Kapitel 12

Helle Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch das kleine Fenster und kitzelten die junge Frau wach. Noch immer war ihr Körper mit Glückshormonen bis zum Rand gefüllt, sodass sie schon bald drohten überzulaufen. Schützend zog sie die Bettdecke über ihre nackten Schultern, um nicht zu frieren und drehte sich zur Bettmitte, um James einen guten Morgen zu wünschen.

Doch ihr Lächeln erstarb, als sie neben sich nichts weiter als das blaue Bettlaken mit den weißen Blümchen erblickte. Schlagartig war sie hellwach und setzte sich auf, um das kleine Zimmer auf Hinweise zu untersuchen.

Eilig zog sie sich an und wanderte leise durch das Gasthaus – darauf bedacht, keinen der anderen Gäste zu wecken. Sie verdrängte die Angst, welche von innen gegen ihre Brust schlug und mit jedem Schlag mehr auf sich aufmerksam machen wollte. Doch noch ließ sie es nicht zu, daran zu denken, dass er sie nach der gemeinsamen Nacht einfach so verlassen hatte. James würde so etwas nicht tun. Niemals.

Im Bad fand sie keine Spur von ihm und auch der Speisesaal war menschenleer. Mit jeder Sekunde wuchs ihre Enttäuschung und die Sorge, ihn verloren zu haben, schnürte ihr regelrecht die Kehle zu. Schwer atmend und lediglich Hausschuhe tragend rannte sie hinaus vor die Tür und musste entsetzt feststellen, dass James Auto nicht mehr an Ort und Stelle stand. Er war fort.

Das Gedankenkarussell in ihrem Kopf nahm an Fahrt auf und drehte sich unaufhaltsam um die eigene Achse, ohne ein Ziel zu erreichen. Womöglich war er nur kurz weggefahren, um etwas zu erledigen? Sicher würde er bald zurückkommen.

Doch so sehr sie sich diese Theorie einredete und sich förmlich daran klammerte, umso trauriger war sie, als James auch am Abend noch nicht zurückgekehrt war. Ohne ihn war sie völlig aufgeschmissen, hatte kein Geld und kein Auto. Doch allem voran hatte sie keinen James.

Die Wirtin ließ sie noch eine weitere Nacht in ihrem Gasthaus übernachten. Die Rothaarige fand jedoch nicht in den Schlaf und musste sich am nächsten Morgen mit großen Augenringen im Gesicht eingestehen, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als ihre Eltern zu kontaktieren und sie zu bitten, sie hier abzuholen. Für diesen Schritt musste sie all ihre Träume und Hoffnungen aufgeben und die Vernunft siegen lassen.

*

„Poch, poch", hörte das Schicksal jemanden vor ihrer Tür rufen. Erschrocken zuckte sie zusammen und überlegte kurz, wer sie in ihrer Zentrale besuchen könnte. Hoffnung wuchs in ihr, dass ihre Karmafreundin gekommen war, um sich wieder mit ihr zu versöhnen.

Seit Tagen hatten sie sich nicht mehr gesehen. Ihr Streitgespräch in der Kirche hatte einen Keil zwischen sie getrieben und keiner der beiden wusste, wie oder wann sie diese Funkstille wieder auflösen könnten.

Angstgefühle klammerten sich nun an sie und vertrieben die strahlende Hoffnung. Womöglich hatte die Führungsebene von ihrem menschenähnlichen Verhalten Wind bekommen und sie waren nun gekommen, um sie zu verhaften.

Doch S-203 schüttelte ihren Kopf über diesen unrealistischen Einfall und steckte all ihren Glauben in das Karma und eine baldige Rückkehr ihrer Freundschaft. Ohne nachzudenken, öffnete sie die Tür schwungvoll, doch ihre Mundwinkel fielen regelrecht hinunter, als sie keine K-4598 vor sich erblickte.

„Magst du mich so wenig, dass du dich kein bisschen über meinen Besuch freust?", fragte Z-11 sie gespielt getroffen, doch ein Lachen kam über seine Lippen, als er das Fügungswesen vor sich einmal von oben nach unten musterte. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie hier in ihrer Zentrale stets ihre Wohlfühlsachen trug, welche jedoch nicht für die Augen anderer Wesen bestimmt waren.

„Ich wusste ja nicht, dass ich Besuch bekomme", antwortete sie ihm beleidigt und ging ohne ein weiteres Wort zurück in den Raum hinein. Das Wesen aus der Abteilung Zufall folgte ihr hinein und schloss die Wolkentür mit einem Fingerschnipsen hinter sich.

„Also ich finde deinen Gammellook süß", sprach er ihr etwas Mut zu. Doch bei ihrer Vorgeschichte und all den Scherzen, welche sie von ihm schon gehört hatte, fiel es ihr schwer, seinen Worten Glauben zu schenken.

„Wirklich", versicherte er ihr noch ein weiteres Mal und ließ sich ohne Aufforderung in seiner blauen Kleidung auf dem Teppich nieder.

„Wieso bist du hier?", fragte S-203 ihren Gast, welcher sich selbst eingeladen hatte. Sie spürte die vermeintliche Aufregung im Inneren ihrer Hülle, als sie sich neben ihn auf ihren Stammplatz setzte, von welchem aus sie einen perfekten Überblick über alle Bildschirme an der Wand hatte.

„Wow", staunte er, da in seiner Zentrale keine solcher Geräte hingen. Seine Arbeit war viel weniger geplant und durchdacht. Er handelte tagtäglich nur zufällig und spontan, wenn er unter den Menschen war.

„Tja, als Schicksalswesen ist man nunmal viel enger mit den Menschen und ihren einzigartigen Geschichten verbunden. Ich verfolge sie über Tage, Wochen und manche Pärchen sogar über Jahre, bis sie letztendlich zusammenkommen. Das muss alles gründlich durchdacht werden!" Anerkennend nickte Z-11 und betrachtete zwei Menschen auf dem untersten Bildschirm.

„Ich wollte dich einfach nur sehen", antwortete er ihr mit etwas Verspätung auf ihre Frage hin. Überrascht von seiner Offenheit und seinen ernsten und ehrlichen Worten, blickte sie ihn von der Seite an. Z-11 drehte seinen Kopf zu ihr und betrachtete sie mit einem liebevollen Lächeln.

„Irgendwie sind die Tage ohne dich für mich langweilig geworden. Als hätte es keinen Sinn, jeden Tag den gleichen Unfug im Leben der Menschen zu stiften."

„Aber das ist doch deine Arbeit. Sie haben dich aufgrund deiner Fähigkeiten und deines vorherigen Lebens dafür ausgewählt. Sollte es dir dann nicht auf eine schwache Art und Weise Spaß machen?"

Mit schief gelegtem Kopf schaute sie ihn an, während ihr Kopf auf Hochtouren arbeitete. Kein normales Fügungswesen würde seine Arbeit je in Frage stellen oder sie gar als langweilig bezeichnen. Auf ihrer Zunge lagen die Worte, mit denen sie ihn weiter aushorchen wollte.

Hatte er wie sie manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören? Fühlte er auch das seltsame Band zwischen ihnen oder war sie mit dieser Theorie auf einer völlig falschen Fährte? Womöglich war es nur ihre Wunschvorstellung, nicht allein mit diesen Gedanken zu sein.

„Doch doch, natürlich mag ich meine Arbeit. Vergessen wir meine Worte. Also, wer sind die beiden da?"

Z-11 hatte das Thema so schnell wie nur möglich beendet und war damit S-203s Verhör geradeso entkommen. Noch immer versuchte sie sein Verhalten irgendwie einzuordnen und zu verstehen. Doch sie schüttelte kaum merkbar den Kopf und blickte anschließend nach vorn zum untersten Bildschirm.

„Das sind Margot und Nick", sagte sie grinsend, als sie das Pärchen erkannte, welches aneinander gekuschelt unter der warmen Bettdecke lag und friedlich vor sich hin schlummerte.

„Ich habe sie vor ein paar Wochen zusammengebracht. Die beiden waren wirklich unglaublich süß", schwärmte die Rothaarige, was dem Zufall ein Grinsen entlockte. Er mochte es, wenn sie geradewegs wie ein Stern strahlte und derart entzückt von der starken Liebe der Menschen war.

„Was glaubst du, was auf dem Campus los war, als die beiden das erste Mal Händchen haltend über den Platz gelaufen sind. Überall Getuschel, Gerüchte und Geläster. Aber den beiden konnte es nicht egaler sein, dass sie eine Professorin ist und er ein Doktorand. Und durch diese Reaktion haben die meisten sehr schnell das Interesse an ihnen verloren", klärte sie ihren Gast über das Pärchen auf.

Abermals ließ sie ihren Blick zu Z-11 schweifen, welcher beinahe sehnsüchtig auf das schlafende Pärchen vor sich starrte. Was er wohl dachte? S-203 hatte das Gefühl, dass auch er tief im Inneren ein kleiner Romantiker war. Sie spürte die Nähe seines Hüllkörpers dicht neben sich und rutschte ganz von selbst wenige Zentimeter zu ihm, bis sich ihre Oberarme leicht berührten. Die angenehme Berührung ließ sie wie ein menschlicher Teenager schüchtern grinsen, was ihm keinesfalls entging.

„Was ist los?", fragte er sie belustigt, da sie ihr Grinsen von ihm abgewandt hatte.

„Nichts, nichts", entgegnete sie einfallslos und verbarg ihre warmen Wangen. Wäre sie noch immer ein Mensch, wäre sie nun wohl knallrot angelaufen. Für ein paar Sekunden blickte er sie von der Seite an, doch eine Antwort konnte er ihr nicht entlocken. Die nächste Zeit saßen sie schweigend nebeneinander, genossen die Nähe des anderen und beobachteten die Erdenbewohner auf den Bildschirmen.

„Magst du vielleicht ein paar Gummibärchen?", brach das Schicksal die Stille nach einiger Zeit. Verwirrt blickte ihr Gast sie an, da er als übernatürliches Wesen noch nie den Drang verspürt hatte, etwas zu essen.

„Ich weiß, was du jetzt denkst. Wir Fügungswesen müssen nichts essen und schmecken können wir erst recht nichts. Aber glaube mir, auch wenn sie nicht echt und ebenso unsichtbar wie wir sind, sind sie dennoch köstlich! Zumindest wenn man sich den leckeren Geschmack ganz stark einredet." Hastig stand sie auf und holte eine Schüssel voller bunter Süßigkeiten.

„Hier", sagte sie strahlend und hielt sie ihm entgegen. Er warf ihr einen letzten zögernden Blick zu und nahm dann langsam ein kleines, rotes Herz aus dem Gefäß. Erwartungsvoll beobachtete sie ihn, als er es in seiner Hülle verschwinden ließ. Er versuchte so stark wie nur möglich an einen Geschmack zu denken, welchen er womöglich als Mensch einmal gespürt hatte.

„Und, wonach schmeckt es?", fragte sie aufgeregt und nahm sich ebenfalls eins. „Also meins schmeckt ja nach Kirsche. Auch wenn ich nicht weiß, wie Kirsche schmeckt, aber für mich ist es das einfach", erklärte sie schmatzend und setzte sich mit der Schüssel wieder zu ihm auf den Teppich.

„Kirsche", wiederholte er nachdenklich. „Da könntest du recht haben", redete er weiter und kaute wie ein Mensch auf dem Gummibärchen herum. Kichernd schaute sie ihm dabei zu und gemeinsam naschten sie auch noch die restlichen kleinen Herzen, bis die rosa Form leer war.

Wie ein Bumerang kehrten die Gedanken an ihr früheres menschliches Leben zurück in ihren Kopf. Sie konnte sich nicht erklären, woher die Erinnerung an diesen fruchtigen Geschmack kam und doch glaubte sie, ihn tatsächlich schmecken zu können. Doch auch Z-11 schien die Kirsche zu erkennen, was nur noch mehr Fragezeichen in ihr aufploppen ließ.

Erneut zögerte sie, das belastende Thema anzusprechen und aus dem Käfig ihres Inneren zu entlassen. In seiner Nähe fühlte sie sich jedoch besser verstanden, nicht so allein. Also wieso sollte sie ihm nicht von ihren Gedanken und Gefühlen erzählen, welche sie die letzten Wochen wie ein Poltergeist verfolgten?

„Du", begann sie ganz zaghaft und starrte hinunter auf ihre Hände.

„Hm?", fragte er ahnungslos und blickte sie seelenruhig und abwartend an.

„Es kann sein, dass ich für dich gleich völlig verrückt klinge. Falls dem so ist, vergessen wir meine Worte einfach ganz schnell, okay?"

Mit dieser Abmachung wollte sie sich absichern und ihre neu gewonnene Freundschaft nicht riskieren. Zustimmend nickte er.

„Ich frage mich in letzter Zeit sehr oft, wie mein Leben damals als Mensch war. Was für eine Person ich war, wie ich gelebt habe, was für eine Liebe ich erfahren durfte", vorsichtig hob sie ihren Blick und analysierte das Gesicht des Zufalls. Von einer auf die nächste Sekunde war es ernst und starr geworden. Mit geschlossenem Mund schaute er hinunter und erwiderte ihre Blicke nicht.

„Seit du in mein Leben gekommen bist – wenn man es denn als Leben bezeichnen kann – denke ich häufiger an früher, habe das Gefühl mich erinnern zu können. Nur ganz bruchstückhaft, aber diese Bilder in meinem Kopf sind klar und deutlich. Zachary, James, Schottland. All diese Szenen aus dem Leben einer Frau sehe ich vor mir, als wäre es meines gewesen. Ich sehe es und doch kann ich mich nicht richtig erinnern. Ich kann nicht sagen, wer diese Personen sind, ob sie mir nun bekannt vorkommen oder doch fremd sind. Nicht zu vergessen diese Frau aus der Führungsebene, welche mich neulich so kalt angeschaut hatte, als würde sie mich kennen und verabscheuen. Ich erinnerte mich an einen Unfall, eine schreckliche Angst und diese Frau in Orange. All diese Bilder spuken wie Puzzleteile in meinem Kopf umher. Dabei weiß ich nicht einmal, ob sie alle Teile desselben Puzzles sind. Ich bin überfordert. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll und weiß nur zu gut, wie gefährlich allein das Aussprechen dieser Gedanken ist. K-4598 habe ich mit meinem Verhalten bereits vergrault. Ich bringe nicht nur mich, sondern auch sie und vor allem dich in Gefahr."

Verzweifelt verstummte sie und blickte weiterhin in das emotionslose Gesicht des Zufallswesens. Noch immer schwieg er und schien ihr keine Antwort entgegenbringen zu wollen.

„K-4598 war der Meinung, dass ich mir alles nur einbilde, dass ich einfach ein wenig mehr meiner Seele behalten habe als die anderen. Ich sollte es verdrängen, nicht weiter darüber nachdenken und einfach weiter meiner Arbeit als Schicksal nachgehen. So war zumindest ihr Ratschlag."

Sorgen stiegen in ihr auf, da ihr Freund kein Wort herausbrachte. Gerade von ihm hatte sie etwas Verständnis erwartet. Er war es doch, der sie die ganze Zeit über verfolgt hatte, der mit ihr tanzen wollte und sie ganz wie ein Mensch als „süß" bezeichnete. Doch nun blieb er stumm und wagte es nicht einmal sie anzusehen.

„Ich finde, sie hat recht damit", sprach er nach einer gefühlten Ewigkeit mit brüchiger Stimme. Kurz räusperte er sich, um ihr wieder etwas mehr Kraft und Sicherheit zu verleihen.

„Du bringst dich und andere mit diesen Gedanken nur in unnötige Gefahr. Du kannst dich als Fügungswesen nicht erinnern und selbst wenn du von deinem Menschenleben erfahren würdest, was würde dir dies in deiner Situation bringen? Hattest du ein gutes oder ein schlechtes Leben? Ganz egal, ob gut oder schlecht, du könntest es nicht mehr ändern. Die Vergangenheit liegt hinter dir und hat lediglich diese Hülle von dir hinterlassen. Also bitte, versprich mir, dass du es vergisst. Gehe dieser Neugier nicht weiter nach, sonst wird es dich nur verletzen oder gar enttäuschen."

Flehend blickte er sie nun an und hatte während seiner direkten Worte nach ihrer Hand gegriffen. Traurig schaute sie ihn an. Sie hatte in ihm einen Verbündeten gesehen, doch nun empfahl er ihr das Gleiche wie auch das Karma zuvor. War sie wirklich so allein mit ihren Gefühlen und Erinnerungen? Verstand sie denn niemand?

Enttäuscht starrte sie hinab auf ihre verschränkten Hände. Sie spürte förmlich die Kraft, welche er ausübte und verkniff sich ihre unausgesprochenen Gedanken. Nicht nur die vermeintlichen Erinnerungen und die unstillbare Neugierde nach ihrem alten Leben verwirrten sie. Noch viel konfuser empfand sie die Gefühle, die Anziehung und unfassbar starke Sehnsucht, welche Z-11 auf sie ausübte. Und auch den Fakt, dass er in ihren Träumen als James auftrat, behielt sie weiterhin wie einen Schatz in ihrem Inneren.

„Ich sollte gehen", sprach er in den Raum hinein, nachdem er urplötzlich aufgesprungen war. Nicht einmal ansehen konnte er S-203, was sie nur sprachlos mit ansehen konnte.

„Bis bald", waren seine letzten Worte, bevor er ihre Zentrale durch die Tür verließ. Sein Abgang war so unerwartet eingetreten, dass das Schicksal völlig überrascht und unfähig zu handeln auf ihrem Teppich saß. Auf einmal verhielt er sich wie sie vor wenigen Tagen und flüchtete ohne sichtbaren Grund.

War ihre offene Aussprache zu viel für ihn gewesen? Hatte er womöglich wie das Karma Angst vor einer Bestrafung? Oder nutzte er das Fliehen wie sie, um den eigentlich doch unmöglichen und nicht regelkonformen Gefühlen zu entkommen? Sie konnte nur mutmaßen und diese Tatsache zerbrach ihr beinahe den Kopf.

*

„Darling, hast du an die Blumen für meine Oma gedacht?", fragte Zachary mit bedrückter Stimme und lugte mit dem Kopf in das Ankleidezimmer seiner zukünftigen Frau hinein.

„Ja, sie stehen bereits unten in einer Vase", antwortete sie – auf einem hölzernen Stuhl sitzend. Sie betrachtete ihre wilden Locken vor sich im Spiegel, welche sie soeben mit zwei grünen Bändern versuchte zu zähmen.

Nachdem die Tür wieder ins Schloss gefallen und sie allein im Raum war, spürte sie die schwere Last der letzten Wochen auf ihren Schultern. Es fühlte sich kaum so an, als ob sie noch vor kurzer Zeit ihr kleines Abenteuer mit James in Schottland erlebt hatte.

James.

Wie es ihm wohl gerade erging? Was machte er? Es war kein Tag vergangen, an welchem sie sich nicht den Kopf über sein plötzliches Verschwinden zerbrach. Ihr Herz konnte ihn nicht vergessen und doch musste ihr Leben weitergehen. Sie hatte sich dem Willen ihres Vaters gebeugt und war eine Beziehung mit Zachary eingegangen. Etwas anderes war ihr gar nicht übriggeblieben, da sie selbst nicht für sich hätte sorgen können.

Der Alltag mit ihm war langweilig und immer gleich. Es gab keine Aufregung, nichts Neues und erst recht keine sprießende Liebe. Zwar bemerkte sie, dass Zachary sehr wohl Gefühle für sie hegte und stets bemüht war, alles nach ihren Wünschen geschehen zu lassen. Und auch wenn es ihr für ihn mehr als leidtat, konnte sie diese Gefühle einfach nicht erwidern.

Sie hatte ihrem Verlobten und auch ihren Eltern nichts von James erzählt. Sicher hätten sie ihre Taten nicht gutgeheißen und außerdem wollte sie das kleine Abenteuer wie einen Schatz in sich behalten. Die Erinnerungen an diese Tage mit ihm sollten nur für sie und ihn bestimmt sein.

Nachdem sie ihre Haare zu zwei Zöpfen geflochten hatte, stand sie auf und tapste barfuß zum Fenster. Draußen in der Einfahrt erkannte sie Zachary, welcher mit einem Strauß gelber Tulpen zum Automobil lief.

Heute jährte sich der Todestag seiner Großmutter, welche ihn seit dem Kleinkindalter großgezogen hatte. Er hatte sie über alles geliebt. Wie eine Mutter war sie für ihn gewesen, doch im letzten Jahr musste er sie leider verabschieden. Wöchentlich besuchte er ihr Grab nun und erzählte ihr von jeglichen Neuigkeiten, von seinen Sorgen und Problemen.

Die rothaarige Frau blieb noch eine Weile am Fenster stehen, bis sie sich dazu entschloss, einen kleinen Spaziergang im Garten zu machen. Das Anwesen von Zachary hatte einmal seiner Oma gehört und er hatte es geerbt, renovieren lassen und sein Ziel war es, dem alten Gemäuer in der Zukunft neues Leben in Gestalt von Kindern einzuhauchen.

„Kinder", flüsterte sie, als sie ohne Schuhe über das grüne Gras lief und strich nachdenklich über ihren flachen Bauch. Rechts und links von ihr befanden sich Blumenbeete, welche in den verschiedensten Farben blühten. Seit einer Woche war ihre Periode nun überfällig und ihr Kopf malte sich bereits die verschiedensten Szenarien aus.

Wie sollte sie Zachary erklären, dass sie womöglich ein Kind bekam, welches jedoch von einem Fremden war? Würde er die Hochzeit dann platzen lassen und sie auf der Straße absetzen? Oder sollte sie doch lieber das Geheimnis bewahren und ihm die perfekte Familie vorgaukeln? Doch bevor sie sich über solche Dinge ernsthafte Gedanken machen konnte, musste sie zuerst abwarten, was die Apothekerfrösche sagen – beziehungsweise ob sie laichen – und somit eine Schwangerschaft bestätigen würden.

Erschrocken zuckte sie kurz zusammen, als ein Regentropfen sie genau im Auge traf. Überrascht blickte sie gen Himmel und erkannte über sich die dunkelgrauen Wolkenberge, welche sich Unheil bringend über ihr auftürmten.

Ohne nachzudenken, machte sie kehrt und rannte zurück zum Hauseingang. Schützend hielt sie die Arme über den Kopf, während sich die Wolken immer heftiger entluden. Pitschnass kam sie auf dem Hof an und wollte sich so schnell es ging ins Trockene hinein flüchten.

Doch ein Brief, welcher völlig durchnässt im Dreck lag, ergatterte sofort ihre Aufmerksamkeit. Hastig fischte sie nach dem labbrigen Stück Papier und brachte sich in Sicherheit. Voller Eile rannte sie die Stufen hinauf in ihr Zimmer und nahm dabei immer zwei gleichzeitig.

Von ihrer Neugierde getrieben, schloss sie ihre Tür hinter sich mit einem lauten Rums und ließ sich sogleich am Schreibtisch nieder, wo sie vorsichtig den Zettel aus dem nassen Umschlag nahm. Der Regen hatte ihn dermaßen durchweichen lassen, dass der Name des Empfängers völlig verwischt war. Lediglich ein großes „G" konnte die junge Frau noch entziffern.

Auch der mit Hand geschriebene Brief hatte stark unter der Feuchtigkeit leiden müssen. Mit zusammengekniffenen Augen ging sie die Textzeilen durch, während ihr Herz mit jedem Wort an Geschwindigkeit aufnahm.

„Ich bin es, James. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr es mir leidtut und welches Pech ich gehabt hatte, sodass ich nicht zu dir zurückkehren konnte. Ich kann und will mir nicht ausmalen, wie schwer es für dich gewesen sein musste und könnte es nur zu gut verstehen, wenn du mich nun nie wieder sehen wollen würdest. Aber glaube mir, ich wollte dich nicht verlassen. Damals im Gasthaus sagte ich zu dir, dass ich mein Leben mit dir verbringen möchte und dazu stehe ich auch heute noch. Ich warte morgen auf der großen Wiese, welche östlich von eurem Haus liegt, mit einem Picknick auf dich. Dort kann ich dir in Ruhe alles erklären und dann wirst du hoffentlich verstehen, dass es nie meine Absicht war, dich allein zu lassen. Ich hoffe, dich morgen endlich wieder sehen zu können. In Liebe – James."

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