Kapitel 3

„Argh, ich würde ihn am liebsten in eine Pfütze schubsen!" Frustriert raufte sich die junge Schicksalsfrau durch ihre roten, wilden Locken. Kichernd saß ihre Freundin aus der Abteilung Karma vor ihr auf einer Bank und blickte ihr belustigt dabei zu, wie sie über den schlammigen Boden stampfte. Der Regen hatte die Erde weich und nass werden lassen und hier und da waren kleine Miniaturteiche auf dem Weg entstanden.

„Das war eine richtig typische Zufalls-Aktion. Die müssen sich immer in alles einmischen und hinterlassen nur Chaos. Nie denken sie nach oder kümmern sich um die Arbeit der anderen Fügungswesen. Wie kann man nur so nervig sein?"

Aufgebracht stellte S-203 ihrer Freundin die Frage, auf welche die Brünette allerdings keine Antwort wusste.

„Beruhige dich doch", lachte sie und schlug sachte auf den Platz neben sich, um das Schicksal zum Hinsetzen zu bewegen. „Er hat doch auch nur seine Arbeit gemacht. Schließlich ist es ihm nicht verboten, sich in andere Angelegenheiten einzumischen. Er gehört zum Zufall. Chaos und Verwüstung sind quasi seine Spezialgebiete", versuchte K-4598 das Fügungswesen aus der anderen Abteilung in Schutz zu nehmen.

„Außerdem hat er dir ja dadurch nicht alles kaputt gemacht. Ich bin sicher, dass du dein Pärchen wieder zusammenbekommst. Wer, wenn nicht du sollte das hinbekommen, hm?"

Lächelnd stieß sie ihrer bedrückten Freundin gegen die Schulter. Diese hatte sich erschöpft vom Schimpfen neben ihr niedergelassen und blickte nun wie ein begossener Pudel auf ihre roten Lackschuhe hinab, welche trotz des Regens und ihrer kleinen Stampfeinlage keinen einzigen Schmutzfleck aufwiesen.

Aus dem Augenwinkel heraus konnten sie ein plötzlich erschienenes Fügungswesen in grüner Arbeitskleidung ausmachen. Der Glücksmann strahlte über sein ganzes Gesicht und erkannte sogleich die grünen Zahlen über den Köpfen der wenigen Menschen, welche sich in den Regen hinausgetraut hatten. Ein junger Mann fiel ihm auf, welcher eine besonders niedrige Glückszahl zu haben schien.

Mit beschwingten Schritten lief das männliche Glückswesen zu dem Erdenbewohner hinüber und ließ vor ihm ein paar Geldscheine auftauchen, welche sanft wie Federn zu Boden segelten. Der Mensch konnte sein Glück kaum fassen, als er den Ausweg aus seinen Schulden plötzlich vor seinen Füßen liegen sah. Vor Freude jauchzend steckte er sich das Geld ein. Der Regen peitschte ihm entgegen und doch machte ihm das schlechte Wetter nun gar nichts mehr aus.

Gerührt schauten S-203 und ihre Karmafreundin dem Glückswesen zu, wie es stolz dem jungen und nun überaus glücklichen Mann hinterherblickte.

„Siehst du, ein Glückswesen hätte mir gestern in der Bar sicher gut helfen können. Sie stellen keinen Unsinn an, sondern geben den traurigen und von der Welt enttäuschten Menschen einen Hoffnungsschimmer. Nicht so gedankenlos und trampelhaft wie die Zufälle", begann das Schicksal erneut über die blauen Fügungswesen herzuziehen.

Ihre Begegnung des gestrigen Tages machte ihr mehr zu schaffen, als sie eigentlich sollte. Ihre aufgebrachten Gefühle ihm gegenüber waren weitaus stärker als alle Gefühle, welche sie je als Fügungswesen verspürt hatte. Er löste in ihr eine regelrechte Wut aus. Sie wollte ihn packen, einmal kräftig schütteln und ihn dazu bringen, es wieder gutzumachen.

Sie wollte ihn berühren. Ihn fühlen wie die Menschen sich fühlten, wenn deren Finger sich berührten.

Entgeistert schüttelte S-203 ihren Kopf. An was dachte sie denn nur? Hatte sie etwa zu viel Zeit mit den Menschen verbracht? Hatte sie zu viele Romanzen gesehen, mit zu vielen Pärchen mitgefiebert, dass sie nun schon ihre Gedanken und ihr Verhalten angenommen hatte?

Ein blauer Strickpullover ließ ihr Gedankenchaos wie eine Seifenblase platzen. Schockiert riss sie ihre Augen auf und starrte auf den braunen Hinterkopf, welcher soeben den verregneten Park auf der gegenüberliegenden Seite verließ.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein", raunte sie missmutig und sprang regelrecht von ihrem Platz auf. K-4598 blickte ihr erschrocken hinterher und schüttelte nur ungläubig den Kopf über das seltsame Verhalten ihrer Freundin.

Schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen war S-203 ihr anders vorgekommen. Natürlich liebte sie wie auch die anderen Schicksalswesen die Liebe. Doch sie steckte viel mehr Leidenschaft, Güte und Arbeit in ihre Pärchen hinein. S-203 war mitfühlend, absolut kitschig veranlagt und brauchte die Romantik, um glücklich zu sein. Manchmal kam sie ihr sogar ein bisschen menschlich vor. Als hätte sie ihren alten Charakter noch immer wie früher in sich. Als wäre sie tief im Inneren noch immer einer von ihnen. Von den Menschen.

Doch K-4598 hatte das nie gestört. Sie mochte ihre beste Freundin so, wie sie war. Mit ihr konnte sie lachen, lästern und über die Menschen philosophieren. Zwar konnte sie nicht all ihrer Ansichten nachvollziehen, doch war es jedes Mal interessant, von S-203s irrsinnigen Gedanken zu hören. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, ihr manchmal etwas anormales Verhalten der Führungsebene zu melden. Dafür mochte sie sie einfach zu sehr.

Und auch in diesem Moment verstand sie mal wieder nicht die Intention, mit welcher ihre Schicksalsfreundin dem blauen Fügungswesen laut schimpfend und mit drohendem Arm hinterherstürmte.

„Hey! Bleib sofort stehen, ich muss ein Hühnchen mit dir rupfen", schrie S-203 dem vermeintlichen Zufallsmann hinterher. „Ich weiß genau, dass du es bist!"

Als sich das Wesen wenige Meter vor ihr umdrehte, bestätigte sich ihr Verdacht.

„Tschau", hörte sie ihn sagen, bevor er zum zweiten Mal grinsend vor ihr verschwand und sich in seine sichere Zentrale flüchtete.

Ruckartig blieb das rothaarige Fügungswesen stehen und blickte erzürnt auf die Stelle, an welcher ihr persönlicher Störenfried soeben noch gestanden und derart frech und provokant gegrinst hatte. Machte es ihm etwa Spaß, sie derart zu ärgern? War er zufällig hier aufgetaucht oder spionierte er ihr nach? Weshalb sollte er dies tun? Was brachte es einem Fügungswesen, welches selbst kein eigenes Leben, kein Spaß am Nichtstun oder an Hobbies hatte?

Als übernatürliche Wesen wurden sie von Beginn an darauf trainiert, nur ihrer Arbeit, ihrer Bestimmung nachzugehen. Sie sollten keinen Spaß am Leben, kein großartiges Interesse an anderem haben, um nicht faul zu werden und ihren Job hängen zu lassen. Ihre Seelen wurden verschont, um sie zu kleinen Arbeiterbienen im großen, funktionierenden System zu machen. Mit zu vielen Gefühlen oder gar Erinnerungen würde die Welt zugrunde gehen, da keiner von ihnen mehr seine Arbeit erledigen würde.

S-203 konnte sich also nicht erklären, weshalb sie den Zufallsjungen nun schon zum zweiten Mal begegnet war und weshalb es ihm beinahe Spaß zu machen schien, sie wütend stehenzulassen. Oder war es einfach nur Zufall gewesen?

Zufällig Zufall?

Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht bei dem Gedanken an das kleine Wortspiel. Ihre Wut begann weiter zu schrumpfen, als die Karmafrau neben ihr auftauchte und ihr fragend den Arm umlegte.

„Alles gut?", bekam sie die Frage zu hören.

„Ja ja", beschwichtigte sie ihre Freundin und verdrängte ihre Gedanken, welche für andere Fügungswesen mehr als regelwidrig erscheinen würden. „Ich glaube, du hast recht. Ich sollte mich jetzt lieber darauf konzentrieren, Camilla und Jordan zusammenzubringen."

Zustimmend nickte K-4598 ihr zu und beobachtete wenige Sekunden später, wie sich der rote Lockenschopf in einem strahlenden Lichtblitz auflöste.


„Mit wem schreibst du, dass du dermaßen übertrieben grinsen musst?", fragte Camilla ihre Kommilitonin, welche ihr gegenüber am Tisch saß und in ihr Handy vertieft war. Die Biologiestudentin flüsterte nur, da die anderen Bibliotheksbesucher um sie herum hohen Wert auf Ruhe und maximale Konzentration legten.

„Mit Jordan, diesem Typen aus der Bar", kicherte Rubi und schickte ihm scheinbar eine Nachricht zurück. Camillas Blick versteinerte sich und das kleine Ungetüm namens Eifersucht zog nervend an ihrem Rockzipfel.

„Wie ... wie bist du an seine Nummer gekommen?", fragte sie mit brüchiger Stimme, doch versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

„Er hat mir seine Nummer auf eine Serviette geschrieben", log sie ihr dreist ins Gesicht und giggerte kurz auf. Auf ihren störenden Laut hin bekam sie sogleich ein paar wütende Blicke lernender Studenten zugeworfen. Doch sie ließ sich ihre Freude nicht nehmen und textete weiterhin mit dem Barkeeper.

„Was schreibt er denn so?", fragte Camilla möglichst beiläufig, während ihre unbändige Neugier geradezu danach dürstete, Rubi das Telefon aus der Hand zu reißen und den Chatverlauf mit eigenen Augen zu lesen.

„Ach, wir schreiben gerade über seine Tattoos. Und ... oh, er hat eben ein Foto geschickt", kicherte sie schon beinahe verliebt. Für einen kurzen Moment blieb es still, als Camilla ungeduldig darauf wartete, dass ihre Kommilitonin endlich weiterreden würde. Die Unwissenheit zerrte mit voller Kraft an ihren Nerven. Sie verspürte Wut auf Jordan, da er einer anderen seine Nummer gegeben hatte.

Dabei hatten er und Rubi doch kein einziges Wort miteinander ausgetauscht. Hatte sie sich nur eingebildet, dass da zwischen ihnen eine gewisse Spannung gewesen war? Hatte sie sich sonst nicht sogar recht verlässlich auf ihr Gespür verlassen können?

„Was für ein Foto hat er geschickt?", fragte sie Rubi nun deutlich lauter. Ganz egal, wie viele „Schhh"s sie entgegengezischt bekommen würde. Sie wollte wissen, weshalb ihre Freundin plötzlich so vertieft auf den Bildschirm starrte. Ohne es länger aushalten zu können, war sie von ihrem Stuhl aufgesprungen und hatte sich nun neben Rubi gesetzt, um freie Sicht auf das Smartphone zu haben.

Ein oberkörperfreies Selfie sprang ihr regelrecht entgegen und ließ sie kurz nach Luft schnappen. Wieso musste Jordan denn so verdammt attraktiv sein? Ihr Blick wanderte über die unzähligen Tattoos, welche beinahe jeden Zentimeter einzunehmen schienen.

„Wow", flüsterte Camilla kaum merklich, als sie die kleinen Kunstwerke begutachtete.

„Mensch Cami, du sabberst ja schon fast", lachte Rubi neben ihr auf und antwortete Jordan lediglich mit einem Flammen-Emoji.

„Du antwortest ihm echt nur mit diesem Emoji? Willst du nicht noch mehr Konversation betreiben? Fragen, was die Tattoos bedeuten, wie lange er sie schon hat, ob bald neue dazukommen?"

Entgeistert blickte sie Rubi an, welche sich scheinbar nur für Jordans Körper interessierte, aber keineswegs für den Menschen, welcher sich dahinter verbarg.

„Mensch Cami, so läuft das halt. Wenn ich ihn jetzt mit Fragen bombardiere, nerve ich ihn nur und wirke anhänglich. Damit vergraule ich ihn bloß."

Als wäre Camilla ihre kleine, unwissende Schwester blickte sie auf sie hinab und schüttelte den Kopf.

„Und musst du nicht zu deiner Prüfung? Es ist schon um 11!", wies sie sie darauf hin, worauf sie panisch aufsprang und ihre Sachen zusammenpackte.

„Du hast recht, ich muss los."

Augenblicklich war Jordan aus ihrem Kopf verschwunden und Prüfungsangst machte sich in ihrer Magengrube breit. Dieses Mal musste sie die Mathe Prüfung unbedingt bestehen! Sie verabschiedete sich eilig von Rubi, welche die Klausur bereits im ersten Semester geradeso bestanden hatte.

Camilla verließ die Bibliothek und bekam somit nicht mehr mit, wie Jordans neue Nachricht bei Rubi eintraf: „Viel Glück bei deiner Prüfung. Wenn du sie hinter dich gebracht hast, kannst du gern auf einen Drink in der Bar vorbeikommen."


Ungeduldig stand S-203 hinter Jordan, welcher nervös mit seiner Lippe spielte und auf sein Handy vor sich starrte. Den ganzen Morgen über hatte er schon mit Camilla geschrieben und sein aufgeregtes Teenie-Herz war kaum wiederzuerkennen. Es galoppierte regelrecht davon, sobald er einen Text an sie abschickte oder ein kurzes Klingeln das Eingehen einer Nachricht von ihr ankündigte.

Sie ließ in ihm die bekannten und klischeehaften Schmetterlinge schlüpfen und wild umherflattern. Er wusste nicht wohin mit sich, als er ihr völlig ohne nachzudenken ein Bild seiner Tattoos geschickt hatte. Normalerweise war er nicht der Typ Mann, welcher ungefragt Bilder von sich versendete. Schon gar nicht an halbfremde Personen. Doch Camilla bewirkte etwas in ihm, das ihn unkontrolliert handeln ließ.

Mit zusammengekniffenen Augen hatte er auf ihre Reaktion gewartet. Immer wieder hatte er kurz gelinst und sein Herz rutschte ihm beinahe aus der Hose hinaus, als sie das Foto mit einer Flamme kommentiert hatte. War das ein gutes Zeichen? Schon, sie fand ihn scheinbar attraktiv. Doch irgendwie hatte er sich mehr erhofft. Mehr Fragen, mehr Interesse an ihm. Oder hatte er sie falsch eingeschätzt? Kurz dachte er nach, was er darauf antworten könnte. Doch ihm fiel nichts ein.

S-203 schüttelte kichernd den Kopf über seine innere Zerrissenheit.

„Viel Glück bei deiner Prüfung. Wenn du sie hinter dich gebracht hast, kannst du gern auf einen Drink in der Bar vorbeikommen."

Diese Worte tippte er in das Textfeld ein, doch sein Finger verharrte über dem Sendeknopf. Sollte er die Nachricht abschicken? Oder war er zu voreilig? Vielleicht sollte er erst einmal weiter mit ihr schreiben und sie besser kennenlernen.

Doch die Schicksalsfrau wusste, dass es nötig war, dass er sich mit seiner Gesprächspartnerin traf. Anders könnte er nicht herausfinden, dass es sich bei ihr gar nicht um Camilla, sondern um ihre Kommilitonin Rubi handelte. Gerade als Jordan seine Nachricht aus der Vernunft heraus wieder löschen wollte, nahm sie ihm die Entscheidung ab und schickte die Nachricht mit einem Fingerschnipsen ab.

Mit großen Augen blickte der Barkeeper nun auf sein Telefon.

„Nein, wie konnte das denn passieren?", flüsterte er ungläubig vor sich hin. Erst wollte er sie wieder löschen, doch war es bereits zu spät, da Camilla eben in diesem Moment wieder online gegangen war und ihm bereits antwortete. Zufrieden blickte S-203 über seine Schulter und war nun siegessicher, dass der Schwindel um Rubi bald auffliegen würde.


Die Sonne ging bereits unter und tauchte die Stadt in ein tiefes Dunkelorange. Die strahlende Farbe des Himmels spiegelte sich in den Pfützen wider und ließ den Weg vor Camilla bunt leuchten. Die Klausur hatte sie hinter sich gebracht, doch in ihr nagte weiter die Angst, dass sie womöglich nicht genug Punkte erzielen würde. Sie durfte unter keinen Umständen durchfallen, sonst würde sie die Uni wohl oder übel verlassen müssen.

Ein bärtiger Mann, welcher ihr entgegenkam, erinnerte sie automatisch an den Barkeeper, welchen sie erst vor einem Tag kennengelernt hatte. Er schaffte es, ihren Kopf voll und ganz einzunehmen, als hätte er ihn komplett für sich alleine reserviert. Jordan verdrängte die Gedanken an ihr Studium, an den Abwasch, welchen sie die letzten Tage beim Lernen etwas vernachlässigt hatte und auch die Hochzeit ihrer Freundin Diana, welche bereits in wenigen Wochen stattfinden würde.

Erneut kam ihr Rubis glückliches Gesicht in den Sinn, während sie mit Jordan geschrieben hatte. Kopfschüttelnd fragte sie sich, weshalb er gerade Rubi ausgewählt hatte. Weshalb nicht sie? Doch sie besann sich und verdrängte die kindischen Fragen aus ihrem Kopf. Er war schließlich erwachsen und konnte tun und lassen, was er wollte.

Als sie gerade die Tür zu ihrer WG aufschloss, kam ihr just in dem Moment eine gestylte Rubi entgegen. Sie hatte ihre kurzen, schwarzen Haare mit einem roten Haarband aufgepeppt und trug ein enges, körperbetontes Kleid, welches geradezu Camillas Blick einfing.

„Und, wie sehe ich aus?", fragte ihre Freundin sie und zog die knallroten Lippen zu einem breiten Grinsen.

„Ähm, sehr gut. Hast du was vor?", fragte sie stotternd, da sie sich ihr aufgetakeltes Outfit nicht erklären konnte.

„Ich treffe mich mit Jordan in der Bar", säuselte sie, wackelte mit den Augenbrauen und schnappte sich ihre fake Gucci-Handtasche. „Also, bis später. Und warte nicht auf mich. Vielleicht übernachte ich gleich bei ihm", entgegnete sie der erstarrten Camilla zwinkernd und huschte an ihr vorbei zur nächsten Bushaltestelle.

Wie versteinert blickte diese ihrer Mitbewohnerin nach und konnte wieder einmal das unangenehme Druckgefühl in ihrer Brust verspüren. Jordan schien nicht lange warten zu wollen, bis er Rubi wiedersehen wollte. Hatte sie ihm dermaßen den Kopf verdreht?

Augenblicklich fühlte sie sich schlecht, da sie ihrer Freundin die Aufmerksamkeit eigentlich gönnen und sich für sie freuen wollte. Doch es war das erste Mal, dass ihr dies mehr als schwerfiel. Dabei wollte sie doch lediglich eine gute Freundin sein.

Laut seufzend schloss sie die Wohnungstür und entledigte sich ihrer Turnschuhe. Gordon schien nicht da zu sein und hinter Daniels Tür ertönte laute Rockmusik. Camilla hatte im Moment keine Lust auf Konversation und schlich sich schnell und heimlich durch den Flur zu ihrem Zimmer hindurch.

In ihrem sicheren Zufluchtsort angekommen, schloss sie sogleich ihre Tür ab, welche sie vor ihren schamlosen und manchmal auch rücksichtslosen Mitbewohnern bewahren sollte. Alle drei hatten ein Talent dafür, in den unpassendsten Situationen in ihr kleines Reich hereinzuplatzen. Privatsphäre war für die anderen ein Fremdwort, weshalb sich Camilla schon seit längerem eine eigene Wohnung wünschte. Doch dafür fehlte ihr schlichtweg das nötige Geld.

Sobald sie sich aus ihrer dunkelgrünen Regenjacke geschält hatte, kuschelte sie sich in die flauschige Decke auf ihrem Bett ein. Sie brauchte nun einen tragischen Liebesfilm, bei welchem sie ihren Tränen freien Lauf lassen konnte. Im Moment wollte sie – auch wenn es etwas übertrieben und kindisch war – nichts anderes als sich selbst zu bemitleiden und den dramatischen Liebesgeschichten fiktionaler Personen zusehen.

Also startete sie den Film auf ihrem Laptop und schnappte sich die Nougat-Tafel von ihrem Nachttisch.

S-203 stand unsichtbar in ihrem Zimmer, da sie kurz nach ihr hatte schauen wollen. Auch wenn es traurig für sie war, Camilla so niedergeschlagen zu sehen, erfüllte es sie auch mit Aufregung und Hoffnung. Denn ihr Verhalten zeigte nur zu gut, dass Jordan Camilla scheinbar nicht mehr aus dem Kopf ging und ihr Interesse an ihm keineswegs erloschen war.

„Eure Zeit wird schon bald kommen, halte noch ein wenig durch", flüsterte das Schicksalswesen grinsend und teleportierte sich ein paar Straßen weiter zur Bushaltestelle, an welcher Rubi in ihren pinken High Heels darauf wartete, dass sie endlich der Bar nähergebracht werden würde.

Ihr war klar, dass Jordan zu Beginn sicher verwundert sein würde, da er mit Camilla rechnete. Doch sie war davon überzeugt, dass auch sie eine gewisse Wirkung auf ihn haben würde. Sie würde ihn um den Finger wickeln und von sich überzeugen können. Schließlich war sie doch eine ebenso gute Wahl wie Camilla, oder nicht? Womöglich würde er sich sogar darüber freuen, dass sie an Camis Stelle zu ihm stoßen würde.

Mit diesen selbstbewussten Gedanken stieg sie in den gelben Bus ein, mit welchem sie lediglich eine Handvoll Stationen fahren müsste.

S-203 saß allein in der hintersten Reihe und beobachtete Camillas Freundin gespannt. Noch immer konnte sie sich nicht erklären, weshalb Rubi eine solch schlechte Freundin war und die Serviette an sich genommen hatte. Jordans Nachricht war eindeutig für eine andere bestimmt gewesen, doch der Schwarzhaarigen war dies völlig egal. Sie hatte die Chance sofort am Schopf gepackt und sich vor ihm als ihre Freundin ausgegeben.

Das Schicksal war sich sicher, dass Jordan dieses Verhalten nicht gutheißen würde. Er würde Rubi zur Rede stellen und verlangen, dass sie ihm Camillas wahre Nummer gab. Und dann könnten die zwei endlich wie vorherbestimmt zusammenkommen.

Der Regen peitschte nach wie vor gegen die Scheiben und lief in kleinen Bächen an ihnen hinab. Ein blauer Schemen, welcher draußen auf der tristen und grauen Straße kaum zu erkennen war, ließ S-203 neugierig hinausblicken.

Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Wut breitete sich in ihrem Hüllkörper aus, als sie den Zufallsmann erkannte, welcher die grüne Ampel vor ihnen augenblicklich rot färbte. Abrupt begann der Busfahrer zu bremsen und brachte sie mit quietschenden Reifen zum Stehen.

Sekunden verstrichen, in denen sich der Bus keinen Zentimeter mehr bewegte. Mit der Zeit wurden die Fahrgäste unruhig, starrten hinaus, um etwas erkennen zu können. Das Schicksal konnte die Abneigung gegen den Störenfried mal wieder mehr als deutlich in ihrem Inneren spüren. Ihre Hände hatte sie fest zu Fäusten geballt, während sie drauf und dran war, hinauszustürmen und den Zufall endlich zur Rede zu stellen.

Es war doch wohl offensichtlich, dass seine Taten nichts mehr mit wahllosen Geschehnissen zu tun hatte. Immer tauchte er dort auf, wo sie war. Das konnte kein Zufall mehr sein.

Doch ihr war auch klar, dass er verschwunden sein würde, sobald sie in den Regen hinaustreten würde. Er suchte ihre Nähe und flüchtete im gleichen Atemzug vor ihr.

Ihr Blick fiel wieder auf Rubi, welche nun von ihrem Platz aufgestanden war und sich den Weg vor zum Fahrer bahnte.

„Wann geht es denn weiter?", fragte sie ihn, welcher nur mit den Schultern zucken konnte.

„Das weiß ich leider auch nicht. Die Ampel scheint kaputt zu sein und leuchtet nur in Rot. Und durch den Regen sieht man kaum etwas." Einige der anderen Fahrgäste stöhnten genervt auf.

„Können Sie uns dann nicht einfach rauslassen?", fragte ein junger Mann im Anzug und mit Aktentasche.

„Das geht leider nicht. Ich darf die Türen nur an Haltestellen öffnen. Das sind nunmal die Vorschriften. Außerdem sieht man durch das Wetter die anderen Autos kaum. Es wäre lebensgefährlich, Sie mitten auf der großen Straße hinauszulassen."

Ein Raunen ging durch den Bus und hier und da hörte man einen der Menschen schimpfen.

„Ich rufe mal in der Zentrale an", versuchte der ältere Mann auf dem Fahrersitz die anderen zu beruhigen. Um den Bus herum staute sich der Verkehr immer weiter, da scheinbar alle Ampeln der Kreuzung den Geist aufgegeben hatten. S-203 wusste nur zu gut, dass es sich dabei um keinen natürlichen, technischen Fehler handelte.

„Es tut mir leid, aber wir müssen die Fahrt hier abbrechen. Da vorne am Fluss gab es durch den Regen eine kleine Überschwemmung, sodass nun keiner mehr durchgelassen wird. Der Verkehr wird wohl umgeleitet, aber den Ausfall der Ampeln kann sich die Zentrale trotzdem nicht erklären. Vielleicht ein technischer Defekt durch den Regen. Sie müssen also noch etwas Geduld haben, bis wir und die anderen Autos wenden können. Bleiben Sie bitte auf Ihren Sitzen und bewahren Sie Ruhe, vielen Dank."

Mit dieser Aussage beendete der Busfahrer seine kleine Ansprache, welche bei den Fahrgästen keine Begeisterung hervorrief. Langsam sickerte das Ausmaß der Situation zu S-203 durch. Rubi würde heute nicht zu Jordan kommen und genauso wenig könnte ihr falsches Spiel aufgedeckt werden.

Das Fügungswesen aus der Abteilung Schicksal war mittlerweile ebenso genervt wie die gefangenen Menschen, welche mit ihr gemeinsam im Bus verharren mussten. Sie konnte sehen, wie Rubi ihr Telefon aus der Tasche kramte und den Chat mit Jordan aufrief.

„Es klappt heute leider nicht, der Fluss hat wohl eine kleine Überschwemmung ausgelöst."

Dahinter sendete sie ihm eine Vielzahl an weinenden Emojis und sank anschließend gelangweilt in ihrem Sitz zusammen. Das würde ein langer Heimweg für sie werden.

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