Kapitel 10
Die Sonne strahlte hinab auf das quietschgrüne Gras und ließ die Wasseroberfläche des kleinen Sees wie einen Diamanten glitzern. Unter einem großen, weißen Zelt, dessen Seiten offen waren, waren weiße Stühle und Tische aufgebaut worden. Kleine Vasen mit weißen und zarten rosa Rosen schmückten die mit Spitze bedeckten Tischdecken. Dazwischen lagen vereinzelte Eucalyptus-Äste, während die Stühle mit weißem Tüll geschmückt waren.
Doch zwei der Stühle waren besonders schön mit Rosenranken dekoriert und die dazugehörigen Namensschilder präsentierten in geschnörkelter Schrift die Namen „Diana" und „Liam".
Die Hochzeitsgesellschaft hatte ihre Bäuche bereits vor einer Stunde mit Hochzeitstorte gefüllt und hatte sich nun unter der großen Linde versammelt, um als Erinnerung an diesen besonderen Tag ein paar Fotos zu schießen. Nach dem Gruppenfoto mit allen Gästen waren die engsten Familienmitglieder an der Reihe und stellte sich lachend zum Brautpaar.
Camilla, welche wie auch die anderen Brautjungfern ein zartes, mintgrünes Kleid trug, nutzte die kurze Pause und zog ihre Mitbewohnerin am Arm aus der glücklichen Menschentraube heraus.
„Mensch Cami, was soll das?", begann Rubi sogleich missmutig zu meckern.
„Ich will nicht, dass wir Diana die Hochzeitsfotos mit unseren traurigen Gesichtern ruinieren. Also lass uns die Sache jetzt endlich mal hinter uns bringen."
Genervt rollte die Kurzhaarige mit ihren Augen, doch ließ sich dann widerwillig auf das Gespräch ein.
„Na gut, wenns denn sein muss", entgegnete sie der Brünette und folgte ihr zu einer weißen Parkbank direkt am See.
„Also?", fragte sie auffordernd, nachdem sie sich mit verschränkten Armen hingesetzt hatte.
„Ich fand dein Verhalten wirklich nicht in Ordnung. Du hättest mir die Serviette mit Jordans Nummer einfach geben können", fuhr Camilla ihr letztes Gespräch fort, aus welchem Rubi wutentbrannt geflüchtet war. Beleidigt starrte ihre Kommilitonin auf ihre weißen Pumps und traute sich nicht, den Blick zu heben und ihrer Freundin in die Augen zu schauen.
Helfend ging die Biologiestudentin auf ihre schweigende Mitbewohnerin zu und kniete sich vor die Bank. Versöhnend nahm sie ihre Hand in ihre und blickte Rubi geradewegs ins Gesicht.
„Ich weiß, dass du ein sehr sturer Mensch bist, der seine eigenen Fehler nur ungern zugibt. Und ich weiß auch, dass du mehr aus Trotz gehandelt hast und mich sicher nicht absichtlich verletzen wolltest. Aber trotzdem kannst du dein Handeln jetzt nicht einfach totschweigen oder gar ignorieren und von mir verlangen, dass ich so tue, als wäre nichts gewesen und als wärst du das Opfer in dieser Situation."
Camilla wusste, dass Rubi ihren Worten tief im Inneren zustimmte und dass ihr klar war, dass sie ihr eine Entschuldigung schuldete. Doch ihr Stolz und die Peinlichkeit ihrer Taten drückten wie schwere Hanteln auf ihr Gemüt, sodass sie mit krummem Rücken auf der Bank saß und mit Blick nach unten ein paar Tränen wegblinzelte.
„Rubi, ich bin dir auch wirklich nicht mehr böse, okay? Ich kenne dich nunmal, auch wenn das keine Entschuldigung für dein Handeln ist. Hey, jetzt weine doch nicht."
Ein schwaches, mitleidiges Lachen rutschte ihr heraus, als sie eilig aufstand und sich neben ihre Freundin auf die Bank setzte, um diese mit einer festen Umarmung zu trösten.
„Ich bin so eine schlechte Freundin. Ich habe dich und deine Nettigkeit nicht verdient", schluchzte Rubi und überwand somit endlich die Mauer des Schweigens.
„Ich wollte Jordan einfach nur für mich allein. Es ging mir ja nicht einmal um ihn als Person, sondern einfach nur darum, etwas zu haben, das du nicht haben kannst", erklärte sie schniefend und wischte mit ihrer Hand nicht nur die Träne fort, sondern auch ihr Make-up. Kichernd bemerkte Camilla den türkis-schwarzen Streifen unter ihren Augen, was nun auch Rubi ein kleines Grinsen entlockte.
„Ich sehe jetzt sicher fürchterlich aus", schluchzte sie lachend.
„Ach Quatsch, du siehst heute bezaubernd aus", lächelte Camilla ihre Freundin an und wischte mit ihrem Finger den unerwünschten Streifen der Schminke fort.
„Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe, wirklich. Und es tut mir leid, dass ich euch beiden im Weg stand."
Camillas Laune hatte sich während des Gesprächs um ein Vielfaches verbessert und all der Groll der letzten Tage hatte sich wie eine geplatzte Seifenblase in Luft aufgelöst.
„Danke", entgegnete sie ihr ehrlich.
„Und ich habe mich daher auch um eine Wiedergutmachung gekümmert", merkte Rubi - noch immer schniefend - an. Verwundert legte Camilla ihren Kopf schief, da sie die Worte ihrer Mitbewohnerin nicht verstand.
„Eine Wiedergutmachung?", wiederholte sie die Worte fragend. Nickend lächelte Rubi ihr zu und deutete mit ihrem Kopf hinter Camilla.
Irritiert drehte Cami ihren Oberkörper zur Seite und erblickte sprachlos Jordan, welcher wenige Meter von ihnen entfernt in einem dunkelroten Anzug stand und sie breit anlächelte.
„Ein Gast von unserem Tisch musste plötzlich zu einer Geschäftsreise und als Diana mich fragte, wen man stattdessen noch einladen könnte, habe ich ihn vorgeschlagen", erklärte Rubi und wurde auf der Stelle überschwänglich von ihrer Freundin umarmt.
„Danke", flüsterte sie ihr in die Haare und löste sich anschließend von ihr, um zu ihrer schicksalshaften Begleitung zu gehen, welche lässig mit den Händen in den Taschen auf dem grünen Rasen auf sie wartete.
„Hey", flüsterte sie zurückhaltend, während ihr Inneres beinahe platzte vor Freude.
„Hey", gab Jordan ihr den Willkommensgruß zurück und griff beinahe schüchtern nach ihrer Hand. Die beiden grinsten sich wie verliebte Teenager an und wagten kaum, den Blick voneinander zu lösen.
„Cami, Rubi, wo seid ihr? FOTO! Jetzt sofort!", riss sie die Rufe der Braut von ihrer Wolke Sieben hinunter.
„Na komm, unsere schönen Visagen werden erwartet", entgegnete der Barbesitzer ihr und zog sie mit sich zum Brautpaar.
„Da seid ihr ja endlich", merkte die leicht gestresste Diana an und zog Cami und Rubi neben sich, damit sie von der Kamera mit eingefangen werden konnten.
„Na komm schon, du auch", rief sie lachend zu Jordan, welcher ihnen etwas abseits beim Shooting zugeschaut hatte. Mit einer winkenden Handbewegung forderte sie ihn auf, ebenfalls mit auf das Foto zu kommen. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht stellte er sich neben Cami und legte seinen Arm um ihre Taille. Überrascht von dieser plötzlichen Berührung drehte sie ihren Kopf zu ihm und grinste verliebt zu ihm hinauf, als der Fotoapparat diese Szene mit einem grellen Blitzlicht aufnahm.
„Sind sie nicht zuckersüß?", schluchzte das Schicksalswesen gerührt, welches das Spektakel aus etwas Entfernung mit ansah.
„Beinahe so süß wie du", antwortete Z-11 ihr spaßeshalber und kassierte sich damit einen verdienten Schlag gegen die Schulter.
„Du sollst doch aufhören, solche dämlichen Sachen zu mir zu sagen", tadelte S-203 ihn und versuchte so böse zu schauen wie nur möglich. Doch innerlich musste sie über seine Worte grinsen, da sie ihr ein gutes Gefühl vermittelten und sie glauben ließen, dass der Zufallsmann sie auf eine seltsame und vielleicht auch verbotene Art mochte.
„Du hast mich nicht aussprechen lassen! Ich meinte natürlich so süß wie Duftkerzen!" Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte sie ihn an und kaufte ihm keines seiner Worte ab.
„Duftkerzen?", hakte sie völlig verständnislos nach.
„Ja, Duftkerzen. Es gibt ganz besondere mit Kirschduft, Blumenduft, Vanilleduft. Das kann sehr süß riechen und einen an den leckeren, süßen Geschmack von Gebäck und Obst erinnern." Ohne etwas zu sagen, starrte die Rothaarige ihn weiter an und blinzelte mehrfach.
„Das hast du dir gerade sowas von ausgedacht", durchkreuzte sie seine faule Ausrede und schüttelte den Kopf, bevor sie zurück zu den feiernden Menschen blickte. Lachend quittierte er ihre detektivischen Fähigkeiten.
„Und nun? Deine Arbeit ist hier getan, nicht wahr?", fragte er sie - dicht hinter ihr stehend. Kurz erschrak sie, als sie ihn förmlich in ihrem Nacken spürte. Ein Schauder lief ihr bei diesem leichten Kribbeln über den Körper und ließ sie hastig einen Schritt von ihm wegmachen, um seiner Nähe zu entkommen.
„Ja, das ist sie in der Tat. Aber nun kommt doch der beste Part! Wir können zusehen, wie die Liebe zwischen ihnen wächst, wie sie sich das erste Mal küssen, wie sie das erste Mal schüchtern miteinander tanzen werden."
Die Romantik hatte S-203 mal wieder komplett eingenommen und ließ sie die Welt in einem zarten Rosa sehen.
„Das klingt irgendwie langweilig. Einfach nur zusehen und nichts machen?", fragte er schulterzuckend.
„Ich zwinge dich ja nicht hierzubleiben. Dir steht es frei, dich jederzeit wegzuteleportieren", zischte sie Z-11 zu und verdrehte nur die Augen, da sie seine fehlende romantische Ader nicht nachvollziehen konnte.
„Ich bin nunmal ein Zufallswesen! Ich brauche Chaos, Spontanität, Aktion", erklärte er ihr aufgedreht.
„Nein, nein, nein, das vergisst du mal schön! Diana träumt von dieser Traumhochzeit schon seit sie im Kindergarten von Liam den Antrag mit einem selbstgebastelten Ring bekommen hat! Diesen Tag ruinierst du ihr nicht!" Drohend hatte sie sich zu ihrem dunkelhaarigen Gesprächspartner gedreht, welcher weiterhin belustigt auf sie hinabstarrte.
„Okay okay. Ich werde mich zurückhalten", beruhigte er sie und musste sich erneut einen Kommentar verkneifen, welchen sie nur wieder als „dämlich" abgestempelt hätte.
„Was ist?", fragte sie, da sie sich von ihm beobachtet fühlte und spürte, dass ihm etwas auf der Zunge lag.
„Du siehst so wütend einfach sü- ähm, wie eine Duftkerze aus", plapperte er unüberlegt heraus.
„Boar, lass doch mal deine blöden Duftkerzen!", zischte sie wütend und stampfte über die Wiese davon.
„Ich erwähne sie nie wieder, okay?", versuchte er es wieder gutzumachen, nachdem er ihr die paar Meter nachgerannt war und nun neben ihr herging. Der warme Herbsttag neigte sich langsam dem Ende, als die Sonne ihren Weg gen Horizont antrat, doch die Feier fing mit dem Erleuchten der unzähligen Lichterketten erst richtig an.
Vom Rand der Tanzfläche aus beobachtete S-203, wie das Brautpaar auf der freien Fläche zwischen den Tischen und der kleinen, aufgebauten Bühne sich zum Tanz aufstellte. Zarte Gitarrenklänge begannen und wenige Sekunden später stieg der junge Sänger mit seiner tiefen Stimme mit ein. Ganz verliebt bewegte sich das Paar zur Musik und führte ihre kurze, einstudierte Choreografie auf.
Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, doch die leuchtenden, weißen Kugeln warfen ein warmes Licht auf die gerührten Gesichter der Gäste. Nach und nach füllte sich die Tanzfläche und die Gäste leisteten Diana und Liam Gesellschaft.
Aufgeregt und über beide Ohren grinsend wurde das Schicksal Zeuge, wie Jordan Camilla zum Tanz aufforderte und sie in die Menge zwischen die anderen Tanzenden führte. Mit schief gelegtem Kopf sah sie ihnen zu, wie Camilla ihre Hand verlegen an seinen Rücken legte und er seine an ihre Taille.
In S-203s Innerem schien sich alles danach zu sehnen, eine ebenso starke Liebe zu verspüren. Sie konnte nicht sagen, woher dieser Wunsch kam, weshalb sie dieses Knistern, diese ersten unschuldigen und zaghaften Gesten zu vermissen schien. Abermals erinnerte sie sich an das intensive Stolpern ihres Herzes, als Z-11 neben ihr auftauchte und ihre Hand in seine nahm.
Perplex blickte sie hinab zu ihren verschränkten Händen und ließ ihre Augen anschließend zu seinem Gesicht hinaufwandern. Das Schicksalswesen hatte nicht wirklich das Gefühl, lediglich die unsichtbare Hülle eines gefühlsarmen, unsterblichen Wesens zu halten. Sie spürte den festen Druck, die Wärme, die von ihm ausging.
„Magst du tanzen?", fragte er so menschlich wie nur möglich. S-203 war hin- und hergerissen.
„Nicht gerade typisch für Fügungswesen, oder?", sprach die Vernunft aus ihr.
„Ich weiß, aber wir sind hier auf einer Hochzeit und alle um uns herum tanzen. Und du musst zugeben, dass einfach nur Zusehen verdammt langweilig und völlig ohne Spaß ist?"
Mit seinen Worten hatte er ihre Zweifel beiseite geräumt und sie letztendlich überzeugt. Ihre Augen strahlten ihn glücklich an und freudig ließ sie sich von ihm in die Menge ziehen. Mit ihm an ihrer Seite befürchtete sie nicht einmal die unangenehmen Berührungen mit den Menschen.
Die beiden Fügungswesen konnten ihre Umgebung ausblenden, als gäbe es keine Erdenbürger, kein System, das ihnen vorgab, keine Gefühle und keinen Spaß haben zu können. Ihre Köpfe waren sorgenfrei und lediglich ausgefüllt mit der Glückseligkeit, welche sie gemeinsam verspürten. Lächelnd blickte S-203 zu Z-11 hinauf, welcher diesen Tag ebenso zu genießen schien wie sie. Leise vernahmen sie die ruhige Melodie im Hintergrund und wiegten im Takt hin und her.
Noch vor wenigen Stunden war der Zufallsmann ihr fürchterlich auf den Geist gegangen und nun tanzten sie wie zwei waschechte Menschen miteinander. Ihre Gefühle für ihn waren für sie das reinste Wechselbad und konnten innerhalb von Sekunden umschlagen.
Auf der einen Seite konnte sie seine Macht über ihren Gemütszustand nicht ausstehen, da er sie anders fühlen ließ. Doch auf der anderen Seite mochte sie diese Gefühle, die er in ihr auszulösen schien, viel zu sehr. Durch sie fühlte sie sich lebendig und nicht nur wie eine simple Hülle.
„Weißt du, du bist zwar die meiste Zeit eine totale Nervensäge, aber manchmal auch eine ganz schöne Duftkerze", gab sie mit frechem Grinsen zu.
„Du möchtest mir also indirekt sagen, dass ich süß bin?", hakte er noch einmal nach, um die Worte aus ihrem Mund zu locken. Doch S-203 zuckte nur mit den Schultern und blieb ihm eine Antwort schuldig.
„Schau mal, bei den beiden scheint es wirklich gut zu laufen", merkte Z-11 lächelnd an und nickte in die Richtung der beiden Turteltauben. Camilla und Jordan strahlten beinahe noch mehr Freude aus als das Brautpaar an diesem Tag. Die Schicksalsfrau erkannte sofort die knisternde Stimmung zwischen den beiden, als sie sich immer langsamer zur Musik bewegten und sich ihre Gesichter weiter annäherten.
Ein stolzes Pfeifen tönte von Liam aus über die Tanzfläche, als Camilla und Jordan sich unter den bunten Lichtern küssten und ihre Freundinnen zu jubeln begannen. Auch S-203 stieg in den Jubel mit ein, da dieses frische Pärchen das Endprodukt ihrer Arbeit darstellte. Doch das Bild vor ihr ließ sie erneut an ihre eigenartigen Träume denken.
Nachdenklich ging ihr Blick zurück zu Z-11, welcher seine Arme um sie gelegt hatte und etwas ungeschickt mit ihr tanzte. Sie betrachtete seine funkelnden Augen, die das Menschenpaar noch immer beobachteten. Ihr Blick wanderte weiter über seine Lachfältchen zu den Wangen und von dort aus über die Nase zu den Lippen.
Weshalb küssten sich die Menschen, wenn sie einander liebten? Diese Frage kam dem Schicksal urplötzlich in den Sinn und nur zu gern hätte sie es einmal ausprobiert. Natürlich nur aus rein wissenschaftlichen Gründen.
Abermals erschien ihr das Abbild von Z-11 so bekannt. Bilder einer kleinen Hochzeit ohne Gäste schossen ihr in den Kopf. Zwei Menschen, die einander heimlich zu Mann und Frau nahmen und anschließend mit dem Auto durchbrannten, um ein neues, gemeinsames Leben weit weg von der Familie zu beginnen.
Fragezeichen füllten den Kopf des Schicksals. Sicher vermischte sie nur das Erlebte dieser Hochzeit mit ihrer eigenen, unzähmbaren Fantasie. Nichts als Einbildung war es, was sie in der Nähe des Zufalls spürte oder glaubte zu sehen. Die Worte ihrer Karmafreundin kamen ihr in den Sinn. Sie brachte sich und andere nur in Gefahr, wenn sie weiter diese Rätsel lösen wollte. Sie musste es vergessen, einfach unterdrücken.
„I-Ich sollte langsam zurück in meine Zentrale. Und du musst sicher auch noch deine Berichte für diese Woche schreiben", stammelte sie und löste sich von Z-11, für welchen ihr Stimmungswechsel unvorhersehbar kam. Enttäuscht nickte er und ließ sie schweren Herzens gehen.
Für eine kurze Ewigkeit umarmte sie ihn zum Abschied und verließ anschließend das bunte Fest der Menschen. Ein letztes Mal blickte sie sich noch einmal zu ihm um, da ihr Hüllkörper regelrecht danach schrie umzudrehen.
Z-11 war völlig klar, dass er sich ihr gegenüber nicht regelkonform verhielt. Er brachte sie in Gefahr und doch konnte er es nicht lassen, ihre Nähe aufzusuchen. Sie war schon längst mit einem kurzen Lichtblitz verschwunden und doch stand er weiterhin regungslos inmitten der tanzenden Menschen. Er konnte selbst nicht sagen, wohin ihre eigenartige Verbindung noch führen und wie lange es dauern würde, bis sie beide die Regeln des Systems eindeutig brechen und im schlimmsten Fall ertappt werden würden.
*
„Hier ist es", hörte sie James vom Fahrersitz aus sagen, als sie zu dunkler Abendstunde das Gasthaus erreichten. Er parkte das Automobil neben dem kleinen, gemütlich aussehenden Cottage, an dessen Steinfassade Rosen hinauf rankten. Die Rothaarige war die ganze Fahrt über still geblieben. Gedankenversunken hatte sie die Landschaft betrachtet, nachdem sie die Isle of Skye verlassen hatten.
Seit dem plötzlichen Kuss schien sich ihre Beziehung verändert zu haben. Die Lockerheit zwischen den beiden war verschwunden und stattdessen wucherte in ihr ein Geflecht aus Ängsten und Zweifeln. Sie konnte nicht leugnen, dass sie ihre Mitfahrgelegenheit in den letzten Tagen sehr ins Herz geschlossen hatte. Nicht nur das – so kitschig es auch klingen mochte – sie hatte ihr Herz an ihn verloren.
In seiner Nähe verschwand der Drang nach Flucht und Abenteuer vollständig und hinterließ lediglich eine unfassbare Sicherheit und Ruhe. Ihre spontane Reise nach Schottland war zwar aufregend gewesen und doch hatte James sein Anliegen dort erledigt. Wie sollte es nun weitergehen? Ihr Herz verlangte danach, dass sie weiterhin bei ihm bleiben sollte.
Aber wollte er dies überhaupt? Was, wenn er zurück nach England musste? Hatte er einen Job dort? Würde er überhaupt zustimmen, wenn sie ihm offenbaren würde, dass sie gern bei ihm bleiben und ihm folgen würde? Besaßen sie eine gemeinsame Zukunft oder waren es doch alles nur ihre Wunschgedanken, welche sie vor ihm verbarg?
Ihre Eltern hätten sicher nur verständnislos den Kopf geschüttelt. „So ein junges, gutes Mädchen, das ihre strahlende Zukunft aufgibt, um mit einem fremden Taugenichts durchzubrennen", hörte sie die beiden sie in ihrem Kopf tadeln.
Nachdem James den Motor abgestellt und das Auto verlassen hatte, half er seiner Begleitung beim Aussteigen.
„Danke", gab sie fast schüchtern zurück und griff nach seiner Hand. Im Inneren des Gasthauses ließ sich der junge Mann sogleich einen Zimmerschlüssel aushändigen und führte die Rothaarige hinauf ins Obergeschoss.
„Die Frau am Empfang sagte, dass es zwar noch reichlich freie Zimmer geben würde, aber die Schlüssel auf merkwürdige Weise verschollen sind. Nur der hier hing noch mutterseelenallein am Schlüsselbrett", erzählte James ihr die seltsame Geschichte und öffnete die Tür zu ihrem kleinen Zuhause für die nächste Nacht.
Das Herz der jungen Frau sprang ihr beinahe aus der Brust und die innere Anspannung hatte ihren Kopf mit Nebel gefüllt, sodass kein klarer Gedanke mehr existierte. Sollten sie zwei etwa die Nacht gemeinsam in diesem schmalen Bett verbringen?
Entsetzt blickte sie in den Raum, welcher durch seine geringe Größe unendlich gemütlich wirkte. Er war so klein, dass sie zum Schlafen nicht einmal auf ein Sofa oder gar auf den Boden ausweichen konnte. James las ihren Gesichtsausdruck sofort fehlerfrei und schüttelte nur belustigt den Kopf.
„Na komm, ich beiße nicht", schmunzelte er und schob sie sachte in den Raum hinein, um die Tür hinter ihnen zu schließen.
Gedankenversunken starrte die junge Frau mit den wilden Locken hinaus in die Dunkelheit. Sie konnte schemenhaft die weiten Wiesen und Felder erkennen. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite stand ein kleines Cottage mit Reetdach, welches jedoch völlig leer und unbewohnt schien. Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, da sie schon immer von ihrem eigenen Haus in der Natur geträumt hatte.
Das Knarren der Tür überhörte sie glatt und erschrak kurz darauf, als James auf einmal dicht neben ihr stand.
„Was denkst du?", flüsterte er liebevoll und blickte ebenfalls in die Nacht hinaus. Sie roch die Seife von seiner frisch gesäuberten Haut und musste sich arg zusammenreißen, nicht auf seinen nackten Oberkörper zu starren, welchen er sich soeben mit einem weißen Handtuch abtrocknete.
„In meiner Wunschvorstellung kaufen wir so ein süßes Landhaus, züchten Hühner und Schafe und ernten unsere Kirschbäume im Sommer. Weit weg von der Aufregung der Welt, weg von meiner Familie und den Verpflichtungen."
Voller Sehnsucht sprach sie ihren tiefsten Wunsch aus und blickte unentwegt hinaus auf die dunklen Wiesen.
„Ich komme in dieser Vorstellung mit vor?", fragte er mit einem breiten Lächeln. Ertappt drehte sie sich zu ihm und konnte selbst im Schummerlicht der einen Kerze ihre roten Wangen nicht verbergen. „Klingt das etwa verrückt? Wenn ich es mir aussuchen dürfte, würde ich nie mehr von deiner Seite weichen", erwiderte sie flüsternd.
„Ich denke, damit könnte ich leben", entgegnete er ihr grinsend und spürte die positive Aufregung im Inneren kitzeln. Das schwache Kerzenlicht warf flackernde Schatten auf ihr Gesicht. James legte den Kopf schief und strich ihr sachte über den Kopf.
Ohne darauf vorbereitet gewesen zu sein, stellte sie sich auf die Zehenspitzen hinauf und drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen. Schweigend blickten sie sich danach an. Sie spürten die Anziehung zwischen sich und trotz Stille verstanden sie sich viel lauter und bedeutender.
Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Bett und zurück zu seinen durchdringenden Augen. Ein kleines Grinsen umspielte ihre Mundwinkel, da sie wusste, dass er genau die gleichen unausgesprochenen Gedanken wie sie hegte.
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