Teil 43

In der Schule teilten sich unser aller Wege. Ben musste zu seinem Werken-, Finn zu irgendeinem Computer- und Programmier- und ich in meinen gähnend langweiligen Biokurs. Das einzigst gute daran war, dass Em auch dort war. Wir saßen ganz hinten links, von wo aus uns unser Lehrer nicht gut sehen konnte, also konnten wir die meißte Zeit ungestört reden.

Als ich an dem Raum ankam, saß sie wie gewohnt schon auf ihrem Platz, den Kopf über ihr Biobuch gebeugt und las. Auch wenn Em im Unterricht nie aufpasst, war sie ein Ass in Bio und ich glaube sie mochte das Fach irgendwie. Was aus meiner Perspektive absolut nicht nachzuvollziehen war. Ihre linke Hand zupfte sich unbewusst ihren blonden, lockigen Pferdeschwanz zurecht, während sie las. Selbst als ich mich schließlich auf meinen Platz neben ihr fallen ließ, blickte sie nicht auf. Ich beugte mich zu ihr herüber um zu schauen was sie da so in seinen Bann zog. "Oh, der Ablauf der DNA-Replikation. Hoch interessant" Ich grinste.

"Oh hi, Liv." Sie hatte mich bemerkt. "Wie geht's dir?".

"Mir geht es hervorragend, Schätzchen. Und dir?" Ihre ständige Sorge um mich, nervte. Sie war manchmal schon fast wie meine Mutter. Vielleicht genoss ich die Zeit mit Ben deshalb so sehr. Weil er nicht ständig nachfragte, wie es mir ging, ob ich irgendetwas brauchte. "Mir auch." Sie lächelte und zog ihre Brille aus der Tasche, die sie im Unterricht immer trug.

"Und wie war dein Sonntag?" fragte sie, während sie ihr Mäppchen auf den Tisch legte. "Puhhh" Ich stöhnte bei dem Gedanken an den gestrigen Tag. "Kyle und ich waren joggen..." sagte ich und sah sie vielsagend an. "Nach 10 Minuten musste ich kotzen." "Ach Livie..." Em sah mich mitleidig an und legte ihre Hand liebevoll auf meine. "Danach musste ich Wrestling über mich ergehen lassen." Em lachte. Sie wusste wie sehr ich diese sogenannte "Sportart" hasste. "Wow, du musst schon ganz schön was für ihn übrig haben, wenn du ihm erlaubst Wrestling zu sehen" Sie sah mich grinsend und mit einer hochgezogenen Augenbraue an. "Mhm, ja, er ist nicht schlecht" sagte ich vielsagen und grinste, währrend sich ein warmes Gefühl in meinem Bauch breitmachte. Das Reinkommen unseres Lehrers war für Em und mich kein Anlass unser Gespräch zu beenden, wir redeten nun nur etwas leiser. Sie erzählte mir wie gut es in letzter Zeit mit Ridion lief, und was ihr Bruder Jake schon wieder für einen Scheiß gebaut hatte. Unser Lehrer Mr. Dewey war ein älterer Mann kurz vor der Rente. Er war sehr nett und sympathisch, was allerdings die Themen über die er sprach für mich nicht grade interessanter machten. Er trug immer weiße Hemden, die in seine langen schwarzen Hosen gestopft waren und eine lederne alte Umhängetasche, die all seine Bücher und Hefte enthielt. Er war wirklich nett, ganz im Gegensatz zu Mister Smith, mit dem ich eine Hass-Liebes-Beziehung führte. Wir konnten uns gegenseitig wirklich überhaupt nicht ausstehen, aber aufeinander verzichten konnten wir auch nicht, da es jedem von uns einfach viel zu viel Spaß machte, den anderen zu quälen. Die Stunde verging ziemlich schnell. Als ich kurz vor der Pause auf mein Handy sah, entdeckte ich eine Nachricht von Kyle: „Hey Liv. Lust heute Abend mit mir auf eine Party bei Liam Radley zu gehen? Ich will dich sehen. Und zieh dir was schönes an ; )"
Ich musste grinsen. Ich vermisste Kyle auch. Wir hatten uns zwar am Tag zuvor gesehen, aber ich genoss die Zeit mit ihm immer sehr.
„Na klar, gerne." schrieb ich zurück. „Ich will dich auch sehn."
Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, drängte sich mir die Frage auf, woher Kyle Liam Radley kannte. Er war zwei Jahre älter als ich und war vor dem College auf meiner Schule gewesen. Football Star, Mädchenheld. Der typische Highschool It-Boy. Ich hatte ihn nie leiden können, er war ein stink reicher abgehobener Idiot.
„Hey" ich stieß Em leicht mit dem Arm an und reichte ihr mein Handy. Sie laß die Nachricht von Kyle und sah mich dann beeindruckt an. „Wow, Liam Radley?".
„Mhm" ich grinste. Liam's Partys waren berühmt dafür, dass nicht jeder erscheinen durfte. Nur die coolen Kids waren dort und man musste von ihm persönlich eingeladen werden, oder von jemand Auserwählten gefragt werden. „Wow" sagte Em nochmal und kicherte dann. „Was denn?" fragte ich. „Nun ja, du warst noch nie auf einer richtigen Party oder?"
„Äh, doch. Mason Spencer's Geburtstagsparty!" Gab ich nach kurzer Überlegung zurück. „Da waren wir 14, Liv!" sie grinste jetzt noch mehr. „Ich komm heute Abend zu dir und helf dir beim Fertigmachen!" Em klang so aufgeregt als sie das sagte und jetzt musste auch ich lachen. Sie hatte recht, ich war ein völliger Party-Anfänger.

Es klingelte zur Pause und Em und ich machten uns auf den Weg in die Cafeteria, wo wir uns mit Ridion und vielleicht noch ein paar anderen treffen würden. Währrend Em sich an unserem Stammtisch niederließ, stellte ich mich in die Schlange vor der Essensausgabe um mir noch einen Kaffee zuholen. Ja, ich war wirklich abhängig. Wenn das so weiterging würde ich irgendwann auf Entzug gehen müssen. Kaum hatte ich das Lebenselexier in einem großen Becher in meinen dankbaren Händen, drängte ich mich durch die Menschenmassen zurück zu unerem Tisch. Ridion und Delaney, ein Mädchen aus unserem Chemie Kurs, waren dazu gekommen, und lächelten mich an. "Hi, Liv" grüßte mich Ridion und ich rang mir ebenfalls ein Lächeln ab. Wenn es um Em ging, hatte ich diesen Beschützerinstinkt, der nur schwer abzulegen war. Ridion war ein netter Kerl aber konnte ich ihm meine beste Freundin anvertrauen? Konnte ich zulassen das er ihr vielleicht ihr kleines Herz brach? Er schien es jedenfalls ernst mit ihr zu meinen, was ihm schonal 3,5 Pluspunkte einbrachte.

Ich kramte die Tabletten aus der Tasche meiner Sweatshirtjacke, schluckte 2 davon und spülte mit Kaffee hinterher. Diese Sache war mir schon so zur Angewohnheit geworden, dass es mich, nicht wie anfangs, überhaupt keine Überwindung mehr kostete, die Pillen zu schlucken. 

Als ich plötzlich Finn durch die große Tür zur Cafeteria stolpern sah, wieder mit Büchern und Laptop bepackt, der sich ein wenig hilflos umsah, winkte ich ihm freundlich zu und bedeutete ihm er solle sich zu uns setzen. Dankbar lächelte er zurück und kam zu uns herüber. "Hi, Finn. Setz dich doch" sagte ich und klopfte mit der Hand auf den freien Stuhl rechts neben mir. "Äh, danke." er lächelte erneut, schob umständlich mit einer Hand seine Brille hoch, und setzte sich. Delaney und Finn fingen an, über mich hinweg, (Sie saß links von mir, Finn rechts) über irgendwas zu reden, von dem ich noch nie gehört hatte (Delaney war ein Wissenschaftsfreak und sie redeten über irgendwas in der Richtung) und ich schaltete ab. Stattdessen ließ ich meinen Blick durch die Cafeteria schweifen und er viel auf Ben, der mit ein paar anderen Jungs an einem der Tische im Eck saß. Ich wusste gar nicht, dass er auch noch andere Freunde hier hatte, er war ja schließlich grade erst hergezogen. Er hing jedenfalls mit Jorden Belford und seinen Jungs ab. Ich konnte sie alle samt nicht leiden. Fiese Typen, die meinten ihnen gehöre die Schule. Ich wand den Blick ab. Sollte Ben doch machen was er wollte. "Hey, Ridion, weißt du was? Liv geht heute Abend mit Kyle auf Liam Radley's Party!" rief Em aufgeregt. "Wow, Liv! Cool! Wie bist du denn in diesen elitären Kreis geraten?" Ridion grinste, sah aber gleichzeitig auch ein wenig neidisch aus. "Kyle war anscheinend eingeladen und hat mich gefragt ob ich mit will" Ich lächelte triumphierend. "Na dann viel Spaß". Das war Bens Stimme. Ich drehte mich um und er stand hinter mir. Sein Lächeln wirkte irgendwie nicht ganz echt. "Äh, danke." gab ich leicht verwirrt zurück und leerte meinen Kaffee. Den Rest der Pause hatte ich das Gefühl Ben ignorierte mich, denn er unterhielt sich scheinbar mit jedem außer mir.

Nach der Schule musste ich den Bus nehmen. Ben hatte anscheinend nicht daran gedacht das er mich heute Morgen mitgenommen hatte und war gefahren ohne zu fragen ob er mich heimbringen solle. Aber gut. Jetzt wartete ich jedenfalls mit circa 50 anderen Kindern, die allesamt jünger waren, auf den Bus. Mein kleines Lieblingskind, Tommy, mit dem ich mich schon des öfteren angelegt hatte, war natürlich auch dabei. Ich sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Eine stille Drohung. Wenn er es wagte, es sich heute wieder mit seinem kleinen Hintern auf meinem Platz gemütlich zu machen, dann konnte er was erleben. Er sah so unschuldig wie möglich zurück. Ein Wolf im Bambikostüm. Freddy fuhr mit dem Bus vor und wer hätte es gedacht: Tommy stürzte als erstes hinein um mir den Platz zu klauen, dieses kleine Monster. Doch er hatte seine Rechnung ohne Freddy gemacht, der, als das Kind an ihm vorbei rennen wollte, ihn an dessen Kaputze packte und ihn festhielt. "Treten sie ein, Miss Black." Er grinste. "Vielen Dank, Sir." Auch ich grinste und tätschelte Tommy im Vorbeigehen den Kopf. "Mach dir nichts draus, Kleiner. Aber such dir in Zukunft bitte Gegner auf deinem Level." Triumpfierend ließ ich mich auf meinen Platz fallen und grinste das Kind an so freundlich ich konnte.


//Na ihr, wir haben ein neues "Buch" angefangen mit Kurzgeschichten jeden Monat. Zwei haben wir schon hochgeladen, würde uns freuen wenn ihr mal vorbei schauen würdet :)

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