𝐃𝐫𝐞𝐢
-Basti-
Mittlerweile war es schon später Nachmittag. Ich hatte noch etwa eine Stunde Zeit, bis ich meinen Stream starten wollte, weshalb ich mir noch einmal genau überlegte, was ich heute machen wollte. Geplant hatte ich eine Randomizer-Challenge mit Kevin und an All Mobs Extreme wollte ich auf jeden Fall auch noch ein bisschen weiter arbeiten.
Apropos Kevin...ich hatte, ohne dass ich es wollte, fast den ganzen Tag damit verbracht, über das was ich für ihn fühlte nach zu denken und mittlerweile war ich mir tatsächlich fast sicher, dass Oni beim Frühstück Recht hatte. Ich hatte Gefühle für Kevin, die weitaus mehr als nur freundschaftlich waren. Und je mehr ich darüber nachgedachte, wie oft ich in letzter Zeit rot geworden war, wenn er irgendeine Anspielung auf unser Shipping gemacht hatte, wie neidisch ich jedes Mal war, wenn er über seine Freundin sprach und über das Gefühl von tausenden von Schmetterlingen in meinem Bauch, jedes Mal wenn ich mit ihm redete, sein Lachen hörte oder sein Gesicht sah, desto klarer wurde mir dieser Fakt.
Ich war so in meinem Gedanken versunken, dass ich zuerst gar nicht wahrnahm, dass jemand an sie Tür meines Streaming Zimmers klopfte. „Kannst reinkommen Oni, ist angelehnt", murmelte ich. Ich hörte, wie jemand den Raum betrat. „Bastian, ich bin es."
Okay, das war eindeutig nicht mein kleiner Bruder, sondern Lena, meine Freundin. Und dass sie mich Bastian genannt hatte hieß definitiv, dass sie etwas ernstes zu besprechen hatte. „Hi", begrüßte ich sie und umarmte sie kurz. „Wo warst du die letzten Tage?", erkundigte ich mich sofort. „Bei Iris. Apropos Iris...können wir bitte reden?"
„Klar", meinte ich etwas irritiert.
„Danke."
Gemeinsam gingen wir ins Wohnzimmer und setzten uns auf die dunkle Couch. „Also...", begann Lena. Sie sah irgendwie nervös aus. Ihre Haut war ungewöhnlich blass und ihre Hände zitterten ein wenig, während sie an einer Strähne ihrer karamellbraunen Haare herumzupfte. Sie atmete zweimal tief durch. Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. „Hey. Was auch immer los ist, du musst keine Angst davor haben, es mir zu sagen", meinte ich mit sanfter Stimme.
„Also, ich hab dir ja schon am Anfang unserer Beziehung gesagt, dass ich Pansexuell bin. Und in den letzten Monaten hatte ich da zwischen uns irgendwie nichts mehr gespürt...sondern ich hab gemerkt, dass ich immer mehr begann, Gefühle für Iris zu entwickeln", erzählte Lena. „Es tut mir leid, wenn ich dich jetzt verletzte. Ich hab's ja selber nicht kommen gesehen. Ich wollte es nur sagen, weil ich denke, dass es für uns beide das Beste ist."
Okay, das kam jetzt wirklich unerwartet. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus.
„Weiß Iris es schon? Also dass du Gefühle für sie hast", wollte ich von der Jüngeren wissen. Etwas verwundert sah mich Lena an. „Du bist mir nicht böse?", stellte sie fest und in ihrer Stimme war deutlich zu hören, wie erleichtert sie darüber war. „Wieso sollte ich sauer sein? Niemand kann etwas dafür wie er fühlt und ich bin ehrlich froh, dass du es mir gesagt hast, anstatt einfach hinter meinem Rücken eine Beziehung mit Iris einzugehen, ohne dich überhaupt von mir getrennt zu haben." Lena lächelte mich dankbar an. „Danke, Basti. Ich hatte echt so Schiss, es dir zu sagen."
Einige Augenblicke schwiegen wir beide. Nachdenklich sah ich auf meine Hände. „Was ist los?", fragte Lena. Scheinbar hatte sie erkannt, dass in meinem Kopf die Gedanken gerade Karussell fuhren.
„Kann ich dir bitte auch was sagen?"
„Klar", antwortete sie und sah mich erwartungsvoll an. Ich fasste all meinen Mut zusammen und begann zu reden:
„Ich glaube, ich habe auch schon vor längerem Gefühle für jemand anderes entwickelt", gestand ich. Erstaunt sah meine nun Ex-Freundin mich an. „Wer ist denn die Glückliche?"
„Es...es ist kein Mädchen", murmelte ich. „Okay, dann eben wer ist der Glückliche?", verbesserte Lena sich sofort. Ich war unglaublich froh darüber, dass sie einfach hinnahm, dass ich Gefühle für jemanden des gleichen Geschlechts hatte. „Kevin."
Auf Lenas Gesicht bildete sich ein Grinsen. „Was denn?" „Dann wird eines meiner Lieblingsships bald real!", grinste sie. Ich errötete ein wenig. „Du shippst uns?" „Klar! Und ihr passt echt gut zusammen. Und Oni ist übrigens auch der Meinung, du solltest mal seine Zeichnungen sehen. Die sind zu neunzig Prozent Fanarts zu euch zwei", erzählte Lena munter. Meine Wangen hatten mittlerweile sicher die Farbe einer Tomate. Oder eines Radieschens.
„Mal was anderes, weiß Iris mittlerweile schon davon, dass du Gefühle für sie hast?", kam ich auf das ursprüngliche Thema zurück. „Ja, ich habe es ihr gestern Abend gesagt. Es ist rausgekommen, dass sie ebenfalls Gefühle für mich hat, aber wir wollten mit einer Beziehung noch warten, bis ich es dir gesagt habe, weil ich dich nicht hintergehen wollte", bestätigte Lena. Wow. Irgendwie war ich ihr dafür unglaublich dankbar. Ich zog sie in eine feste Umarmung. „Danke', flüsterte ich. „Wofür?" „Dafür, dass wir einfach friedlich auseinander gehen können und uns nicht wie manch andere komplett zerstreiten", lächelte ich. „Du musst dich nicht bedanken. Ich bin auch unglaublich froh, dass wir Freunde bleiben können", stimmte mir Lena zu. „Also...ich hoffe natürlich, dass wir weiterhin Freunde sein können. Ich nickte lächelnd.
Nach einer Weile lösten wir uns schließlich aus der Umarmung.
„Ich...würde dann zu Iris gehen...wenn das für dich okay ist", beschloss Lena. „Klar ist das okay", meinte ich und wir gingen gemeinsam durch den Flur zur Wohnungstür. „Viel Glück dir und Iris", lächelte ich. „Danke. Dir auch viel Glück mit Kevin. Ich bin mir sicher, dass er dich auch mag", entgegnete die rothaarige Frau lächelnd. „Er hat aber 'ne Freundin. Und es ist nicht mal sicher, ob er überhaupt auf Typen steht", rief ich ihr lachend in Erinnerung. „Ein Shipper-Herz irrt sich aber nicht einfach so. Und dass Kevin nicht nur auf Frauen steht ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche. Nein aber ehrlich, ich drück dir die Daumen. Und wenn was ist oder so, können wir auch jederzeit miteinander schreiben oder telefonieren."
„Danke dir. Ehrlich. Bis bald", verabschiedete ich mich von Lena. „Ich muss eh in den nächsten Tagen noch meine Sachen holen, also werden wir uns vermutlich eh bald noch mal sehen", meinte Lena und drückte mich noch einmal kurz an sich, bevor sie in den Hausflur trat und hinter sich die Tür zu zog.
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