Chapter 113

(Bild: James' Märchen von Beedle dem Barden)

Lily Evans P.o.V.:

"Ja?", stirnrunzelnd öffne ich die Haustür ganz, als ich die zwei Polizisten davor ausmache. Hinter den uniformierten Beamten steht eine ältere Frau mit vielen Falten und traurigem Blick. Besonders das grelle Licht der Wandleuchte direkt neben der Haustür betont ihr Alter unschmeichelhaft.
"Sind Sie Petunia oder Lily Evans?", fragt die weibliche Beamtin. Sie hat lange blonde Haare, sie aber unter ihrer Uniformmütze nach zurückgebunden. Ihre schlanke Figur wird von der schwarzen, eher auf Männer zugeschnittenen Uniform fast vollständig verdeckt.
Ich wende mich ihr zu und nicke langsam. "Lily", sage ich nur. Dann drehe ich den Kopf, um über meine Schulter nach Petunia zu rufen, die oben in ihrem Zimmer ist und sich bereits schlafbereit gemacht hat. Vernon ist bei ihr in ihrem Zimmer.
Erst als ich mich wieder den Polizisten und der Frau zuwende, fällt mir auf, dass es hinter dem Vordach in Strömen regnet. Düstere Gewitterwolken bedecken den Himmel und als ich sie nach einem kurzen Zögern, weil unsere Eltern nicht Zuhause sind und es nicht mögen, wenn Fremde in ihrer Abwesenheit im Haus sind, bitte ich sie herein.
Erstens sind es Polizisten und zweitens sehen sie alle viel zu ernst aus, als dass es nicht wichtig sein kann. Und meinen Zauberstab trage ich einsatzbereit in meiner Tasche.
Ein mulmiges Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus. Doch ich streiche mir die nervige Haarsträhne hinters Ohr und behalte die Fassung.
"Ist etwas passiert? Geht es meinen Eltern gut?"

Die Beamten unterdrücken es deutlich, einen Blick zu wechseln. Hinter mir höre ich Petunia die Treppe herunterkommen, doch ich wende mich nicht von den Polizisten ab. Meine Hände haben zu zittern begonnen. Rohe Angst nimmt von meinem Körper Besitz.
"Was ist passiert?", fragt ich nach. Es ist mir gleichgültig, ob ich unhöflich bin.
Petunias Schritte hinter mir verstummen.
Die Augen der Beamtin, die anscheinend das Sprechen übernimmt, richten sich auf meine Schwester während sie spricht. Vielleicht weil sie die Volljährige von uns beiden ist - in der Muggelwelt zumindest. "Wir müssen Ihnen eine traurige Nachricht überbringen. Es gab heute Abend vor zwei Stunden eine Explosion auf der Tower Bridge. Mehrere Autos sind daraufhin zusammengestoßen und einige sind sogar in die Themse gestürzt. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Eltern in diesen Unfall verwickelt waren und infolgedessen gestorben sind. Sie sind tot."

Ich habe ihre Worte gehört, doch in meinem Bewusstsein sind sie nicht angekommen. Es dauert Minuten, in denen ich Petunias Stimme und die der Beamtin höre, bis die Bedeutung dessen, was hier gerade passiert, zu mir durchdringt. Mum und Dad...
Sie sind gestorben während ich ferngeschaut habe!
Ein Schluchzen bricht aus mir heraus und ich presse mir die Hand auf den Mund. Meine Beine geben nach und ich sinke gerade so auf den Sessel hinter mir. Alle Blicke richten sich auf mich. Die ältere Frau mit den Falten kniet sich vor mich und reicht mir eine Tasse mit Tee. Mir fällt auf, dass es die Tasse ist, die Mum auf einem Flohmarkt gekauft hat als ich etwa zehn Jahre als war. Sie trinkt jeden Morgen ihren Kaffee aus dieser Tasse.
Nein, sie hat ihn jeden Morgen aus dieser Tasse getrunken. Vergangenheit.
Sie wird nie wieder Kaffee trinken. Oder durchs Küchenfenster zu Freya hinüberspähen. Dad wird nie wieder einen seiner schlechten Witze bringen. Mir nie wieder über den Kopf streichen, obwohl er weiß, dass ich das hasse. Obwohl er wusste.

Die Frau erklärt mir, dass sie vom Jugendamt ist und hier ist, um zu klären, was mit mir passiert bis ich 18 werde. Ich höre ihre ruhig gesprochenen Worte, nehme sie sogar größtenteils auf, doch sie sind mir vollkommen egal.
Tränen befeuchten meine Wangen, tropfen auf meine Hände und in den Tee, den ich niemals trinken werde. Nicht aus Mums Tasse.
Ich umklammere die Tasse so fest, dass meine Knöchel hervortreten.
Eine Hand legt sich auf meine Schulter und ich zucke zusammen. Die Frau sieht mich fragend an.
"Was?", frage ich mit heißerer Stimme. Mir fällt auf, dass mich alle anschauen. Auch Petunia, die rote Augen hat, doch keine Träne vergießt. Sie hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, sieht aber dennoch unglaublich stark aus. Ich glaube, ich könnte mich nicht einmal auf den Beinen halten.
"Möchtest du vorerst bei deiner Schwester wohnen?"
"Ja", sage ich stumpf. "Natürlich will ich das."
Die Frau nickt. "Ich denke, es ist alles gesagt." Sie sieht erst mich, dann Petunia an. "Doch ich bleibe gerne, wenn jemand mit mir sprechen will. Ich bin Trauerbegleiterin und höre zu."

Petunia tritt neben mich und schüttelt den Kopf. Ihre blondierten Haare fliegen durch die Luft. "Wir kommen klar, danke.", sie klingt fast schon streitlustig. Als würde sie das Angebot als persönlichen Angriff empfinden.
Die Frau sieht mich an. Ich nicke. Sie steht auf und wenig später ist sie mit den beiden Polizeibeamten aus dem Wohnzimmer verschwunden. Die Haustür fällt ins Schloss.

Ich sehe nicht auf, meine Augen sind auf die Teetasse in meiner Hand gerichtet, die ich vorsichtig auf den Couchtisch abstelle.
"Du bist Schuld!", Petunias Stimme ist nur ein Flüstern.
Mein Kopf ruckt in ihre Richtung.
Die Augen meiner Schwester funkeln mich voller Schmerz, aber dennoch voller Ekel an.
"Wir wissen beide, dass nur deine Sippschaft eine Explosion auf einer Brücke auslösen kann. Du sagst ja selbst immer, dass in deiner Welt ein Krieg tobt. Und jetzt sind sie tot. Und das ist deine Schuld!"
Die Wände, die einst mein Zuhause waren, die mich vor allem beschützen konnten, kommen auf mich zu und scheinen mich zerquetschen zu wollen. Ich kriege keine Luft mehr.
Währenddessen prasseln Petunias Worte wie Hagelkörner weiter auf mich ein. Nur dass mich Hagelkörner normalerweise nicht direkt ins Herz treffen.
"Du bist ein Freak, Lily. Du hast unsere Eltern umgebracht mit deiner... mit deiner Abnormalität.", ihre Stimme wird immer lauter und jetzt kommen auch noch Vernons schwere Schritte immer näher. Gleich ist er auf der Treppe.

Meine Augen haben sich längst wieder mit Tränen gefüllt, meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen und ich sehe, wie ein schmales Blutrinnsal über meine Haut fließt.
"Ich kann dich nicht ansehen. Mum und Dad hätten-", Petunia verstummt, als hinter ihr eine Vase mit frischen Tulpen explodiert.
Sie stolpert mit erschrocken geweiteten Augen weg von den Scherben, doch ich sehe keine Verletzung an ihr, als ich aus dem Raum und zur Haustür hinausrenne. Vernon, der mir im Flur plötzlich gegenübersteht, weicht überrascht zurück, baut sich aber auf, als aus dem Wohnzimmer ein lautes "Lily!" ertönt.
Ich beachte sie nicht. Keinen von beiden. Ich laufe einfach nur. Immer schneller, immer weiter.
An der Ecke vom Magnolienring in den Ligusterweg drehe ich mich im Kreis. Der Atem wird mir aus den Lungen gepresst und die Umgebung verschwimmt.
Ich habe nur ein Ziel vor Augen.
Die Adresse, die Sel mir einmal gegeben hat. Mit Moodys Handschrift, damit ich das Grundstück auch finden kann. Der Straßenname und der Ort, von denen ich niemals dachte, dass ich mich ohne Zettel erinnern könnte, scheinen wie in meine Netzhaut eingebrannt zu sein, denn ich sehe sie ganz deutlich vor mir.

Als plötzlich wieder Gewicht auf meinen Beinen lastet, knicken diese einfach ein und ich falle auf harten Asphalt. Die Hand, mit der ich mich gerade noch so abfangen kann, damit mein Kinn nicht Bekanntschaft mit dem Boden macht, brennt und als ich sie betrachte, sehe ich noch mehr Blut als vorhin. Auch meine Knie, die in meinem sommerlichen Kleid im Fallen nicht bedeckt waren, schicken Schmerzsignale an mein Gehirn.
Doch mein Gehirn stört das nicht. Es fühlt sich an, als wäre es auf Eis gelegt. Ich handle automatisch. Ohne nachzudenken folge ich den ersten Impulsen, die mir in den Sinn kommen. Und in diesem Moment ist es nun einmal aufzustehen und das Gartentor zum Haus der Potters zu öffnen. Hinter der Haustür ist es dunkel.
Ich klopfe dagegen, will nicht das ganze Haus aufwecken, als ich aus dem Garten ein vertrautes Lachen höre. James. Und Peter, glaube ich.

Ich gehe auf dem Gartenweg um die erste Hausecke herum, sehe aber noch niemanden. Nur einen schwachen Feuerschein. Dann höre ich Peters Stimme. Und dann wieder James. Er erzählt von seinem Versuch, ein Automobil zu fahren - wie er es nennt.
Als ich um die zweite Hausecke biege und plötzlich auf der Terrasse der Potters stehe, springen die beiden Jungs erschrocken auf. Kein Wunder, ich muss zum fürchten aussehen.
Mit zitternden Fingern fahre ich unter meinen Augen entlang, um die Tränenspuren loszuwerden. Zu spät fällt mir ein, dass ein paar meiner Finger mit Blut beschmutzt sind.
James sieht gut aus, entspannt. Und gebräunt, als wäre er tagelang in der Sommersonne gelegen. Seine schokoladenbraunen Augen spiegeln das Feuer und wandern einmal komplett über mich. Ich folge seinem Blick und entdecke, dass ich keine Schuhe trage.
Ich hebe den Kopf wieder an und sehe das Entsetzen in James' Gesichtszügen. Auch Peters Augen sind geweitet. Er steht auf den Zehenspitzen, als hätte er das beim Aufstehen vergessen .

"Hey James, hey Peter. Sel hat mir angeboten, dass ich immer vorbeischauen kann. Du auch. Und dein Vater auch, glaub ich.", meine ich nach einigen Sekunden Schweigen verunsichert.
"Lily", meinen Namen aus James Mund zu hören hat etwas beruhigendes. Er sagt ihn nicht wie Petunia. Wütend, voller Schmerz und Verachtung. Auch nicht wie die Beamten, die mich nicht kennen. Er betont ihn mit sanfter Zunge und gleichzeitig fragend. "Was ist passiert, Lily?"
Ich weiß nicht wieso, aber ich reagiere nicht, der Anblick des Feuers hat mich in seinen Bann gezogen.
"Lily? Hörst du mich?", eine Hand wedelt vor meinem Gesicht herum und ich sehe langsam auf. James steht dicht vor mir, mit besorgt gefurchter Stirn und einem hilflosen Blick in den Augen. Wieder versucht er mit mir zu reden. Als ich nicht antworte, nimmt er sanft meine Hand in seine. Wärme geht von seiner Berührung aus und taut meine erstarrten Glieder auf.
"Ich wasche dir das Blut ab und heile deine Knie, ja?" Einen Augenblick lang wartet er auf eine Antwort - die nicht kommt - dann zieht er mich zur Terrassentür und ins Haus. Es ist ein schönes Haus. Warm, heimelig. Und riesig. Die sich bewegenden Fotos an den Wänden ziehen mich in ihren Bann. Lachende Gesichter. Mr und Mrs Potter Arm in Arm. Selena, James und Sirius sich lanchend im Gras kugelnd.

Mir kommen die Bilder an unserer Küchenwand in den Sinn. Ich wanke im Gehen und falle gegen die Sofalehne, was James dazu veranlasst, neben meiner Hand zu halten auch einen Arm um meine Taille zu legen. Jetzt ist er mir zu nah, ich nehme seinen herben Duft wahr. Er riecht, als wäre er gerade von einem Waldspaziergang zurückgekehrt. Ich würde ihn am liebsten wegstoßen, aber dazu bin ich viel zu erschöpft. Meine Beine wollen mich nicht mehr tragen. Es kommt mir vor, als würde der Tag schon Jahre andauern und meine Füße genauso lang laufen.

"Selena?", frage ich so leise, dass es mich nicht wundern würde, wenn James es überhören würde.
"Hat zu viel Alkohol getrunken und schläft seit zwei Stunden. Ich werde sie aufwecken.", antwortet James umgehend.
"Nein. Schon gut. Ich komm klar.", mit meinem darauffolgenden Nicken will ich mich wohl eher selbst überzeugen.
"Klar!", meint James. Selbst ich in meinem ramponiertem Zustand höre die Ironie heraus.
Mit einem Ruck schubse ich ihn von mir und gehe die nächsten Schritte alleine. Meine Beine können mich doch tragen. Na, wer sagt's denn!
Ich halte meinen Blick stets auf meine Füßen gerichtet, selbst als irgendwann wie von Zauberhand eine Lampe angeht. Es ist ein Balanceakt, doch machbar. Als allerdings Treppenstufen in mein Sichtfeld gelangen, bleibe ich abrupt stehen. James wäre vielleicht in mich reingelaufen, wenn wir nicht langsamer als Flubberwürmer unterwegs wären.
Eine männliche Hand wird mir angeboten.
Ich, in meinem Stolz gefangen, beachte sie nicht und bringe vier Stufen hinter mich. Als ich einen Fuß für die fünfte hebe, verliere ich das Gleichgewicht. Nur zwei starke Hände auf meiner Taille verhindern, dass ich rückwärts umkippe.
"Lass dir von mir helfen, Lady Lily. Ich verrat es auch keinem.", flüstert James über meinem Ohr. Er ist so dicht hinter mir, dass ich seine Brust an meinem Rücken spüren kann.
Ich schlucke mit trockener Kehle. Atme einmal tief ein. Nicke.

Eine Hand bleibt auf meiner Taille, die andere nimmt erneut meine Hand.
"Bereit?", fragt James mit gedämpfter Stimme.
Ich nicke wieder und komme mir langsam vor wie ein Wackeldackel.
Wir besteigen die Treppe immer weiter und ich beginne mich gerade zu fragen, ob ich in einem nie enden wollenden Albtraum gefangen bin, der mich bis zur vollkommenen Erschöpfung Treppenstufen erklimmen lässt, als das Ende in Sicht kommt. Sobald ich beide Füße in der ersten Etage habe, schnappe ich erleichtert und erschöpft nach Atem.
"Nur noch ein bisschen.", dringt James' ruhige Stimme zu mir durch.
Er lenkt mich in Richtung der nächsten Zimmertür, murmelt ein "Lumos" und der Zauberstab, der sich anscheinend in seiner Hosentasche befindet, erleuchtet schwach den Raum. Es ist ein Schlafzimmer. Mit einem großen Bett, über dem ein blauer Stoff gespannt ist, der wie ein Sternenhimmel aussieht. Eine Kommode, ein Schrank und ein Schreibtisch befinden sich ebenfalls im Raum. Aber das Auffälligste von allem sind die Klamotten, die überall verteilt sind und jede Oberfläche verdecken. Ich kann kaum den vom Gefühl her hölzernen Boden sehen. Oder den Teppich, den ich verzerrt unter dem roten T-Shirt spüre.

James setzt mich auf die Bettkante und hebt dann meine Füße, damit ich mich hinlege.
"Ich will nicht in dein Bett!", meine ich, dagegen ankämpfend das Gleichgewicht zu verlieren und auf die Bettdecke hinter mir zu fallen. Doch vielleicht kämpfe ich auch gegen die Kontrollverlust an, der eindeutig gegeben wäre, würde ich in James Potters Bett schlafen. Oder auch nur liegen.
"Merlin, Lily! Ich werde auf dem Sofa schlafen, okay? Leg dich jetzt hin und hör auf, dich gegen den Menschen zu wehren, der dir helfen will!", die Bestimmtheit in seiner Stimme ist mir neu. Jeglicher Scherz ist daraus verschwunden.
Mit einem finsteren Blick lasse ich James meine Beine hochheben und mich selbst in das Kopfkissen sinken, das schräg hinter mir lag. Es riecht genau wie James.
Also lag ich mit meiner Vermutung richtig. Ich bin in seinem Zimmer.
Doch auch einen anderer Geruch nehme ich wahr. Er ist menschlicher, roher. So wie ein Mensch riecht, wenn er nicht in Parfüm oder Deodorant gehüllt ist.
Es verwirrt mich, dass mich das bloße Hinlegen beruhigt. Mein seit Stunden sprintendes Herz findet seinen normalen Rhythmus, meine Hände hören auf zu zittern und meine Augen, die ich vorher wegen dem mich durchströmenden Adrenalin niemals hätte schließen können, fallen mir zu. Sämtliche Kraft hat mich verlassen und jetzt ist dort nur noch völlige Erschöpfung. Und Trauer.
Obwohl mein Herz wieder regelmäßig und normal schlägt, scheint es von tonnenschwerer Trauer erdrückt zu werden. Das Atmen fällt mir schwer, selbst liegend.

Mein Kleid wird mir zurechtgerückt. Dann sinkt die Matratze neben mir ein und das Licht, das James vorhin heraufbeschworden hat, kommt kurzzeitig näher. Dann wird der Zauberstab anscheinend neben mir abgelegt.
"Ich werde jetzt mit Wasser die Wunden säubern, bevor ich sie heile. Ist das in Ordnung, Lily?"
Ich nicke. Die Augen zu schwer, um sie zu öffnen.
Das Licht bewegt sich, James murmelt etwas und das Geräusch eines Zaubers schwebt in der Luft.

Das nächste, was ich wahrnehme, ist ein nasser Stoff, der vorsichtig über meine Knie tupft. Ich zische, weil es so brennt. Tränen schießen mir in die Augen, laufen mir aber nicht über die Wangen.
Eine Hand greif nach meiner und hält sie ganz fest, während die andere fortfährt.
James' Hand ist größer als meine. Auch stärker. Ich drücke sie mit jedem Brennen, das durch meinen Körper zuckt, erneut, doch James gibt keinen Mucks von sich. Stattdessen drückt auch er meine Hand, kräftig. Aber genau diese Festigkeit hat etwas unbeschreiblich tröstliches.

Es dauert wahrscheinlich nur eine Minute, meine Verletzungen heilen zu lassen, doch das ist mehr als genug Zeit, um die Gesichter meiner Eltern vor meinem inneren Auge zu sehen. Meiner nun toten Eltern.
In Büchern und Filmen suchen die Protagonisten immer nach den letzten Worten, die sie mit den verstorbenen Lieben gewechselt haben.
Ich überlege, was meine letzten Worte zu ihnen waren. Bevor sie zu meiner Tante aufgebrochen waren, hatten Petunia und Mum sich gestritten, sich aber vor der Abfahrt geeinigt. Ich bin mir sicher, den Streitgrund zu wissen, doch er will mir einfach nicht einfallen.

Brautjungfern!, schießt es mir durch den Kopf. Es war das altbekannte Thema: Petunia kommt nicht mit meinen magischen Kräften klar und Mum will mich mehr in die Familie integrieren. Vor einigen Stunden war ich nicht begeistert, als Mum Petunia überzeugt hat. Jetzt ist es mir egal, ob ich auf dieser Hochzeit bin oder am anderen Ende des Landes.
Bevor Mum in den Wagen gestiegen war, hatte sie mich gefragt, ob ich nicht doch mit zu Tante Ella fahren will. Und ich habe geantwortet:"Ich hol mir ihre Wangenkneifer und die Wie groß du geworden bist! auf der Hochzeit." Mum hat gelacht. Dad, der schon halb auf dem Fahrersitz saß, ist sich durchs Haar gefahren und hat ebenfalls gegrinst.

Die Tränen, die sich nun ihren Weg über meine Wangen bahnen, sind schon lange nicht mehr dem körperlichen Schmerz verschuldet.
Meine Hand wird leicht gedrückt und mir fällt auf, dass das James' einzige Berührung ist. Ich spüre nach meinen Knien, doch das Brennen ist verschwunden. Auch meine Hände fühlen sich heil an.
"Bist du sonst noch irgendwo verletzt?", fragt James leise. Sein Ton klingt belegt. Sogar wütend.
Blinzelnd öffne ich nun doch die Augen. Das Zauberstablicht ist unangenehm und furchtbar grell in den Augen, doch James Blick beschäftig mich mehr.
Ich sehe ihn fragend an, obwohl ich selbst nicht weiß, was ich damit fragen will.
"Ich meine... Bist du... bist du überfallen worden?", sein Augen huschen zu meinem Rock.
Mir wird klar, was er vermutet, und Gänsehaut überzieht meine Arme. "Nein", sage ich leise, aber bestimmt.
James stößt einen Luftschwall aus und seine angespannten Schultern sinken ein ganzes Stück nach unten. Die Erleichterung in seinen Zügen rührt mich. Er kennt mich kaum und dennoch kümmert er sich jetzt um mich. Er hätte auch einfach Selena holen können.
James kennt die Vertrauensschülerin Lily Evans, die Klassenbeste, die Perfektionistin. Das Mädchen, dass jede seiner Date-Einladungen abgelehnt und ihn nicht nur einmal hochnäsig behandelt hat.
Aber das wahre Ich, das zu viel nachdenkt, sich selbst mit Sorgen und Vermutungen verrückt macht und der totale Kontrollfanatiker ist, das wahre Ich kennt er nicht, weil ich das kaum einen Mensch zeige.
Dennoch ist er hier.

"Willst du etwas gemütliches zum anziehen? Ich kann dir was von Selena holen."
"Nein, lass sie schlafen."
James sieht unglücklich aus. Hilflos. Er mustert mein Gesicht und mir fällt ein, dass dort wieder Tränenspuren sind. Hat er eigentlich das Blut schon weggewischt?
James dreht sich ohne Vorwarnung mit einem mich beunruhigenden Ausdruck in den Augen um und geht zu seinem Kleiderschrank. Meine Hand fällt auf meinen Bauch und fühle dem plötzlichen Kältegefühl nach, das James' fehlende Berührung auslöst.
Während er im Schrank herumwühlt, wische ich mir über die Wangen. Kein Blut. Nur Tränen. Schnell trockne ich sie und sehe dann zu dem blauen Stoff über mir, auf den tatsächlich winzige Sterne aufgemalt sind. Kleine Makel verraten, dass der Sternenhimmel selbstgemacht ist.
Wer ihn wohl bemalt hat? Ein zehnjähriger James?

"Ich bin nicht überfallen worden.", sage ich ohne dass ich es wirklich geplant hätte. "Meine Eltern- Sie sind-", ich stocke. Aussprechen kann ich es nicht.
Das Rascheln aus Richtung des Kleiderschrankes ist längst verstummt.
"Meine Schwester hat gesagt-", versuche ich es erneut. Doch wieder bleiben mir die Worte im Hals stecken. Aber leider bin ich stur. Noch einmal starte ich einen Versuch:"Sie werden nicht wieder nach Hause kommen, James. Und meine Schwester will nicht-", mir entfährt ein Schluchzen und im nächsten Moment habe ich mich zu einer Kugel zusammengerollt und den Kopf im Kissen versteckt.

Noch bevor ich meine Beine angezogen habe, ist James wieder neben mir. Es fällt etwas auf den Boden direkt neben dem Bett. Dann spüre ich James Hände, die mich hoch und in seine Arme ziehen.
Ich finde mich an seiner starken Brust wieder, die Nase in seinem nach Lagerfeuer riechenden Pullover vergraben und die Schultern zuckend vor Schluchzern, die mich unaufhaltsam überrollen.
Meine Finger kralle ich in James' Rücken, darauf hoffend, dass ich nur sein Oberteil mit meinen Fingernägeln erwische.
"Lass mich nicht allein, James. Bitte geh nicht weg."
"Ich geh nirgendwo hin, Lily." Es kommt mir vor wie Einbildung, als ich etwas an meinem Scheitel fühle. So flüchtig und federleicht war James' Kuss.
Mein Herz setzt einen Schlag aus, genau wie meine Lungen, die einmal vergessen, sich zu weiten, um Atem zu holen.
Ein heftiges Prickeln geht von der Stelle aus, an der sich James Lippen für nicht einmal eine Sekunde auf meiner Haut befanden.

Augenblicklich versiegen die Schluchzer, die direkt aus meinem schmerzenden Herzen zu stammen schienen. Funktioniert das wie mit Schluckauf? Einmal erschrecken und dann ist es weg?
Jetzt, wo ich ruhig bin, kann ich auch James' regelmäßigen aber schnellen Herzschlag wahrnehmen.
Sein Körper hat sich verkrampft. Vielleicht denkt er, zu weit gegangen zu sein. Unter normalen Umständen wäre er das auch. Wahrscheinlich. Aber jetzt ist alles anders.
Ich richte mich auf und James erwidert meinen Blick. Etwas abwartendes liegt in seinen braunen Augen. Und fast so etwas wie Furcht.
Aber wieso sollte ich wegen so einer liebevollen Geste verärgert oder beleidigt sein? Nach heute Nacht werde ich James nie wieder bloß als den Rumtreiber mit dem Badboy-Image abstempeln können. Ich werde mein ganzes Bild von ihm überarbeiten müssen.

"Liest du mir was vor?" Früher haben mir meine Eltern immer etwas vorgelesen, wenn ich aufgewühlt, wütend oder traurig war. Es hat immer geholfen.
James blinzelt aus dem Konzept gebracht. "Ja?", es klingt wie eine Frage.
Wir sehen uns weiter an und er macht keine Anstalt, ein Buch zu greifen.
"Braucht man dazu nicht eigentlich ein Buch?", frage ich langsam und deutlich. Und seltsamerweise mit einem mir leicht fallenden Lächeln. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Vielleicht ist es der Schockzustand, der mich verrückt macht oder vielleicht ist es James' Blick und seine Nähe, die eine noch nie dagewesene Ruhe in mir auslösen.
Wieder ein Blinzeln. Dann nickt er und wendet die Augen ab, um sich zu seinem Nachttisch umzudrehen. Die Märchen von Beedle dem Barden, lese ich im Zauberstablicht. Davon habe ich noch nie gehört. Vielleicht sind es Zauberermärchen.
Ich rutsche zurück, damit es sich auch James auf seinem Bett gemütlich machen kann und fahre mir noch einmal unter den Augen entlang. Die Wimperntusche sollte langsam weggeweint sein. Ich werfe einen unauffälligen Seitenblick auf James' Brust. Zwei verschwommene schwarze Flecken erinnern an den Platz, an dem meine Augen gerade noch waren.
Ich selbst muss völlig fertig aussehen. Aber mein Aussehen war mir noch nie so egal.

James rückt an das Kopfende des Bettes, legt das Kissen auf seinen Schoß und schlägt das Buch auf.
Ich weiß nicht, woher mein plötzliches Selbstvertrauen kommt, doch ich decke mich und James Beine kurzerhand mit der Bettdecke zu, lege den Kopf auf dem Kissen ab und schließe die Augen. Eine Haarsträhne fällt mir ins Gesicht und juckt mich an der Nase, doch ich wage es nicht, mich zu bewegen.
Für den Moment hält James inne, sein Blick kitzelt mich als würden Ameisen über mich krabbeln.
Dann fängt er an zu lesen, als wäre das hier absolut normal.

Seine Stimme füllt den Raum und mit jedem Wort weicht die Anspannung mehr aus meinen Muskeln. Die Geschichte nimmt mich gefangen, lenkt mich ab und bietet meinen Gedanken eine nicht schmerzende Alternative.
Beim Anfang des zweiten Märchens öffne ich erst ein Auge, dann relativ schnell auch das zweite. James beim Lesen zuzusehen hat etwas beruhigendes. Er scheint so ausgeglichen und mir fällt auf, dass ich ihn noch nie völlig in eine Sache vertieft gesehen habe. In Hogwarts wirkt er rückblickend ständig ruhelos. Immer in Bewegung.
Ich muss mir eingestehen, dass die kaum wahrnehmbaren Falten zwischen seinen Augenbrauen etwas attraktives haben. Auch die abstehenden Haare wirken eher verplant als arrogant. Doch wenn mich jemand fragen würde, wieso das so ist, könnte ich es nicht beantworten.
Frustriert hebe ich die Hand, um mir die Haarsträhne, die bei jedem Blinzeln mit meinen Wimpern in Konflikt gerät, aus dem Gesicht zu streichen.
Keine zwei Sekunden später fällt sie wieder zurück. Als ich sie wieder hochschieben und diesmal unter meinem Kopfes festpinnen will, kollidiert meine Hand mit der von James'.
Sein Vorlesen, das langsamer geworden war, verstummt gänzlich und ich begegne seinem Blick.

Mein Herz zieht sich zusammen, als er die Hand wegnimmt. Auch ich senke meine Hand rasch und lege sie neben James' Oberschenkel auf der Matratze ab, damit es nicht peinlich wird. Auch wenn ich stark daran zweifle, das mir heute irgendetwas peinlich sein kann.
Er legt zärtlich zwei Finger auf meine Augenbrauen und schließt dann ohne mich wirklich zu berühren und mit einem fast schon spitzbübischen Lächeln meine Augenlider.
Automatisch heben sich meine Mundwinkel. Und was jetzt?
Ich zucke zusammen, als sich plötzlich Finger zwischen meine schieben. Kaum spürbar fährt sein Daumen über meine Haut, die jede seiner winzigsten Bewegungen kleinlich an mein Gehirn meldet. Mein Atem stockt und ich bin versucht, die Augen zu öffnen. Aber wenn er dann die Hand wegnimmt?
Ich verharre und warte seine nächste Handlung ab.
Als James mit dem Vorlesen fortfährt, entspannt sich mein ganzer Körper. Auch meine Hand, was sie auch besser an die von James schmiegt. Dabei habe ich die Anspannung gar nicht gemerkt.
An normalen Tagen wären meine Wangen schon längst dunkelrot.

Die Erschöpfung nimmt immer mehr von mir Besitz. Meine Gedanken sind zum Stillstand gekommen. Nichts ist mehr wichtig und nichts lastet mehr so schwer auf meiner Brust, dass es mir den Sauerstoff aus der Lunge presst. Das Gewicht ist noch da. Deutlich da. Aber für den Moment erträglich. Aushaltbar.
Um dieses Bett herum scheint sich alles zu drehen, dennoch steht die Welt still.

****************************************

(Bildquelle: https://i.pinimg.com/564x/11/9f/ec/119fec11aed858be50141f598c8fc1bf.jpg)

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top