chapter 1

Erleichtert steige ich aus dem Flugzeug. Es ist echt nicht angenehm, so lange nur so wenig Beinfreiheit zu haben. Und dann saß auch noch ein ziemlich korpulenter Mann neben mir, der mir noch weniger Platz gelassen hat. Ich bin zwar selber kein size zero Model, aber immerhin weiß ich, wo mein Platz beginnt und endet.

Endlich komme ich aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens von Rio de Janeiro und stelle mich zu der Gepäckausgabe, wo ich auf meinen Koffer warte. Und warte. Und warte. Nach über einer Stunde, und nachdem nur noch eine einsame blaue Reisetasche ihre Runden dreht, habe ich dann beschlossen, um Hilfe zu bitten. Gesagt, getan, doch als ich die freundlich aussehende Frau an der Verwaltung nach meinem Koffer frage, gibt sie mir zu verstehen, dass sie momentan nichts für mich tun kann, da heute sämtliche Nationalmannschaften anreisen und sie daher schon viel zu viel zu tun haben. Na toll, das heißt ja, dass ich erstmal in meinen verschwitzten Klamotten zum Hotel gehen muss.

Schlecht gelaunt laufe ich aus dem Flughafen und steige in ein Taxi, welches mich zu meinem Hotel bringt. Dort angekommen lasse ich mir nur kurz meinen Zimmerschlüssel geben und gehe dann wieder hinaus auf die Straße, da ich mir etwas neues zum Anziehen kaufen will. Ich bin echt froh, dass ich gleich kurze Hosen auf den Flug angezogen habe, denn es ist richtig warm hier.

Mit einem neuen Sommerkleid sowie neuen Shorts und einem T-Shirt komme ich wieder ins Hotel zurück. Ich esse noch eine Kleinigkeit zu Abend und gehe dann schnell auf mein Zimmer, um noch mit meiner Mutter und meinen Bruder zu skypen. Während mein Laptop hochfährt (ich hatte ihn zum Glück im Handgepäck!), gehe ich auf den Balkon meines Zimmers und genieße die Aussicht. Man, ich bin echt froh, dass ich mir die Zeit genommen habe, hier in Ruhe Urlaub zu machen.

"Hallo mein Schatz, wie war dein Flug? Ist alles klar bei dir?", begrüßt mich meine Mutter. "Joa, geht so, mein Koffer ist im Moment nicht auffindbar, aber Rio ist echt eine wunderschöne Stadt!", antworte ich. Mein kleiner Bruder, der im Moment sein Abitur macht meint: "Klar, da sind ja auch alle Fußballer. Mama, können wir Vero nicht besuchen?" "Nein, das geht nicht. Du musst jetzt erst deine Prüfungen bestehen, dann vielleicht." "Och man, aber ich will unbedingt Mario Götze sehen!", nörgelt mein Bruder. Ich muss lachen, weil es sehr unrealistisch ist in einer Stadt wie Rio den deutschen Fußballern zu begegnen. "Ich bring dir ein Autogramm mit wenn ich ihn sehe", meine ich nur. "Und jetzt husch, ich muss mit Mam reden." "Ich hab dich auch lieb, Schwesterchen." Mit diesen Worten verschwindet mein Bruder auch wieder. "Wann kommst du eigentlich wieder, Maus?", will meine Mutter wissen. Seit Anfang letzten Jahres liegt sie mir damit im Ohr, seit ich ihr gesagt habe, dass ich noch ein weiteres Jahr brauche. Ich möchte unbedingt anfangen zu studieren, wenn ich wieder zu Hause bin, doch ich fühle mich einfach noch nicht bereit dazu, so viel Verantwortung zu übernehmen. "Mein Rückflug ist am 25.08., ich bin also pünktlich zu deinem Geburtstag wieder daheim. Und meine Bewerbungen für die Uni kann ich von hier aus schreiben, das ist kein Problem. Aber ich brauche einfach noch ein bisschen Zeit für mich, nach der Sache damals, weißt du? Und die letzten zweieinhalb Jahre habe ich nur gearbeitet und geholfen wo ich konnte - auch wenn es Spaß gemacht hat. Aber ich muss mir noch über einige Sachen klar werden." "Ist gut, Mäuschen, aber du fehlst uns. Ich hab dich lieb, weißt du das?" "Ja Mama, ich weiß. Wir reden morgen nochmal, okay? Gute Nacht!" Mit diesen Worten beende ich das Gespräch und lege mich auf mein Bett. Bin ich nicht langsam alt genug, um selbst zu wissen, was das beste für mich ist? Anscheinend nicht, meine Mutter behandelt mich immer wie ein kleines Baby. Ich bin unglaublich froh, meinen Willen durchgesetzt zu haben und in Rio zu sein. Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.

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