Kapitel 9

„Komm schon, nur noch ein kleines Stückchen", rief James der rothaarigen Frau ermutigend zu.

„Ich kann aber nicht mehr", keuchte sie mit hochroten Wangen, als sie den steinigen Pfad hinaufstiegen. Innerhalb der letzten zwei Tage hatten es die zwei Reisenden zur schottischen Halbinsel geschafft und waren nun seit dem Morgengrauen auf den Füßen unterwegs.

„Es muss gleich hier sein, glaub mir", sprach er ihr weiter gut zu und hielt ihr seine Hand helfend entgegen. Kraftlos griff sie nach ihr und ließ sich von dem gut aussehenden Fremden die letzten Meter hochziehen. Schwerfällig schleifte sie ihre Füße Schritt für Schritt weiter.

Sie wusste nicht einmal, weshalb sie diesen anstrengend Aufstieg auf sich genommen hatte. Doch ihre männliche Reisebegleitung hatte ihr in den letzten Stunden völlig den Kopf verdreht. Wenn er lachte, hatte sie das Gefühl, dass die Zeit stehen blieb. Wenn er sie berührte, nur kurz ihren Arm streifte, begann ihr Herz im Galopp zu schlagen und drohte in seiner Nähe förmlich hinauszuspringen.

„Gleich geschafft", sagte er euphorisch zu ihr gewandt und zog sie mit einem Ruck den letzten Schritt hinauf. Die junge Frau war nicht auf den plötzlichen Schwung vorbereitet und stürzte geradewegs nach vorn. Unsanft landete sie auf James, welcher durch ihren Sturz das Gleichgewicht verloren hatte. Peinlich berührt starrte sie in sein Gesicht, welches nur wenige Zentimeter vor ihrem war.

Ihre Nähe ließ die Nervosität in ihm wie ein Raubtier aus seinem Käfig frei. Er spürte ihren warmen Körper auf seinem liegen und im Rücken die kleinen, spitzen Steine, welche ihn piksten. Sein Atem wurde flacher, schneller. Doch keiner der beiden wagte es, sich voneinander zu lösen und aufzustehen. Auf eine unbeschreibliche Weise schienen sie die plötzliche Nähe zu genießen.

Ihr Blick löste sich von seinen Augen und wanderte zu seinen Lippen. Wäre es zu überstürzt, ihn einfach zu küssen? Sie kannten sich gerade mal seit ein paar Tagen und womöglich konnte sie ihren Gefühlen in der Hinsicht gar nicht trauen?

„Wieso zögerst du denn noch?", flüsterte er grinsend, als hätte er ihre Gedanken gelesen und traute sich die Lücke zwischen ihnen zu schließen. Der Kuss ließ kleine Feuerwerke in ihrem Körper entfachen und raubte ihr die letzten Zweifel. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht, als sie ihn sachte von sich drückte.

„Wow", hauchte sie voller Staunen, was James zufrieden zu ihr schauen ließ.

„Ich weiß, meine Lippen sind wirklich phänomenal", stimmte er ihr selbstverliebt zu und strich sich beinahe stolz durch die Haare.

„Nein, das meinte ich nicht", sagte die Rothaarige völlig abgelenkt und deutete mit ihrem Kopf nach vorn. Sie hatten mit ihrem letzten Sturz den höchsten Punkt des Berges erreicht. Vor ihnen erstreckte sich die weite Landschaft. Begraste Berge und Hügel, riesige Steinriesen, welche den Himmel piksten. James schien es gar nicht zu gefallen, dass die malerische Natur nun ihre – eigentlich doch ihm zustehende – Aufmerksamkeit bekommen hatte.

„Hey, ich dachte, du meinst mich!", rief er empört und dennoch mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Schwungvoll hob er sie hoch und drehte sie zur Seite, sodass er nun auf ihr lag.

„Hey", verteidigte sie sich, da er ihr somit die Aussicht auf die grünen Berge genommen hatte.

„Also, wolltest du mir etwas sagen?", fragte er sie auffordernd, was ihr ein belustigtes Kichern entlockte.

„Nein, ich wüsste nicht was", antwortete sie gespielt unschuldig und zuckte unwissend mit den Schultern.

„Du Freche!", lachte er und nutzte ihre hilflose Situation aus, um sie zu kitzeln. Lachend lag sie unter ihm und versuchte sich gegen die kleine Attacke zu wehren. Doch in James Kopf kämpfte sich ein trauriger Gedanke hartnäckig an die Spitze. Er hatte schließlich einen Grund, um hierherzukommen und dieser lautete nicht 'Kitzeln und Küssen'.

„Komm", sagte er hilfsbereit, nachdem der Schelm aus ihm gewichen war und die Ernsthaftigkeit in ihm den obersten Platz eingenommen hatte. Liebevoll zog er seine Begleitung auf die Füße hoch und half ihr dabei, den Schmutz von ihrem Kleid zu klopfen. Sie hatte sofort gemerkt, dass die Zeit der Späße nun erst einmal auf Eis gelegt worden war und andere Dinge Vorrang hatten.

Suchend blickte sich der junge Mann um und erinnerte sich sofort an den kleinen Felsvorsprung, von welchem aus man die großen Steinspitzen sehen konnte.

„Vor uns die Riesen, links das Meer und dazwischen der See", wiederholte er die Worte seiner Eltern, als sie ihm damals in seiner Kindheit die Geschichte ihres Kennenlernens erzählt hatten. Mitfühlend griff die junge Frau nach seiner Hand, um ihm eine Stütze zu sein bei der Flut der Erinnerungen, welche seinen Kopf soeben überwältigte.

Der Wind ließ ihr Kleid flattern und ihre langen Locken zur Seite wehen. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie Hand in Hand den Ausblick sahen, welchen auch seine Eltern vor genau 25 Jahren erlebt hatten. Vorsichtig zog er einen Bilderrahmen aus seiner Tasche hervor und platzierte ihn zwischen den Steinen.

Das Hochzeitsbild zeigte fort von ihnen, sodass das Pärchen darauf in Richtung Meer blicken konnte. James wollte, dass seine Eltern somit für immer an diesem wunderschönen Ort existieren konnten. Der Ort, welcher den beiden mehr als alles andere auf der Welt bedeutet hatte. Daneben legte er eine gehäkelte Blume seiner Mutter und den geliebten Zeichenpinsel seines Vaters.

Die rothaarige Frau betrachtete ihn dabei emotional ergriffen und schenkte ihm etwas Halt, als sie ihn in eine feste Umarmung schloss.

*

Eilig setzte S-203 einen Fuß vor den anderen. Sie achtete nicht auf die Menschen um sie herum und auch nicht auf die Fügungswesen, welche hier und da in einem Lichtblitz auftauchten und mit einem Fingerschnipsen das Leben der Erdenbewohner veränderten.

Sie machte sich nicht einmal die Mühe, den Menschen auszuweichen und lief stattdessen geradewegs durch sie hindurch. Das kalte, kribbelnde Gefühl dabei gab ihr das bestätigende Gefühl, kein Mensch zu sein. Sie war ein unsterbliches Fügungswesen, ein Geist, eine gefühlsarme Hülle und nichts weiter. Und doch wusste sie tief im Inneren, dass sie sich mit diesen Gedanken nur selbst etwas vormachte.

„Huch, du siehst ja aus, als hätte dir soeben jemand ein 100-Prozent-Pärchen vor der Nase weggeschnappt", sprach ihre Freundin aus der Abteilung Karma erschrocken aus, als sie sie so zügig auf sich zukommen sah.

„Alles gut?", fragte sie besorgt nach, da das Schicksalswesen beinahe leichenblass wirkte und ihre Arme zu zittern begonnen hatten.

„Komm hier rein, da ist es etwas ruhiger", sagte K-4598 sogleich und zog sie durch die große Holztür in eine Kirche hinein. Beinahe mütterlich schob sie ihre Freundin auf eine der alten Bänke und forderte sie auf, sich zu setzen und einmal kurz innezuhalten.

„Also, was ist los? Du verhältst dich äußerst ... me-", doch ihre rothaarige Freundin unterbrach sie schniefend.

„Menschlich?", beendete diese ihren Satz. Mit großen Augen blickte die Karmafrau sie an und schüttelte nach einer kurzen Pause heftig ihren Kopf.

„Nein, ich wollte sagen merkwürdig", berichtigte sie das Fügungswesen, in dessen Inneren soeben ein großes Chaos um ihre Existenz und Identität ausgebrochen war. Der rationale Teil ihres Kopfes war auf die Barrikaden gegangen, da er die plötzlich auftauchenden Träume nicht mehr verstehen oder einfach unterdrücken konnte.

„Gib doch zu, dass auch du dir manchmal denkst, dass ich viel mehr Mensch als Fügungswesen bin", flüsterte S-203 und starrte ihre Freundin angsterfüllt an. Vorsichtig griff diese nach ihrer Hand, um ihr ein wenig Zuversicht und Halt zu schenken.

„Du bist ganz klar ein Fügungswesen. Mag sein, dass du manchmal ganz irrwitzige Gedanken und Ideen hast. Mag sein, dass du ab und zu ein wenig zu viel mit den Menschen und ihren Schicksalen mitfühlst und auch dein Groll gegenüber Z-11 ist mir mehr als rätselhaft. Aber so bist du nunmal. Du bist einfach ein wenig ... eigen und das ist in Ordnung, solange du deine Arbeit wie gewohnt fortführst und keine große Sache daraus machst."

Für einen kurzen Moment schwiegen sich die beiden jungen Frauen an. Das Karma versuchte ihr Gesicht zu deuten, suchte nach einer Reaktion. Doch auf einmal sprudelte es geradewegs aus S-203 heraus.

„Siehst du, du sagst es doch ganz klar und deutlich. Ich bin eigen, ich bin anders, nicht so wie ich sein sollte!"
Flehend blickte sie das Karma an, als ob sie sie mit ein paar beruhigenden Worten von den anormalen Gedanken erlösen könnte.

„Du ... du", stotterte sie aber nur und ließ das unbehagliche Gefühl in S-203 damit weiterwachsen.

„Es hat alles mit dieser Frau aus der Führungsebene angefangen. F-67", begann das Schicksal aufzuklären. „Als ihre Augen auf meine trafen, hatte ich auf einmal diese Bilder im Kopf. Ein Autounfall und dann dieser unfassbare Schmerz in mir und Panik, die ich so noch nie verspürt hatte."

Schockiert starrte das Karma sie an. Da sie keinen Satz für eine Antwort zusammenbekam, fuhr das Schicksal mit ihrer Erzählung fort.

„Und dann tauchte plötzlich Z-11 in meinem Leben auf. Seitdem nehmen diese seltsamen Träume immer weiter zu. Wenn ich ihm nah bin, sehe ich Bilder von dieser jungen Frau, welche ihrem Elternhaus entflieht und auf ihrer Flucht vor der Ehe einen jungen Mann trifft. Und jedes Mal sieht dieser Mann aus wie Z-11."

Aufgebracht sprang S-203 von der hölzernen Bank und lief haareraufend über den kühlen Steinboden.

„Beruhige dich, du bildest dir das sicher alles nur ein. Du weißt doch, dass wir gar nicht fähig sind zu träumen. Dein Kopf spielt dir sicher nur einen Streich, also komm, setzt dich wieder."

Das Karma flehte ihre Freundin regelrecht an, da auch in ihr die Angst und Befremdung zunahmen. Doch die Gefühle in ihr waren sehr viel schwächer und weniger menschlich als im Inneren des Schicksals. Ihr ging es nicht um die Findung einer Erklärung oder Lösung des Problems.

K-4598 wollte - wie jedes Fügungswesen es gewollte hätte - keine Aufregung, kein Abkommen vom vorgeschriebenen Weg und den für sie geltenden Regeln. Sie wollte lediglich, dass ihre Freundin zur Besinnung kam, weiter ihrer Arbeit nachging und sie nicht durch ihre Gedanken und ihr Verhalten in Schwierigkeiten brachte. Sie wollte nichts weniger als von der Führungsebene bestraft und zu einem letzten, elendigen, menschlichen Leben verurteilt zu werden.

„Ich kann das aber nicht einfach hinunterschlucken und weitermachen! Ich muss wissen, was das für Träume sind. Was F-67 damit zu tun hat und warum mein Körper Z-11 fast magisch anzuziehen scheint. Ich ... ich vermisse ihn, wenn er nicht bei mir ist. Ich habe das Gefühl, mich an meinen damaligen Herzschlag zu erinnern, wie mein Herz in seiner Nähe pochte."

Völlig aufgebracht starrte sie zu K-4598, welche keines ihrer Worte nachvollziehen konnte. Mit ihrer Hand hatte sie zur Verdeutlichung auf ihre linke Brust geschlagen und ließ sie nun an eben jenem Fleck wärmend und schützend liegen. Der Schmerz war ihrem Gesicht geradezu anzusehen, doch in der Karmafrau löste dies höchstens nur Mitleid aus.

„Deine Worte klingen einfach nur verrückt", sprach sie nun ohne Beschönigung aus.

„Das sag ich doch die ganze Zeit! Ich bin völlig verrückt", rief S-203 ihr bestätigend entgegen. Ihr Gesagtes prallte an den hohen Kirchenwänden ab und hallte im Raum wider. Das Karma hatte fürchterliche Angst, dass ein anderes Fügungswesen auf ihr Streitgespräch aufmerksam werden und es der Führungsebene melden könnte.

„Pscht", zischte sie nun, „wir sind hier immer noch in einem Gotteshaus! Gerade hier solltest du nicht solche zweifelhaften Gedanken äußern."

Fassungslos starrte das Schicksal ihre Freundin an, welche im Grunde ganz genauso wie die anderen Fügungswesen war. Sie hatte nur geringe Emotionen, welche ihr geradeso erlaubten, leichte Freundschaften zu führen und gewissenhaft zu arbeiten. Doch sie war nicht im Stande, diese unglaublich starken und tiefen Gefühle von ihr nachzuempfinden.

„Und selbst wenn du anders bist oder etwas nicht mit dir stimmt, dann unterdrücke es! Oder willst du es tatsächlich riskieren, die Führungsebene auf dich aufmerksam zu machen und dein Leben als Fügungswesen zu verlieren? Ich mag vielleicht nicht so fühlen und denken wie du, aber ich bin nicht völlig gefühlskalt! Ich mag dich, S-203. Ich schätze dich als meine Freundin und möchte dich nicht verlieren. Aber ich kann es nicht zulassen, dass du erst dich und somit auch mich in Gefahr bringst. Also bitte, sprich das Thema nie wieder an und lerne damit zu leben."

Bittend blickte sie ihrer Freundin entgegen.

„Aber ich kann das nicht einfach ignorieren", flüsterte sie. Ihre Lippen hatten zu zittern begonnen und wieder überkam sie der Drang zu weinen.

„Dann sollten wir ein bisschen Abstand zwischen uns bringen", sprach K-4598 ernst und mit kühler Stimme aus. Sie wollte wirklich nicht so weit gehen, aber ihr blieb nichts anderes übrig.

„Was?", fragte das Schicksal entsetzt.

„Es tut mir leid, aber du gehst eindeutig zu weit. Aber keine Sorge, ich werde dich nicht melden."

Mit diesen Worten stand das Karma von der Bank auf und schritt mit einem letzten Blick über die Schulter zum Ausgang. Wie ein begossener Pudel stand S-203 im Mittelgang unter der dunkelblauen und mit goldenen Sternen bemalten Kirchendecke. Abermals hatte sie das Gefühl einen Schmerz in der Brust zu fühlen, als ihre Freundin nach draußen verschwand und sie in der unangenehmen Stille mit all ihren undefinierten Gefühlen zurückließ.

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