Kapitel 5

Ungeduldig klopfte Camilla gegen die Tür zu Rubis Zimmer.

„Schläfst du etwa immer noch? Biochemie fängt gleich an und du weißt, dass mit dem Prof nicht zu scherzen ist!"

Kurz lauschte sie, ob sie hinter der Wand ein Geräusch ausmachen konnte. Doch in dem Raum schien eine absolute Stille zu herrschen. Eifersüchtige Gedanken bahnten sich einen Weg in ihren Kopf und ließen sie über mögliche Szenarien nachdenken. War Rubi letzte Nacht bei Jordan geblieben und gar nicht erst nach Hause zurückgekehrt?

Ihre Neugier ging schlagartig mit ihr durch und bevor ihr Gewissen sie daran hindern konnte, öffnete sie die Tür einen kleinen Spalt breit und linste hinein. Erleichterung füllte sie augenblicklich aus, als sie die schlafende Studentin in ihrem Bett erkannte.

Rubi hatte sich scheinbar nicht die Mühe gemacht, das Kleid auszuziehen und an ihren Füßen, welche über der Bettkante hinunterhingen, trug sie noch immer ihre Schuhe. Schonungslos schritt Camilla auf ihre Freundin zu und rüttelte fest an ihrem Oberkörper.

„Rubi, jetzt wach auf!", stöhnte sie genervt, da sie keine Lust hatte, zu spät zu kommen.

„Mh", raunte ihre schlafende Kommilitonin müde und drehte den Kopf weg. „Geh doch schon mal vor, ich schlafe noch ein Ründchen", murmelte sie und verkrümelte sich unter ihrer Vampire Diaries Bettdecke.

„Nein, du stehst jetzt auf! Los jetzt", sprach Camilla fordernd und zog Rubi hoch, sodass sich diese unfreiwillig aufsetzte. „Wann bist du denn gestern zurückgekommen, dass du so verschlafen bist?", fragte sie und hatte gleichzeitig ein wenig Angst vor ihrer Antwort.

„Es war furchtbar. Die Ampeln an der großen Kreuzung vorn waren kaputt und dann gab es auch noch eine Überschwemmung und der Bus stand ewig im Stau. Und irgendwann wurden wir rausgelassen und dann musste ich den ganzen Weg durch den Regen zurück nach Hause laufen", jammerte sie und rieb sich ihren Fuß, nachdem sie ihre Stöckelschuhe entfernt hatte. Camilla erkannte eine große Blase, welche allein beim Ansehen schon schmerzte.

„Du warst also gar nicht bei Jordan?", hakte sie nach und musste sich ein Lächeln verkneifen.

„Ja sollte ich denn durch den Fluss schwimmen, um zu ihm zu gelangen? Man Cami, hast du mir nicht zugehört. Natürlich war ich nicht bei ihm, man es war so fürchterlich. Wäre ich doch gestern einfach zu Hause geblieben", maulte sie, was Camilla kurz kichern ließ. Sie freute sich eindeutig zu sehr über den ruinierten Abend ihrer Freundin.

„Na komm, dann zieh dich mal um und danach bringt dich Prof. Landui auf andere Gedanken", sprach sie aufmunternd und verließ Rubis Zimmer, um im Flur auf sie zu warten.



Die ersten Tage im Londoner Krankenhaus hatte Sam mit einer Vielzahl an Überstunden hinter sich gebracht. Trotz der kurzen Nacht war er an seinem freien Tag zeitig aufgestanden, da seine Tochter das Wochenende bei ihm verbringen würde.

Er nahm gerade den ersten Schluck von seinem Kaffee, als es an der Tür seiner vorübergehend gemieteten, kleinen Wohnung klingelte. Kurz verschluckte er sich am heißen Getränk und ließ die entstandenen Flecken auf dem Boden zurück, um eilig die Eingangstür zu öffnen.

„Papa", rief ihm sein kleiner Lockenschopf strahlend entgegen und umarmte ihn fest. Liebevoll drückte er sie in seine Arme und blickte hinter ihr in die Augen von Millies Mutter. Jill betrachtete die rührselige Szene vor sich und wirkte dabei tiefenentspannt.

Noch immer war es für Sam seltsam, Jill anzusehen und zu wissen, dass sie nun nicht mehr seine Frau war. Und doch machte es ihn glücklich, dass sie nun endlich mit ihrer Jugendliebe wieder vereint sein konnte. Alles, was er wollte, war, dass sie zufrieden war.

„Ich hole sie dann am Sonntag wieder ab, okay?", sagte die Brünette lächelnd und winkte ihrer Tochter zum Abschied zu.

„Tschüss, Mum", verabschiedete sich die Kleine und folgte Sam in die Wohnung hinein.

S-203 hatte nur darauf gewartet, dass Sam endlich frei haben würde. All die Zeit über stürzte er sich regelrecht in die Arbeit hinein und hatte damit keine Möglichkeit, Julie wieder zu treffen. Das Schicksalswesen hatte die letzten Tage lediglich abwarten können und nun witterte sie endlich eine Chance.

Mit einem Fingerschnipsen ließ sie einen Flyer des nahegelegenen Zoos erscheinen und verstaute ihn in Millies kleinem Reisekoffer.

Sam zeigte seiner Tochter das kleine Gästezimmer, in welchem sie die nächste Nacht verbringen sollte. Er öffnete ihren Koffer und augenblicklich stach ihm das Bild eines Löwen entgegen.

„Huch, was ist das denn zwischen deinen Sachen?", fragte er Millie, welche sofort zu strahlen begann.

„Gehen wir etwa in den Zoo?", rief sie aufgeregt und sprang auf, um sich ihre Schuhe auf der Stelle wieder anzuziehen.

„Was? Nein, ähm, deine Mum hat den Flyer vielleicht aus Versehen in deinen Koffer gelegt", antwortete er ihr verwirrt. Doch kurz darauf besann er sich, als er Millies Freude in ihrem Gesicht erkannte. Womöglich war ein Zoobesuch sogar recht erholend und eine gute Ablenkung von der Arbeit.

„Na gut, dann gehen wir also in den Zoo", stimmte er nun zu und zog sich ebenfalls an.

„Juhu", quiekte seine Tochter auf und packte ihren Vater an der Hand, um ihn aus der Wohnung zu ziehen.

Es war gerade mal Mittag, doch die junge Tierpflegerin war bereits seit fünf Uhr morgens auf den Beinen, um den kleinen und großen Geschöpfen des Zoos ein sauberes Gehege zu verschaffen. Mit Eimer und Schaufel in den Händen betrat sie das kleine, hölzerne Häuschen, welches nur von Mitarbeitern betreten werden durfte.

Seufzend stellte sie den vollen Eimer zu den anderen und lehnte die Schaufel an die Wand. Durstig öffnete sie den Kühlschrank, an welchem unzählige Magnete verschiedenster Tierarten hingen. Mit der Rechten griff sie nach der kühlen Wasserflasche und trank einen großen Schluck daraus.

„Nicht so hastig", erschreckte sie eine Stimme, sodass sie zu Husten begann. „Nicht verschlucken, Kleine", merkte der Mann mit dem rötlichen Oberlippenbart an, welcher soeben zu ihr in den Mitarbeiterraum gestoßen war. Helfend klopfte er ihr auf den Rücken, was sie automatisch angespannt werden ließ. Ihr Körper versteifte sich bei seiner Berührung und sie flüchtete seiner Hand, indem sie einen Schritt von ihm wegmachte.

„Alles gut, es geht schon wieder", sagte sie und versuchte ein falsches Lächeln aufzusetzen. Ihr Kollege Greg war von ihrem ersten Tag im Zoo an ein seltsamer Mann gewesen. Er hatte kein Gespür für die Grenzen der Privatsphäre und scheute sich nicht, unangenehme und intime Fragen zu stellen oder Julie zu nah zu kommen und zu berühren. Sein Verhalten und seine Worte waren in den meisten Momenten zu viel für sie, sodass sie stets bemüht war, ihm tagsüber aus dem Weg zu gehen.

„Oh, du hast da was", sagte er, als sein Blick an ihr hinunterwanderte. Bevor sie seiner Bewegung ausweichen konnte, hatte er seine Hand bereits ausgestreckt und griff nach dem kleinen Schlammklumpen auf ihrem dunkelgrünen Pullover. Ihre Wangen färbten sich rot, als sie die leichte Berührung des Mannes verspürte und ließ sie seine Hand von sich stoßen.

„Ich kann das allein", entgegnete sie ihm hastig und kratzte mit dem Fingernagel den getrockneten Dreck von ihrer Brust. Greg war noch nicht einmal eine Minute hier und schon wollte Julie nur noch Reißaus nehmen. Sie konnte ihrem Kollegen kaum in die Augen blicken, da sie fürchtete, er könnte es als Flirterei verstehen, wenn sie ihn auch nur länger als zwei Sekunden anschaute.

Jede ihrer Bemerkungen verstand er falsch und bog sie sich zu seinen Gunsten zurecht. Wenn es nach ihm ginge, wären sie sicher schon längst ein Paar, doch Julie wusste, dass dies niemals geschehen würde.

„Ich habe dich gestern mit Jeff sprechen sehen", versuchte er so beiläufig wie nur möglich zu sagen und schaute immer wieder kurz zu Julie, um eine Reaktion in ihrem Gesicht ablesen zu können. Innerlich verdrehte sie die Augen und wünschte sich nicht zum ersten Mal, sich einfach wegteleportieren zu können.

Sie konnte die Eifersucht aus Gregs Frage heraus deutlich hören. Es gefiel ihm nicht, wenn sie mit anderen Männern sprach – selbst wenn es nur Kollegen waren. Greg wollte sie für sich allein haben und mit keinem anderen teilen müssen. Julies Magen begann sich unangenehm zu drehen und ihre Luftröhre fühlte sich mit jeder Sekunde, in welcher sie mit Greg allein in diesem Raum war, enger an. Fieberhaft suchte sie in ihrem Kopf nach einer Ausrede, um den lästigen Blicken zu entkommen.

„Wollen wir heute Abend zusammen einen Film schauen? Meine Lasagne ist der Wahnsinn, die solltest du unbedingt mal probieren."

Beinahe drohend schaute er Julie an, als würde er nichts anderes als ein „Ja" ihrerseits akzeptieren.

„I-ich kann heute nicht. Und ich muss jetzt auch endlich weiterarbeiten, die Pinguine haben gleich Fütterungszeit", sprudelte es aus ihrem Mund heraus.

Ohne seine Antwort abzuwarten, stürmte sie aus der Tür hinaus und ging mit schnellen Schritten auf direktem Weg zum Gehege der kleinen schwarz-weißen Vögel. Sie spürte ihren Herzschlag bis zum Hals pochen und wagte keinen einzigen Blick zurück.

Schon vor einigen Wochen hatte sie Greg aus einem Impuls heraus die schonungslose Wahrheit offenbart, dass sie kein Interesse an ihm hatte. Doch selbst diese direkten Worte hatte er nicht verstanden oder vielleicht nicht verstehen wollen. Sein Blick hatte sich verfinstert und sie fragen lassen, ob es da etwa einen anderen Mann geben würde. Dieses besitzergreifende Verhalten machte ihr noch immer Angst und ließen sie glauben, dass er ihre Abweisung nie komplett hinnehmen könnte.

Kurz schüttelte Julie Moore ihren Kopf, um die gebündelten Gedanken an ihren Kollegen zu zerstreuen. Stattdessen rief sie sich ihre nächste Aufgabe in den Sinn: Pinguinfütterung.

Mit zwei Metalleimern voller Fische betrat sie das Gehege und blickte lächelnd zu den süßen Vögeln in ihren schwarzen Fracks. Den einen Eimer leerte sie komplett auf dem Boden aus, sodass es nicht lange dauerte, bis die ersten Tiere aus dem Wasser und aus ihren Höhlen hinauskamen. Gierig schnappten sie sich mit ihren Schnäbeln das Fressen.

Mit einem liebevollen Grinsen betrachtete Julie die Pinguine und kniete sich zu ihnen hinunter, um den Kleinsten von ihnen aus der Hand zu füttern.

„Komm, Frechdachs", versuchte sie ihn anzulocken und hielt ihm einen Fisch entgegen.

„Aww, ist der niedlich", hörte sie auf einmal eine piepsige Stimme hinter dem Zaun. Julie ließ ihren Blick hinaufwandern, wo sie ein kleines, lockiges Mädchen entdeckte, welche ihr begeistert bei der Fütterung zuschaute.

„Ja, der Kleine hier ist besonders niedlich, nicht wahr?", entgegnete sie dem Gast.

„Pinguine sind meine Lieblingstiere", posaunte das Mädchen stolz heraus.

„Und welche Pinguinart magst du am meisten?", fragte die Tierpflegerin zurück und musste sich ein Kichern verkneifen, als die Kleine sie nun ganz sprachlos anstarrte.

„Ähm, gibt es mehrere? Ich mag alle Pinguine!", rette sie sich aus ihrer Unwissenheit heraus und breitete die Arme weit aus.

„Na ja, es gibt zum Beispiel die Königspinguine, die Zwergpinguine, Kaiserpinguine und noch ganz viele andere", klärte sie ihre junge Zuschauerin auf.

„Und was für Pinguine sind das hier?"

„Das hier sind Brillenpinguine", stillte Julie die Neugier des Mädchens. Doch in ihrem Kopf hatte sie noch zig weitere Fragen.

„Und wie alt werden die? Haben sie alle einen Namen und kannst du sie denn überhaupt auseinanderhalten? Und darf ich auch einen Pinguin zu Hause als Haustier haben?"

Die Fragenflut des kleinen Lockenschopfes brachte Julie zum Auflachen. Nachdem sie noch einen weiteren Eimer mit Fischen ausgeschüttet hatte, verließ sie das Gehege und stellte sich neben das kleine Mädchen an den Zaun, von wo aus sie einen guten Blick auf alle Tiere hatten.

„Die Pinguine können recht alt werden. Ungefähr fünfzehn Jahre. Manche können sogar zwanzig Geburtstage feiern."

„Wow", kam es staunend aus dem Mund des Mädchens.

„Schau mal, der da hinten auf dem Felsen ist Hercules. Und die Pinguinfamilie dort rechts mit dem Baby sind Isolde, Tristan und der Kleine ist Frechdachs", stellte die Tierpflegerin die Vögel der Reihe nach vor.

„Aber die sehen doch alle gleich aus", fragte das Mädchen ungläubig.

„Ganz und gar nicht. Schau mal, sie haben alle schwarze Punkte auf ihrem weißen Bauch. Und diese Flecken sind bei jedem Pinguin unterschiedlich. Bei Hercules zum Beispiel sehen sie aus wie das Sternbild vom großen Wagen. Kennst du das?"

Mit einem Lächeln blickte Julie zu der Kleinen hinunter, welche ihr mit einem euphorischen Nicken antwortete.

„Ja, mein Papa und ich waren neulich in der Sternwarte. Da habe ich den großen und den kleinen Wagen gesehen. Und dann waren da noch Kasopapa, der Orient und ähm, ach ja, der Schwan!", berichtete sie mit funkelnden Augen. Julie begann zu lachen.

„Du meinst sicher Kassiopeia und den Gürtel des Orion."

„Ja genau, die haben wir gesehen!"

Kichernd schüttelte Julie ihren Kopf.
Schon ihr Leben lang war sie gut mit Kindern zurechtgekommen. Und doch hatte es nie mit einem Mann so gut gepasst, dass sie mit ihm ein eigenes Kind bekommen hatte. „Ich bin übrigens Julie", sagte sie und reichte der Kleinen die Hand.

„Ich bin Millie", entgegnete diese ihr und schüttelte strahlend die Hand vor sich.

„Bist du mit deinen Eltern hier?", fragte die Tierpflegerin.

„Jein, mit meinem Papa. Mama ist mit ihrem anderen Mann in Oxford", erklärte sie und blickte zurück zu den Pinguinen, welche sich nach dem Essen ins Wasser gestürzt hatten und nun hin und her schwammen.

Julies Gesicht nahm einen Hauch von Traurigkeit an, als sie das glückliche Mädchen betrachtete. Sie konnte nur zu gut nachvollziehen, wie es ihr ging. Auch ihre Eltern hatten sich damals getrennt, als sie noch nicht einmal ein Teenager war.

„Bist du manchmal traurig deswegen?", hakte sie nach und hätte die Frage am liebsten wieder zurückgenommen. Sie war schließlich eine Fremde für Millie und stand nicht in der Position, um solch private Dinge zu erfragen.

„Nein, Mama und Papa mögen sich und mich ja trotzdem. Außerdem ist Mama jetzt endlich wieder glücklich." Mit großen Augen erzählte Millie der sympathischen Frau, was sie über die neue Beziehung ihrer Mutter wusste.

„Und wo ist dein Papa jetzt?" fragte Julie das Mädchen, da weit und breit niemand zu sehen war.

„Der wollte ein Eis für uns kaufen. Hoffentlich holt er mir die richtige Sorte", antwortete die Kleine mit besorgtem Blick. Ein technisches Knirschen riss die beiden aus ihrer Unterhaltung.

„Julie, bist du da?", ertönte es aus dem schwarzen Gerät, welches am Gürtel der jungen Tierpflegerin befestigt war. Eilig hielt sie sich das Walkie-Talkie vor den Mund.

„Ja, was gibt's?" Wieder war ein kurzes Rauschen zu hören und anschließend die Stimme einer älteren Frau.

„Ein paar der Gäste haben Müll in das Gehege der Erdmännchen geworfen. Kannst du dich darum kümmern?" Julie bejahte dies sofort mit einem

„Natürlich" und packte das Gerät zurück an ihren Gürtel.

„Du hast es gehört, ich muss leider fort", sagte sie traurig zu Millie.

„Aber es freut mich, dass ich dich kennenlernen durfte. Vielleicht kommst du uns bald mal wieder besuchen, dann zeige ich dir noch die anderen Gehege", schlug sie lächelnd vor, was der kleine Lockenkopf grinsend und mit einem heftigen Nicken bestätigte.

Zum Abschied winkten sie sich ein letztes Mal zu, bevor Julie um die nächste Ecke verschwand, um ihrer Arbeit nachzugehen. Mit schief gelegtem Kopf blickte Millie ihrer neuen Bekanntschaft nach.

„Hier, einmal Schoko und Kirsche für dich." Die Stimme ihres Papas erschreckte sie für einen Moment, doch der Heißhunger auf Eis ließ sie sich freudig zu ihm umdrehen.

„Mit wem hast du dich da eben unterhalten?", fragte er interessiert und reichte den gierigen Kinderhänden die Eiswaffel.

„Das war Julie, sie arbeitet hier und hat mir die Pinguine gezeigt. Du Papa, sie ist wirklich super nett! Du musst sie mal kennenlernen! Und dann, dann verliebt ihr euch vielleicht und dann wird sie meine Zusatz-Mama und ich kann jeden Tag kostenlos zu ihr in den Zoo gehen!"

Mit einem breiten Grinsen strahlte sie Sam an, da sie von ihrem Plan mehr als überzeugt war. In ihren Kinderaugen schien es ganz einfach zu sein, sich ineinander zu verlieben.

Nachdenklich runzelte ihr Papa die Stirn. Der Name Julie kam ihm auf eine unbekannte Art und Weise bekannt vor. Seine Hand wanderte wie von selbst in seine Jackentasche hinein, wo sie das glatte Schild ertastete. Abermals las er den Namen Julie Moore, welcher auf dem Kärtchen stand und ihm allein beim leisen Aussprechen ein warmes Gefühl bescherte.

Gedankenversunken starrte er auf die Buchstaben hinab, während es in seinem Kopf wie in einem Getriebe ratterte. Als ein Tierpfleger mit einem ebenso grünen Namensschild an ihm und seiner Tochter vorbeilief, machte es plötzlich Klick.

Millie hatte von ihr gesprochen, von Julie Moore, welche er erst vor wenigen Tagen in der U-Bahn getroffen hatte. Diese Erleuchtung ließ ihn die Augen weit aufreißen und zu allen Seiten blicken. Ob sie hier noch irgendwo in der Nähe war?

„Du Papa, können wir uns noch die Flamingos anschauen?", riss das kleine Lockenmonster ihn aus seinen Gedanken. Beinahe hatte er vergessen, dass er nicht nur hier war, um Julie ihr Schildchen zurückzubringen.

„Klar, aber vorher müssen wir Julie noch ihr Namensschild geben. Schau, das hat sie verloren", erklärte er und reichte Millie die grüne Karte entgegen.

„Das muss ein Zeichen sein, dass du es gefunden hast", kicherte das Mädchen zwinkernd, was Sam lediglich mit einem Lächeln beantwortete.

Mit wachsamen Augen gingen sie zum Gehege der Erdmännchen, doch zu ihrem Pech konnten sie Julie weit und breit nicht finden.

„Komisch, sie wollte auf direktem Weg hierherkommen, um den Müll zu entfernen", sagte Millie enttäuscht. Doch die kleinen Mangusten, welche flink über ihre kleine Steinlandschaft huschten und vom höchsten Punkt aus wie Bodyguards ihr Rudel beschützten, holten die Freude in ihr wieder hervor.

„Komm Papa, lass uns weitersuchen", schlug sie vor und grinste zu Sam hinauf, nachdem sie sich vom Anblick der süßen Tiere losgerissen hatte. Ohne ein genaues Ziel setzten sich die beiden wieder in Bewegung und suchten während des Laufens nach einer angestellten Person, welche ihnen womöglich weiterhelfen könnte.

An den Kängurus und Straußen vorbei erkannte Millie sofort das dunkelgrüne Shirt eines Mitarbeiters, welcher soeben das Gehege der Tiger verließ.

„Da", rief sie und streckte den Zeigefinger nach vorn. „Frag ihn doch, vielleicht weiß er, wo Julie jetzt ist", gab sie Sam den Ratschlag, welcher dies sogleich in die Tat umsetzte.

„Hey, ich will gar nicht groß stören, aber wissen Sie zufällig, wo ich Julie Moore finde?"

Zaghaft stellte er die Frage, nachdem er an den rothaarigen Tierpfleger herangetreten war. Als Julies Name gefallen war, verdunkelte sich das Gesicht des Angestellten augenblicklich. Misstrauisch wanderte sein Blick über Sam, während dieser beinahe das Gefühl hatte, dass sich das Wetter schlagartig der Stimmung anpasste und die Sonne hinter den dunklen Wolken verschwinden ließ.

Sam fröstelte es, sodass er dem anderen Mann nicht weiter in die Augen blicken wollte. In jeder weiteren Sekunde, in der ihm die kalten Augen entgegenstarrten, wurde ihm die Situation nur noch unangenehmer. Sein Körper schrie regelrecht danach zu fliehen, zu sagen, dass nichts wäre, dass er doch keine Hilfe benötigte. Doch der andere Mann hatte bereits das Namensschild in Sams Händen entdeckt.

„Ach, die Süße verliert es echt oft. Julie hat schon Feierabend. Sie können es gerne mir geben, dann gebe ich es ihr heute Abend, wenn ich sie sehe", sagte der Rothaarige, welcher aus dem Nichts ein Lächeln aufgesetzt hatte. Sam brauchte keine Hinweisschilder, um zu erkennen, dass alles an diesem Gesichtsausdruck gespielt war. Er spürte, dass er nicht gemocht wurde und nicht erwünscht war.

Ohne länger zu warten, hatte der Tierpfleger nach dem Schild gegriffen, doch Sam zögerte. Sein Körper schien mit aller Macht dagegen anzukämpfen. Er rebellierte und wollte Julies Namen nicht den Händen des unangenehmen Kerles überlassen. Eine Faust der Enttäuschung traf ihn mit voller Wucht, als ihm die Karte entglitt und der Angestellte sie grinsend einsteckte.

„Na dann, ich muss mal weiterarbeiten. Die Trampeltiere füttern sich nicht von allein." Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Angestellte um und verschwand mit zwei Eimern in den Händen um die nächste Ecke. Sam fühlte sich leer, als hätte er soeben etwas Überlebenswichtiges verloren. Als wäre es ihm gewaltsam gestohlen worden.

„Die Süße", flüsterte er die Worte des Mannes kopfschüttelnd vor sich hin. War er etwa ihr Freund? Weshalb sollte er Julie heute nach der Arbeit sonst noch sehen, wenn sie nicht zusammenlebten oder sich gemeinsam trafen.

Sam spürte die aufkommende Ernüchterung. Er musste sich eingestehen, dass er sich mehr erhofft hatte. Natürlich hatte er nicht erwartet, dass sie ihm gleich dankend um den Hals gefallen wäre. Doch wenigstens ein nettes Gespräch hatte er sich gewünscht. Gern hätte er sie besser kennengelernt, um zu sehen, ob er sie wie bei ihrer ersten Begegnung tatsächlich weiterhin so faszinierend finden würde.

Doch plötzlich erschienen ihm diese Gedanken so verrückt und derart voreilig. Julie war lediglich eine Frau, welche er flüchtig gesehen hatte. Sie waren Fremde. Nicht einmal Bekannte und doch erhoffte er sich schon mehr als alles, was bisher zwischen ihnen war.

„Schade, dann sehen wir sie heute wohl nicht mehr. Aber macht nichts Papa, wir können ja bald nochmal in den Zoo gehen, okay?", versuchte Millie ihren Papa zu trösten, da sie ihm die kleine Traurigkeit sogleich angesehen hatte. Mitfühlend griff sie nach seiner Hand, um ihn mit sich zu ziehen.

„Komm, wir schauen uns noch die Flamingos an und danach gehen wir heim, okay?"

Sam besann sich und verdrängte die tristen Gefühle aus seinem Herzen. Schließlich wollte er die Zeit mit seiner Tochter so gut wie nur möglich nutzen und nicht weiter wie ein Häufchen Elend neben ihr stehen. Gedanklich schüttelte er den grauen, schweren Pelz von seinem Körper, welcher ihn vorher gen Boden gedrückt hatte.

Nachdem Millie mit strahlenden Kinderaugen die pinken Vögel beobachtet hatte, machten sich die beiden auf den Rückweg. Erneut liefen sie an den Schweinen und Ziegen vorbei, welche sie bereits zuvor begutachtet hatten.

„Können wir heute Abend noch einen Film schauen?", fragte Millie flehend und blickte mit großen Hundeaugen zu ihrem Papa hinauf, welchen sie noch immer an ihrer Hand hielt.

„Was möchtest du denn schauen?", fragte er lächelnd zurück.

„Anna und Elsa", rief sie wie auf Knopfdruck, was Sam mit einem Lachen quittierte.

„Wieso frage ich eigentlich? Deine Antwort war sowieso schon klar", gab er kopfschüttelnd von sich.

Ein unsichtbarer Duft flog ihm urplötzlich in die Nase und erinnerte ihn an diese eine Vorlesung vor 12 Jahren. Mit der Nase sog er den Mandelgeruch tief ein, welcher ihm so vertraut vorkam und auf der anderen Seite ein Gefühl von Geborgenheit gab.

Sam war derart auf das Gespräch mit seiner Tochter fixiert gewesen, dass er die vorbeikommende Tierpflegerin nicht einmal aus dem Augenwinkel richtig wahrgenommen hatte.

Völlig vertieft in ihre Arbeit hatte die Angestellte im grünen Pullover und mit fehlendem Namensschild die Schubkarre an den beiden vorbeigeschoben. Für eine Sekunde streifte ihr Arm den seinen.

In diesem einen kurzen Moment machten die Herzen der zwei jeweils einen kleinen und unerklärlichen Hüpfer. Doch als Sam ihren Duft wahrnahm, war Julie bereits mit der Schubkarre im Ziegengehege verschwundene, wo sie in der Menge an Tieren und Zoobesuchern unterging.

Sam runzelte erneut seine Stirn, da er beinahe das Gefühl hatte, sie zu spüren. Hatte er in der U-Bahn nicht genau denselben Geruch wahrgenommen? Hatte sich der Angestellte womöglich geirrt und Julie hatte noch gar keinen Feierabend? War sie noch immer hier?

Doch er konnte sie weit und breit nicht ausmachen und auch der angenehme Duft wurde vom Geruch des Ziegengeheges verdrängt.

Sam hielt kurz inne, während er in seinen Gedanken verschollen war und stets die Hoffnung umklammerte. Die Vernunft scheuchte die romantischen Gefühle zurück in ihre Ecke, aus welcher sie so plötzlich herausgekommen waren. Sicher hatte er sich nur geirrt. Julie war gerade nicht hier und womöglich würde er sie nie wieder sehen.

Mit diesem realistischen Dämpfer holte er sich selbst zurück auf den Boden der Tatsachen und verließ mit seiner Tochter den Zoo.

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