𝟒. 𝐍𝐚𝐫𝐛𝐞𝐧 𝐚𝐮𝐟 𝐝𝐞𝐫 𝐒𝐞𝐞𝐥𝐞

✧ 𝐍𝐀𝐑𝐙𝐈𝐒𝐒𝐀 𝐌𝐀𝐋𝐅𝐎𝐘 ✧
"𝐍𝐨𝐭 𝐞𝐯𝐞𝐫𝐲 𝐩𝐞𝐫𝐬𝐨𝐧 𝐢𝐬 𝐰𝐡𝐨 𝐭𝐡𝐞𝐲 𝐩𝐫𝐞𝐭𝐞𝐧𝐝 𝐭𝐨 𝐛𝐞."

Lily so weinen zu sehen versetzte Narzissa einen Stich tief im Herzen. Die junge Hexe war gerade einmal elf Jahre alt und hatte schon zu viel durchgemacht, als das man in dem Alter durchmachen sollte. Ihre Eltern waren gestorben, bevor sie es überhaupt hatte realisieren können. Severus hatte Lily aufgenommen und als eigenes Kind erzogen und sie somit jahrelang belogen. Dann war sie letztes Schuljahr beinahe in der Kammer des Schreckens gestorben und hatte die Wahrheit über ihre Identität erfahren. Von Lord Voldemort selbst.

All das war zu viel um auf ihren kleinen Schultern zu tragen. Kein Wunder, dass sie nun zusammengebrochen war, denn die Last war mehrere Tonnen zu schwer. Sofort setzte sich Narzissa neben Lily und legte einen beschützerischen Arm um sie. Für Narzissa war Lily wie die Tochter, die sie sich immer gewünscht hatte. Aus diesem Grund hatte sie nicht gezögert, als Lily sie gebeten hatte, ihr beim Flüchten zu helfen. Narzissa würde alles tun, um ein wenig der schweren Last von Lilys Schultern zu nehmen.

„Es wird alles gut", flüsterte die Malfoy, „Glaub mir."

„Ich kann das nicht mehr. Wieso ich? Wieso bin ich nicht einfach die Tochter von Severus Snape, so wie ich gedacht hätte? Wieso bin ich jetzt die Tochter von Lily und James Potter? Ich will das nicht!", schluchzte Lily. Das arme Mädchen hatte anscheinend versucht, das alles hinter einem Lächeln zu verstecken und ihre Emotionen für sich zu behalten. Das schlimmste, was man bei Trauer machen konnte.

„Ich weiß. Du bist jetzt hier, du kannst jetzt sein, wer du willst. Keiner kennt dich, du kannst dich als die Person ausgeben, die du willst. Du kannst dich völlig neu erfinden", tröstete Narzissa Lily.

„Und mich hast du auch", sagte Draco, der nun auch einen Arm um Lily gelegt hatte, „Du kannst mir alles erzählen, wirklich."

„Danke", sagte Lily. Ihre Tränen verringerten sich und sie richtete sich langsam auf. Narzissa gab dem Mädchen ein Taschentuch, mit dem es seine Tränen wegwischte.

„Ich muss jetzt leider gehen", teilte Narzissa ihnen mit, „Draco, kannst du noch ein wenig auf Lily aufpassen?" Der Angesprochene nickte, sodass sich Narzissa schweren Herzens von den Kindern verabschiedete und den Raum verließ. Es fiel ihr nicht leicht, Lily so alleine zu lassen, aber sie musste zurück nach Hause, bevor Lucius Verdacht schöpfte. Denn sollte dieser von dem allem erfahren, würde das nichts Gutes bedeuten.

Sich immer noch Sorgen machend kam Narzissa wieder in dem Wohnzimmer von Malfoy Manor an und begann damit, das Haus mit Magie wieder auf Vordermann zu bringen. Durch die Flohpulverreise befand sich nun nämlich viel Dreck auf dem Teppich und sollte Lucius diesen sehen, würde er misstrauisch werden.

Früher hatte Dobby diese Aufgaben erledigt, doch da Harry Potter ihn am Ende des letzten Schuljahres befreit hatte, musste Narzissa nun alles selbst machen. Dafür hatte sie Harry zuerst gehasst, aber mittlerweile verstand Narzissa, was die Malfoys dem kleinen Elf angetan hatten, da sie es jetzt alles selbst machen musste. Dass allerdings ausgerechnet Harry Lilys Bruder war, schockierte die Hexe immer noch. Er war zwar bestimmt ein recht anständiger Junge, aber Draco verabscheute ihn. Draco und Lily hatten sich schon einmal gestritten, weil Lily sich mit Harry und seinen Anhängern befreundet hatte. Aus diesem Grund hatte Narzissa Angst, dass sie sich nochmal stritten und dieses Mal gar nicht mehr zueinander finden würden.

Das Klingeln der Tür weckte Narzissa aus ihren Gedanken und sie lief schnell zur ihr, um den Besucher hineinzulassen. Auch dies hatte früher Dobby erledigt. Wie beinahe erwartet stand Severus vor der Tür, dessen Gesicht voller Sorge war.

„Severus, was ist passiert?", versuchte Narzissa, schauzuspielen. Wenn dies nicht funktionierte, würde Narzissa ihm versichern, dass es Lily gut ginge. Aber zuerst wollte sie versuchen, nichts zu verraten.

„Lily ist weg, mit all ihren Sachen. Ist sie hier?", fragte er besorgt.

„Nein, hier ist sie nicht", antwortete Narzissa. Anscheinend hatte sie Severus nicht überzeugt, denn sie spürte, wie er versuchte, mit Legilimentik in ihren Geist einzudringen. Die Gedanken über Lilys Standort fand er allerdings nicht, weil Narzissa diese Erinnerungen versteckt hatte. Okklumentik war eine ihrer Stärken, da Lucius oft ihre Gedanken las.

„Was versteckst du? Irgendetwas fehlt hier!", rief Severus, sodass Narzissa einen Schritt zurücktrat.

„Nichts!", beharrte Narzissa, „Ich weiß nicht, wo sie ist!"

Severus drängte Narzissa an eine Wand und hielt ihr seinen Zauberstab an die Kehle, als würde er ihr die Kehle aufschlitzen wollen. „Wo ist Lily? Du weißt es!"

„Nein, das tue ich nicht!"

Offensichtlich erkannte Severus die Lüge, denn er drückte seinen Zauberstab etwas fester an Narzissas Kehle, sodass ihr Atemweg versperrt wurde. Niemals hätte sie erwartet, dass Severus Gewalt an ihr anwenden würde. „Du weißt es ganz genau! Sag es mir, sie ist meine Tochter!"

„Ist sie nicht!", rief Narzissa, bevor sie sich stoppen konnte. Ihr wurde schwindelig vor Atemnot.

„Du weißt es? Sie hat es dir erzählt?", schrie Severus voller Wut.

„Severus, ich bekomme keine Luft mehr", keuchte Narzissa. Lange würde sie nicht mehr aushalten.

„Sage mir, wo sie ist!", entgegnete er.

„Sie ist an einem Ort, an dem sie glücklich ist", sagte Narzissa. Endlich verringerte Severus den Druck an Narzissas Kehle ein wenig, ließ den Zauberstab allerdings trotzdem noch dort. Erleichtert schnappte die Hexe nach Luft.

„Wo? Wie? Wieso?", fragte Severus.

„Weil sie ein elfjähriges Mädchen ist, das gerade erfahren hat, dass ihr ganzes Leben eine Lüge war und sie es nicht aushält, der Wahrheit ständig ins Gesicht zu sehen!", erklärte Narzissa wütend, „Du allein bist schuld! Du hättest es wenigstens ihr sagen müssen! Stattdessen hat sie es von Lord Voldemorts jüngerer Version erfahren! Was denkst du macht das mit einem jungen Mädchen? Hättest du erwartet, dass alles gleich geblieben wäre? Dass sie weiterhin lächelnd durch die Welt gegangen wäre? Wie soll das funktionieren? Lily ist innerlich zerstört und wollte flüchten, also habe ich ihr geholfen! Mehr sage ich nicht!"

Nach diesen Worten senkte Severus seinen Zauberstab und trat zwei Schritte zurück. „Tut mir leid. Ich ... ich habe die Kontrolle verloren", entschuldigte er sich, „Ich habe mir solche Sorgen um Lily gemacht."

„Ich habe es gemerkt", meinte Narzissa kalt.

„Geht es Lily dort besser?", sorgte sich Severus.

„Noch nicht, aber ich hoffe, sie wird sich in nächster Zeit beruhigen", sagte die Malfoy. Sie tat sich schwer, wieder normal mit dem Mann zu reden, der sie soeben fast umgebracht hatte.

„Ich wusste nicht, dass es so schlimm war. Sie hat sich zwar fast nicht blicken lassen, aber sie hat nicht geweint, jedenfalls nicht vor mir", erzählte Severus. Narzissa sah in seinen Augen, wie sehr es ihm leidtat, seiner „Tochter" so etwas anzutun. Ein wenig Mitleid verspürte sie ihm gegenüber in diesem Moment sogar. Immerhin war Lily die einzige Person in seinem Leben gewesen, die seinen weichen Kern entlocken hatte können und ihm ein Lächeln aufs Gesicht hatte zaubern können. Und nun hatte er auch sie verloren. Trotzdem war das keine Ausrede, für wie er Narzissa gerade behandelt hatte.

„Sag Lily, dass ich sie lieb habe, okay? Egal, ob sie meine Tochter ist oder nicht", bat Severus.

Leicht nickte Narzissa, verabschiedete sich von dem Lehrer, bevor er das Haus verließ. Sofort brach sie zusammen und vergrub den Kopf verzweifelt in den Händen. Severus hätte sie gerade fast umgebracht. Severus, ihr langjähriger Freund, der mit Lily fast zu der Familie gehört hatte. Natürlich war er nicht er selbst gewesen, ganz und gar nicht, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er Narzissa den Atemweg verstopft hatte. 

Wenn Severus Lily nur alles früher erzählt hätte. Dann wäre alles nicht passiert. Lily ginge es besser und sie wäre garantiert noch hier. Severus wäre nicht so ausgerastet. Es war Narzissa allerdings bewusst, wieso er es für sich behalten hatte. Er hatte Lily beschützen wollen. Er hatte gehofft, dass sie für immer denken würde, dass sie seine Tochter war. Jedoch war sein Plan nicht aufgegangen und nun hatte die Wahrheit alles zerstört.

„Narzissa?", hörte Narzissa die eisige Stimme ihres Mannes. Sofort rappelte sie sich auf, bevor Lucius sie so verzweifelt sah.

„Ja, Lucius?", antwortete sie, während sie so tat, als würde sie den Vorraum aufräumen.

„Was war das gerade?", fragte er. Verdammt. Anscheinend hatten Narzissa und Severus so sehr geschrien, dass Lucius es mitbekommen hatte.

„Ach so, Severus ist vorbeigekommen. Er hat Lily nicht gefunden. Sie ist mit Draco beim Waldsee", sprach Narzissa die erste Ausrede aus, die ihr einfiel. Später musste sie sich noch etwas einfallen lassen, wieso Draco nicht mehr hier war. Schließlich konnte er nicht für immer am Waldsee bleiben. 

„Und wieso habt ihr davon gesprochen, dass Lily gar nicht Severus' Tochter ist und sie geflüchtet ist?", hakte Lucius nach. Oh nein. Er hatte mitgehört. Das war ein Problem. Ein großes Problem.

In dem Bruchteil einer Sekunde fiel Narzissa auch hierfür eine Antwort ein, auch wenn sie ihrer vorherigen Aussage widersprach. „Severus hat sie adoptiert und sie hat es erst jetzt erfahren. Das hat sie so erschüttert, dass sie zu mir und Draco gekommen ist und gebeten hat, dass wir ihr bei der Flucht helfen. Draco ist bei ihr geblieben." Es würde Lucius zwar garantiert nicht gefallen, dass seine Frau etwas hinter seinem Rücken gemacht hatte, aber es war besser, als die ganze Wahrheit auszusprechen.

„Ach, und wieso erfährt sie es von Lord Voldemort? Du verheimlichst mir etwas!", schrie Lucius.

„Das war ein Scherz", versuchte Narzissa, doch sie wusste, dass sie verloren hatte.

Wie erwartet spürte sie eine Sekunde später, wie Lucius in ihre Gedanken eindrang. Er suchte nach der Wahrheit. Aber er fand sie nicht. Die Wände, die Narzissa vorhin errichtet hatte, versteckten die Wahrheit immer noch. Hoffentlich würden sie nicht fallen.

„Was verheimlichst du?", Narzissa schwieg, sodass Lucius drohte, „Ich warne dich, wenn du es mir nicht sagst, dann werde ich es anders herausfinden." Auf diese Drohung zuckte Narzissa zusammen. Gedroht hatte Lucius Narzissa noch nie.

Trotz ihrer Angst vor der Weise, wie Lucius es erfahren würde, schwieg Narzissa. Sie würde nicht ohne einen Kampf aufgeben. Für Lily.

„Narzissa! Sag es mir!", schrie Lucius aus voller Kehle. Immer noch blieb Narzissa still. „Du hast es nicht anders gewollt."

Die Malfoy rannte so schnell wie möglich in den nächsten Raum, doch Lucius reagierte ebenso schnell, indem er sie fest am Arm packte, sobald er sie erreichte. Nach ein paar Sekunden wurde dieser blau und Narzissa spürte ihn nicht mehr. „Lucius, lass mich los", flehte sie.

Crucio!", sprach Lucius einen der Unverzeihlichen Flüchen aus. Sofort fiel Narzissa zu Boden, als der Schmerz eintrat. Er war schrecklich. Es fühlte sich an, als würden tausende Messer sie von innen und außen erstechen. Erfolglos versuchte Narzissa, dem Schmerz durch Zappeln und Winden zu entkommen, doch es funktionierte nicht. Schmerzensschreie entfuhren ihrer Kehle, so hoch und laut, dass es in ihren eigenen Ohren wehtat.

Einige Minuten lang konnte die ehemalige Slytherin ihre innerlichen Wände aufrechterhalten, doch dann war sie zu schwach. Die Wände fielen zu Trümmern, sodass Lucius nun auch ihre geheimen Gedanken lesen konnte. Mit ihnen fielen jedoch auch Wände, die nicht Narzissa selbst errichtet hatte. Nein, diese waren von jemandem erbaut worden, der Erinnerungen hatte verbergen wollen. Von jemandem namens Lucius Malfoy.

Zahlreiche Erinnerungen schwammen vor Narzissas Augen vorbei. Dies war nicht das erste Mal, dass Lucius Gewalt an ihr anwendete. Er hatte es schon mehrere Male zuvor getan, als Narzissa etwas gewollt hatte, das gegen seinen Willen gewesen war.

Damals, als sie um eine Tochter gebeten hatte, hatte Lucius sie so lange gefoltert, bis dieser Wunsch verschwunden war. Lucius war ein anderer Mensch als der, für den er sich immer ausgegeben hatte.

Es war schon Jahre her, dass Narzissa ihn kennengelernt hatte. Zu jener Zeit hatte Lucius zu den beliebtesten und attraktivsten Jungs von Hogwarts gezählt. Er war nett gewesen, lustig und charmant, weshalb viele Mädchen ihn immer verliebt angehimmelt hatten. Als er sich ausgerechnet Narzissa ausgesucht hatte, war diese unglaublich aufgeregt gewesen. Ihr erstes Date war in Hogsmeade gewesen, im Advent. Lucius hatte Narzissa jede Tür aufgehalten und ihr seine Jacke geborgt, als sie in der Kälte gefroren hatte. Er war unglaublich süß gewesen. Dieses Bild von Lucius hatte Narzissa seitdem in ihrem Kopf gehabt, aber nur, da Lucius die anderen Bilder versteckt und durch schöne ersetzt hatte.

Kaum hatten die beiden Hogwarts verlassen, hatten sie geheiratet. Anfangs war alles gut verlaufen, bis Lucius den Todessern beigetreten war. Schwarze Magie hinterließ Spuren auf der Seele, dunkle Spuren, die man niemals loswerden konnte. Je öfter man sie verwendete, desto mehr wurde die Seele in Dunkelheit gehüllt. Da Lucius zu Voldemorts treuesten Anhängern gehört hatte, hatte er schwarze Magie immer öfters verwenden müssen. Somit war der einst charmante Slytherin zu einem brutalen Mörder geworden. Und er hatte nicht gezögert, diese Gewalt auch an seiner Frau zu verwenden. Nur hatte er sie denken lassen, dass er noch derselbe aus Hogwarts war.

Narzissa erblickte noch, wie Lucius den Raum verließ und die Tür hinter ihm zuknallte. Noch durch die Nachwirkungen des Fluches zuckend, rollte sie sich zu einer Kugel zusammen und weinte. Etwas, das sie lange nicht mehr getan hatte. Nicht nur Lily war jahrelang belogen worden. Nein, auch Narzissa hatte dasselbe Schicksal erlitten.

Sie konnte den Gedanken nicht aus ihrem Gehirn verbannen, dass ihr Mann sie folterte. Ihr Mann, in den sie sich bereits im Teenageralter verliebt hatte. Mit dem sie einen Sohn aufgezogen hatte. Nur jetzt verspürte sie nichts als Hass gegenüber ihm. Er hatte Narzissa gefoltert. Einen der Unverzeihlichen Flüche an ihr angewendet. Dafür würde er in Askaban landen.

Dennoch konnte Narzissa ihn nicht anzeigen oder sich von ihm scheiden. Denn sie entschied, ihre Rolle gut zu spielen. Sie würde so tun, als wäre nichts passiert. Als könnte sie sich nicht erinnern. Als ob die Mauern in ihr noch standen. Den Fall von ihnen hatte Lucius nämlich nicht gemerkt. Er war zu beschäftigt mit der Wahrheit über Lily gewesen.

All dies entschied Narzissas aus einem bestimmten Grund. Voldemort war schuld daran, dass Lily keine Eltern hatte, dass sie ihr ganzes Leben angelogen worden war und dass sie nun innerlich gebrochen war. Voldemort war auch dazu verantwortlich, dass Lucius sich so sehr verändert hatte. Er trug an so vielen psychischen und physischen Narben die Schuld, dass Narzissa einfach etwas machen musste. Der schwarzmagische Zauberer würde nämlich garantiert zurückkommen. Und Narzissa würde so tun, als wäre sie auf seiner Seite um sich dann irgendwann gegen ihn aufstellen.

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