𝐄𝐥𝐟
-Kevin-
Meine Augen waren geschlossen und ich nahm nichts, außer dem warmen Körper hinter mir und dem Rauschen des leichten Windes wahr.
Seit über einer Stunde saßen wir nun schon so auf dem weichen, moosigen Boden der Waldlichtung. -Bastis Rücken an den Stamm einer alten Fichte gelehnt, während mein Rücken an seinen Oberkörper angelehnt war, seine Oberarme fest um meinen Bauch geschlungen waren und sein Kopf auf meiner Schulter lag.
Eine Woche waren unsere Geständnisse und unsere ersten, vorsichtigen Küsse nun her und es war die schönste Woche, die ich seit Langem erleben durfte. Auf unserem ersten Date waren wir, so langweilig das auch erst einmal klingen mag, einfach nur gemeinsam spazieren gegangen und ich hatte ihm ein bisschen was von der Stadt gezeigt. Zwar hatte Basti die ganze Zeit merkbar Angst, dass uns jemand erkannte, beziehungsweise mich erkannte und dann daraus schließen konnte, dass das neben mir Basti war, doch wir hatten Glück und blieben bis auf ein Mal, bei dem Basti sich als ein alter Schulfreund ausgegeben hatte, unerkannt.
Während wir durch die Straßen Kölns spazierten, kauften wir uns noch ein Eis und Basti schwärmte noch Stundenlang von seinem Stracciatella-Eis. Dies konnte ich allerdings auch komplett verstehen, denn das war so ziemlich das beste Eis, welches ich je gegessen hatte. Möglicherweise betitelte ich es auch nur wegen dem Fakt, dass Basti und ich es auf unserem ersten richtigen Date gegessen hatten, als das beste Eis, welches ich je gegessen hatte, aber um ehrlich zu sein war das auch egal. Fakt ist, dass wir einen wunderschönen Tag hatten und dass Basti mich mal wieder unbeschreiblich glücklich gemacht hatte.
Ich hatte auch endlich wieder angefangen zu streamen und ich merkte, wie gut es mir tat. So anstrengend dieser Job manchmal tatsächlich auch sein konnte, ich war froh, dass ich die Möglichkeit dazu hatte.
Ich entschuldigte mich während des Streams wahrscheinlich mindestens 30-mal für mein unangekündigtes Ausfallen. Anfangs war ich wirklich unsicher, ob ich meiner Community schon von der Trennung erzählen sollte, entschied mich aber dann dafür. Allerdings bekamen sie nur eine sehr knappe Zusammenfassung der Situation, denn auch wenn Masha mich, trotz dem Fakt, dass ich schon ziemlich lange Gefühle für Basti hatte, ziemlich verletzt hatte, wollte ich keine Hate-Welle ihr gegenüber auslösen. Das wäre einfach nur unreif gewesen, und noch niedriger als das Niveau, auf dem sie mich behandelt hatte.
An einem Abend schauten Basti und ich, nachdem Basti seinen an diesem Tag ziemlich frühen Stream beendet hatte, gemeinsam einen Film. Den Film ausgewählt hatte Oni. Ehrlich gesagt tat er mir ein bisschen leid. -Da kommt er mit seinem großen Bruder mit zu mir, obwohl er genauso gut die restlichen Ferien bei seinen Eltern und Freunden in Bayern verbringen könnte, um ihn zu unterstützen und dann muss er sich einfach fast den ganzen Tag in einer so gesehen fremden Wohnung alleine beschäftigten, während Basti mit mir auf Dates geht. Aber er freute sich unglaublich für uns, das merkte man ihm an.
Der Film, den Bastis jüngerer Bruder für uns ausgesucht hatte war Brokeback Mountain, und dafür dass der Film schon etwas älter war und überhaupt nicht zu dem gehörte, was ich sonst schaute, war er echt so gut, wie Oni uns vorgeschwärmt hatte.
Der Film war auf irgendeine Art und Weise so emotional, dass Basti mir am Ende des Films die Tränen von den Wangen wischte, bevor ich mich enger an ihn kuschelte und mein Gesicht in seinem Hoodie vergrub. Und Basti hatte der Film mindestens genauso mitgenommen: Während des Films merkte ich mehrmals, wie er genau wie ich kurz vorm Heulen war.
An drei Nachmittagen zockten wir stundenlang gemeinsam, und zwar endlich mal wieder offstream. Anfangs fühlte es sich total ungewohnt an, während des Spielens nicht in ein Mikrofon sprechen zu müssen und vor einer laufenden Kamera zu sitzen, aber nach einer Weile merkte ich, wie viel Spaß es doch machte, mit Basti zocken zu können, ohne mich irgendwie für den Chat zu verstellen.
Und es fühlte sich so schön an, Bastis Gesicht sehen zu können, während wir gemeinsam zockten.
Außerdem, bei den anzüglichen Bemerkungen zwischen uns, zu denen es, wie auch immer, andauernd gekommen war, war es auch eindeutig besser, dass niemand außer Oni davon mitbekam.
Heute war der letzte Tag, den wir gemeinsam verbrachten, bevor Basti morgen wieder nach Berlin fahren würde.
Ich hatte mich für unser vorerst letztes Date dazu entschieden, Basti meinen absoluten Lieblingsort hier zu zeigen. Man musste dank dem Verkehr über eine halbe Stunde fahren, bis die Umgebung allmählich wieder ländlicher wurde und dort, etwas außerhalb von der Stadt, erstreckte sich neben einigen Feldern ein recht großer Wald.
Das erste Mal war ich hier her gekommen, nachdem Masha und ich letztes Jahr einen ziemlich heftigen Streit hatten und ich einfach nur noch weg von allem wollte. Eigentlich hätte ich damals schon erkennen müssen, wie sie wirklich tickte, doch ich tat es nicht.
Als ich damals durch den verwucherten, nach Harz und Fichtenholz riechenden Wald irrte, entdeckte ich schließlich eine kleine Lichtung zwischen den unzählbaren Bäumen und der Ort war einfach unbeschreiblich schön. Auf dem Moos wuchsen einige Blumen, wie zum Beispiel Gänseblümchen oder Vergissmeinnicht. Ein winziger Bach plätscherte am Rande der Lichtung entlang und verlief dann wieder irgendwo in den Tiefen des Waldes weiter und da die von Bäumen freie Stelle leicht erhöht war, hatte man tatsächlich eine gar nicht mal so schlechte Aussicht auf die Umgebung.
Und seitdem kam ich hier jedes Mal her, wenn es mir nicht gut ging, wenn ich Abstand zu anderen brauchte oder auch einfach, wenn es mir gut ging und ich die Ruhe genießen wollte.
Diesen Ort nun mit Basti zu teilen fühlte sich so vertraut an, wie es vermutlich bei keinem anderen Menschen je tun würde.
Die Sonne, welche schon bald untergehen würde, tauchte die Lichtung in ein goldenes Licht und hinterließ eine angenehme Wärme auf meinem Körper.
„Kevin? Ich bin so froh, dass du solche schönen Momente mit mir teilst", lächelte Basti. Ich drehte mich auf seinem Schoß um, sodass ich ihm nun in seine blaugrünen, von langen, dichten Wimpern umrandeten Augen schauen konnte. „Bei anderen Leuten hab ich das Gefühl, dass ich den Ort vor ihnen geheim halten muss, weil ich mich hier sonst nicht mehr sicher fühlen könnte. Aber bei dir...ich will dich einfach hier, bei mir haben. Ich brauche dich bei mir", murmelte ich und überbrückte dann den letzten Abstand zwischen unseren Lippen.
Der zu Beginn eher vorsichtige Kuss wurde schnell leidenschaftlicher und verlangender, und doch blieb Basti die ganze Zeit unglaublich sanft und liebevoll. Meine Lippen kribbelten und ich presste sie noch fester auf Bastis. Meine Augen hatte ich mittlerweile geschlossen und ich gab mich voll und ganz den Gefühlen, die dieder Kuss in mir auslöse hin. Ich wollte nicht, dass dieses Gefühl irgendwann endete und ich wollte Basti nie wieder loslassen.
Ich öffnete meine Lippen ein Stück weit und stupste mit meiner Zunge gegen Bastis Unterlippe. Ich merkte, wie die Mundwinkel des Mannes, den ich so sehr liebte, leicht nach oben zuckten, bevor er ebenfalls seine Lippen öffnete und meine Zunge einladend entgegennahm. Neckisch stupste er mit seiner Zunge immer wieder gegen meine eigene und auch ich blieb nicht untätig. Zwischen uns entstand ein kleiner Kampf um die Dominanz, den jedoch keiner für sich bestimmen konnte. Oder vielleicht wollte auch einfach weder er, noch ich die Oberhand übernehmen.
Schwer atmend lösten wir uns von einander, doch sobald ich das Gefühl hatte, das wir beide wieder genug Luft in unseren Lungen hatten, legte ich meine Lippen erneut auf Bastis. Seine Fingerspitzen strichen an der Stelle, an der mein T-Shirt ein wenig hochgerutscht war, über meinen Rücken, was mir eine angenehme Gänsehaut bescherte. Ich hielt mich an seinem T-Shirt fest und bewegte meine Lippen gefühlvoll gegen Bastis.
„Ich liebe dich", hauchte Basti.
Es war das erste Mal, dass einer von uns diese drei Wörter ausgesprochen hatte. Mein Herz klopfte noch lauter und noch schneller, als zuvor, falls das überhaupt möglich war.
„Ich liebe dich auch, Basti."
~~~
Gegen Abend kamen wir wieder zu mir zurück. Ich strahlte die ganze Zeit lang über das ganze Gesicht und nichts und niemand konnte meine Stimmung vermiesen.
Während Basti, Oni und ich gemeinsam jeweils eine Tiefkühlpizza aßen, bevor Basti und ich unsere Streams starteten, schaute ich immer wieder zu Basti hinüber und musterte verträumt seine Gesichtszüge.
Ich wusste nicht genau, wann ich das letzte Mal solche intensiven Gefühle für jemanden empfunden hatte, oder ob ich das überhaupt schon Mal hatte, aber nun galten diese Gefühle Basti.
„Ey Basti. Du hast an deinem Hals drei- ne warte vier Knutschflecke", bemerkte Oni plötzlich grinsend. „Ach ja, bei dir sieht man die auch ziemlich deutlich, Kevin. Also bei Basti ist das Ganze ja nicht weiter dramatisch, da der sich eh nicht zeigt, aber dir würde ich empfehlen, die Knutschflecke wenigstens für den Stream abzudecken. Verhindert wahrscheinlich einige Gerüchte. Just saying", fügte er noch hinzu.
Ich merkte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss und ich sah peinlich berührt zu Basti. Diesem schien es ähnlich wie mir zu gehen, denn über seine Wangen legte sich ein leichter Rotschimmer.
„Oh Gott, ich will gar nicht wissen, was ihr neben eurer Knutscherei sonst noch alles gemacht habt", murmelte Oni.
„Nicht das, was du denkst!", wollte Basti die Gedanken seines Bruders in eine andere Richtung lenken.
Nein, Basti und ich hatten bis auf ein bisschen rumknutschen wirklich nichts in die Richtung gemacht. Aber weit waren wir glaube ich nicht mehr davon entfernt.
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