Kapitel 18

In Unwissenheit gehalten saß S-203 auf dem weißen, kalten Boden der Gefängniszelle. So zumindest hätten es die Menschen wohl bezeichnet. Doch hier im Himmelsjenseits besaßen die Gefängnisse keine Gitter, kein schlechtes Essen, keine ungemütliche Einrichtung. Alles in diesem Raum war weiß und glatt, denn als Fügungswesen brauchte man keinen besonderen Komfort und keine Gemütlichkeit. Selbst die Tür strahlte in hellem Weiß und war kaum von der Wand zu unterscheiden.

Seit des Prozesses hatte das Schicksal diesen Ort nicht mehr verlassen. Wie ein Straftäter wurde sie eingesperrt, als hätte sie den Menschen Elend und Leid zugefügt. Dabei konnte sie nicht einmal etwas für ihre Gefühle und ihr beinahe menschliches Verhalten. Sie hatte nicht darum gebeten, ihre Erinnerungen zu behalten. Die Fügungswesen konnten nicht einmal ansatzweise nachempfinden, wie schwer und belastend diese Fähigkeit doch sein konnte. Für die anderen Wesen war es lediglich etwas Falsches, etwas das sie fast anwiderte. Gefühle verbanden sie mit Schwäche.

Nachdenklich blickte die Rothaarige auf ihre Füße und legte gelangweilt ihren Kopf auf den Knien ab. Wie es Z-11 wohl gerade ging? Wartete er ebenfalls darauf, sein letztes Leben als Mensch zu beginnen?

Das Quietschen der Tür riss sie zurück in die Realität, in welcher zwei orangegekleidete Wesen sie aufforderten, aufzustehen und ihnen zu folgen. Verwundert blickte sie zwischen den beiden hin und her.

„Wo gehen wir hin?", fragte sie und ging ihren Anweisungen brav nach. „Werde ich jetzt zum Mensch?", hakte sie weiter nach, da sie sich nicht anders erklären konnte, dass sie aus ihrer Zelle hinausgeholt wurde. Innerlich bereitete sie sich darauf vor, ihr Leben als Fügungswesen hinter sich zu lassen.

Die zwei Wesen aus der Führungsebene blieben jedoch stumm und führten sie weiter den weißen Gang entlang, bis sie zu einem Fahrstuhl kamen. Mit einer kurzen Handbewegung zeigten sie hinein und ließen S-203 allein in den gläsernen Kasten einsteigen. Ahnungslos starrte sie die zwei an, als sich die Glasplatte unter ihren Füßen auf einmal zu bewegen schien.

Ganz sanft flog der Aufzug durch die Luft hinauf und ließ das Innere des Schicksalswesens kribbeln. Sie spürte den kühlen Luftzug und das Freiheitsgefühl, welches die reibungslose Fahrt weiter in den Himmel hinein in ihr auslöste. Unter ihr lag das Wolkenmeer, welches im Licht der Sonne glitzerte und sie das ganze Himmelsjenseits überblicken ließ. Der gläserne Wolkenaufzug fuhr sie weiter in die Höhe, bis er an Geschwindigkeit abnahm und vor einem gläsernen Gewächshaus auf einer kleinen, weißen Wolke zum Stillstand kam.

Einen kurzen Moment stand S-203 wie versteinert da. Man hatte ihre keine Anweisungen gegeben, doch es kam nur ein einzig möglicher Weg in Frage: nach vorn und somit hinein in das Glashäuschen.

Zaghaft öffnete sie die Tür und spürte schlagartig die warme, feuchte Luft, welche ihr aus dem Inneren entgegenkam. Sie hatte einen kleinen Dschungel betreten, welcher an grünen Pflanzen und exotisch-bunten Blüten geradezu überquoll. An den Glasfenstern leisteten sich die Wassertropfen kleine Wettrennen und das Schicksal glaubte sogar, Grillen zirpen und Vögel im Hintergrund singen zu hören.

Zwischen all den Sträuchern und kleinen Bäumen flatterten unzählige Schmetterlinge durch die Lüfte. Staunend richtete sie ihren Blick hinauf, wo die kleinen Lebewesen mit ihren bunten Flügeln beinahe wie in Zeitlupe umhertanzten.

Langsam bahnte sie sich einen Weg weiter ins Innere hinein und bückte sich ein wenig, um unter einem Blatt, welches mindestens doppelt so groß wie ihr Kopf war, hindurchzugehen. Sie schob den Farn mit der Hand zur Seite und erblickte vor sich plötzlich einen älteren Mann, welcher mit dem Rücken zu ihr stand. Seine Hand hielt er in der Luft und beobachtete lächelnd den blau-schwarz gemusterten Schmetterling.

„Ein Hamadryas belladonna. Und wie sein Name schon verrät – wunderschön", schwärmte er, als hätte er S-203s Anwesenheit geradezu gespürt. Die Füße des Schicksals stoppten, als sich der Ältere zu ihr umdrehte und ihr ein breites Lächeln schenkte.

„Yzandiel", kam es flüsternd aus ihrem Mund hinaus. Ein Lachen entwich ihm.

„Ja, so nennt man mich hier", erwiderte er und beobachtete, wie der kleine Falter seinen Finger hinter sich ließ und empor zu seinen Artgenossen flog.

„Wunderschöne Geschöpfe, nicht wahr?", träumte er mit verliebtem Blick.
„Verrate es nicht den anderen Fügungswesen, aber Schmetterlinge sind tatsächlich meine Lieblingsgeschöpfe, welche ich erschuf", plauderte er sein kleines Geheimnis aus und zwinkerte ihr kurz zu. Seine seelenruhige Art und sein liebevolles, verständnisvolles Gesicht schenkten ihr etwas Beruhigung nach den letzten aufregenden Tagen.

„Darf ich eine ganz persönliche Frage stellen?", wollte die Rothaarige zurückhaltend wissen, doch sie spürte die einmalige Chance, ihn nun alles fragen zu können.

„Nur zu", antwortete ihr die tiefe, sanfte Stimme.

„Weshalb hast du überhaupt die Fügungswesen erschaffen?"

Der Alte mit den schneeweißen Haaren, welche ihm in leichten Wellen beinahe bis zu den Schultern reichten, drehte ihr erneut den Rücken zu. Während er langsam seine Füße voreinander setzte und mit seinen Fingern über die grünen Blätter strich, beobachteten seine Augen die Schönheit der Natur, welche sich in diesem kleinen Gewächshaus frei entfalten konnte.

„Du musst wissen, ich mag die Menschen. Ich finde es großartig und bewundernswert, dass sie immer wieder die Kraft zum Leben finden. Sie sind wahre Überlebensmeister und kreative Genies. So hast du sie beim Prozess doch treffend beschrieben, nicht wahr? Zumindest sind es die meisten von ihnen."

Ein leises Glucksen entwich ihm. S-203 erblickte einen zarten, gelblichen Schmetterling, welcher sich sachte auf der Schulter des Alten niederließ.

„Aber die Menschen besitzen nun mal nicht nur positive Eigenschaften. Sie können auch neidisch, rachsüchtig und gierig sein. Und für manche Lebensgüter würden sie alles geben. Einst erschuf ich diese gefühlvollen Wesen und ließ sie ihren Weg ganz allein und ohne Fügung oder ausgleichende Gerechtigkeit gehen. Aber die bösartigen Menschen haben ihre Macht gegenüber den Schwächeren ausgenutzt. Es gab Kriege, Verwüstung, Plünderungen. Also erschuf ich das Glück und das Schicksal, welches all die Negativität ausgleichen sollte."

Ein weiterer Falter hatte sich auf seinem Arm niedergelassen und Yzandiel betrachtete ihn bedrückt.

„Das Glück und das Schicksal sollten den Menschen viel Freude und ein schönes Leben bringen. Doch somit war es keineswegs in Waage. Sie haben das Positive als selbstverständlich gesehen. Glück und Liebe wurden zur Normalität und keiner schätzte mehr das Gute. Glück wurde so alltäglich, dass es gar nicht mehr wirklich als Glück bezeichnet werden konnte."

Das Schicksalswesen lauschte gespannt seinen Worten und konnte immer mehr nachvollziehen, wie wichtig die Aufgaben der Fügungswesen doch waren.

„Also hast du noch das Pech, das Karma und den Zufall erschaffen?", fragte sie mit großen Augen und blickte geradewegs in sein sanftes Gesicht, welches ihr leicht zunickte.

„Mit diesen fünf Kräften war das Leben ausgeglichen. Natürlich gibt es auch weiterhin von Menschen geführte Kriege, Ausbeutungen oder Menschenrechtsverletzungen. Aber auf der anderen Seite gibt es so viel Gutes auf der Welt. Das Gute, das tief in ihnen schlummert, kommt immer mehr zum Vorschein. Die meisten wünschen sich ein friedliches und gerechtes Leben für alle und ich glaube an sie und dass sie es eines Tages haben werden."

„Du wirst also nicht noch einmal grundlegend in ihre Welt eingreifen?", hakte die Rothaarige weiter nach. Weshalb stoppte er die schlechten Taten nicht mit eigener Kraft? Doch er schüttelte nur lächelnd den Kopf.

„Nein. Ein bisschen müssen sie ja auch selbst schaffen und ihr eigenes Leben bestimmen. Ich kann nicht überall eingreifen, sonst hätten die Menschen wohl gar keinen eigenen Willen mehr, nicht wahr? Und wozu würden sie sonst leben, wenn ich ihnen alles vorgeben würde? Dann wären sie nur noch meine Marionetten, das Puppenvolk, mit welchem ich spielen könnte. Aber genau das sollen sie nicht sein. Wer weiß, ob ich ewig existiere. Vielleicht verschwinde ich irgendwann so plötzlich, wie ich einst entstanden bin. Und in diesem Fall sind sie am Ende auf sich gestellt. Dann müssen sie selbst für sich sorgen und sollten sich dessen bewusst sein, dass das Gute auf der Welt das einzig Erstrebenswerte ist."

Eine plötzlich Stille umgab die beiden und ließ die Geräusche der verschiedenen Tiere umso lauter wirken. Noch immer hörte das Schicksal die Worte in ihrem Kopf und doch verstand sie Yzandiel. Er schien das Menschenvolk unglaublich zu mögen und steckte all seine Hoffnung und sein Glauben in sie.

„Aber weshalb dürfen wir Fügungswesen keine Erinnerungen mehr haben? Damit werden uns auch unsere Gefühle genommen und lassen uns zu kleinen Arbeitern im großen System werden", wollte S-203 wissen. Seit sie sich vollständig an ihr damaliges Leben erinnern konnte, waren die Gefühle in ihr noch ein Stückchen weitergewachsen. Wie ein waschechter Mensch fühlte sie sich nun und konnte nicht im Geringsten nachvollziehen, wie ihre Kollegen derart kalt und gefühlsarm „leben" konnten.

„Ich verstehe, dass es aus deiner Sicht ganz anders ist. Du hast Gefühle, Erinnerungen, du hegst Sympathie für manche und dein Gerechtigkeitssinn ist weitaus ausgeprägter als der anderer Fügungswesen. Aber was würde aus der Welt werden, wenn sie sich alle weiterhin erinnern könnten? Keiner würde seiner Arbeit nachgehen. Sie würden ihre Liebsten weiterhin beobachten, sie würden aus subjektiven Gefühlen heraus gutartig oder bösartig handeln. Es wäre für sie kein richtiger Tod. Stattdessen würden sie versuchen als unsichtbare Hülle weiterzuleben und den Schlussstrich, welcher doch eigentlich hinter ihrem Leben bereits gezogen worden war, würden sie versuchen zu verwischen – ihn verschwinden zu lassen. Sie würden den Tod nicht akzeptieren. Sie würden nur weiter am Leben hängen und somit wäre niemandem geholfen. Die Menschheit würde ohne Fügungswesen erneut ins Chaos stürzen und hier oben würden auch die verstorbenen Wesen nichts als Unheil anrichten. Sie würden nur an sich denken und somit ist es unausweichlich, dass ihnen die Erinnerung genommen werden muss. Sie dürfen nicht mehr so stark fühlen, nicht mehr an ihr altes Leben denken. Denn dieses liegt hinter ihnen. Sie hatten dieses eine Leben auf der Welt und ob kurz oder lang, gut oder schlecht, danach ist es vorbei. Und diese Tatsche muss akzeptiert werden. Außerdem haben die Seelen selbst die Wahl, ob sie als Fügungswesen arbeiten wollen oder doch lieber den endgültigen Tod in Frieden vorziehen."

S-203s Körper fühlte sich schwer und eng an. Sie hatte das Bedürfnis, wie ein Mensch zu weinen, ihre Traurigkeit wie Ballast abzuwerfen. Das Schicksal verstand die Regeln und das Konzept des Lebens und doch fand sie es so unfair. Wie konnte es sein, dass manch gute Menschen wie sie solch ein kurzes Leben hatten, während andere mit Missgunst und Gier durchs lange Leben gingen.

„Ich weiß, ich wiederhole mich. Der Ausgleich auf der Welt ist wichtig. Die Regeln hier bei uns im Himmelsjenseits sind ebenso wichtig, damit nichts außer Kontrolle gerät. Und doch werde ich es nie allen recht machen können. Dafür sind wir alle zu verschieden. Und diese Einzigartigkeit ist auch gut so. Manchmal ist das Leben unfair und daher könnt ihr lediglich das Beste daraus machen."

Mit seinen liebevollen und tief durchdringenden Augen blickte er das geknickte Schicksalswesen an. Langsam ging er zu ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie spürte den warmen Druck und die Sicherheit, die er ihr damit gab.

„Und die Fügungswesen sind doch keineswegs gefühlskalte Roboter. Auch sie können Sympathie empfinden und Freundschaften führen. Sie alle tragen noch ein kleines bisschen Menschsein in sich, auch wenn ihre Fähigkeit zu Fühlen weitaus abgeschwächter ist als früher."

Lächelnd betrachtete er sie. Er merkte, dass die Ungerechtigkeit in der Welt, welche jedoch nur sehr schwer zu überwinden war, das Schicksal stark belastete. Sie selbst war von ihr ein Opfer geworden. Im Prozess hatte man sie zurecht verurteilt, da sie in ihrem Zustand nicht in der Lage war, weiterhin als Fügungswesen zu arbeiten. Sie passte nicht mehr in das System und die Führungsebene hatte sich für ein letztes Leben als Mensch entschieden, welches sie schon bald antreten würde.

„Wird F-67 zur Rechenschaft gezogen werden?", fragte die Rothaarige hoffnungsvoll und hob ihren Blick. Zustimmend nickte der Alte und löste seine Hand von ihr.

„Das wird sie. Als Mitglied der Führungsebene war es ihr nicht gestattet, Menschen aus persönlichen Gründen zu töten. Und auch sie hat nach wie vor ihre Erinnerung – ganz so wie du und Z-11. Sie wird sich demnächst selbst in einem Prozess erklären müssen und danach entscheide ich persönlich, was aus ihr wird. Aber darum brauchst du dich nicht zu sorgen. Du wirst diese Welt hier hinter dir lassen und erneut dem menschlichen Leben nachgehen", sagte er, während hinter ihm eine Vielzahl an Schmetterlingen emporstieg und über ihren Köpfen einen Tanz in der Luft aufführten.

„Ist es nicht unfair, dass James und ich diese Strafe erhalten, obwohl wir nichts für unsere Situation können? Unser Tod war ein rachsüchtiger Unfall, unsere bleibende Erinnerung ein zufälliger Fehler und unsere Liebe kann keineswegs falsch sein", verteidigte sich die Rothaarige.

„Das stimmt. Ihr beide habt ein wenig Pech gehabt, was euer gemeinsames Leben anging. Aber wenn du ganz ehrlich bist, dann ist so ein menschliches Leben für euch doch keine wirkliche Strafe, oder?", fragte er mit einem Grinsen, das ihr schon beinahe frech vorkam. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihn, als er ihr plötzlich zuzwinkerte.

„Ich denke, in eurem Fall ist es angebracht, euch ein letztes menschliches Leben voller Glück und Liebe statt Leid und Schmerzen zu ermöglichen. Siehst du das nicht auch so?", fragte er und konnte die innere Freude erkennen, welche in S-203 aufkeimte.

„Außerdem möchte da noch jemand vor deiner Abreise mit dir sprechen", fügte er beinahe geheimnisvoll hinzu und wies mit seinem Arm in Richtung Glasaufzug. Aufgeregt reckte sie ihren Kopf in die Höhe und erkannte einen gelben Schimmer hinter der Tür auftauchen

„Ich lasse euch mal kurz allein", sagte er noch und verschwand, doch das Schicksalswesen bekam davon kaum etwas mit. Mit großen Augen erblickte sie ihre Karmafreundin, welche langsam zwischen den Blättern hervorkam.

„Hey", entgegnete diese ihr mit einem schwachen Lächeln. Sie konnte ihr ansehen, dass ihr die Funkstille mehr als leidgetan hatte.

„Hey", erwiderte sie ihr ebenfalls und ging urplötzlich dem Drang nach, sie in ihre Arme zu schließen.

„Ich habe dich so vermisst", nuschelte sie in die Schulter des Karmas und drückte sie ein letztes Mal fest an sich.

„Ich dich auch. Es fehlte mir richtig, dir von meiner Arbeit und den unglaublichen Situationen zu erzählen, welche ich erlebt hatte."

Langsam ließ das Schicksal wieder von ihr ab und betrachtete ihre Freundin. Schon bald würde sie sie vergessen und hinter sich lassen. Düstere Wolken legten sich über ihre innere Freude und zogen ihre Mundwinkel in die Tiefe.

„Hey, jetzt schau doch nicht so deprimiert", versuchte die gelbgekleidete Brünette sie aufzumuntern.

„Wir sollten die übrige Zeit so gut wie nur möglich nutzen, ja?" Mit diesen Worten und ihrem breiten Grinsen hatte K-4598 den Trübsinn der Rothaarigen verdrängt und sie mit ihrer guten Laune angesteckt. Mit dem rechten Arm hakte sich S-203 bei ihr unter und gemeinsam setzten sie sich auf eine Bank inmitten des kleinen Dschungels.

Das Schicksalswesen fühlte sich zurückversetzt in die letzten Jahre, in welchen sich die beiden Freundinnen beinahe täglich zum Spazieren und Plaudern getroffen hatten. Und fast ein jedes Mal hatten sie sich am Ende auf einer Parkbank niedergelassen, von wo aus sie die Menschen perfekt überblicken konnten. Sehnsucht nach der Vergangenheit erfüllte S-203, als sie noch keine der Erinnerungen vor ihrem inneren Auge gesehen und ihre Gefühle noch nicht so stark wahrgenommen hatte.

Diese Zeit würde nie wieder zu ihr zurückkehren. Die Begegnung mit F-67 und Z-11s Nähe hatten sie in eine Einbahnstraße gedrängt, aus welcher es nun kein Entkommen gab. Sie konnte nichts weiter tun, als weiter ihrem eigenen Schicksal zu folgen. Raus aus der Welt der Fügungswesen und hinein in das bunte Treiben der Menschen.

„Yzandiel hat recht. Ich denke, dass ein letztes Leben als Mensch genau das ist, was ich mir tief im Inneren wünsche. Ich bekomme die Chance, mein kurzes Leben nachzuholen, es erneut mit wundervollen Momenten und Erinnerungen zu füllen", sprach S-203 aus ihrem Herzen hinaus.

„Und ich werde dich ab und zu da unten besuchen und ein Auge auf dich haben. Und wenn du Gutes tust, belohne ich dich auch gerne", schwärmte das Karma von ihrer bevorstehenden Zukunft. Lachend schüttelte das Schicksalswesen den Kopf.

„Aber du darfst mich nicht bevorzugen, ja? Nicht, dass du dich noch meinetwegen in Schwierigkeiten begibst!", tadelte sie ihre Freundin mit gespielter Ernsthaftigkeit.

„Ja ja, ich passe schon auf. Außerdem hat Gott Yzandiel uns quasi damit beauftragt, euch beiden als Ausgleich für eurer kurzes, gemeinsames Leben ganz viel Gutes zu bescheren. Schicksal, Karma und Glück sind auf eurer Seite. Und wenn es sein muss, werde ich meine Ellenbogen ausfahren, um das Pech von euch fernzuhalten", versicherte sie zuversichtlich und präsentierte ihre nicht vorhandenen Armmuskeln.

Kichernd hielt sich das Schicksal die Hand vor den Mund und spürte die Dankbarkeit für solch eine tolle Freundin.

„Also dann, es wird Zeit", unterbrach sie die ruhige, sanfte Stimme Gott Yzandiels. Mit langsamen Schritten war er erneut zwischen den grünen Blättern aufgetaucht und ließ die beiden Fügungswesen zu ihm aufblicken.

Enttäuschung über das kurze Gespräch und Vorfreude auf ihr zweites Leben duellierten sich im Hüllkörper der Rothaarigen. Der eine Teil wollte sich jetzt noch nicht vom Karmawesen verabschieden. Schließlich hatten sie sich eben erst nach langer Zeit wiedergesehen und endlich versöhnt. Doch sie folgte den Worten des alten Mannes und griff nach seiner Hand, um sich auf die Beine ziehen zu lassen.

S-203 wendete ihren Blick zurück zu der Brünetten in gelber Uniform. Lächelnd strahlte diese sie an und winkte ihr zum Abschied. Ein letztes Mal blickte sie in das Gesicht ihrer Freundin, welche sie all die Zeit so akzeptiert hatte, wie sie war.

„Ach, kannst du bitte dafür sorgen, dass Zachary in seinen letzten Jahren noch Besuch vom Glück und vom Schicksal bekommt? Er hat es verdient, wenigstens noch ein paar gute Erlebnisse zu genießen", rief sie den Gedankenblitz ihrer Freundin zu, welche ihn nickend zur Kenntnis nahm.

„Ich werde dafür sorgen, dass er es gut haben wird", versicherte sie ihr. Ohne etwas zu sagen, nickte S-203 ihr dankend zu und spürte die Erleichterung in ihrem Körper. Es war für sie, als hätte sie hier nun alles erledigt, als könne sie nun endlich nach vorn blicken.

Durch den Pflanzendschungel hindurch führte der Erschaffer der Welt sie zurück zu dem gläsernen Aufzug.

„Genieß dein Leben in vollen Zügen, okay?", flüsterte er ihr zwinkernd zu und drückte ihre Hand noch einmal ein Stückchen fester. Anschließend ließ er sie los und allein trat das Schicksalswesen hinein. Die durchsichtige Tür schloss sich vor ihr und ein ungemein aufregendes Gefühl hüpfte in S-203 regelrecht wie ein Flummi auf und ab.

Nun war es so weit. Ihre letzten Minuten, in welchen sie aus der Luft hinaus auf die kleinen Menschen hinabblickte. Schon bald würde sie erneut einer von ihnen sein und sich mit den alltäglichen Problemen herumschlagen müssen. Doch wider den Ansichten aller Fügungswesen war diese Aussicht für sie kein Albtraum, keine unschöne oder gar abartige Vorstellung. Sie freute sich darauf und endlich musste sie dieses starke Gefühl im Inneren nicht mehr unterdrücken, nicht mehr vor den anderen verbergen.

Gott Yzandiels Gesicht schenkte ihr mit seinem Lächeln eine Ruhe, die in ihr all die Aufregung und Nervosität platzen ließ. Ohne ein einziges Ruckeln nahm der Aufzug an Geschwindigkeit auf und ließ das Gewächshaus unter ihr schnell zu einem kleinen Punkt werden. Je höher sie fuhr, desto mehr kribbelte es in ihrem Bauch und zog ihre Mundwinkel ebenfalls weiter hinauf.

Ihre Gedanken wanderten zu Z-11, welchen sie zu gern noch einmal vor ihrem Abschied gesehen hätte. Ob er sein Leben als Fügungswesen bereits hinter sich gelassen hatte? Oder würde er erst nach ihr an der Reihe sein?

Doch allein die Erinnerung an ihn und an all die Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, ließen sie selig vor sich hin grinsen. Sie war sich sicher, dass sie ihn beim Prozess nicht zum letzten Mal gesehen hatte und dass sich ihre Wege erneut kreuzen würden.

Der Fahrstuhl wurde langsamer und hielt letztendlich in der Luft. Geräuschlos öffnete sich die Tür und ein weißes Wolkenmeer breitete sich vor S-203 aus. In ihren Füßen juckte es geradewegs, um sich endlich in die Unendlichkeit vor ihr zu begeben. Ihr Hüllkörper sehnte sich nach der Freiheit, nach der Erlösung aus dem strengen System, in welches sie nicht hineinpasste.

Mit dem nächsten selbstsicheren Schritt nach vorn gab sie sich ihrem eigenen Schicksal hin und verschwand in einem hellen Lichtblitz.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top