Teil 41
Ben P.O.V
Das nervige Piepen meines Weckers riss mich aus dem Schlaf. Es war Sonntag Morgen, 6:30 uhr. Ich stöhnte, fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen und rollte schließlich aus dem Bett. Und wenn ich sage rollen, meine ich das auch so. Ich rollte samt Bettdecke aus dem Bett, schaltete den Wecker ab und starrte noch für circa 15 Minuten, auf dem Boden, sitzend an die gegenüberliegende Wand, bevor ich mich zum Aufstehen aufraffen konnte.
Ich hob ein altes Shirt vom Boden auf, roch kurz daran, war noch ok, und zog es mir über. Dann eine alte schwarze Jeans und begab mich auf den Weg in die Küche, wo unser "Mädchen für Alles", Wilma, schon auf mich wartete. Sie lächelte mich an und wieder einmal musste ich feststellen, dass sie der freundlichste Mensch der Welt war.
"Ach, Benjamin, du bist ja so fleißig! Selbst Sonntags stehst du so früh auf. Als meine Söhne in deinem Alter waren lagen sie am Wochenende meißt bis zum Mittagessen im Bett."
Ich rang mir ein Lächeln ab. "Das würde ich auch gerne einmal machen...Aber da ich gestern nicht zur Arbeit konnte, meinte Rick, mein Boss, dass ich dafür Sonntag ranmüsse." (Meine Übernachtung bei Liv verschwieg ich ihr. Als ich Samstag Morgen um 11:30 uhr hier wieder aufgekreuzt bin, erzählte ich ihr ich sei beim Fernsehnschauen bei nem Kumpel eingepennt).
"Hier hast du was zum Essen, mein Lieber." sagte Wilma mit freundlichem Lächeln und stellte einen Teller vor mich, der randvoll mit Rührei beladen war. Es roch himmlisch. Mit einem dankbaren Lächeln nahm ich den Teller entgegen und ließ mich auf einen der Hocker am Küchentresen nieder. "Hier hast du noch ein Glas Orangensaft." Sagte sie und lächelte fürsorglich. Wilma war eine in die Jahre gekommene, ründliche, kleine Frau. Sie hatte österreichische Wurzeln, weshalb sie mit einem lustigen Akzent sprach. Ihre grauen langen Haare waren immer zu ordentlichen Flechtfrisuren gebunden und wenn sie hier arbeitete trug sie immer eine rot-weiß-karierte Schürze.
Ich verschlang mein Rührei, spülte den Saft hinterher und schleppte mich ins Bad um mir schnell die Zähne zu putzen.
Als ich das Bad verließ öffnete ich leise erst die Tür zu Noahs, dann zu Zoes Zimmer.
Meine beiden Geschwister schliefen noch und würden wohl auch noch mehrere Stunden damit weitermachen. Ich betrachtete sie, wie sie dort lag. Zoe, meine kleine ZoZo. Sie sah Noah so ähnlich, kein Wunder, sie waren Zwillinge. Sie bewegte sich ein wenig und plötzlich öffnete sie leicht die Augen.
"Ben?" hörte ich ihre verschlafene, hohe Stimme leise flüstern. "Ja, Zo. Ich bin hier." Ich lächelte und trat an ihr Bett. Ihre Haare, die im Gegensatz zu meinen so blond waren, fielen ihr in langen Strähnen übers Gesicht und vorsichtig strich ich ihr eine hinters Ohr. Sie lächelte.
"Warum bist du schon wach?" fragte sie schlaftrunken und mit geschlossenen Augen.
"Ich muss arbeiten."
"An einem Sonntag?"
Obwohl sie noch halb schlief funktionierte ihr kleines Gehirn so schnell, dass ich oft nur staunen konnte. Zoe war so schlau und mit ihren 9 Jahren auch in der Schule eine der Besten.
"Ich war gestern nicht da.."
Sie setzte sich auf und sah mich plötzlich mit hellwachen Augen an.
"Wo warst du denn? Du gehst doch sonst immer zur Arbeit?" Sie sah mich mit schiefgelegtem Kopf fast vorwurfsvoll an.
"Ich.." stotterte ich während ich mich verlegen am Kopf kratzte. Ich konnte sie nicht auch anlügen.
"Warst du bei diesem Mädchen?" Fragte sie plötzlich.
"Welches Mädchen?" Fragte ich zurück.
"Dieses hübsche. Die Braunhaarige" antwortete sie und ich wusste, dass sie Liv meinte.
"Woher weißt du von ihr?" Fragte ich verwirrt.
"Nun ja..." jetzt war es an ihr nervös zu werden.
"Du hast gestern deinen Rucksack in der Küche stehen lassen und ich wollte ihn in dein Zimmer stellen und als ich die Tür öffnete lagen da eben die Bilder von ihr auf deinem Schreibtisch. Und so ein Buch. Du hattest da was reingeschrieben aber ich schwöre ich habs' nicht gelesen!" Sie kreuzte ihre kleinen Finger vor meinem Gesicht.
"Du weißt doch das ich nicht will das irgendjemand in mein Zimmer geht wenn ich nicht dabei bin, oder?" Fragte ich leicht ärgerlich.
"Ja" murmelte Zoe und guckte betrübt zu Boden.
"Tut mir leid."
"Ist schon gut." Sagte ich und tippte ihr auf die Nasenspitze, woraufhin sie kichern musste.
"Schlaf noch ein bisschen, ich bin später wieder da." Sagte ich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und deckte sie behutsam wieder zu.
"Bis später" murmelte sie und war schon fast wieder eingeschlafen als ich ihre Zimmertür sachte hinter mir ins Schloss zog.
Ich ging zurück in die Küche, verabschiedete mich von Wilma und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange.
Ich drückte auf den Knopf des Aufzugs, der direkt in unserem großen Wohnzimmer abging und wartete bis die Türen sich mit einem sanften „Bing" öffneten.
Ich trat ein, drückte auf den Knopf der mich zur Lobby führen würde und lehnte mich an die verspiegelte Wand an. Ich schloss die Augen.
20, 19, 18... noch 17 Sekunden bis ich von unserer Penthouse-wohnung unten ankommen würde. Ich hasste dieses Leben. Besonders für meine Geschwister wünschte ich mir oft etwas anderes. Sie würden sich in einem kleinen Haus irgendwo in der Stadt oder an der Küste viel wohler fühlen. Doch mein Dad, dieses Arschloch, weigerte sich umzuziehen. „Warum sollte ich auf das komfortable Leben in dieser großen Wohnung verzichten, wenn ich es mir doch leisten kann, Benjamin?!"
Weil es deinen Kindern hier nicht sonderlich gut geht, du Idiot!
Ich sprach es nie laut aus. Wir waren abhängig von ihm bis ich 21 war und das machte mich verrückt.
Er konnte uns genauso wenig leiden wie wir ihn aber er hatte keine andere Wahl.
Das erneute „Bing" des Aufzugs riss mich aus meinen Gedanken.
Louis, der Portier, begrüßte mich mit einem Nicken und lächelte.
„Na, Mr. Parker, wo gehts hin so früh?"
„Louis, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht Mr. Parker nennen sollst?"
„Das bringt mein Job nunmal so mit sich..." er zwinkerte.
„Ich muss zur Werkstatt, arbeiten."
„An einem Sonntag?"
„Ja, längere Geschichte, also dann..." Ich winkte ihm zu und öffnete die Tür die mich runter zur Tiefgarage führen würde.
Das ich überhaupt arbeiten musste, bei dem reichen Sack als Vater, kam daher, dass eben dieser Vater uns (mir und meinen Geschwistern) nur genau das an Geld zukommen ließ, was er meiner Mom an Unterhalt würde zahlen müssen, wenn wir bei ihr gelebt hätten.
Da dieses Geld grade einmal so dafür reichte Wilma und die benötigten Lebensmittel zu bezahlen, musste ich vor einigen Jahren notgedrungen anfangen Jobs anzunehmen. Mit 12 Jahren fing ich also an jede freie Minute damit zu verbringen mir irgendwo den Arsch abzuarbeiten, damit ich und meine zwei Geschwister einigermaßen über die Runden kamen, während mein Dad in Geld hätte baden können. Netter Typ, oder?
Ich zog meinen Helm auf, schwang mich auf mein Motorrad und fuhr los. Die Motoren hallten laut im Parkhaus wieder und als ich die Rampe hochfuhr, die mich nach draußen führte, genoss ich es sofort die Morgensonne auf meinen nackten Armen zu spüren.
Ich fuhr hinaus aus dem reichen Viertel der Stadt und durch die kleinen Nachbarschaften, bestehend aus kleinen Häusern mit großen Gärten, die Schaukeln in den Bäumen hängen und Blumen auf ihren Veranden stehen hatten.
Nach circa 15 Minuten Fahrt kam ich schließlich in der Nähe des kleinen Hafens an, wo sich die Autowerkstatt befand in der ich nun schon arbeitete seit dem wir in diese Gegend gezogen waren. Ich parkte das Motorrad neben dem großen Backsteingebäude, zog den Helm ab und öffnete die Tür, die mich ins Innere führte.
Rick, mein Boss, kam aus dem kleinen Pausenraum und drückte mir eine Tasse Kaffe in die Hand. „Morgen, Großer." begrüßte er mich und boxte mich leicht in die Schulter.
„Morgen, Rick." Antwortete ich. „Sorry das ich gestern nicht kommen konnte."
„Was war denn?" fragte er.
„Ach ich war wegen so einem Schulprojekt bei einer...Freundin." Freundin? War Liv eine Freundin? Ich wusste nicht als was ich sie sonst bezeichnen sollte. „Und weil es so spät geworden ist hab ich dann bei ihr übernachtet..." Selbst Rick konnte ich nicht die ganze Wahrheit sagen, obwohl ich so ein gutes Verhältnis zu ihm hatte.
Ich konnte nicht sagen, dass mir am Abend davor alle meine Probleme bewusst geworden waren und der Frust wegen diesem Fast-Kuss mit Liv mich so überwältigte, dass ich mich hatte zulaufen lassen und eventuell ein paar Drogen genommen hatte...Und das ich den Morgen danach so genossen hatte, dass ich mich einfach nicht hatte überwinden können zur Arbeit zu gehen und sie alleine zu lassen.
„Sicher das sie nur eine Freundin ist?" fragte Rick und zwinkerte mir zu.
Ich fuhr mir durchs Haar und sah ihn nicht an als ich antwortete. „Keine Ahnung was sie ist." „Oh oh, das klingt ja gar nicht gut." Er klopfte mir auf die Schulter. „Mach dich an die Arbeit. Wir haben einen 69er Chevy (?der morgen fertig sein muss."
„Geht klar." ich trank meinen Kaffe in einem Zug aus und stellte die Tasse zurück in den Pausenraum.
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