16 - Schwäche

   

⊱─ ⋯ ─⊰ TAG 4 ⊱─ ⋯ ─⊰

[Sonntag morgens]

  
 

𝕐𝕠𝕠𝕟𝕘𝕚

Jimin ist mit Sicherheit schon lange weg, als ich endlich wieder wach werde. Wie vermutet war die Nacht kurz, deswegen wundert es mich nicht, dass wir jetzt auch schon fast 9 Uhr haben und ich trotzdem nur knapp sechs Stunden geschlafen habe. Aber was soll's. Ich hab gestern nochmal was geschafft und außerdem ist heute Sonntag. Ich habe also Zeit, um richtig wach zu werden und mich um mein Vorhaben zu kümmern. 
Nach gerade mal zwei Tassen Kaffee und immer mal wieder plötzlich auftretenden Grinseattacken bin ich wach und ... gut gelaunt. Seltsam. Wobei seltsam nicht der richtige Ausdruck dafür ist. Die Bezeichnung Weltwunder passt wohl eher. Und wieder muss ich dümmlich vor mich hingrinsen. 

Ich schüttele über mich selbst den Kopf, als ich mich daran zurückerinnere, was ich heute geplant habe. Ich schnappe mir mein Handy und schreibe Ten eine Nachricht, in der ich frage, ob er kurz Zeit hat. Es kostet mich einiges an Überwindung, ihn anzuschreiben, denn als Freundschaft würde ich unseren Kontakt jetzt nicht beschreiben. Ich lege keinen besonders großen Wert auf sowas, nur jetzt gerade könnte ich einen Freund und Mentor verdammt gut gebrauchen. Und das ist es auch, was ich ihm schreibe. Wenig später bekomme ich schon eine Antwort. 

Er schreibt, das wir uns heute treffen können. Ich weiß gar nicht, wie ich meine Erleichterung ausdrücken soll. Ich habe wirklich Hoffnung, dass er ein paar Tipps für mich hat. Denn wenn ich mich bei Jimin schon so aufführe, wie soll das dann erst sein, wenn ich meinen Song vor versammelter Mannschaft vorstellen soll? Ich kann mir da nicht erlauben, genauso abzudrehen, wie bei Jimin. Dann wäre die ganze Mühe umsonst gewesen. 

Also mache ich mich voller Erwartung auf den Weg zu Ten und lege mir während der gesamten Strecke wie gewohnt Worte zurecht, damit ich gleich wenigstens halbwegs sortiert sprechen kann. Blöd nur, dass ich trotzdem keinen einzigen zusammenhängenden Satz rauskriege, als ich bei ihm ankomme und er mich freundlich begrüßt. Zum Glück kennt er mich schon und kommentiert es nicht, dass ich einfach schweigend vor ihm stehe und lediglich ein dezentes Nicken zur Begrüßung fertig kriege.

Er dirigiert mich zur Couch, verschwindet aber nochmal eben, um für uns Getränke zu holen. Wenig später habe ich eine Tasse schwarzen Kaffee vor mir stehen und kann nicht anders, als mich zu fragen, wie er sich das merken konnte. Soweit ich mich richtig erinnere, haben wir bis jetzt nur einmal zusammen Kaffee getrunken. Aber ehrlich gesagt, wundert es mich nicht. Zwar ist Ten auf dem ersten Blick eher wortkarg, aber bei ihm ist es aus einem anderen Grund als bei mir. Er benötigt einfach nicht viele Worte, um seine Intentionen rüber zu bringen. Allein die Art, wie er ohne was zu sagen, die Tasse vor mich auf den Tisch stellt, erinnert mich an die natürliche Leichtigkeit, die auch immer von Jimin ausgeht. Obwohl dieses Treffen auf meine Bitte hin entstanden ist, macht es den Anschein, als wäre es das normalste der Welt, dass wir uns Sonntag nachmittags zum Quatschen treffen. 

"So, dann schieß mal los", ergreift Ten das Wort und lehnt sich dabei völlig entspannt und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen in seinem Sessel nach hinten, "Wie kann ich dir helfen?"

Ich finde es wie immer beeindruckend, wenn Menschen so unbeschwert wirken. Natürlich wird er es auch nicht immer leicht haben, genau wie Jimin. Aber in ihrer Art lassen sie sich davon nichts anmerken. Wenn ich doch nur ein bisschen mehr so wäre wie diese beiden...
"Tja. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll", gebe ich daher leise zu. Ehrlich, das ganze hier überfordert mich schon wieder. Alle Worte, die ich mir gerade noch zurecht gelegt habe, sind einfach verschwunden. Großartig... 

"Hat es was mit dem Song zu tun, von dem du mir erzählt hast?", fragt Ten, und im selben Moment denke ich: Das war taktisch sehr geschickt! Denn endlich finde ich meine Worte wieder und erinnere mich, wieso ich hier bin.

"Ja. Nein. Auch", antworte ich und seufze genervt. Aber der Knoten ist geplatzt. Kaum fange ich an zu reden, kann ich gar nicht mehr aufhören.
"Es ist schwierig. Ich hab den Song komponiert, zumindest hatte ich angefangen. Ich war noch nicht zufrieden damit, aber dann hat mein Mitbewohner einfach ungefragt daran rumgebastelt und ihn mal eben an einem Abend perfekt gemacht. Jetzt finde ich ihn gut so. Letzte Nacht habe ich, nachdem ich mich mit Jimin zusammen gesetzt hab, weiter an den Lyrics gefeilt. Und ich hab den Song an meinen Prof geschickt. Montag kriege ich Bescheid, ob der Song ausgewählt wird. Naja, auf jeden Fall brauche ich jetzt deine Hilfe. Aber nicht bei dem Song direkt, da hat Jimin wirklich viel Arbeit geleistet. Aber ich brauche Nachhilfe im Bereich soziale Interaktionen. Ich bin ... wie soll man das sagen? Ich arbeite gerne mit Jimin zusammen, das ist es nicht. Aber er überfordert mich. Also nicht er direkt, nur diese ganze Situation zwischen uns." 

Ten schaut mich an, wobei seine Augen mit jedem Wort immer größer werden und schließlich ein breites Grinsen auf seinen Lippen Platz findet.
"Ich ... lass mich das kurz verdauen. Ich glaube, ich habe dich noch nie so viel reden hören. Das waren jetzt mehr Sätze als die der ganzen letzten Gespräche zusammengerechnet." 

Ten nimmt sich einen Schluck Kaffee, atmet anschließend nochmal tief durch und schaut wieder zu mir.
"Also, dieser Jimin ist dein Mitbewohner, ja? Wie kommt's, dass du noch nie von ihm erzählt hast?"

"Jimin? Ähhh, ja. Keine Ahnung, wir hatten vorher nicht wirklich viel Kontakt. Haben einfach aneinander vorbei gelebt." 

"Und dann?"
 
"Dann hat er mich einmal angemotzt, weil ich immer seine Vorräte weggefressen habe, dann war ich einkaufen und dann ... ja. Keine Ahnung. Irgendwie haben wir ... wie sagt man das? Zueinander gefunden? Uns angefreundet? Ich weiß ja gar nicht, ob man das jetzt als Freundschaft bezeichnen kann. Manchmal ist es komisch, ich weiß echt nicht, ob das zwischen Freunden so ist. Wir sind uns in den letzten Tagen so nah gekommen, dass ich gar nicht mehr hinterher komme. Ich weiß echt nicht, wie ich damit umgehen soll, dass es sich jetzt so verändert hat. Vor allem, weil das bei ihm alles so natürlich aussieht irgendwie und ich dagegen weiß nicht mal, ob ich ihm noch ne Cola anbieten soll oder nicht." 

Tens Augen werden wieder größer, während er meiner Erzählung lauscht. Und verdammt, ich bin schon wieder voll nervös. Ten wird mich gleich auslachen, weil ich mich weiter so blöd anstelle.

"Okaaayyyy, hol mal Luft zwischendurch. Wobei genau brauchst du jetzt meine Hilfe?", fragt er, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er gerade ein Lachen zurückhalten muss. 

"Naja, also ich stelle mich jetzt nicht besonders geschickt an. Er ist so selbstsicher, er weiß immer, wie er reagieren muss und er scheut nicht davor zurück, über seine Gefühle zu sprechen. Es macht tatsächlich Spaß, mit ihm Zeit zu verbringen, und wenn wir einfach Hotteoks anbrennen lassen oder Dornröschen imitieren. Aber kaum sagt er irgendwas, bin ich halt total überfordert. Bestes Beispiel: Er hat mir von seiner Oma erzählt und so. Und als er fast geweint hat, wollte ich nur noch weglaufen, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, wie man in solchen Momenten reagiert. Es hat mich so Überwindung gekostet, ihn dann einfach in den Arm zu nehmen."

Ich mache eine kurze Pause, hole nochmal tief Luft und erkläre endlich, wo ich das Hauptproblem sehe.

"Wir wohnen zusammen, okay. Aber wir sind eben nur Mitbewohner, und wenn ich bei ihm schon so reagiere, wie soll das denn erst sein, wenn ich meinen Song vor den Profs vorstellen soll? Das ist ja nochmal viel wichtiger als Gespräche mit Jimin, also, du weißt schon, wie ich das meine. Nicht, dass die Gespräche mit Jimin nicht auch wichtig sind, aber das ist halt privat. Davon hängt mein Studium nicht ab. Ich hab echt Angst, dass ich die Vorstellung versaue. Ich bin halt nicht wie Jimin ... was bei ihm so leicht aussieht, ist für mich die schwerste Prüfung überhaupt." 

Es vergehen vielleicht zehn Sekunden, in denen Ten mich völlig entgeistert anstarrt, bis er wie aus heiterem Himmel in schallendes Gelächter ausbricht. Wusst'  ich's doch. Ich stelle mich wirklich ziemlich blöd an. Muss für andere ja sehr erheiternd sein. Tens nächste Aussage bestätigt meine Vermutung.
"Boah, Yoongi ...", schafft er es zwischen den Lachattaken zu sagen, "Sorry, aber das ist einfach zu witzig!" 
Danke, finde ich jetzt nicht so. 

"Mach dir mal keine Sorgen wegen deiner Songvorstellung. Das wirst du schon schaffen."
Wow. Ich hatte echt mehr erwartet, als einen dummen Standardspruch. Zumindest von Ten. Hab ich mich vielleicht in ihm getäuscht? Ich glaube, man sieht mir meine Enttäuschung direkt an, denn Ten hebt beschwichtigend seine Hände. 

"Ich glaub, du hast ein ganz anderes Problem", erklärt er, aber ich verstehe immer noch nicht, worauf er jetzt eigentlich hinaus will. Ten scheint meinen skeptischen Blick richtig zu deuten, denn im nächsten Moment setzt er sich zu mir auf die Couch.
"Okay, pass auf. Ich erklär's dir", sagt er freundlich und lächelt mich aufmunternd an. Ich sehe erwartungsvoll zu Ten und bin wirklich mal gespannt, was er jetzt zu sagen hat. 

"Ich habe nicht genau mitgezählt, aber der Name Jimin ist in den letzten Minuten verdammt oft gefallen. Ich glaube, dass deine Unsicherheit direkt was mit ihm zu tun hat und nicht so'n generelles Ding ist. Zumindest nicht in dem Ausmaß. Ich meine, ich kenne dich. Du bist eher der schweigsame Typ und so. Das ist ja auch okay, du musst dich nicht verbiegen. Die Profs werden sowieso nur den Song bewerten und nicht dich. Also kannst du das ganz locker angehen. Die kennen dich ja jetzt auch schon ein bisschen, die wissen auch, dass du verdammt viel Talent mitbringst. Und so wie ich dich kenne, wird der Song wieder richtig genial werden. Deswegen glaube ich auch, dass du die Songvorstellung schaffen wirst." 

Okay. Das klingt ja alles ganz nett, aber ich verstehe immer noch nicht so ganz, worauf Ten denn jetzt eigentlich hinaus will. 

"Das Problem ist, dass du bei Jimin nochmal viel unsicherer bist, und ich kann mir schon denken, woran das liegt." 
Ten klopft mir aufmunternd auf die Schulter, ehe er ein bisschen mehr Distanz zwischen uns bringt. Ich sehe ihn an, und mir schweben tausend Fragezeichen über dem Kopf.
"Ten, jetzt sag endlich und mach da nicht so'n Riesengeheimnis drum!" 

"Jimin bedeutet dir sehr viel. Ich merke, dass du dich dagegen wehrst, zumindest wirkt es so auf mich. Aber glaub mal, es gibt solche Menschen, die lassen wir einfach viel schneller in unser Herz als andere. Auch wenn ihr erst seit ein paar Tagen so richtig Kontakt habt. Jimin hat sich in dein Herz geschlichen, und deswegen bist du auch ständig so überfordert. Ich meine, schau dich doch jetzt mal an. Du bist zwar nervös, das erkenne ich daran, dass du mein Sofakissen grade in seine einzelnen Atome zerlegen willst, aber du redest. Und das ziemlich offen für deine Verhältnisse. Du kannst das schon, und wenn es nur bei Jimin so extrem ist, solltest du dich fragen, warum. Ob es dir nun schmeckt oder nicht." 

Ten verstummt, aber seine Worte hallen noch lange in meinem Kopf nach. Das Problem ist, so oft ich seine Aussagen auch gedanklich wiederhole - sie machen bedauerlicherweise Sinn. Ich finde einfach nichts, womit ich seine These widerlegen kann. Und das ärgert mich! Klar, ich habe Jimins Namen wirklich oft erwähnt, aber das ist ja auch der einzige, mit dem ich echten Kontakt habe. Das bleibt also nicht aus. Leider hatte Ten aber Recht, als er meinte, bei ihm wäre ich anders. Scheiße ... Ich habe mir von diesem Gespräch wirklich was anderes erhofft. Irgendeine Übung oder sowas, womit man lernen kann, lockerer zu werden. Stattdessen sorgen seine Worte dafür, dass ich mich jetzt noch unsicherer fühle. 

"Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen!?", frage ich grummelnd und verschränke dabei meine Arme vor der Brust. Ich spüre dadurch, wie schnell mein Herz schon wieder schlägt und ja, auch da hat Ten Recht. Das schmeckt mir überhaupt gar nicht.

"Nichts. Dagegen kann man nichts machen. Akzeptier einfach, dass du 'ne kleine Schwäche für ihn hast. Lass es einfach auf dich zukommen. So, wie du über Jimin redest, wird er Verständnis dafür haben, wenn du nicht immer richtig reagierst."
Tens ruhige Art, die Art, wie locker und sanft er diese Worte ausspricht, macht etwas mit mir. Und es braucht Zeit, bis ich das alles irgendwie für mich sortiert kriege. 

"Eine Schwäche?", hinterfrage ich nach einiger Zeit, weil ich trotz der vielen Überlegungen nicht verstehe, was genau er jetzt damit meint, "Was genau meinst du mit Schwäche?" 
Ten holt tief Luft. Was? Ist die Frage so dumm? Wieso guckt er jetzt so? 
"Oh Mann, Yoongi. Checkst du's echt nicht? Du hast dich in ihn verguckt." 

Bitte!?
 
"Bitte was!?", platzt es aus mir heraus. Der hat sie doch nicht mehr alle! Ich soll mich in Jimin ... verguckt haben!? So ein Blödsinn! Das ist überhaupt nicht möglich! Und schon gar nicht in so kurzer Zeit.
Tens abstruse Aussage macht mich sauer. Und ... ich weiß gar nicht, was das jetzt alles für Gefühle sind, die plötzlich in mir brodeln. Da ist auf jeden Fall Wut, aber gleichzeitig ist da auch wieder dieses Kribbeln. Es macht mich wahnsinnig!  

"Du ... du hast sie doch nicht mehr alle!", füge ich noch hinzu, während ich von der Couch aufspringe, "Ganz ehrlich? So'n Scheiß muss ich mir echt nicht anhören."
Meine Stimme klingt rauer, als sie soll, aber das geschieht ihm Recht. Sowas muss ich mir echt nicht geben. Ich finde, ich bin zu recht sauer. 

"Dann kann ich dir nicht helfen. Ich sag nur das, was ich denke." 
Vielleicht reagiere ich etwas über, als ich ihm einen bösen Blick zuwerfe und danach aus der Wohnung stürze. Aber ich halte es hier keine fünf Minuten länger aus. Das ist alles zu viel gerade.

Ich versuche während des Nachhauseweges ein bisschen runterzufahren und dieses Herzrasen in den Griff zu kriegen. Aber Fakt ist: Ich bin tierisch sauer, und dementsprechend ist die Aufregung auch dann nicht verflogen, als ich zur Wohnungstür reinkomme und einen verwundert drein schauenden Jimin vor mir sehe. Fuck ey! Natürlich muss er jetzt hier direkt vor mir stehen! Und wie sollte es auch anders sein, brechen Tens Worte wieder über mich herein. Nein! Ich habe ganz bestimmt keine ScHwÄcHe für Jimin! 

Ich sehe, dass er ansetzen will, etwas zu sagen, aber bevor er auch nur das erste Wort aussprechen kann, unterbreche ich ihn.
"Frag einfach nicht", ist alles, wozu ich mich überwinden kann, ehe ich an ihm vorbei marschiere und mich in meinem Zimmer verschanze. 

Mein Puls rast jetzt noch mehr als vorher. Na vielen Dank auch! 

.................................................................

2.7.2021

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top