Peinliches Erwachen

Am nächsten Morgen schälte Zoe sich nur schwerfällig aus dem Bett. Sie hatte einen tiefen und erholsamen Schlaf hinter sich, auch wenn es nach all der Euphorie eine kleine Ewigkeit gedauert hatte, bis sie überhaupt eingeschlafen war. Lange hatte sie noch wachgelegen und den Abend immer wieder durchdacht, bis zunächst Millicent mit Pansy und irgendwann auch Daphne in den Schlafsaal gekommen waren. Mit den Klängen der Schicksalsschwestern in den Ohren war die Slytherin schließlich Stunden später aufgewacht.

Leise stand sie auf, um ihre Zimmergenossinnen nicht zu wecken, zog sich an und verließ das Zimmer. Der Gemeinschaftsraum war leer. Die meisten anderen Schüler schienen noch zu schlafen oder waren schon beim Frühstück.

Zoe trottete alleine hinauf, in der Hoffnung, dass Hermine bereits in der Großen Halle war und auf sie wartete. In dem Saal deutet nichts mehr auf die vergangene Nacht hin. Alle Spuren waren mitsamt der Dekoration beseitigt worden und die Haustische standen wieder an ihren Plätzen. Nur der weihnachtliche Schmuck verlieh dem Saal noch sein festliches Aussehen.

Die Slytherin fand ihre Freundin am Tisch der Gryffindors vor. Hermine saß dort fast alleine und las. Ihr braunes Haar war wieder buschig und als sich Zoe zu ihr gesellte, schloss die Gryffindor ihr Buch und sah aus müden Augen zu ihrer Freundin auf. Doch da war auch noch etwas anderes.

„Was ist denn mit dir los?", wollte Zoe wissen, die Hermines trüben Blick aufgefangen hatte. „Du siehst ja aus, wie drei Tage Regenwetter."

„Ich hab' mich mit Ron gestritten, gestern Abend noch", erklärte sie düster und reichte Zoe die Teekanne.

„Wegen Viktor?"

„Ich weiß nicht so genau", gab Hermine grübelnd zu. „Ob es wirklich wegen ihm war ... oder nicht doch vielleicht etwas anderes ..."

„Etwas Anderes?", fragte Zoe stirnrunzelnd, „was meinst du?"

Ihre Freundin schwieg eine Weile und Zoe schenkte sich einen Tee ein, während sie wartete.

„Vielleicht", begann Hermine zögernd, „also ... es kam mir gestern einen Moment so vor ... Aber ich weiß nicht ..."

„Was?"

„Was ist wenn Ron ... wenn er eifersüchtig war?", meinte die Gryffindor.

Zoe starrte sie perplex an und Hermine errötete augenblicklich.

„Du meinst auf Viktor?", fragte Zoe überrascht.

„War nur so ne Schnapsidee", sagte Hermine hastig und lehnte sich zurück.

Erstaunt dachte Zoe ein paar Sekunden nach, während sie an ihrem Tee nippte und meinte: „Aber ... wenn das so ist, warum hat Ron dich nicht gleich gefragt, ob du mit ihm hingehst?", erwiderte Zoe.

„Das hab ich ihm auch gesagt, gestern Abend, als er wieder mit damit anfing ... Aber da hat er kein Wort mehr raus bekommen."

„So ein Blödmann!", meinte die Slytherin nur.

Sie schwiegen eine Weile und Zoe machte sich eine Portion Cornflakes. Unterdessen kamen weitere Schüler in die Große Halle und der Saal füllte sich allmählich wieder mit Leben.

„Aber abgesehen davon, war es gestern richtig toll", meinte Hermine und es stahl sich nun endlich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Viktor war wirklich sehr nett und er hat mir einiges von seiner Heimat erzählt und von Durmstrang und von seinen Plänen nach der Schule. Und wir haben viel gelacht. Ich hab ihn ein paar neue Wörter beigebracht." Hermine kicherte bei der Erinnerung daran. „Und wie fandest du es, Zoe?"

Die Slytherin schluckte die Flakes hinunter und lächelte selig.

„Echt schön", sagte sie schließlich, „wäre toll, wenn wir jedes Jahr so einen Ball hätten."

„Ihr wart auf einmal weg, als wir zurückkamen ..."

„Ach, da waren wir im Hof spazieren", antwortete die Slytherin, „das war so toll mit all den Lichterfeen."

„Das stimmt", bestätigte Hermine, „die fand ich auch sehr schön."

Die Mädchen schwiegen erneut und Zoe sah, wie Blaise und Theodore hereinkamen und am Slytherintisch Platz nahmen. Die Gryffindor, die ihrem Blick gefolgt war, fragte leise: „Magst du ihn?"

„Klar", sagte Zoe sofort ohne über Hermines Worte nachzudenken, doch dann fügte sie schnell hinzu: „Also, als Freund! Ich hab ihn noch nie so viel reden gehört, wie gestern Abend."

„Ich glaub, er mag dich ein wenig mehr, als nur als Freund", gab Hermine leise zu bedenken und sah noch immer hinüber.

In Zoes Magen kribbelte es unheilvoll und sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

„W-w-wie kommst du denn darauf?!", fragte sie peinlich berührt.

„Weil er dich so ansieht", meinte Hermine und versuchte, es zu erklären.

Unverzüglich blickte Zoe zu den Slytherins hinüber. Aus der Ferne begegnete sie Theodores Blick und wich ihm beschämt aus.

„Oh, nein! Hermine!", jammerte sie plötzlich und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. „Ich glaube, ich hab etwas ... etwas Dummes getan?"

Ihre Freundin musterte die Blonde besorgt.

„Wieso? Was ist passiert?"

„Ich ... ich hab ... nach dem Ball gestern", nuschelte Zoe in ihre Hände.

„Ja?"

„Da hab ich ... so 'was gemacht?"

„Was gemacht, Zoe?", fragte die Gryffindor, die nicht verstand.

„Ich hab Theo geküsst", flüsterte sie leise.

Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Was war, wenn er nun wirklich dachte, dass sie mehr für ihn empfand, außer Freundschaft? Was sollte sie ihm sagen? Und warum, bei Merlins Bart, hatte sie sich das nicht vorher überlegt?

Ihre Freundin machte große Augen.

„Wirklich?", fragte sie überrascht. „Also ... so richtig?"

Zoe nickte nur stumm und wäre dabei am liebsten im Boden versunken. Hermine fiepte schrill.

„Wie war es denn?"

Doch Zoe, die sich immer mehr der Auswirkungen bewusst wurde ignorierte ihre Frage.

„Lass uns von hier verschwinden", bettelte sie stattdessen.

„Wohin?", fragte die Gryffindor überrascht.

„Egal! Hauptsache hier weg."

Hermine griff hektisch in die Obstschale, als Zoe aufgestanden war. Doch just in dem Moment hatten sich auch die Slytherins drüben erhoben.

„Schnell!", befahl Zoe eindringlich und zog ihre Freundin mit sich.

Sie schafften es noch vor Blaise und Theodore das Portal zu erreichen. Hektisch ließ Zoe Hermine los und sprintete die Treppe in Richtung Gryffindorturm hinauf. Die Gryffindor folgte ihr überrascht.

„Warte doch!", rief ihre Freundin, als sie im zweiten Stock ankamen, „sie sind uns doch gar nicht gefolgt! Zoe!"

„Sicher?", wollte die Slytherin wissen und sah über die Schulter.

Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Aber Hermine hatte Recht. Sie waren alleine.

Verzweifelt ließ Zoe sich auf den Boden fallen und vergrub den Kopf in ihren Armen.

„Was soll ich jetzt nur tun, Hermine?", fragte sie hilflos. „Was soll ich Theo sagen?"

Doch die Gryffindor sah nur ratlos auf ihre Freundin herab.

„Warum hast es denn getan, wenn du ihn gar nicht magst?", wollte sie wissen.

„Ich mag ihn doch!", widersprach Zoe sofort und hob den Kopf. „Nur nicht so ... Also nicht so, wie ich Cedric mag ..." Gequält sah sie zu Hermine auf. „Also ich weiß auch nicht ... Es war so schön gestern ... Ich war so glücklich und ... eigentlich wollte ich mich nur bedanken ... und dann ... ich weiß ja auch nicht, verdammt!"

„Alles klar bei euch?", fragte eine Stimme hinter ihnen.

Zoe sprang auf, wie von einer Acromantula gebissen und nickte sofort.

„Ja klar", sagte sie tonlos.

Doch es waren nur Rons Zwillingsbrüder, die auf dem Weg zum Frühstück waren.

„Sicher?", fragte einer der beiden, den Zoe für Fred hielt.

Die Mädchen nickten synchron und die Zwillinge tauschten grinsend einen Blick, beließen es aber dabei.

„Gut, falls ihr Hilfe braucht ...", sagte George.

„...haben wir immer ein offenes Ohr!", beendete Fred den Satz ernst.

Zoe lächelte dankbar. Die Weasleys waren einfach eine tolle Familie.

„Danke", sprach die Slytherin nur schlicht.

Die Jungs nickten ihnen zu und gingen weiter und sie sahen den beiden nach, bis sie aus dem Korridor verschwunden waren. Dann nahm Hermine den Faden wieder auf.

„Du musst das mit ihm klären", sagte sie abschließend.

„Oh, maaaan", meinte Zoe und warf den Kopf in den Nacken.

Am liebsten hätte sie so getan, als sei das alles nicht geschehen.

„Du hast nicht zufällig noch den Zeitumkehrer?", wollte Zoe rhetorisch wissen und folgte ihrer Freundin in Richtung des Gryffindorturms.

„Nein, den hab ich zurückgegeben", sagte Hermine kopfschüttelnd, jedoch mit einem Lächeln auf den Lippen. „Dafür hättest du ihn sowieso nicht verwenden dürfen."

Die Slytherin folgte ihr, mit den Gedanken allerdings bei dem unangenehmen Gespräch, das noch vor ihr liegen würde. Im Gemeinschaftsraum trafen sie auf Harry und Ron, die sie freundlich begrüßten. Zoe biss sich auf die Lippen und verkniff sich einen bösartigen Kommentar, als sie den Rothaarigen sah und setzte sich mit ihrer Freundin zu den Jungs ans Feuer.

Hermine und Ron waren sich scheinbar stillschweigend einig geworden, ihre Streiterei zu vergessen, und sie gingen nun auffällig höflich miteinander um. Zoe hingegen hätte den Ron am liebsten am Nacken gepackt, ihm aus dem Turm gezerrt und ihm irgendwas über den Kopf gezogen. Doch die Gelegenheit schien sich heute nicht zu ergeben und so zügelte sie ihren Groll und konzentrierte sich auf das Beisammensein, um es zu genießen, während Krummbein ihr schnurrend auf dem Schoß lag.

„Habt ihr eigentlich gewusst", meinte Harry irgendwann, „dass Hagrid ein Halbriese ist."

Die Slytherin sah mit hochgezogenen Brauen zu dem Schwarzhaarigen auf, der neben ihr auf dem Sofa saß.

„Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock", sagte sie ungläubig, als sie die Überraschung in seinem Gesicht sah.

„Nun ja, ich hab's mir auch schon gedacht", sprach Hermine. „Ich wusste, dass er kein ausgewachsener Riese sein kann, denn die sind ja um die sieben Meter groß."

„Wie kommst du zu dieser plötzlichen Erkenntnis?", wollte Zoe wissen und kraulte Krummbein am Kinn.

„Wir haben gestern ... also zufällig ein Gespräch zwischen Hagrid und Madame Maxime mitbekommen", berichtete Harry. „Er hat ihr erzählt, dass sein Dad ein Muggel war und seine Mutter eben ... eine Riesin. Und dann hat er Maxime gefragt, wie es bei ihr war und sie hat sich total aufgeregt, alles abgestritten und ist dann davongegangen."

„Kein Wunder", meinte Zoe nur schlicht, „Riesen haben einen schlechten Ruf, weil sie sich nicht gut in unsere Gesellschaft einfügen können. Sie gehen ruppig miteinander um und haben ... etwas andere Regeln als wir ..."

„Aber ehrlich gesagt, was soll diese ganze Aufregung um die Riesen", sprach Hermine verärgert. „Sie können doch nicht alle schrecklich sein ... gegen die Werwölfe gibt es genau dieselben Vorurteile ... die Leute sind einfach viel zu engstirnig!"

Zoe sah, wie sich Rons Nasenflügel etwas weiteten, als wolle er widersprechen, doch er brachte es offenbar nicht übers Herz den neu gewonnenen Frieden mit Hermine wieder zu zerstören.

„Aber Werwölfe haben auch einen menschlichen Teil in sich", versuchte Zoe ihrer Freundin zu erklären. „Die Riesen sind, nun ja, Riesen halt ... Sie denken nicht viel nach, sondern handeln einfach. Sie kennen kein Recht und haben keine Gesetzte. Bei ihnen gilt nur das Gesetz des Stärkeren."

„Das ist aber kein Grund, sie zu jagen und auszurotten", betonte Hermine ungehalten, „und die Art und Weise, wie sie nun leben müssen, widerspricht ihrer Natur."

„Wie meinst du das?", wollte Harry wissen.

Hermine schnalzte missbilligend mit der Zunge, was darauf hindeutete, dass sie das Thema in Unterricht behandelt hatten.

„Du weißt doch, was Professor Binns gesagt hat", begann sie ihre Erläuterung. „Die Riesen wurden seit Jahrhunderten verfolgt und nun hat man sie quasi in eine für sie errichtete Siedlung gedrängt, wo sie auf engstem Raum miteinander leben müssen."

„Aber das ist doch gut", meinte Harry verwundert, Hermine schüttelte jedoch mit dem Kopf.

„Eben nicht!", widersprach sie. „Riesen sind eigentlich Einzelgänger. Dieses Zusammenleben führt immer wieder zu Rivalitätskämpfen und das dezimiert ihre Population noch weiter."

„Sie dezimieren sich quasi selbst", erklärte Ron und fing sich damit einen tadelnden Blick ein.

„Das ist sehr traurig", meinte Hermine schließlich. „Weil es ein Zeugnis für den noch immer vorhandenen Rassismus unserer Zauberergesellschaft ist."

Und dann verfiel ihre Freundin in weitere Predigten, nahm erneut ihr Elfen-Thema auf und versuchte Ron und Zoe abermals von ihrer Sache zu überzeugen.

Erst gegen Abend gingen sie wieder hinunter in die Große Halle zum Essen und Zoe war sichtlich erleichtert, als sie feststellte, dass Theodore nicht anwesend war. Vielleicht hatte er nach der ganzen Schlemmerei in den letzten Tagen einfach keinen Appetit gehabt. Zumindest ging es Zoe so und sie saß eigentlich nur bei den Gryffindors, um sich mit ihren Mitschülern über den Weihnachtsball auszutauschen. Als es dann Zeit war, um in die Gemeinschaftsräume zurückzukehren, schloss sich Zoe einer älteren Slytheringruppe an. Während sie ihnen in den Kerker folgte, legte sie sich im Geiste schon einen Schlachtplan zurecht, wie sie Theo am besten aus dem Weg gehen konnte. Als sie angekommen waren, huschte Zoe ungesehen zwischen den Schülern hindurch zu den Schlafräumen und war erleichtert, dass es so einfach gewesen war.

Doch noch während die Eichentür im Schloss einrastete, erstarrte die Slytherin verwundert.

Ihr Blick fiel zu Traceys Bett, auf der die Schwarzhaarige weinend mit dem Gesicht in der Tagesdecke lag, während ihre Freundin ihr beruhigend den Rücken tätschelte.

„Was ist passiert?", wollte Zoe sofort wissen und näherte sich den beiden vorsichtig.

Daphne sah voller Mitgefühl zu ihr herüber und sagte dann leise: „Blaise hat sie abserviert."

Zoe erinnerte sich sofort an Theos Worte, die er ihr am Weihnachtsball im Hof gesagt hatte, doch die Blonde schüttelte die Gedanken ab, setzte sich auf die andere Seite ihrer Freundin und sagte einfühlsam: „Das tut mir leid."

Tracey jedoch ließ jeglicher Tröstungsversuch kalt. Unerbittlich weinte sie stundenlang, selbst dann noch, als sie sich bereits alle in ihre Betten verkrochen hatten, um zu schlafen. Erst spät in der Nacht, zwischen den zahllosen Schluchzern, schlief sie schließlich vor Erschöpfung ein.

Zoe hingegen lag noch lange wach, um über die Dinge nachzudenken, die in den letzten Tagen geschehen waren. Ron hatte sich wie ein einfältiger Dummkopf aufgeführt, Draco war der übliche Idiot gewesen und sogar Blaise stellte sich nun als kaltschnäuziger Widerling heraus ... Vielleicht war Theodore gar keine so schlechte Partie. Er war immerzu freundlich zu ihr, nicht dumm und Zoe wusste auch, dass er sie wirklich mochte. Doch egal, wie sie ihre Gedanken drehte und wendete, sie konnte sich einfach nicht vorstellen, seine feste Freundin zu sein. Denn jedes Mal, wenn sie es versuchte, grätschte das makellose Lächeln in dem Gesicht des dunkelhaarigen Schönlings, in ihre Gedanken. Schmunzelnd drehte sich die Slytherin auf die Seite und schließlich fielen auch ihr vor Müdigkeit die Augen zu. Und mit der Vorstellung an Cedric Diggory, gab sie dem zu gerne nach.


Tracey Herzschmerz sollte noch lange andauern. Am nächsten Tag probierte sie alles, um den Dunkelhäutigen wieder für sich zu gewinnen, doch Blaises Interesse war verraucht und er hatte für Tracey nicht mehr als lieblose Worte übrig. Zoe tat ihre Freundin leid, doch egal, was sie oder Daphne versuchten, es schien Tracey keineswegs aufzuheitern.

Als sie am Mittag zusammensaßen, um ihre Hausaufgaben für Verwandlung zu machen, sah Zoe zu den Jungs herüber, die am Tisch neben dem Kamin saßen und Koboldstein spielten. Und da fiel ihr zum ersten Mal auf, das Theodore gar nicht anwesend war.

„Wo ist Theo?", fragte sie ihre Freundinnen schließlich und versuchte möglichst unauffällig dabei zu klingen.

„Im Krankenflügel", antwortete Daphne, ohne aufzusehen, „schon seit gestern."

„Im Krankenflügel?", wiederholte Zoe schockiert. „Warum?"

Die Reinblütige sah geistesabwesend auf.

„Hat im Korridor einen Fluch abgekriegt", sagte sie verwundert. „Ihm sind lauter Tentakel aus dem Kopf gewachsen, hast du das nicht mitbekommen?"

Zoe riss bei der Vorstellung erschrocken die Augen auf und antwortete: „Nein! Wann ist das passiert?"

Daphne überlegte einen Augenblick, doch schließlich nahm Tracey wehmütig den Blick von Blaise und erklärte: „Gestern, kurz nach dem Frühstück."

Fassungslos ließ Zoe ihre Feder fallen.

„Aber wer –"

„Keine Ahnung", antwortete Daphne, noch bevor Zoe ihre Frage zu Ende stellen konnte. „Sie haben niemanden erwischt."

„Meint ihr", begann Tracey wehleidig und sah erneut hinüber zu Blaise, „ich sollte ihn einfach ein paar Tage Zeit geben und dann nochmal mit ihm reden?"

„Vielleicht kriegt er sich wieder ein, wenn der Unterricht beginnt und allmählich wieder alles normal wird", meinte Daphne, klang dabei aber wenig überzeugt.

Tracey seufzte schmerzlich und senkte den Blick auf das Pergament ihrer Freundin, um von deren Aufsatz abzuschreiben. Auch Zoe nahm ihre Feder, wenngleich widerwillig, in die Hand und versuchte, sich zu konzentrieren. Doch diese schockierende Botschaft, ließ sie nicht mehr los. Wer würde Theodore mitten am Tag einfach so im Korridor mit einem so schlimmen Fluch angreifen, dass ihm Tentakel aus dem Kopf wuchsen? Das musste ein übler Zauberspruch gewesen sein, zumal Madam Pomfrey ihn nicht sofort wieder entlassen hatte.

Im Normalfall bekam die Heilerin kleinere Wehwehchen und einfache Fluchschäden im Nullkommanix hin. Wenn Theo nun aber schon beinahe zwei Tage im Krankenflügel verweilte, dann war er vielleicht ernsthaft verletzt.

Zoe schüttelte verärgert den Kopf, als sie anstatt „Verwandlung" „Verwaltung" geschrieben hatte und strich das Wort auf ihrem Pergament genervt durch. Schließlich ließ sie erneut ihre Feder fallen und lehnte sich gegen die Rückenlehne ihres Stuhls.

Draco, der bei Blaise, Gregory und Vincent saß, grinste hämisch, als sie seinem Blick begegnete und Zoe versuchte, ebenso boshaft zurück zu grinsen. Doch die Sorge, um ihren Hausgenossen, die sie noch immer beschäftigte, ließ ihre Miene zu einer undefinierbaren Grimasse werden. Sie konnte es an Dracos verwirrten Ausdruck erkennen, als er die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte, bevor er sich wieder dem Koboldstein widmete.

Genervt atmete Zoe tief durch und dann packte sie entschlossen ihre Schulsachen zusammen. Sie würde sich nun sowieso nicht mehr konzentrieren können und sie musste einfach mit Theo reden, um zu erfahren, was wirklich passiert war. Sorgfältig verstaute sie ihre Sachen im Schlafraum, klemmte sich ihr Zaubererschach unter den Arm und machte sich auf den Weg in den Krankenflügel, der im ersten Stock lag.

Als sie jedoch vor dessen Tür stand, war ihr plötzlich ziemlich mulmig zumute. Die ganze Zeit hatte sie sich vor einem bereinigenden Gespräch mit dem Slytherin gefürchtet und nun ging sie ihn freiwillig im Krankenflügel besuchen. Doch Zoe wusste auch, dass Theo nicht allzu viel Besuch zu erwarten hatte und durch ihre Anwesenheit, würde sie ihm zumindest die Zeit ein wenig vertreiben. Nicht zuletzt, wollte sie zudem erfahren, was ihm wirklich zugestoßen war.

Sie klopfte vorsichtig an und lugte dann durch die Tür. Die Betten waren allesamt leer, alle bis auf das letzte, das am Fenster stand. Jemand lag darin und da es nur Theodore sein konnte, fasste sich Zoe ein Herz und ging hinüber. Er bemerkte sie jedoch erst, als sie sein Bett fast erreicht hatte und wandte seinen bandagierten Kopf zu ihr um. Madame Pomfrey hatte ihm nur kleine Öffnungen für Augen Mund und Nase gelassen und es sah so furchtbar aus, dass Zoe einen Moment so erschrocken war, dass es ihr die Sprache verschlug. Erst, als sie das Fußende seines Bettes erreicht hatte, fand die Slytherin wieder Worte.

„Hey, Theo", sagte sie leise.

„Hallo", antwortete er sichtlich erfreut, „schön, dass du gekommen bist."

„Ich hab's erst eben erfahren", erklärte Zoe beschämt, „Daphne hat es nur beiläufig erwähnt."

Er zuckte nur mit den Schultern, bevor er meinte: „Bin schon seit gestern Morgen hier und die Zeit will einfach nicht vergehen."

„Wie lange musst du bleiben?"

„Madame Pomfrey schätz, circa eine Woche."

Zoe sah ihn mitgenommen an und fragte: „So lange?"

„Leider ja", antwortete er, „die Tentakel wollen immer wieder durchstoßen, aber ich hab ein Schmerzmittel bekommen. Ist nicht mehr so schlimm ..."

Die Slytherin betrachtete ihn ungläubig. Dann fragte sie: „Weißt du – wer dir das angetan hat?"

„Keine Ahnung", sagte Theo sofort, „hab niemanden gesehen. Ist im Korridor zum Erdgeschoss passiert."

Zoe setzte sich auf den Stuhl, der neben seinem Bett stand und sah ihn noch immer besorgt an.

„Madam Pomfrey sagt, es wird schon wieder. Also egal."

„Das ist nicht egal!", widersprach die Slytherin ernst. „Das war ein bösartiger und gefährlicher Fluch, Theo. Du hast auch keine Vermutung, wer das gewesen sein könnte?"

„Leider nein", sagte dieser zögernd, dann fiel sein Blick auf das Schachbrett, dass sich Zoe auf die Knie gelegt hatte und ein peinliches Schweigen folgte.

Ein Schweigen, in dem Zoe fieberhaft nach Worten suchte. Doch ihr wollte einfach nichts einfallen. Das Ticken der Uhr über Madam Pomfreys Büro wurde mit jeder Sekunde lauter und aufdringlicher, als wolle die Zeit betonen, die sie wortlos verstreichen ließ.

Irgendwann, es muss nach einer kleinen Ewigkeit gewesen sein, blickte Theodore wieder auf und er fragte unsicher: „Ähm, Zoe?"

Doch die Slytherin brachte kein Wort hervor, brummte stattdessen nur.

„Sind wir noch ... ähm ... Freunde?"

Zoe wurde etwas flau in der Magengegend und sie sah hinab zu dem Schachbrett auf ihren Knien. Peinlich berührt, weil sie sich für ihr unüberlegtes Handeln schämte, presste sie die Lippen fest aufeinander. Schließlich sah sie wieder auf ihren bandagierten Freund, nickte schlicht und antwortete heiser: „Klar."

Theodore lächelte etwas verzerrt, was zweifellos durch den Verband kommen musste.

„Gut", sagte er.

„Jah", stimmte Zoe zu.

„Wollen wir dann eine Partie spielen?", fragte er und deutet auf das Zaubererschach.

Zoe, so unendlich froh, dass ihre Gespräche wieder normal zu werden schienen, nickte eifrig und begann sofort mit dem Aufbau.

Nachdem sie den Krankenflügel gegen Abend wieder verlassen hatte, schlug sie den Weg in die Kerker ein. In der Eingangshalle begegnete sie Ron und Harry, die gerade vom Abendessen aus der Großen Halle kamen und Zoe nutzte die Gelegenheit sofort.

„Ääähm, Ron!"

Die beiden Jungs wandten sich überrascht zu der Slytherin um.

„Was gibt's?", rief der Rothaarige quer durch die Halle.

„Kann ich dich mal kurz sprechen?", fragte Zoe und deutete ihm, näher zu kommen.

Er tauschte einen verwunderten Blick mit Harry, doch der Schwarzhaarige ließ seinen Freund schließlich zurück und lief alleine die Treppe zum ersten Stock hinauf. Ron kam zu Zoe herüber getrottet, die Brauen nachdenklich zusammengezogen und die Hände in der Tasche.

„Hier herüber", meinte Zoe und lotste den Gryffindor in eine Ecke der Halle, in der sie in Ruhe sprechen konnten.

Verwundert folgte Ron der Blonden, blieb schließlich vor ihr stehen und sah seine Freundin fragend an. Diese nutzte den Augenblick, in dem sie unbeobachtet waren und schlug dem Rothaarigen ohne Vorankündigung mit dem Handballen stumpf gegen die Stirn. Ron taumelte überrascht einige Schritte zurück, zog die Hände aus den Taschen und fauchte aufgebracht: „AU! Was soll denn das?"

„Glaub nur nicht, weil du dich mit Hermine versöhnt hast, hätte ich vergessen was für ein Blödmann du zu ihr warst!"

„Was meinst du denn überhaupt?", wollte er wütend wissen und rieb sich die Stirn.

„Na am Weihnachtsball, als du ihr Vorwürfe gemacht hast, weil sie mit Viktor Krum ausging. Du hast ihr damit fast den Abend versaut, Ron!"

Ronalds Miene verdunkelte sich.

„Das war auch völlig dreist von ihr! Wie kann sie sich mit dem Feind verbünden?! Er ist Harrys Konkurrent!"

„Das macht ihn aber noch lange nicht zum Feind!", fauchte Zoe zurück.

„Und ob!", schrie Ron energisch. „Er will gewinnen, folglich wird er auch Harrys Versagen wollen und das macht ihn definitiv zum Feind."

„Der Ball hatte absolut nichts mit dem Wettstreit zu tun!"

„Es gab den Ball doch nur wegen des Wettstreits!"

„Das stimmt nicht!", widersprach Zoe. „Er hatte den Sinn, unsere neuen Bekanntschaften zu intensivieren, Ron. Denn dazu ist auch das Turnier da: Um neue Freundschaften zu knüpfen, internationale Verbindungen herzustellen und unsere Schulen einander näher zu bringen."

„So ein Quatsch!", sagte Ron genervt.

„Das ist kein Quatsch!"

„Doch natürlich! Es geht darum, den besten Champion zu finden. Die beste Schule. Es geht ums Gewinnen, Zoe!"

„Das ist nicht wahr!"

„Natürlich ist es das!", rief Ron wütend.

„Ich fürchte, da muss ich Zoe zustimmen", sprach eine ruhige Stimme hinter ihnen.

Ron wirbelte herum, doch die Slytherin brauchte gar nicht aufzusehen, um ihren Großvater zu erkennen. Der Schulleiter trat an ihre Seite und legte seiner Enkelin eine Hand auf die Schulter.

„Das war tatsächlich mein Gedanke dahinter, als ich das Ministerium darum bat, das Turnier wiederaufzunehmen und ihm ein neues Gewand zu verpassen. Denn wir geben euch Schülern viel zu selten die Gelegenheit, über den gesellschaftlichen Tellerrand hinaus zu blicken und das Herz für fremde Kulturen zu öffnen. Ich fürchte sogar, dass die Einteilung in die vier Häuser viele Schüler vergessen lässt, dass wir gemeinsam viel stärker sind, als alleine ...

Eure Freundin hat sich also sehr vorbildlich verhalten, worüber ich mich sehr freue."

Der Rothaarige war verstummt und Dumbledore fuhr fort: „Ich hoffe wir werden noch eine schöne Zeit mit unseren Gästen verbringen."

„Das Turnier hat ja auch erst begonnen", meinte Zoe zuversichtlich und ihr Großvater nickte bejahen.

Ron brummte leise. Dann verabschiede er sich von den beiden und trottete davon. Zoe blickte ihm noch einen Moment lang kopfschüttelnd nach, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Großvater widmete. Erst da bemerkte sie, dass er seinen Reiseumhang trug und ein in Packpapier eingeschlagenes, kleines Päckchen in den Händen hielt. Es brauchte nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass sich darin ein Buch befand.

„Wohin gehst du?", wollte Zoe neugierig wissen.

„Ich statte noch einem alten Freund einen Besuch ab", sagte Dumbledore heiter.

„In Hogsmeade?", wollte Zoe wissen, die feststellte, dass er das Flohnetzwerk nicht benutzte.

„Etwas ferner", antwortete ihr Großvater schmunzelnd, „um genau zu sein: Österreich. Doch keine Sorge, ich werde heute Abend schon wieder zurück sein."

„Okay – dann viel Spaß!", sagte Zoe kichernd und brachte ihren alten Großvater damit tatsächlich zum Schmunzeln.

„Vielen Dank", meinte er munter, „und dir einen geruhsamen Abend!"

Und mit den Worten wandte er sich um und schritt die Eingangshalle hinauf währenddessen Zoe den Weg in die Kerker nahm, um ihren Abend mit Tracey und Daphne im Gemeinschaftsraum ausklingen zu lassen.


Szenentitel:

status: komplett

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