Chapter 115
(Bild: Lily)
James Potter P.o.V.:
Erst denke ich, es sind die Sonnenstrahlen, die durch mein Fenster scheinen und mich an der Schulter und am Hals kitzeln. Als ich allerdings im schwachen Licht der Morgendämmerung die Augen öffne, erblicke ich jemanden mit ausgebreitetem langem rotem Haar vor mir, den ich absolut nicht in meinem Bett erwartet hätte. Oder in meinen Armen. Oder nur in Marlborough. Lily Evans liegt, das Gesicht mir zugewandt und mit chaotischem rotem Haar, in meinem Bett, tief schlafend und mit so friedlichen Gesichtszügen, dass ich mich frage, ob ich mir die gestrige Nacht nur eingebildet habe. Doch dann wandert mein Blick von ihren geschlossen Augenliedern zu ihren Wangen, auf denen über den Sommersprossen ganz leicht getrocknete Tränenspuren zu sehen sind. Keine Einbildung.
Ich hebe den Arm, der um ihre Taille lag, und streiche Lily die Haarsträhne, die sie auch gestern schon genervt hat, aus den Augen. Sie bewegt sich im Schlaf - Ich halte die Luft an - sie legt eine Hand schräg über ihrem Kopf ab, nur knapp neben meiner. Einen Zentimeter weiter und sie hätten sich berührt.
Ihr blumiger Duft hat sich in meinem Zimmer ausgebreitet und nimmt mein ganzes Bewusstsein ein. Ohne dass ich es tatsächlich wahrnehme, habe ich die Hand gehoben, um sie an Lilys Wange zu legen. Sanft streiche ich an der Stelle entlang, über die noch vor wenigen Stunden Tränen geflossen sind.
Ihre Lider zucken, bevor sie sie zögerlich aufschlägt. Einen Moment lang erwidert sie meinen Blick, genauso verschlafen wie ich mich fühle. Noch immer die Ruhe selbst. Dann weiten sich ihre Augen und sie setzt sich ruckartig auf. Meine Hand fällt von ihrer Wange.
Lilys große emeraldgrüne Augen blicken entsetzt auf mich herab. Die Bettdecke ist zur Hälfte von ihr gerutscht und wenn ich den Blick senken würde - das ist mir aus unerfindlichen Gründen sonnenklar - könnte ich in meiner derzeitigen Position ihre Oberschenkel sehen, die unter ihrem verrutschten Sommerkleid hervorlugen.
Ich weiß nicht wieso, aber ich bin mir sicher, dass ich jetzt besser verschlafen und auch ein Stück weit verletzlich bleibe, anstatt mich zu einem Spruch aufzuraffen und den Coolen zu spielen.
Also schließe ich die Augenlider und sage:"Ich hoffe, ich hab nicht geschnarcht. Oder im Schlaf geredet. Mir wurde gesagt, dass ich das manchmal tue."
Einen Moment lang ist Lilys Atem das Einzige, das ich höre. Dann ein Rascheln, als sie sich zögerlich wieder neben mich legt. Ich spähe vorsichtig zu ihr hinüber. Ein Arm ist unter ihrem Kopf angewinkelt, den anderen sieht sie etwas ratlos an. Schließlich ordnet sie damit ihr Haar und fasst es locker zusammen.
"Ich höre soetwas nicht.", meint sie mit heiserer Morgenstimme. "Dafür schlafe ich zu tief."
Sie sieht zur Bettdecke, die nur noch unsere Beine zudeckt. Doch anstatt sie wieder hochzuziehen, zieht sie die Schultern hoch, als wäre ihr kalt.
Dass ich das noch einmal erlebe. Lily Evans kann schüchtern sein.
Mit einer langsamen Bewegung, die von Lily ganz genau beobachtet wird, greife ich nach der Decke und ziehe sie bis zu Lily Kinn.
Für einen Sekundenbruchteil sieht Lily zu mir, mit verlegenen, roten Wangen, dann wendet sie rasch den Blick wieder ab. Plötzlich runzelt sie die Stirn und zieht ein Buch hinter sich hervor. Es ist das Märchenbuch, aus dem ich ihr die halbe Nacht vorgelesen habe.
"Wie viele Märchen hast du gelesen?"
"Sieben.", antworte ich nachdem ich mich an all die Titel erinnert habe. "Dann sind mir die Augen zugefallen."
Jetzt sieht Lily doch wieder zu mir. Sie lächelt leicht. "Danke, James."
Ich hebe ebenfalls meine Mundwinkel. "Kein Ding. Tut mir Leid, dass ich nicht auf dem Sofa geschlafen habe wie versprochen."
Lily zuckt die Schultern. "Schon gut. Es ist immerhin dein Bett. Und ich bin die, die unangemeldet hier aufgetaucht ist. Total ramponiert und unzurechnungsfähig" Je wacher sie ist, desto gesprächiger wird sie. Doch mit zunehmender Wachheit nehmen auch ihre Erinnerungen zu. Die Traurigkeit ist in ihr ganzes Auftreten zurückgekehrt. Ihre Augen scheinen den hellen Funken verloren zu haben, den ich immer bewundert habe. Ihre Schultern sind wieder eingesunken und die freie Hand presst sie an sich.
"Hast du es noch nicht mitbekommen? Das ist das Auffanghaus für verletzte und auch traurige Hexen und Zauberer.", sage ich sanft und entlocke damit Lily sogar ein schiefes Lächeln. Dadurch mutig geworden lege ich die Hand, die über Nacht um ihre Taille lag, zwischen uns.
Sie bewegt ihre Beine und verlagert ihr Gewicht. Im nächsten Moment hat sie sich auf den Rücken gedreht und schaut hoch zu dem Sternenhimmel, der über mein Bett gespannt ist und der mir plötzlich peinlich ist.
Für den Moment betrachte ich ihr Profil von der Seite, dann drehe ich mich und sehe ebenfalls nach oben.
"Hast du das gemalt?"
Ich schließe die Augen, weil ich gehofft habe, dass sie nicht nachfragt. Doch ich antworte ihr. Ich kann sie einfach nicht von mir stoßen. Nicht nach dieser traurigen, aber auch intimen Nacht. "Mit meinem Dad zusammen." Ihr Atem stockt. Vielleicht denkt sie an ihren Vater. "Zu der Zeit habe ich angefangen, zu verstehen, wieso meine Eltern so viel Zeit auf Reisen verbringen. Ich hatte viele Albträume und mein Vater wollte mir damit helfen." Dass es nicht der Himmel war, sondern Sirius und Selena, welche ich kurz darauf erst in der Winkelgasse kennengelernt und dann im Hogwarts-Express wiedergetroffen habe und die mir beim Umgang mit meiner Angst geholfen habe, sage ich nicht. Das wäre zu persönlich.
Das, was zwischen Lily und mir letzte Nacht entstanden ist, ist noch um Welten zu fragil für so ein Geheimnis.
"Mein Vater hat mir immer Briefe geschrieben, wenn ich in Hogwarts war und Heimweh hatte. Er hat es irgendwie immer gefühlt, wenn ich mich schlecht gefühlt habe."
Ich drehe den Kopf, um Lily anzusehen. Sie hat ein trauriges Lächeln auf den Lippen und die Augen geschlossen. Am liebsten würde ich den Moment einfangen wie ein Foto. Sie sieht so wunderschön und stark aus.
In Gedanken versunken dreht Lily den Kopf zu mir. Als sie die Augen aufschlägt wirkt es, als würde sie aus einem tiefen Schlaf erwachen.
"Ich will noch nicht aufstehen.", murmelt sie durch das Kissen, in dem ihr Kopf ruht, gedämpft. Ich zucke die Schultern. "Dann tu's nicht."
Lilys Mundwinkel zucken. "Aber ich muss. Bald." Dann blickt sie wieder zu dem aufgemalten Himmel.
Ich mache es ihr gleich.
Als ich nach einer uneinschätzbaren Zeit zu ihr hinüberlinse, sind ihre Augen geschlossen und ihr Atem geht ruhig und gleichmäßig. Wieder trägt ihr Gesicht diesen friedvollen Ausdruck, den sie im wachen Zustand noch niemals getragen hat.
Es fühlt sich an wie eine Ehre, dass sie mir so sehr vertraut, dass sie neben mir einschläft. Sie muss sich hier sicher fühlen. Trotz all den Sachen, die in Hogwarts zwischen uns passiert waren, den provokanten Wortwechseln und Streitigkeiten, trotz allem vertraut sie mir.
Ich lasse den Blick über ihre geschwungenen Augenbrauen zu ihrer makellosen Stirn wandern. Wenn sie lernt ist dort immer eine Falte parallel zu ihrem Haaransatz.
Ich weiß nicht, wie lange ich Lilys schlafende Gesichtszüge studiere, ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Mir müssen wohl die Augen zugefallen sein, denn als ich sie das nächste Mal mit einem tiefen Einatmen öffne, ist der Platz neben mir leer. Keine Lily.
Mit eine Ruck setze ich mich auf. Auch die Kleidung, die ich ihr gestern geholt - und fallen gelassen - habe, ist verschwunden. Die Badezimmertür auf der anderen Seite des Flurs wird schwach hörbar ins Schloss gezogen. Die darauffolgenden Schritte gehören weder Sirius, noch Selena oder Peter, der das Gästezimmer belegt und den ich gestern Abend alleine draußen sitzen hab lassen.
Ich fahre mir schuldbewusst übers Gesicht. Ich werde mich entschuldigen müssen. Peter nimmt einem soetwas schnell übel.
Ich springe aus dem Bett. Lily geht bereits die Treppe hinunter.
Selena wird bereits im Ministerium sein und ich weiß nicht, wie Lily auf Sirius und Peter reagiert. Oder eher wie Sirius und Peter auf Lily reagieren. Ich will nicht, dass Lily blöde Sprüche zu hören bekommt.
Bei meinem ersten Schritt auf die Treppe höre ich bereits Sirius Stimme zu mir herauswehen:"Na wer ist denn da zu Besuch? In James' Lieblingspulli!" Ich höre genau heraus, dass er kein bisschen überrascht ist. Peter muss ihn vorgewarnt haben, dass gestern etwas schreckliches passiert ist infolgedessen ich mich um Lily gekümmert habe. Nur deswegen hat er nur so einen harmlosen Witz losgelassen.
Jemand schiebt einen Stuhl am Esstisch zurück.
"Das ist sein Lieblingspullover?", fragt Lily nur. Ihre Stimme klingt trocken, als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen. Sie ist aufgestanden.
"In der Tat, Lilchen, James trägt ihn nur zu besonderen An-", Sirius verstummt mit schuldbewusstem Blick als ich die Küche betrete. Peter ist nicht anwesend.
"Morgen.", wünsche ich betont gut gelaunt. Sirius erwidern es auf die gleiche Weise, Lily dagegen flüchtet sich in ein unverständliches Murmeln und senkt mit roten Wangen den Kopf. Sie hat ihr Kleid gegen meine Klamotten eingetauscht, was ein seltsames Gefühl in mir auslöst.
Ich weiß, wie sich Eifersucht oder Neid anfühlt. Dieses neue Gefühl ist das genaue Gegenteil. Mein Pulli ist ihr zu groß, doch sie scheint es ganz gern zu haben, dass sie die Finger in den Ärmeln verstecken kann. Und dass ihr auch die Hose zu weit ist, nutzt sie, indem sie sich im Schneidersitz auf den Küchenstuhl gesetzt hat.
Lily Evans in meiner Küche, in meinen Klamotten. Wer hätte das gedacht?
Sirius wirft mir einen fragenden Blick zu. Ich schüttle den Kopf. Er nickt.
Mit seinem üblichen Grinsen wendet er sich Lily zu:"Tee oder Kaffee?"
Lily, die zusammengezuckt war, wählt zögerlich den Kaffee.
Sirius schenkt ihr eine Tasse ein und fährt fort, wahrend ich mich auf den freien Stuhl neben Lily setze und mir einen Muffin nehme. Selena muss heute früh aufgestanden sein, wenn sie dafür Zeit hatte. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, die neben dem Türbogen zum Flur hängt. 9:34 Uhr. Was auch der Grund sein wird, wieso Sel sich jetzt nicht um Lily kümmert. Sie weiß noch gar nicht, was passiert ist.
"Kaltes oder warmes Frühstück? Wir haben übrigens Haferbrei! Speck und Eier sind leider seit Ewigkeiten aus.", Sirius zuckt die Achseln.
"Du weißt, wo der Metzger ist.", meine ich ebenso leger wie mein bester Freund. Er scheint ein bisschen Hilfe beim Auflösen der peinlichen Stille zu benötigen.
"Und du weißt, wie der Kehr-Zauber geht.", wirft Sirius ein, "Und trotzdem benutzt du dein Wissen nicht."
Ich verdrehe die Augen. Er spielt schon wieder auf das zerbrochene Glas an, das ihn letzten Mittwoch fast seinen Fuß gekostet hätte, wie er es gerne ausdrückt. "Es war nur ein einziger Splitter, den ich übersehen habe. Das passiert."
"Na das würde ich jetzt auch sagen! Willst du einen?", fügt er an Lily gerichtet hinzu. Gleichzeitig schiebt er den Teller mit den Muffins vor ihre Nase. Sie nimmt sich dankend einen.
Sirius wendet sich wieder mir zu, um mit der Mission quatschen bis der Heiler kommt fortzufahren:"Neben deinem Mordversuch am Mittwoch möchte ich auch noch die hochgefährliche Aktion auf dem Quidditchfeld ansprechen, mein Lieber." Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. Mein Lieber? Langsam macht er mir Angst.
"Das war ein Unfall. Unfälle passieren ständig beim Quidditch."
"Siehst du!", ruft Sirius mit hoher Stimme und einem nach Bestätigung suchenden Blick zu Lily. "Unfälle passieren. Er will mich ständig umbringen!" Mit seinem anklagenden Blick und seiner wilden Gestikulation entlockt er Lily gerade tatsächlich das Aufblitzen eines belustigten Lächelns. Schnell senkt sie den Blick auf die Zeitung vor sich.
Sirius hat es auch gesehen. "Aber ich will ja mal nicht so sein! Er ist mein Bruder, für ihn würde ich sterben."
Ich zucke zusammen und werfe ihm einen erschrockenen Blick zu. Sirius schaut zwischen Lily und mir hin und her, bemerkt, dass er etwas unsensibles gesagt hat, und zieht eine Grimasse.
Dann hebt er mit großen Augen die Schultern, als wollte er sagen Woher sollte ich das wissen?
Wir sehen beide zu Lily, die blass geworden war. Sie starrt auf ihren kaum angerührten Muffin und wirkt abwesend.
Sirius sieht mich hilflos an. Verständlich, er hat keine Ahnung, was hier eigentlich passiert.
Lily schiebt mit einem quietschenden Geräusch den Stuhl zurück.
"Kann ich duschen?", fragt sie mit blecherndem Tonfall.
"Klar.", antworte ich automatisch.
"Handtücher sind im Badschrank.", ruft Sirius ihr hinterher, während er im selben Augenblick auffordern mit seinen Fuß gegen mein Schienbein tritt. "Was ist los mit ihr?", formt er stumm. "Sie sieht aus wie ein Zombie.", fügt er flüsternd hinzu, sobald die Badtür hinter Lily zugezogen wurde.
Ich hebe den Tagespropheten hoch, der vor Lily auf dem Tisch lag und den ich gerade erst entdeckt habe.
"Ihre Eltern sind gestorben, glaube ich. Und ihre Schwester ist nicht gut zu ihr.", zum Schluss werde ich immer leiser. Das Titelbild hat mich in seinen Bann gezogen. Das Dunkle Mal, das sich wie vor Hohn über der Tower Bridge bewegt, und die Bildunterschrift, die verrät, dass bei einem Todesserangriff zehn Menschen starben, lassen nur einen Gedanken in meinem von Lily vernebelten Gehirn zu: Kann das Zufall sein?
Ich springe auf die Beine, als mir klar wird, dass sie das gesehen hat. Ich achte nicht auf Sirius Frage, was ich zu Machen gedenke, sondern nehme immer zwei Stufen auf einmal auf meinem Weg ins obere Stockwerk. Ich höre kein Wasserrauschen und auch sonst ist alles still. In meinem Zimmer ist sie nicht, also klopfe ich an der Badtür.
Ein kaum hörbares Ja ist die Antwort. Ich überprüfe, ob die Tür abgeschlossen ist, in dem ich die Türklinke herunterdrücke. Der Schlüssel ist nicht herumgedreht worden. Ich öffne die Holztür nur einen Millimeter.
Gerade soweit, dass ich Lilys nächsten Worte verstehen kann:"Sie hatte recht. Petunia hatte recht."
"Womit hatte sie recht?", frage ich nach, die Stirn gegen das kalte Holz des Türrahmens gepresst und die Augen zusammengekniffen, als könnte ich so ihre leisen Worte besser verstehen.
"Sie hat gesagt, dass es Zauberer waren. Dass ich Schuld bin. Und sie hatte recht. Es war mein Krieg, der sie umgebracht hat. Keine kaputten Gasleitungen und kein umgekippter Tanklaster. Es waren Zauberer. Sie hatte recht."
Meine Kiefer, die schmerzhaft zusammengepresst sind, lassen ein nicht zu unterdrückendes Schnauben entweichen.
"Bist du angezogen?"
"Ja, wa-", weiter kommt Lily nicht, denn ich habe die Tür aufgestoßen, mich vor sie gekniet und ihr Gesicht in meine Hände genommen.
"Du bist nicht Schuld, Lily! Deine Schwester redet kompletten Mist, wenn sie sowas sagt! Es gibt nur einen, der an Todesserangriffen Schuld ist, und das ist Voldemort. Er und er allein!"
Lily, die mich eben noch mit ihren traurigen verdammt grünen Augen angestarrt hat, will ihren Kopf aus meinem Griff befreien, doch ich lasse nicht zu, dass sie nicht auf meine Worte hört. Da ich ihr allerdings nicht wehtun möchte, lege ich meine Hände stattdessen nachdrücklich auf ihre Oberarme.
"Sie hat nicht recht, Lady Lily.", sage ich sanft.
Lily schüttelt weiterhin den Kopf.
"Hast du jemals willentlich mit einem Zauber Leid zugefügt?", frage ich deswegen.
Abrupt hält sie inne. Dann schüttelt sie einmal ganz kurz den Kopf. "Nur einmal ein Zauberkunst, aber das war ein Versehen."
"Dann hat deine Schwester unrecht damit, jeden Zauberer über einen Besenstiel zu werfen. Nicht jeder mit magischen Kräften ist Schuld, wenn Voldemort beschließt, Menschen zu töten. Er ist Schuld, nur er."
"Aber wenn ich dabei gewesen wäre. Mum hat mich gefragt, ob ich mit zu Tante Ella will und ich hab nein gesagt. Wenn ich dabei gewesen wäre-", ihre Worte überschlagen sich regelrecht.
Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich begreife, dass ich sie hätte verlieren können. Dabei sind wir nicht einmal richtig befreundet. Aber Lily war für mich schon immer mehr als eine einfache Mitschülerin. Mehr als Selenas beste Freundin.
Ich umfasse wieder ihr Gesicht und sie greift nach meinen Unterarmen, die sie so fest umklammert, als würde sie das vor dem Ertrinken retten. Ihr verzweifelter Blick löst eine unglaubliche Wut in mir aus. Nicht nur auf ihre Schwester, sondern auf jeden Todesser, jeden Voldemort-Verehrer, aber vor allem auf Voldemort selbst.
"Dann wärst du jetzt vielleicht auch tot."
"Und wenn ich keine Hexe wäre- "
"Dann wäre es trotzdem passiert. Voldemort hatte es nicht auf einzelne Menschen abgesehen bei diesem Angriff. Er hat die Tower Bridge attackiert, das Wahrzeichen Londons. Ich weiß, dass das hart klingt, aber deine Eltern waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Hörst du? Du trägst keine Schuld!", beim letzten Satz betone ich jedes Wort. Es ist wichtig, dass sie es versteht. Und wenn sie das jetzt noch nicht kann, dann muss sie es wenigstens mal gehört haben.
"Aber es ist der Zaubererkrieg, kein Unfall oder Attentat von einem Muggel." Ihre Fingernägel bohren sich durch meine Ärmel hindurch stärker in meinen Unterarm.
"Würde es denn etwas an der Situation ändern, wenn ein Muggel und nicht Voldemort die Schuld tragen würde? Was würde es ausmachen?"
"Ich würde meine Schwester deswegen nicht auch noch verlieren.", antwortet Lily mit hilflosem Blick. Ihre Augen suchen meine nach etwas ab, das ihren Schmerz lindern kann. Aber darauf kann ich nichts erwidern außer "Eine Schwester kann man nicht verlieren, Lily."
Im selben Moment verfluche ich mich selbst. Natürlich kann man eine Schwester verlieren. Sie hat gerade erst ihre Eltern verloren!
Lilys Finger lösen sich von meinen Unterarmen und ihr Handknöchel fallen geräuschvoll auf den harten Fliesenboden.
Die bis jetzt zurückgekämpften Tränen treten aus Lilys Augen und benetzen auch meine Hände. Schnell dreht sie den Kopf zur Seite.
"Lily", flüstere ich tonlos.
Sie schüttelt den Kopf, springt auf, dreht sich von mir weg und sieht, dass hinter ihr nur die Badewanne ist, gegen die sie sich eben noch gelehnt hat. Kurzerhand steigt sie in die Wanne und zieht die Knie an den Körper. Sie wirkt, als würde sie in meinen großen Klamotten verschsinken.
Ich zögere nur einen Moment, dann setze ich mich ihr gegenüber.
"Geh weg!", verlangt sie, die Stirn auf ihren zitternden Knien abgelegt. "Du verstehst es nicht!"
"Nicht bevor ich fertig bin."
"Lass mich allein, Potter, ich brauch dich nicht. Ich brauch keinen Ritter in strahlender Rüstung, der mich tröstet und auf mich aufpasst." Ihr wütender Blick trifft mich wie die Spitze eines Speers. "Ich komme sehr gut allein klar!" Vielleicht sollte ich wirklich gehen.
Aber so kann ich sie in ihrer Trauer auf keinen Fall alleine lassen.
"Das ist mir klar.", sage ich fest. Überzeugt, dass sie auch alleine klar kommen würde. Sie ist stark. Aber ich muss die Worte von eben erklären, bevor ich sie für sich trauern lassen kann.
"Ich hab gesagt, du sollst gehen!" Lily sieht mich aus tränenverschwommenen Augen heraus mit einer unglaublichen Wut an. Als ich nicht reagiere, greift sie nach dem Wasserhahn auf meiner Seite und lässt eiskaltes Wasser auf meine Socken prasseln.
Dass auch sie etwas abbekommt, scheint ihr nichts auszumachen.
"Du kannst deine Schwester nicht verlieren, weil sie immer seine Schwester sein wird. Genauso wie deine Mum immer deine Mum und dein Dad immer dein Dad sein werden. Sowas kann man nicht ändern. Oder löschen. Und vergessen schon gar nicht."
Lily, die wieder die Stirn auf den Knien abgelegt hat, entkommt ein herzzerreißender Schluchzer.
Als wollte sie nicht, dass ich ihn gehört hätte, klatscht sie im nächsten Moment die Handfläche so auf die Wasseroberfläche, dass es in alle Richtungen spritzt.
Während sie weiter Schluchzer überrollen, wiederholt sie die Geste immer wieder, während das Wasser immer höher steigt. Dass ich nur zusehen kann, wie sie der Schmerz einholt, den sie gestern noch kurzzeitig mit Märchen verdrängen konnte, zählt zu den schlimmsten Gefühlen, die ich jemals empfunden habe. Diese Nutzlosigkeit ist so viel schlimmer als die Verwirrtheit gestern Nacht. Da konnte ich mich wenigstens nützlich machen und ihre Verletzungen versorgen.
Als wir beide nass bis unter die Haut sind, ebbt ihre Wut ab und nur die Trauer bleibt zurück. "Ich vermisse sie so sehr!", raunt sie in ihre Knie. So leise, dass ich es beinahe nicht verstanden hätte.
"Ich weiß."
"Ich vermiss sie so.", wiederholt sie, noch immer fast lautlos.
Mit der Gefahr, einen weiteren Wut- oder auch Traueranfall zu provozieren, rutsche ich zur Lily hinüber und ziehe sie wie gestern Nacht in meine Arme. Erst sträubt sie sich und will lieber aus der Badewanne steigen; doch als ich sie freigebe, wollen ihre Beine sie nicht tragen und sie sinkt doch wieder gegen mich.
Zärtlich streiche ich ihr die nassen Haare aus dem Gesicht, ehe ich ihr immer und immer wieder über den bebenden Rücken streichle, während sie immer und immer wieder ihre Worte wiederholt und die Finger in meinen durchnässten Pullover krallt.
"Es tut mir so leid, Lily."
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(Bildquelle: https://i.pinimg.com/564x/05/15/15/0515154d13a89bb84cae7fc7a86385ed.jpg)
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