienbraunes Haar wippte dabei bei jedem ihrer Schritte mit.
Das war nicht fair, nicht im Geringsten. Wie sollte er da denn mithalten können?
Verzweifelt raufte er sich sein Haar, während er schließlich in die Abteilung für Naturwissenschaften lief und sich ein Buch aussuchte, welches ihm beim Lernen helfen würde. Dieses ging er sich dann an der Kasse ausleihen, steckte es anschließend in seinen Rucksack und verließ den Laden, nachdem er eine kleine Summe gezahlt hatte.
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