Teil 50

Am nächsten Morgen wachte ich durch den Geruch frischen Kaffees auf. Ich öffnete die Augen und Dad stand vor meinem Bett und hielt mir die Tasse unter die Nase. Ich grinste und nahm sie ihm aus der Hand. „Bist du bereit, Liv?"
„Wofür?" fragte ich etwas verwirrt zwischen zwei Schlucken. „Heute ist der 16. Dezembeeerrr" trällerte er und sah mich erwartend an. Der Kaffeekick hatte noch nicht eingesetzt, weshalb auch mein Gehirn noch nicht richtig funktionierte. „Heute holen wir unseren Tannenbaum, du Dummerchen." Er grinste und schob seine Brille mit dem Zeigeginger nach oben. „Ohhhhhhh" ich war noch gar nicht in Weihnachtsstimmung und hatte unsere alljährliche Tradition für einen Augenblick vergessen. Viel zu viel war in letzter Zeit passiert, als das ich mich auf solche Dinge konzentrieren konnte. Jetzt musste ich aber grinsen. Ich hatte echt Lust jetzt mit Dad loszuziehen und den Kopf freizukriegen. Ich schlug die Decke zurück, trank die Tasse in einem Schluck aus und folgte Dad die Treppe herunter nach unten. Mom stand am Herd und versorgte uns mit French Toast. „Hey, Schatz, wie war die Party gestern?" fragte sie als sie uns hereinkommen sah. „Ganz gut" grummelte ich, während ich mir schnell einen Teller schnappte und anfing zu essen, um nicht mehr reden zu müssen. Im Radio lief 'Thank, God it's Christmas',  ein Weihnachtslied von Queen und so langsam kam ich doch in eine festliche Stimmung.
Nach dem Frühstück ging ich zurück in mein Zimmer, schlüpfte in einen weihnachtlichen Strickpulli und eine lange schwarze Hose, band meine Haare zu einem Dutt zusammen und spurtete wieder nach unten, wo Dad auch schon wartete. Wir fuhren zum nächsten Christbaumverkauf und schlenderten durch die Reihen von Tannen. „Was hälst du von dem hier?" fragte Dad und zeigte auf eine von ihnen. „Zu mickrig." gab ich zurück und sah mich weiter um. „Deine Kritik wird von Jahr zu Jahr härter" sagte er und grinste mich an. „Tja, der Name Black steht für Qualität" ich grinste zurück. Wir zogen weiter, tranken heiße Schokolade und entschieden uns schließlich für einen ziemlich schönen mittelgroßen Baum, der perfekt in unser Wohnzimmer passen würde. Gemeinsam schleppten wir ihn zum Parkplatz. Als er dann auch auf dem Dach unseres Autos befestigt war, machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause. Jetzt kam der noch spaßigerere Teil. Das Schmücken. Das übernahmen Mom und ich. Währrend Dad's und meiner Abwesenheit hatte sie angefangen Plätzchen zu backen und als Dad die Haustür jetzt öffnete und wir gemeinsam den Baum rein wuchteten, duftete es bereits himmlisch. Mein Vater und ich sahen uns bei dem Geruch gleichzeitig an und wir warfen uns freudige Blicke zu. Mom's Plätzchen waren die besten. Auch den ganzen Weihnachtsschmuck hatte sie bereits aus dem Keller nach oben gebracht und auf unserem großen Wohnzimmertisch verteilt. Ich begutachtete meine Möglichkeiten für dieses Jahr. Rot, ganz klassisch, brau oder blau. Da das Blau in meinen Augen zu kitschig war, entschied ich mich für eine Mischung aus den beiden anderen Farben und begann sofort mit dem Schmücken, nachdem Dad den Baum aufgestellt hatte. 

Nach circa einer Stunde war ich schließlich fertig. Mom hatte mir doch nicht helfen können, da sie noch mit den Plätzchen beschäftigt war. Nun stand ich in der Mitte des Zimmers und betrachtete zufrieden mein Werk. Eine Lichterkette strahlte zwischen den Zweigen und die roten Kugeln wechselten sich mit den braunen ab. Dad, der die ganze Zeit in ein Buch vertieft auf der Couch gesessen hatte, schaute nun auf und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. "Der sieht toll aus, Schatz" sagte nun auch Mom, die mit einem Teller duftender Plätzchen in den Raum getreten war. "Danke" gab ich zurück, währrend ich mir zwei mit Schokolade überzogene Plätzchen stibitzte und sie genüsslich vertilgte. So fühlte sich für mich Weihnachten an. Am Morgen hatte mein Vater den Kamin angesteckt, der nun eine mollige Wärme im Raum verteilte, Schokolade um den Mund verschmiert und in einen kuscheligen Wollpulli gehüllt. 



Als ich aufwachte, war es komplett still in der Wohnung, was ungewöhnlich war, da meine beiden Geschwister am Wochenende immer ziemlich früh wach wurden und anfingen Lärm zu machen. Ich schlug die Decke zurück und verließ mein Zimmer. Auch in der Küche war niemand. Doch dann entdeckte ich einen Zettel auf dem Küchentresen, beschrieben mit Wilmas schnörkeliger Handschrift: 'Guten Morgen, Ben. Ich bin mit den Kindern einen Weihnachtsbaum holen gehen. Ich habe dir Frühstück gemacht, alles steht im Kühlschrank. Wilma'

Grade als ich die Kühlschranktür öffnete trat Dad ein. Ohne Gruß nahm er den Zettel in die Hand, der an mich adressiert war, und las ihn durch. "Einen Weihnachtsbaum" sagte er spöttisch. "Wenn sie denkt ich bezahle sowas dann hat sie sich geschnitten. Zieh' dir mal was an" sagte er dann noch und deuete auf meinen nackten Oberkörper.

Ich atmete tief durch, nahm mir mein Frühstück und eine Tasse Kaffee und wollte schon wieder in mein Zimmer verschwinden als mein Vater wieder zu reden begann. Er hatte mir den Rücken zugewand und stand seinerseits mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor der großen Fensterfront des Wohnzimmers und ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. "Ich bin über Weihnachten nicht hier." 

"Wo bist du denn?" fragte ich mit gepresster Stimme zurück. "Auf einem Geschäftstermin in London." "Und deine Kinder gehen dir mal wieder am Arsch vorbei? Ist ja typisch. Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass sie ihren Vater an Weihnachten gerne bei sich hätten?" "Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass man sich nicht alles im Leben aussuchen kann? Manchmal muss man Prioritäten setzten. Dieses Meeting ist wichtig für die Firma. Es geht um unsere Expansion in Europa und vielleicht auch bald Asien. Ben, werde erwachsen."

"Ach komm schon, selbst wenn du die Wahl hättest würdest du lieber nach London fahren. Wir sind dir doch nichts anderes als eine Last am Bein die du mit dir rumschleppen musst."

Er schwieg. Ich hatte recht. "Na dann viel Spaß in London. Grüß die Queen von mir." Mit diesen Worten verließ ich den Raum und schmiss meine Zimmertür hinter mir zu. Ich hatte so eine Wut in mir, dass ich einfach irgendetwas tun musste, was Dad zur Weißglut bringen würde. Zuerst drehte ich die Musik auf so laut es ging. Kendrick Lamar, volle Dröhnung. Nach dem Frühstück schnappte ich mir einen Kaputzenpulli und die Kippen, Dads Autoschlüssel und seine Bankkarte und fuhr mit seinem Mercedes in die Stadt. Die Musik war so laut, das Auto voller Rauch. Dad würde ausrasten. Als ich das realisierte musst ich grinsen. Ich verließ Mortem Beach und fuhr nach San Diego, wo ich mir im teuersten Hotel der Stadt Kaviar und eine Flasche Champus betstellte. Ich kaufte Klamotten und teuren Alkohol und ließ mir ein neues Tattoo stechen. Ich schmiss sein Geld zum Fenster raus und genoss jede einzelne Sekunde.

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