Chapter 91
(Bild: Selena)
Alexander Malfoy P.o.V.:
Sirius und James Potter kommen gerade durch das Schlossportal, als ich aus dem schmalen Durchgang zu den Kerker in die Eingangshalle sprinte. Sie unterhalten sich lebhaft und sind bester Laune, wenn auch ziemlich verschmutzt. Den Mustern auf ihren Klamotten zufolge würde ich auf ein spontanes Quidditchtraining tippen.
Ich eile auf sie zu, um die Marmortreppe vor ihnen zu erreichen.
"Na, Malfoy, wo musst du denn so schnell hin? Deiner aussterbenden Blutlinie hinterher?", fragt Sirius höhnisch. Aber er ist zu ausgelassen, als dass ihm der fiese Unterton gelingt.
"Nicht so ganz, ich suche eher mein Herz. Du weißt schon, eines, das meine eingefrorene Seele zum Schmelzen bringt."
Fast glaube ich, Sirius' Mundwinkel zucken zu sehen. Dann ist der Moment vorbei und neben mir stehen wieder die stolzen Gryffindors, zu heldenhaft für einen Lacher. Oder einfach zu arrogant.
"Apropos, gibt es eigentlich schon eine Auserwählte für dich? Deine Hochzeit muss doch kurz bevorstehen.", sagt Sirius beinahe schon interessiert.
"Falsch. Lucius und Rodolphus heiraten.", erwiedere ich kurz angebunden. "Ich nicht."
Meine Finger spielen mit dem Quaffel an meinem Lederarmband. Vor nicht einmal zwei Minuten habe ich Selena eine Nachricht geschrieben und sie hat sie sofort wieder gelöscht. Einfach so, ohne Antwort, ohne irgendwas.
"Aber weißt du schon den Namen deiner zukünftigen Frau? Bist ja immerhin schon fast 17.", meint Potter. Überraschenderweise klingt er nicht feindselig, eher aufrichtig neugierig.
Ich zucke die Schulter, während wir nebeneinander die Treppenstufen hinaufsteigen. Hoffentlich sieht mich jetzt keiner meiner Freunde. Wir verhalten uns um Welten zu freundlich.
"Jetzt ist erstmal Lucius dran." Und ich werde, wenn überhaupt, Selena heiraten.
"Du bist gerade komisch drauf, Malfoy. Wo bleibt dein Slytherin-Charm?", fragt Sirius, bevor er mir seinen Ellenbogen gegen die Schulter rammt.
Reiner Instinkt übernimmt meinen Körper. Erst will ich mich zusammenkrümmen - zum Schutz. Doch eine kleine Hirnregion in meinem vorgeschädigten Kopf reagiert wie ich Zuhause reagieren würde. Ich richte mich auf - stolz und den Schmerz ignorieren. Mir ist bewusst, dass jede gerade noch existente Emotion aus meinen Augen verschwunden ist und dass meine Muskeln fest wie Stahl sind.
Erinnerungen wirbeln vor meinem inneren Augen umher. Schnell wechselnde Szenerien. Das ekliger Geräusch von einer Hand, die auf meine Wange trifft, klingt in meinen Ohren, auf meiner Wange scheinen Flammen zu wüten und ich habe den altbekannten Geruch des Kaminfeuers aus unserem Salon in der Nase.
Das alles geschah in nur einem Augenblick. Der vielleicht Potter entgangen ist - doch Sirius' kurz flackernden Blick zeigt mir seine auf mir liegende Aufmerksamkeit.
Ich verziehe die Mundwinkel nach oben.
"Meinen Charm hebe ich mir für Gelegenheiten auf, in denen wir Zuschauer haben und unsere uns zugedachten Rollen besetzen müssen."
Potter wirft auf meine Worte hin einen ungläubigen und zweifelnden Seitenblick zu seinem besten Freund.
"Ob du es glaubst oder nicht, ich bin kein vollkommenes Arschloch. Vielleicht ein halbes. Aber kein ganzes."
"Na, das ist beruhigend!", murmelt Potter, den Blick auf seine Schuhe gerichtet.
Wir haben inzwischen den vierten Stock erreicht, doch da ich vermute, dass die beiden wie ich in den siebten Stock müssen, haben wir noch ein paar der beweglichen Treppen vor uns.
Sirius öffnet gerade den Mund, ein Grinsen auf dem Gesicht, als Bailee und eine ihrer Freundinnen auf dem nächsten Treppenabsatz auftauchen. Sie blicken beide irritiert bei unserem Anblick und Bailee will schon etwas sagen, als Sirius ihr zuvorkommt:"Da hörst du's, Prongs, der große Malfoy hat gesprochen! Wenn er nur einmal kein verdammter Reinblut-Fanatiker wäre, könnten wir ihn sogar ernst nehmen! Ihn und seine irrsinnigen Vorstellungen von der Welt."
"Ach, wenn du wirklich einen Slytherin ernst nehmen willst, dann solltest du dich mal im Sanct Mungo durchchecken lassen, Kumpel. Sowas funktioniert nicht!", Potter springt mit Vergnügen und echtem schauspielerischen Talent auf den Zug auf.
Bailee wechselt einen Blick mit ihrer Freundin. Dann nimmt sie mich ins Visier. Ich gebe ihr keine Chance, mich zu verteidigen, und mache eine Kopfbewegung, damit sie aus dem Weg geht und mich die letzte Stufe nach oben gehen lässt.
"Ich bin meines Vaters Sohn und stehe im Gegensatz zu dir zu meiner Familie. Weil von mir erwartet wird, ein würdiger Erbe zu sein. Kein streunender Hund.", meine Worte werden mit Gelächter beantwortet. Irgendetwas scheint an meinem letzten Satz unheimlich komisch zu sein. Dabei war ich mir unsicher, ob er nicht zu hart war.
"Ich bin gern ein Hund. Und noch lieber ein ehrenloser Rebell für die Blacks.", behauptet Sirius, ehe er sich spielerisch vor den beiden bis jetzt schweigenden Mädchen verbeugt, um sie vorbeizulassen.
Bailee verschränkt die Arme, ihre Freundin dagegen errötet und senkt den Blick.
"Naja, wenn ihr Blutsverräter mich dann entschuldigt, ich habe noch was vor." Ich nicke Bailee knapp zu, was sie mit einem schlecht verstecktem enttäuschten Blick erwidert.
Der Raum der Wünsche ist dunkel als ich die Tür aufschiebe. Ich will schon beinahe wieder umkehren, als ich es aus Richtung des Bettes rascheln höre und sehe, wie sich unter der Bettdecke etwas bewegt.
Ich schließe die Tür und streife mir den lästigen Umhang von den Schultern.
"Selena? Alles in Ordnung?"
Der Umhang rutscht auf den Boden, als ich ihn auf die gepolsterte Bank am Fußende des Bettes werfe. Ich seufze leise, wende mich dann aber ab und konzentriere mich auf Selena.
Ich habe ein mulmiges Gefühl, vor allem, als ich die Abendausgabe des Tagespropheten auf dem Bettlaken liegen sehe. Was ist passiert?
Nachdem ich mir die Zeitung geschnappt habe, gehe ich um das breite Bett herum, um mich neben Selena auf den Boden zu knien.
Sie hat den Kopf zum größten Teil unter der Decke, nur ihre schwarzen Haare schauen hervor. Sie stehen vom Kopf weg und ich würde gerne durch ihr weiches Haar fahren und die Unordnung in Ordnung bringen, aber irgendetwas sagt mir, dass das gerade keine gute Idee ist. Möglicherweise schläft Sela nur, doch dafür kommt mir ihre Atmung zu unregelmäßig und die Luft im Raum zu dick vor.
"Schläfst du?"
Ihr Kopf bewegt sich. Ich tippe auf ein Nicken.
"Sehr komisch, Honey." Sanft streiche ich ihr nun doch über den Hinterkopf. Sie zuckt zusammen und ich ziehe meine Hand einige Zentimeter zurück. Die Sekunden verstreichen. Dann bewegt sich Selena und meine Hand liegt erneut auf ihrem Haar. Behutsam beginne ich damit, über ihren Hinterkopf zu streicheln. Erleichterung überkommt mich, weil das bedeutet, dass sie nicht wegen mir in diesem Zustand ist.
"Was ist los?", während ich spreche, senke ich meine Augen auf die Abendausgabe auf meinen Knien. Die Schlagzeile weist auf das bevorstehende erste Treffen zwischen dem Zaubereiminister und dem neuen Premierminister der Muggel hin. Daneben steht das Endergebnis des letzten Qudditchspiels der Chudley Cannons, welches sie natürlich haushoch gewannen. Und ganz unten auf der ersten Seite wird über die neuen Erkenntnisse zu dem nächtlichen Einbruch in die Londoner Muggelbank berichtet. Anscheinend ist der Wachmann an den Folgen schwarzmagischer Flüche verstorben.
Sela bleibt stumm.
"Ich bin gerade Sirius und James begegnet. Ich glaube, sie finden mich gar nicht so schrecklich. Sie haben mich vor Bailee gut dastehen lassen, indem sie mich beleidigt haben. Sie mögen mich.", ich lächle, weil ich weiß, dass Sel das aus meiner Stimme heraushört. Vielleicht hilft ihr Ablenkung. Oder eine Auflockerung der Situation.
Ich bin mir nicht bewusst, was ich erwartet hatte. Ein Lächeln ihrerseits. Oder dass sie die Decke sinken lässt und mich wenigstens ansieht. Stattdessen rutscht sie von mir weg, dreht mir den Rücken zu und presst die Faust an den Mund, kurz bevor ihr ein Schluchzer entfährt. Mein Herz krampft sich zusammen, Gänsehaut bildet sich auf meinen Armen. Jede Zelle meines Körpers brennt darauf, Selenas Schmerz zu lindern. Wo auch immer er herkommt und wo auch immer er hinführt.
Selena presst das Gesicht in die Matratze und ich bekomme Angst, dass sie das Atmen vergisst. Obwohl sie im ersten Moment protestiert, lasse ich nicht locker und lege mich mit meiner Brust an ihrem Rücken hinter sie. Mein Arm liegt fest um ihren Oberkörper und mein Bein legt sich über ihre.
Ich halte Sela. Ihr Körper schüttelt sich vor Schluchzern und ruckartiger Atmung. Ihr Weinen nimmt mein ganzes Sein ein und ich gebe mein Bestes, für sie da zu sein. Ihr das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ihre Augenlider sind eisern geschlossen, doch immer wieder finden Tränen ihren Weg über ihr gerötetes Gesicht. Ich halte sie fester. Währenddessen fühlt sich mein eigenes Herz an, als würde es zerrissen. Als würde es Selenas Schmerz spiegeln, auch wenn es nicht weiß, um was es eigentlich geht.
"Ich habe es Adalar gesagt. Als er... Ich!", bringt sie schließlich nach mehreren Minuten heraus, in denen sie versuchte, ruhig zu atmen.
"Er ist tot... Wegen mir. Verstehst du?"
Selenas verkrampft zur Faust geballte Hand presst sich gegen ihre Brust, dort, wo ihr Herz schlägt.
Ich bemühe mich um eine ruhige Stimme, als ich spreche:"Wer ist tot? Was hast du Adalar wann gesagt?"
Auf einmal wird Selena sehr still. Ihre Tränen sind versiegt, ihre Körper schüttelt sich nicht mehr.
"Gestern Abend, als er mich gewürgt hat, da hab ich ihm gesagt... Ich hab ihm gesagt, dass das Auktionsbuch in der größten Muggelbank Londons liegt. Und jetzt ist der Wachmann tot. Ich habe ihn umgebracht.", Selas Stimme zittert, das letzte Wort ist nur ein unverständliches Keuchen.
Meine Augen fokussieren die unscheinbar auf dem Boden liegende Zeitung. Jetzt ergibt alles einen Sinn. Was die Todesser in einer Muggelbank wollten. Wieso Adalar heute Morgen so selbstgefällig war. Warum Selena gerade vor Schuldgefühlen zerfressen wird.
"Du bist ein guter Mensch, Sela. Du bist der beste Mensch, den ich kenne. Ich hoffe, dass ich bei dir auch nur annähernd so hoch stehe, denn dann wirst du mir meine nächsten Worte glauben müssen."
Selena presst die Augen zusammen, wieder laufen stumme Tränen über ihr Gesicht und ihr Körper ist so angespannt, dass ich mit meinen sanften Bewegungen über ihre Oberarme und über ihre Seite kaum etwa ausrichten kann. Sie sagt kein Wort mehr und scheint mich reden lassen zu wollen.
"Du hast nicht Schuld an diesem Einbruch, an diesem Tod." Ich verstärke meinen Griff um sie, weil ich genau spüre, wie sie ihre Mauern hochfährt.
"Schuld trägt der, der eingebrochen ist. Der, der den Fluch gesprochen hat. Du wurdest gestern angegriffen und verletzt, dein Leben war in Gefahr. Und du hast getan, was jeder getan hätte. Du hast dich gerettet, indem du geredet hast. Und indem du gesagt hast, was du gesagt hast, sind die Potters weiterhin sicher. Was Adalar und seine Todesser-Freunde mit deinen Worten machen, ist ihre Sache. Du hast keine Schuld."
"Du verstehst es nicht.", ihre Stimme klingt erstickt, leer. Und viel zu schwach. "Wenn ich gestern Gringotts gesagt hätte, dann wären sie in die Winkelgasse appariert und hätten die Kobolde angegriffen und getötet. Wenn ich zweitgrößte Muggelbank gesagt hätte, dann wäre jetzt ein anderer Mensch tot. Dass sie alles für das Buch tun würden, hätte mir klar sein müssen. Ich habe willentlich den Tod Unbeteiligter in Kauf genommen, Alexander. Ich bin schuld."
"Nein, bist du nicht. Du bist ein guter Mensch, der zu einer Aussage genötigt wurde, einer Aussage, die im Übrigen niemanden zum Töten zwingt."
Selena bleibt einen Moment lang still. Dann schließt sie die Augen. "Kannst du gehen? Bitte? Ich brauch Zeit für mich."
Das kann sie sowas von vergessen.
Ich kann Abstand schaffen, aber bestimmt keine Barriere.
Also streiche ich ihr ein letztes Mal über den Oberarm, rücke ich von ihr ab und lege mich auf den Rücken.
"Bitte, Alec. Geh!", hätte sie nicht so unglaublich erschöpft und flehentlich geklungen, hätte ich diskutiert. Jetzt rutsche ich schlichtweg vom Bett und lege mich auf den Boden daneben.
Selena seufzt auf eine genervte Art und Weise und rückt deutlich hörbar von mir weg. Aber offenbar weiß sie, dass sie mich erstmal nicht los wird.
Schweigend liegen wir in der Dunkelheit. Ich habe meine Hände unter meinem Hinterkopf verschränkt und starre an die finstere Zimmerdecke. Ich hasse die Dunkelheit. Aber ich werde ganz sicher nicht weggehen.
"Ich hasse dich.", ertönt es gedämpft unter der Bettdecke.
Ein träges Halblächeln legt sich auf meine Lippen.
"Nein, du liebst mich. Du hasst nur, dass ich Recht habe."
"Hast du nicht. Ich trage Schuld. Vielleicht nicht zu 100 Prozent. Aber mindestens zu 50."
"Du trägst genauso wenig Schuld am Tod dieses Mannes wie Bob Dylan an der Marsinvasion 1960!"
"Wer, bei Merlin, ist Bob Dylan? Und überhaupt: Es gab 1960 keine Marsinvasion!"
"Eben."
"Arsch!" Im selben Moment erscheint eine in der Luft schwebende Hand am Bettrand. Diesmal ein echtes Lächeln auf den Lippen ergreife ich sie und verschränke unsere Finger.
Es wird zwar noch eine Weile dauern bis Selas sich selbst soweit verziehen hat, um mich zurück ins Bett zu lassen, doch ihre Hand zu halten ist ein guter Anfang.
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(Bildquelle: https://i.pinimg.com/564x/8a/41/6c/8a416c8abd5d52e0d54af7d071602b7d.jpg)
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