Kapitel 15
In Gedanken versunken saß F-67 am Schreibtisch ihrer Zentrale, welche durch das Orange zwar nicht ganz farblos war, aber dennoch sehr kühl und leblos wirkte. Ihr blond-graues Haar hatte sie zu einem strengen Dutt zusammengebunden und mit ihrem Schreibgerät tippte sie ihren Wochenbericht ab.
„Nachdem das Glückswesen die zukünftigen Lottozahlen im gesamten Seniorenheim in Duderstadt am Eingang veröffentlicht hat, wurde es von uns abgeführt und muss sich demnächst im Prozess rechtfertigen, weshalb es dieses große Glück einer solch großen Anzahl an Personen gegeben hat."
Als sie ihren Eintrag beendet hatte, blätterte sie um und schrieb den nächsten Vorfall nieder.
„K-27 aus der Abteilung Karma verfolgte einen Mann, welcher lediglich –", doch das plötzliche Auffliegen ihrer Zentralentür riss sie aus ihrer Arbeit und ließ sie verärgert über diese Störung aufsehen.
„SS-104?", sprach sie voller Verwunderung und ein Gemisch aus verschiedenen Gefühlen flackerte für einen kurzen Moment in ihren Augen auf. Überraschung, Furcht, ja beinahe Panik.
„Was machst du hier?", fragte sie, nachdem sie die Kontrolle über ihre Stimme zurückgewonnen hatte.
„Wir haben ein Problem", zischte er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte und lief nun vor ihr aufgebracht im Kreis umher.
„Was?"
Völlig verwirrt starrte sie ihn an und sprang von ihrem Stuhl auf.
„Jetzt bleib doch mal stehen, du regst mich mit deiner Hektik total auf", forderte sie ihn ungeduldig auf. Der ältere Seelensammler sollte endlich mit der Sprache herausrücken und ihr erzählen, was los war. Ihre ernsten und klaren Worte stoppten ihn in seiner Bewegung. Gefüllt mit Angst blieb er ganz nah vor ihr stehen und starrte ihr geradewegs in die Augen.
„Das 100-Prozent-Pärchen ... sie suchen nach ihrer Vergangenheit."
Entsetzt blickte F-67 das schwarzgekleidete Wesen an.
„Nach ihrer Vergangenheit?", wiederholte sie seine Worte fast sprachlos.
„Ja, sie scheinen sich zu erinnern. Einige Wesen haben sie gemeldet, weil sie umhergeirrt ist, kritische Fragen gestellt und das System angezweifelt hat", erklärte der Seelensammler ihr beinahe atemlos – selbst ohne Lungen.
„Wie heißen die beiden nun?", fragte sie ihn und war nach außen hin völlig gefasst. Doch in ihrem Inneren brodelte es geradewegs, da sie gehofft hatte, nie wieder mit den beiden zu tun haben zu müssen.
„S-203 und Z-11", gab er ihr die Antwort, was sie sich sogleich notierte.
„Wie konnte das denn nur passieren? Sie wurden doch wie jeder andere auch enterinnert?", ging sie ihrem akuten Problem auf den Grund. Schuldbewusst senkte SS-104 seinen Kopf und spielte an seinen Fingern herum.
„Sie wurden doch enterinnert, richtig?", vergewisserte sie sich mit argwöhnischem Blick.
„Nun ja, also damals, in der Nacht des Unfalls", stotterte der Seelensammler, welcher die beiden verstorbenen Seelen 1966 auf der Straße eingesammelt hatte.
„Jetzt sag schon!", forderte sie ihn forsch auf.
„Ich hatte zu der Zeit einen Neuling. Es war sein erster Tag als Seelensammler und zwei Seelen waren ihm zufällig hinuntergefallen. Er hat sie anschließend zurück zu den anderen gelegt, deren Erinnerung bereits entnommen worden waren."
Kleinlaut blickte er hoch und sah vor sich das wütende Gesicht der älteren Dame.
„Er hat was?", schnaubte sie verständnislos. „Ihr hättet die beiden einfach heimlich verschwinden lassen können. Dann hättet ihr euren Bericht etwas abgeändert. Oder ihr hättet es ganz ehrlich gemeldet und wärt vielleicht sogar ohne Strafe davongekommen. Wie kann man so gedankenlos handeln?", fluchte und beleidigte die Frau aus der Führungsebene, welche innerlich vor Wut kochte.
Die starken, negativen Gefühle in ihr waren für SS-104 nicht ganz nachvollziehbar. Er wusste zwar, dass sie nicht ganz normal war, dass auch sie viel mehr fühlte, als sie dürfte, doch dennoch konnte er sich nicht im Entferntesten vorstellen, wie es war, so zu fühlen.
Wut, Hass, tiefe Abneigung, die einen über Leichen gehen ließ.
„Ich weiß, das hätten wir womöglich tun sollen. Aber woher sollte ich denn wissen, dass es ausgerechnet diese beiden Seelen waren. Es hätte auch jede andere sein können. Mein Schüler hatte sie aus der Angst heraus sofort zu den anderen zurückgelegt, wo sie nicht mehr zu unterscheiden waren. Ich wollte nach diesem Abend keinen Stress und keine zusätzliche Arbeit mehr. Ich hatte schlicht gehofft, dass die beiden Seelen ihre Erinnerungen nicht mehr besaßen."
Beinahe flehend rechtfertigte sich SS-104 für seine damalige Vertuschung.
„Also bitte, verrate es niemandem. Ich zähle auf deine Verschwiegenheit, so wie ich auch dich und deine Tat decke", flüsterte er ihr nun zu, da er wusste, dass er einiges gegen sie in der Hand hatte.
„Das klingt ja fast wie eine Drohung. Wenn ich untergehe, reiße ich dich mit mir, denke daran", fauchte sie mit funkelnden Augen, während sie ganz nah vor seinem Gesicht stand.
„Nun gut, wir können an diesem Fehler nichts mehr ändern. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die beiden aufzusuchen und durch einen Prozess verurteilen zu lassen. Sie besitzen Erinnerungen, menschliche Gefühle, recherchieren nach ihrem damaligen Leben und vor allem zweifeln sie am System. Das sollten genug Anklagepunkte sein, um ihnen das Leben als Fügungswesen zu entreißen. Vielleicht können wir ihnen die höchste Strafe verpassen. Ein letztes Leben als Menschen in Leid und Elend. Dann sind wir sie endgültig los und keiner wird uns in der Zukunft auf die Spur kommen."
Nachdem F-67 ihren spontanen Plan preisgegeben hatte, verständigte sie sofort die anderen Wesen aus der Führungsebene, um eine große Suchaktion zu starten. Sie mussten die beiden verlorenen Seelen finden, bevor sie noch ihre genaue Erinnerung an den Unfall zurückerlangen konnten.
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